Zweiter Murunda-Einsatz 2016 der Sektion Vreden vom 26.03.-08.04.

Donnerstag, 14. April 2016

Teilnehmer: Kerstin Hütter, OP-Schwester, Münster; Dr.Fabienne Stefanie Schuster, Assistenzärztin Chirurgie, Füssen; Prof.Dr.Paul Reinhold, Anästhesist, Herford; Ann-Kristin Reinhold, Assistenzärztin Anästhesie; Thorsten Huhn, zuständig für technische Belange und OP-Helfer; Dr.Arnulf Lehmköster, Plastischer Chirurg und Teamleiter

EinsatzMurunda002Am Donnerstag vor unserem Abflug erreichten mich Bilder, dass der Inhalt des Containers, den wir im Januar von Vreden auf dem Seeweg nach Kigali geschickt hatten, Murunda erreicht hat. Am Karfreitag, dem Tag vor unserer Abreise, erfuhren wir – dank des großen Engagements von Herrn H.Listner, dessen Reisebüro unsere Flüge abwickelt – dass unser Flug stattfindet, nicht von Brüssel wie sonst, sondern ab Frankfurt. Gewohnt sicher und zuverlässig brachte Willy uns dorthin. BrusselAir hatte uns dankenswerterweise wieder ein Übergepäckkontingent geschenkt.


Nach Rast und Mittagessen im Home-St.-Jean, dem Caritas-Haus der Diözese Nyundo am Kivu-See erreichten wir Murunda und unser Gästehaus am Osteronntagachmittag. Bis zum Abend hatten wir die ersten 10 zu operierenden Patienten gesehen, Fabienne den OP-Plan geschrieben und wir alle den neuen OP klargemacht – unter anderem bedurfte dieser noch einer Grundreinigung, bis zuletzt hatten Handwerker darin gearbeitet.EinsatzMurunda001
Am Montagmorgen der große Moment, auf den wir 7 Jahre lang hingearbeitet haben: der erste Patient wurde von Emmanuelle, dem OP-Pfleger, der von Anfang an dabei ist und für uns alle die “gute Seele von Murunda” ist und Dr.Jean de Dieu, dem Arzt, der nun auch schon im dritten Jahr mit uns arbeitet und operiert, in den OP gebracht, ein dreiundvierzigjähriger querschnittsgelähmter Mann, dessen Druck-Liege-Geschwür auf der einen Seite wir im letzten November versorgt hatten und der nun zur OP der zweiten Seite anstand. Geduldig hatte er die Monate über gewartet, denn Muskellappen, die zur Versorgung dieser Druck-Liege-Geschwüre nötig sind, sind in Ruanda noch nicht Standard.
Ein moderner OP-Tisch, sehr gutes Licht, ein modernes Narkosegerät, von Paul, Hans-Jürgen und Hannes – also “unseren”Anästhesisten – gemeinsam abgestimmt, und all die anderen aus Deutschland hingebrachten Geräte erleichtern nicht nur uns und unseren Kollegen die Arbeit enorm, sondern es ist in erster Linie die Patientensicherheit, die dadurch wächst.EinsatzMurunda003
Von Stund an wurde operiert, neu eintreffende Patienten gesichtet – insbesondere die landesweite Verbreitung unseres Einsatzes übers Radio hatte viele Patienten auch aus entlegenen bzw. weit entfernten Orten zu uns geführt – und jede freie Minute genutzt, das Lager, welches uns im neuen Gebäude auf der OP-Etage zur Verfügung steht, einzurichten mit den Materialien, die wir mit dem See-Container vorab geschickt hatten.
An einem Tag traf Oskar R., der Vertreter für den Ostafrika-Bereich einer großen deutschen Elektro-Firma bzw. Herstellers medizinischer Geräte ein, um insbesondere das heimische Personal im Umgang mit dem neuen modernen Röntgen-Gerät für den OP zu schulen. Erst ab jetzt können unsere ruandischen Partner die Korrektur verschobener Knochenbrüche im OP röntgenologisch kontrollieren und dokumentieren.
EinsatzMurunda009Bis zum Abschluss unseres OP-Programms hatten wir 38 große Operationen bei 26 Patienten durchgeführt: Knochenmarkseiterungen, die der operativen Reinigung, des Einbringens spezieller Antibiotika-Träger und anschließender Muskellappendeckung bedurften, Operationen bei durch Verbrennungen bedingter Narbenkontrakturen mit anschließender Versorgung durch Hauttransplantate, Operationen bei frischen Verbrennungen mit Spalthauttransplantationen, Operationen großer Weichgewebstumoren an Händen und Kopf, und die Versorgung von Druck-Liege-Geschwüren bei Querschnittsgelähmten ebenfalls durch Muskellappenplastiken waren an den 8 Operationstagen unsere tägliche Routine. Alles mehr- bis vielstündige Operationen, sodass die OP-Tage eine durchschnittliche Länge von 12 Stunden hatten.
Umsomehr genossen wir 24 freie Stunden übers Wochenende, die wir in der Nähe Murundas in Kibuye am Kivusee verbrachten. Der Besuch einer nicht von Menschen, aber von tausenden von großen Fledermäusen bewohnten Insel mit Erklimmen des Gipfels war einer der Höhepunkte. Auch genossen wir die Verwöhnung mit leckeren Speisen, auch Fisch aus dem See, wenngleich auch “unser” Koch in Murunda, Francois, der uns von Beginn an versorgt, seine Sache wieder ausgezeichnet gemacht hat.EinsatzMurunda005
Der neue OP läuft; nach und nach werden die beiden ersten Etagen des neuen Gebäudes eingerichtet werden, sodass wir beim Herbsteinsatz die Einweihung und offizielle Eröffnung werden vornehmen können.
Für neue und junge Teammitglieder sind es die vielen neuen Eindrücke, die einen solchen Einsatz prägen. Von mir viel eine große Last ab, dass das Gebäude steht und der OP in Betrieb ist; ein für Interplast-Germany in Afrika erstmaliges Ereignis, dass mit realtiv geringem finanziellem Aufwand ein von Afrikanern geplantes und durchgeführtes medizinisches Gebäude in Betrieb gegangen ist. Einiges gilt es noch zu verbessern, der

 

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neue Steri muss noch angeschlossen werden, bis dahin wird weiter der alte seinen Dienst tun, die OP-Fenster müssen so abgeändert werden, dass Moskitonetze eingesetzt werden können usw. – aber das Gebäude steht und der OP läuft!
Groß war dementsprechend die geäußerte Freude auf beiden Seiten beim kleinen Abschiedsessen – das große folgt bei der feierlichen Eröffnung im Herbst.
Ach ja, noch etwas gibts zu berichten: das von Heinz-Jürgen Uhlenbrock/Vreden konstruierte und gesponserte “Soccer-Ei”, ebenfalls im Seekontainer nach Murunda gebracht, wurde dem dortigen Schulrektor übergeben, soll aber wegen der nach Ostern bestehenden Ferien erst auf unserem nächsten Einsatz “eingespielt” werden. Eine aktive Vredener Fußballtrainerin, im “Nebenberuf” OP-Schwester und langjährige Interplastlerin, wird dies übernehmen.
Geradezu gespenstisch die Atmosphäre auf dem Brüsseler Flughafen nach dem Terroranschlag – alles läuft quasi über die Kelleretage, private Autos werden weiträumig um das Flugterminal herumgeführt – Achmed, unser Fahrer, der uns im von der Fa. Taxi-Kuhlmann zur Verfügung gestellten Wagen abholte, meisterte auch diese Klippe souverän.
Vreden, den 09.04.2016
Arnulf Lehmköster

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