Interplast – Einsatzbericht Riberalta, Bolivien vom 25.02. – 10.03.16

Dienstag, 19. Juli 2016

2014 fand der erste Interplast Einsatz in Riberalta, Bolivien statt. Unser Fazit damals war positiv und wir empfanden den Einsatzort als „…einen guten Ort, für einen weiteren Interplast-Einsatz….“ Trotzdem sahen wir auch Möglichkeiten der Verbesserung. Knapp zwei Jahre später kam die erneute Anfrage, ob ein Interplast-Team nach Riberalta reisen würde.

Die gesicherte Nachsorge, der nette menschliche Kontakt zu einheimischen Ärzten und zum Pflegepersonal sowie die gute Verpflegung und Unterkunft machten Riberalta zu einem attraktiven und lohnenswerten Einsatzort.

Vor allem die Zusammenarbeit mit der bolivianischen Gesundheitsorganisation Prosalud – und hier ganz besonders den Vorstandsmitgliedern Gloria Cruz und Louis Fernandez – und dem Rotary Club war überaus wertvoll und produktiv.

Optimierungsbedarf sahen wir bei der personellen Unterstützung im pflegerischen Bereich. Von bolivianischer Seite war zudem genauer zu prüfen, für welche Patienten es akuten und vor allem nachhaltig wirkenden medizinischen Bedarf gab, der mit den lokalen Möglichkeiten nicht abzudecken war.

Da der Einsatzort bekannt war und auch der Kontakt vor Ort schnell wiederbelebt werden konnte, waren die Voraussetzungen dafür gut. So erklärte ich mich wieder bereit, alles Notwendige zu organisieren.

Hinsichtlich der Optimierungen spielte auch die Überlegung eine Rolle, wie das Interplast-Team fachlich aufgestellt sein sollte. Dabei konnte ich glücklicherweise auf zwei „Aktiv-Posten“ des letzten Einsatzes zählen. Relativ schnell war klar, dass Katharina Sojka, OP Schwester aus Bad Kreuznach und Dr. Steffen Baumeister, plastischer Chirurg aus Donaueschingen, für einen erneuten Einsatz zur Verfügung stehen würden.

Mit Marc Bartholomä, OP-Pfleger aus Bad Kreuznach, war auf Empfehlung von Katharina Sojka auch die pflegerische Verstärkung im Team gesichert.

Um uns medizinisch noch umfassender aufzustellen, sollte dieses Mal auch ein Allgemeinchirurg mitfahren. Mit Hubert Sax, niedergelassener Allgemeinchirurg aus Bad Schwartau, durfte ich auf einen erfahrenen Kollegen zählen, den ich bereits vom gemeinsamen Arbeiten kannte und schätzte, und der auf meine Anfrage hin spontan zusagte. Sein Sohn Florian – Medizinstudent im letzten Semester – nutzte die Gelegenheit Erfahrungen zu sammeln, und war für unser Team eine echte Bereicherung.

Mit Dr. Ralf Strecker, Facharzt für Anästhesie aus Lübeck und in zahlreichen Einsätzen bereits „Interplast-erfahren“, konnte ich auf fachliche und tatkräftige Unterstützung in meinem Fachgebiet zählen.

Last but not least war Federico Becker Fornet, Assistenzarzt der plastischen Chirurgie aus Bad Kreuznach, nicht nur fachlich eine wertvolle Unterstützung. Als gebürtiger Chilene spielte er auch als Dolmetscher eine wichtige Rolle.

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Nach unserer Ankunft in Santa Cruz am frühen Morgen des 26. Februar, konnten wir nach kurzer Pause und einem kleinen Empfang in der Prosalud-Zentrale noch am selben Tag weiter nach Riberalta reisen. Dank Frau Helga Richter aus dem Prosalud-Vorstand gestaltete sich das Einführen des medizinischen Equipments nach Bolivien problemlos, da sie auch dieses Mal im Vorwege zuverlässig und akribisch für die korrekte Abwicklung sämtlicher Formalitäten gesorgt hatte.

In Santa Cruz empfingen uns Gloria Cruz, Direktorin von Prosalud und Dr. Luis Fernandez, ebenfalls Vorsitzender von Prosalud, und begleiteten uns wieder in den folgenden Wochen. Wie auch beim ersten Mal war es neben der fachlichen Unterstützung auch menschlich und persönlich ein großes Glück und eine Freude, die beiden bei uns zu haben. Zudem gesellten sich Ebbe und Sonja Dieterle zu uns. Das Ehepaar aus Deutschland bewirtschaftet eine Farm nahe Santa Cruz und leistete uns wertvolle Hilfe beim Dolmetschen und mit zahlreichen Tipps.

In Riberalta war die tropische Regenzeit noch deutlich zu spüren, aber die Tristesse von vor zwei Jahren – ausgelöst durch furchtbare Überschwemmungen mit ihren Zerstörungen – hing nicht mehr in der Luft. Mit der hübschen Plaza, der schönen Kirche, dem üppigen Grün und den vielen kleinen Lokalitäten ist Riberalta ein freundlicher Ort. Im Zentrum waren wir wieder im Hotel „Jomali“ sehr gut untergebracht.

Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein solcher Einsatz in den Tropen natürlich auch Risiken birgt. Marc Bartholomä infizierte sich mit Dengue-Fieber. Zum Glück ist er mittlerweile wieder genesen.

Am nächsten Morgen begannen wir mit der Sprechstunde. Alles war sehr gut vorbereitet. Die Patientenakquise im Vorfeld unseres Einsatzes war erfolgreich und wir hatten durch junge Studenten tatkräftige Unterstützung beim Übersetzten.

Zahlreiche Patienten hatten z.T. tagelange, anstrengende Fahrten auf sich genommen, um aus den entlegensten Winkeln des Landes und des Amazonas-Randgebietes zu uns zu kommen. Anrührend war dabei die große Unterstützung der Patienten durch ihre Familien und Angehörigen, die ebenfalls teilweise mit angereist waren, und uns ihre Freude und Dankbarkeit zeigten.

Auch die Patienten-Klientel war gut ausgewählt. Für die plastischen Chirurgen gab es

Syndaktylien an Händen und Füßen, akzessorische Gliedmaßen und Ohranhängsel so wie Verbrennungskontrakturen, Schnürfurchen und oberflächliche Tumoren zu behandeln.

Die Wahl eines Allgemeinchirurgen als Mitglied des Ärzteteams erwies sich als goldrichtige Entscheidung. Nachdem Hubert Sax den ersten Schreck beim Anblick der auf ihn wartenden Struma-Patienten – deren Identifikation schon ob der Größe der Strumen nicht schwer fiel – überwunden hatte, traf er mit sicherem Blick eine Auswahl der Patienten, deren Behandlung nach einer genauen Risiko-Abwägung in Frage kam und medizinisch angeraten war.

Zudem waren in diesem Jahr viele Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten dabei. Nach kurzer Absprache mit dem zeitgleich in Santa Cruz arbeitenden Interplast-Team konnten wir es zügig organisieren, dass der Kieferchirurg Dr. Bassam Saka für zwei Tage zu uns nach Riberalta kam, um diese Patienten operativ zu versorgen.

Eine große Erleichterung stellte der Autoklav zum Sterilisieren des Instrumentariums dar, der aufgrund der großzügigen Spenden von Interplast und Prosalud für das Krankenhaus in Riberalta im Vorwege des Einsatzes angeschafft werden konnte.

Als ein absoluter Glücksfall erwies sich die Zusammensetzung unseres Teams. Die bunt gemischte Truppe aller Altersklassen und der unterschiedlichsten Temperamente und Dialekte harmonierte dienstlich und privat hervorragend. Ein Umstand, der es auch mir als Team-Leiterin leicht machte, meine Aufgaben zu erfüllen. Ein großer Dank hiermit an alle Team-Mitglieder!

In diesem Zusammenhang sei Federico mit einem Augenzwinkern auch jenseits seines medizinischen Engagements lobend erwähnt: Wie er es als in Deutschland wohnhafter Chilene schaffte, wortreiche deutsche Erläuterungen im dialektischen Sprachgewirr aus breitem, norddeutschen Slang, bayrischer, schwäbischer und hessischer Mundart auf wortkarge, spanische Zweizeiler zu verdichten, nötigte dem Team auch angesichts des sonst eher redseligen, südamerikanischen Temperaments Respekt ab!

Die Zusammenarbeit mit dem medizinischen Personal vor Ort klappte über die sprachlichen Grenzen hinweg ebenso gut.

Und auch die Hospitation einer bolivianischen Medizinstudentin, die im Vorwege bereits Karriere als Schönheitskönigin einer bolivianischen Kreisstadt als „Miss Cochabamba“ gemacht hatte, gab zwar Aufschluss über das Potential der plastischen Chirurgie in Bolivien bei adäquater Kassenlage, führte aber nicht zu Ablenkungen bei den männlichen Teammitgliedern.

Aus medizinischer Sicht lässt sich eine erfolgreiche Bilanz ziehen:

Insgesamt konnten 102 Patienten an 11 Arbeitstagen operiert werden.

Darunter waren 31 Kinder unter 10 Jahren und 10 Kinder unter 1 Jahr. Unser jüngster Patient war 3 Monate alt, der älteste 79 Jahre alt.

Abwechslung“ in unser OP-Programm brachten zwei Kaiserschnitte und eine offene Gallenblasenentfernung in Spinalanästhesie, die unsere einheimische Kollegin souverän durchführte.

Fazit:

Nach dem zweiten Einsatz in Riberalta ist das Fazit rundherum positiv:

zahlreiche Patienten, die sonst keinen Zugang zu einer derartigen medizinischen Versorgung gehabt hätten, konnten erfolgreich behandelt werden.

Die Möglichkeiten der Optimierung, die sich nach dem ersten Einsatz abzeichneten, wurden vollständig umgesetzt.

Von bolivianischer Seite wurde bereits der Wunsch geäußert, die Zusammenarbeit weiter zu führen und in spätestens zwei Jahren einen erneuten Einsatz in Riberalta zu organisieren.

Ein Wunsch, dem ich mich nur anschließen kann.

Danksagung

Im Namen des gesamten Teams möchte ich allen Spendern und Unterstützern einen ganz herzlichen und großen Dank sagen!

Dabei ist besonders zu erwähnen, dass diese Arbeit ohne die Zustimmung, die Finanzierung und das Vertrauen von André Borsche und der Sektion Bad Kreuznach, nicht hätte fortgesetzt werden können.

Auch Herr Michael Novotny, Geschäftsführer des HELIOS Agnes – Karll Krankenhauses in Bad Schwartau, und die Firma Fresenius unterstützten uns dieses Mal wieder großzügig finanziell und materiell.

Nicht hoch genug kann man die Spenden schätzen, die von den Schwestern und Pflegern der Station DS 31 des Schwarzwald Baar Klinikums aus Donaueschingen gesammelt wurden. Spenden bekamen wir zudem als Reaktion auf einen Bericht in den Lokalnachrichten von mehreren Patienten von Dr. Steffen Baumeister.

Ein herzliches „Dankeschön“ natürlich auch an „Prosalud“ für die tatkräftige und auch finanzielle Hilfe.

¡ Muchas gracias y con un cordial saludo !

Katharina Kamm