Wenn auch in Tansania psychologische Hilfe benötigt wird

Donnerstag, 31. Januar 2019

Im Oktober 2018 durfte ich meine Mutter, Dr. Antje Hilger-Rometsch, auf ihrem Einsatz für Interplast nach Puma, Tansania begleiten. Wie bereits bekannt, arbeitete Sie dort als Zahnärztin und es war angedacht, dass ich sie als Assistentin unterstützen sollte.

Wir arbeiteten zwei Wochen in dem Krankenhaus des Ordens “Mothers of the holy cross”, wo wir ebenfalls untergebracht waren.

Bereits am zweiten Tag ergab sich die Situation, dass eine Frau mittleren Alters in das Krankenhaus kam und sowohl verwirrt als auch orientierungslos erschien. Sie schrie und verkrampfte sich immer wieder, sodass nahezu alle Pfleger und Ärzte sich um sie versammelten, jedoch recht hilflos der Situation gegenüberstanden.

Da wir gerade bei der morgendlichen Visite im selben Gebäude, dem Frauentrakt, waren, konnten wir die Situation mitverfolgen. Als ich einen der Pfleger fragte, warum sie so hysterisch sei, sagte er mir, das wisse niemand. Sie sei in diesem Zustand im Krankenhaus aufgetaucht und bevor ich die Erlaubnis bekam, mit ihr sprechen zu können, war sie bereits von einem Arzt durch Sedativa ruhiggestellt worden. Ich bat darum, dass man mir Bescheid geben möge, wenn sie aufwacht, da es diverse Auslöser für eine Hysterie geben kann und ich gerne mit ihr darüber gesprochen hätte, um sie und andere vor möglichen Gefahren des daraus resultierenden Zustandes zu schützen.

Leider wurde mir nicht Bescheid gesagt, sodass sie ohne weitere Diagnose oder Therapie entlassen wurde.

Dieser Vorfall hatte jedoch zur Folge, dass sich einer der Pfleger gemerkt hatte, dass ich Psychologin bin und dies auch ernst nahm. Als ein junges Mädchen freiwillig ins Krankenhaus kam, um dort nach Hilfe zu fragen, weil sie unglücklich sei und nicht wisse, wie es in ihrem Leben weitergehen soll, schickte er sie nach einem Gespräch mit dem Arzt zu mir.

Der Krankenakte konnte ich entnehmen, dass dieser Arzt sie innerhalb eines zehnminütigen Gesprächs als Depressiv eingestuft hatte und ihr Antidepressiva verschrieb. Bei einem jugendlichen Mädchen, welche meines Erachtens definitiv nicht an einer Depression litt, diese Medikamente zu verschreiben kann weitreichende Folgen haben. Leider wurde sie versehentlich zu meiner Mutter geschickt, was sie zusätzlich verunsicherte. Wir vereinbarten mehrere Termine und führten so in einem kurzen Abstand Beratungssitzungen durch, in welchen Sie von ihrer Situation und ihren Sorgen berichtete und wir gemeinsam einen Weg erarbeiteten, wie sie die Situation mit Freunden und in der Schule regeln kann. Da ich immer noch Emailkontakt zu ihr habe, weiß ich, dass es ihr sehr gut geht und alleine die Gespräche ihr geholfen haben. Ob meine Bemühungen, die auf der Akte vermerkte Therapie zu streichen letztendlich funktioniert haben, kann ich leider nicht sagen, da die Akte plötzlich verschwunden war.

Der letzte Fall wird mir wohl immer in Erinnerung bleiben. Wir erkannten, was nachträglich auch bestätigt wurde, dass ein kleines Mädchen als Babys misshandelt worden war. Sie hat aufgrund dieses Traumas vermutlich eine Schutzhaltung eingenommen, sodass sie nie das aufrechte Gehen gelernt hat. Leider ist dies durch die mangelnde psychologische Begutachtung übersehen worden, sodass sie mehrere Operationen zur Streckung ihrer Beine über sich ergehen lassen musste, welche vermutlich nicht hätten sein müssen. Das Mädchen blühte unter der regelmäßigen Betreuung förmlich auf und “erlernte” den aufrechten Gang mithilfe eines Rollators. Sowohl das Mädchen als auch ihre Mutter hätten hier von einer Beratung profitiert und würden es weiterhin tun. Auch die Operationen und der dadurch entstandene Stress hätten wohl vermieden werden können.

Neben diesen beiden markanten Beispielen gab es zahlreiche Fehlgeburten, wobei wichtig ist anzumerken, dass Mütter, die eine Fehlgeburt erlitten hatten im gleichen Zimmer untergebracht waren wie frisch gebackene Mütter und deren Babys. Diesem Traumata auf eine solche Weise ausgesetzt zu sein muss ein schlimmes Gefühl sein, dem durch Gespräche und eine richtige therapeutische Begleitung Unterstützung geleistet werden könnte.

Auch Patienten, welche tragische Unglücke erlitten hatten, sodass ihnen Gliedmaßen fehlten oder sie Familienangehörige verloren hatten, würden ein solches therapeutisches Angebot wohl zu schätzen wissen und auch nutzen. Wie soll ein Leben nach einem Unfall oder mit nur einer Hand weitergehen? Wie kann man sich um seine Familie kümmern, wenn man zu wenig Geld hat? Wie kann man einfach weiterleben, wenn man weiß, dass man selbst oder das eigene Kind misshandelt wurden? Wie kann man als Pfleger mit Angstzuständen und Panikattacken weiter im Krankenhaus arbeiten?

Ich habe in Tansania viele unterschiedliche und bewegende Schicksale gesehen und mir wurde des Öfteren bewusst, wie wichtig hier psychologische Hilfe ist. Nicht nur, um Patienten und Angehörigen in der aktuellen Situation zu helfen, sondern auch, um weiteren Schaden zu vermeiden, welcher aus gewissen Situationen oder psychischen Störungen erfolgen kann. Eine Frau mit einem akuten psychotischen Schub ist einer großen Unfallgefahr in einem Land wie Afrika ausgesetzt, was auch für die chirurgische Arbeit einen Einfluss hat. Mit Hilfe besserer Sprachkenntnisse oder eines Übersetzers, da nicht jede/r Englisch spricht, kann hier akute und präventive Hilfe geleitet werden.