Ärzteteam von INTERPLAST hilft zwei Wochen in Peru

Montag, 15. August 2016

Wieder entsandte die Sektion Bad Kreuznach eine Delegation in die Welt:  Eine Interplast-Ärztegruppe unter Leitung von Dr. André Borsche operierte bedürftige Patienten in der Wüstenregion im Norden Perus, nicht weit von der Pazifikküste entfernt. Es war der zweite Einsatz in dem kleinen Städtchen Guadalupe auf Initiative von Ricardo Bueno und Stefan Pappert vom Verein PEP aus Trier.  Das Team wurde wieder von den Peruanern auf’s Herzlichste empfangen.

200 Patienten warteten schon ungeduldig im von Palmen beschatteten Innnenhof des 50 Betten -Krankenhauses „Tomas Lafora“ auf die Ankunft der Deutschen in der Hoffnung auf Heilung von schweren Verbrennungsfolgen oder Geburtsfehlern wie Lippenspalten, Gaumenspalten, überzähligen Fingern und  Zehen, Nasen- und Ohrenfehlbildungen, verschiedenen Hautkrebsarten oder großen gutartigen Tumoren. Sie alle wurden untersucht und in das Programm aufgenommen.

Das Team des humanitären Einsatzes bestand aus den acht Spezialisten Dr. Maria-Salud Bernal als Änasthesistin und Carmen Vandree als Anästhesieschwester aus der Kreuznacher Diakonie, Kurt Baudisch als OP-Pfleger aus Ludwigshafen, Dr. Stefan Pappert als HNO-Arzt und Initiator des Einsatzes mit seiner Frau Vera als OP-Schwester aus Trier, der Anästhesist Dr. Martin Greilich aus Delmenhorst, Mailin Borsche als chirurgische Assistentin aus München, Ravié Borsche als angehender Physiotherapeut aus Marburg und Dr. Eva Borsche als Allgemeinärztin aus Bad Kreuznach. Dokumentiert wurde die medizinische Arbeit von dem Videojournalisten Lukas Reiter aus Wiesbaden.

„So haben wir von insgesamt 340 untersuchten Patienten 117 zur Operation ausgewählt. Die schwersten Fälle, fünf kleine, am gesamten Körper verbrannte Indiokinder kommen schon in den ersten beiden Tagen in den OP. Sie brauchen mehrere Hautverpflanzungen und müssen anschließend noch zwei Wochen mit Gipsverbänden im Hospital verbringen. Trotz erheblicher Schmerzen liegen sie gehorsam über Tage unbeweglich im Bett und lächeln uns auf die Frage, ob es denn sehr weh täte, mit tiefbraunen Mandelaugen und großen dunkelroten Wangen stumm und freundlich an. Ihre Eltern, arme Kleinbauern, die um ihre Existenzgrundlage kämpfen und für die  jeder Krankenhaustag einen weiteren Verdienstausfall bedeutet, müssen geduldig auf die Entlassung ihrer operierten Kinder warten.“  berichtet Eva Borsche.

 

In Peru ist der Juli der kälteste Monat des Jahres: oben in den Anden liegt Schnee. Unten, an der Küste erwärmt die fast tropische Sonne die Wüstenlandschaft um Guadalupe zur Mittagszeit auf 32 Grad. „Wir machen uns Sorgen: den frischoperierten Indiokindern steht der Schweiß auf der Nase. Ihre Haut glüht.  Eine Wundinfektion? Ein postoperativer Schock? Nein, beruhigt uns Doctora Elsa, die chirurgische Leiterin des Krankenhauses, nur ein Anpassungsproblem an den  Klimawechsel! Und tatsächlich, nach zwei Tagen ist alles vorüber.  Sogar die an Gaumen oder Lippen operierten Kinder sitzen fröhlich in ihren Betten und lassen sich einen Becher Apfelmus nach dem anderen schmecken. Drei Tage hintereinander essen sie trotz aller Wunden, Nähten und Schwellungen im Mund, glücklich auf die Nahrung konzentriert, weil sie so hungrig waren.“

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Auch aus der näheren Umgebung kamen viele Bedürftige. Neben den Kindern waren es die Alten, die oft völlig mittellos auf  humanitäre Hilfe angewiesen sind. In Peru wurde zwar inzwischen eine Basisversicherung für die ganz Armen eingerichtet, doch besitzt nicht jedermann die dafür notwendigen Ausweispapiere. Auch fehlt es den Krankenhäusern außerhalb der drei größten Städte an Ausstattung. Manchmal haben Ärzte und Pflegepersonal auch wenig Geduld mit armen oft verwahrlosten Greisen. Betroffen erzählt die kreuznacher Allgemeinmedizinerin: „Das Gesicht einer 82jährigen relativ hellhäutigen Dame war mit eitrig verkrusteten, stinkenden Krebsgeschwüren übersät. Ein langes schwarzes Horn wuchs aus ihrer Wange.  Ohne Angehörige lebt sie auf der Straße von Almosen. Durch beidseitigen grauen Star fast erblindet, ertastet sie selig das ihr von uns überreichte Plüschtierchen. Eine gründliche Reinigung und viele Schnitte im Gesicht muss sie erdulden, doch mit ihrem nun wieder sichtbaren sympathischen Lächeln und ihrer Dankbarkeit findet sie am Ende unseres Aufenthaltes eine junges Mädchen, das sie als „Ömchen“ adoptiert, ihr Gesicht regelmäßig verbinden und ihr im Alltag zur Hand gehen wird.“

Eine besondere Herausforderung war die Behandlung eines jungen Mannes, der vor 4 Wochen bei einem Raubüberfall einen Messerstich in die rechte Wange erlitten hatte. Nach chirurgischer Notfallversorgung war eine große, abgekapselte Schwellung zurückgeblieben. Mit Frau und halbjährigem Töchterchen suchte er spät abends die Hilfe des Teams. Er musste insgesamt viermal operiert werden, denn das Messer war bis in seine Speicheldrüse gedrungen, so dass ununterbrochen Speichel aus den Drüsengängen in die Wangenweichteile tropfte. Durch geduldige Behandlung mit sterilem Schaumstoff, vorübergehender Schienung des Speichelganges und schrittweisem Wundverschluss gelang es, die Wunde trocken zu legen. Das ganze Interplast Team freute sich zusammen mit der überglücklichen Familie über den Erfolg der Behandlung.

Aufgrund der harmonischen Zusammenarbeit im Krankenhaus und der hervorragenden Sauberkeit im Operationsaal waren keinerlei Wundinfektionen zu beklagen. Alle Operationen verliefen erfolgreich. Und so genießen am Ende des Einsatzes viele freudige Helfer den Rückblick auf eine gelungene Zusammenarbeit: der Bürgermeister von Guadalupe, der die Unterbringung und Verpflegung garantierte, die Polizei, die Tag und Nacht für die Sicherheit des Teams sorgte, das kleine Café am zentralen Platz des Städtchens, das schon frühmorgens beim ersten Sonnenstrahl vor Beginn der Arbeit, Kaffee bereit stellte und natürlich der „Circulo solidario“, eine vier Personen starke peruanische Hilfsorganisation. Sie hatten schon drei Monate vor der Ankunft des Interplast Teams viele kleine Gesundheitsposten in den Bergen besucht, um die wirklich Bedürftigen und Armen zu erreichen und sie auf die kommende Möglichkeit der operativen Hilfe aufmerksam zu machen.

Ein letzter Händedruck zum Abschied sagt: „Kommt doch bald wieder, Ihr deutschen Ärzte, wir brauchen Eure Hilfe. Vielen, vielen Dank!“

 

Eva und André Borsche