Zurück von einem medizinischen Hilfseinsatz an der syrischen Grenze

Donnerstag, 4. Februar 2016

Ausgelaugt und fertig erreicht der Plastische Chirurg Dr. André Borsche wieder den sicheren Boden der kreuznacher Heimat. Eine Woche hatte er in dem türkischen Grenzort Reyhanli syrische Flüchtlinge operativ behandelt. Zusammen mit einem Team von Ärzten aus Kuwait und Griechenland galt es in kurzer Zeit möglichst viele Verletzte zu versorgen und den syrischen Ärzte in die Techniken der Plastischen Chirurgie einzuweisen.

Seit 4 Jahren ist das aus Wohncontainern zusammengestellte Emel Hospital in Betrieb, finanziert von Quatar und Kuwait, geduldet von der Türkei und betrieben von syrischen Personal, das direkt über die naheliegende Grenze gekommen war. 50.000 Flüchtlinge hat allein Reyhanli mit seinen 65.000 Einwohnern aufgenommen und keiner stöhnt über die Belastung, da alle das grausame Schicksal der Menschen in Syrien nur zu gut kennen. Pro Tag werden derzeit 30 Personen über die mit Stacheldraht und Mauern umzäunte Grenze durchgelassen. Hier zu gehören auch die Schwerverletzten, die im Emel Hospital auf eine medizinische Hilfe hoffen.

Emel Hospital in Reyhanli 1

Emel Hospital in Reyhanli

Die Blicke der verstümmelten Kinder kann man nicht mehr vergessen und es wird jedem klar, wie unmenschlich jede Art von Krieg und Terrorismus tatsächlich ist. Während in Paris die Bomben explodieren, ist dies in den syrischen Städten Aleppo und Homes tägliche Wirklichkeit. Die westlichen Medien berichten vor allem über die Grausamkeiten des Islamischen Staates, doch tatsächlich ist für die syrische Zivilbevölkerung die syrische Armee des Diktator Assad am schlimmsten, die sie permanent fürchten müssen. Auch die Bombenangriffe treffen wohl ausschließlich zivile Personen, Krankenhäuser und Schulen, die Extremisten haben sich in andere Zonen zurückgezogen. Die Syrer sind überzeugt, dass eine internationale Solidarität mit Absetzung von Assad sofort dem Krieg beenden und auch dem IS den Boden für den Fanatismus entziehen würde. Die Verzweiflung über die Diplomatie des Westens ist allgegenwärtig. Und trotzdem sind sie dankbar für unsere menschliche Solidarität, in dem wir gemeinsam, ihre verletzten Mitmenschen aus Syrien versorgen.

 

 

Emel Hospital in Reyhanli 3Der sechsjährige Fadi ist schon 12 mal operiert worden, immer wieder sind seine Wunden vereitert und die hauttransplantierten Areale brechen auf. Sein Vater war mit dem verletzten Jungen in das Emel Hospital geflohen, seit 2 Wochen hat er nun keinen Kontakt mehr zu seiner Familie in Aleppo, die in einem Stadtteil wohnt, der schwer bombardiert wurde.

Die Mutter des 3 jährigen Ibrahim hofft, dass unsere plastische Operation sein entstelltes Gesicht wieder herrichten möge. Im Moment ist aber noch ein großes Pflaster auf Oberlippe und Nase geklebt, das nur unter größtem Protest gewechselt werden darf. Zu tief sitzen in dem Kind noch die Erinnerungen an die Schrecken der fürchterlichen Verletzung.

Ibrahim 3 Jahre alt

Ibrahim 3 Jahre alt

Der kleine Rashid hat eine Hirnverletzung überlebt und kann seither nicht mehr essen. Er wird künstlich ernährt, aber trotzdem magert er weiter ab und wird wahrscheinlich irgendwann an körperliche Schwäche sterben.
Bei all diesen tragischen Schicksalen ist es bewundernswert mit welcher Sorgfalt und Zuwendung, sich die syrischen Ärzte, Pfleger und Schwestern jeden Tag unermüdlich engagieren. Jetzt kommt gerade wieder ein PKW über die Grenze mit einem jungen Mann im Kofferraum, der durch eine Wirbelsäulenverletzung gelähmt ist und ein infiziertes Druckgeschwür über dem Steißbein aufweist. In Deutschland würde die Behandlung in der Plastischen Chirurgie hier für mindestens 4 Wochen benötigen, vor Ort sicher aber 4 Monate und keine weiß, wie die längerfristige Nachsorge aussehen wird.
Viele syrische Ärzte sind ins Ausland geflohen, aber 30% wollen bleiben. Zwei von diesen couragierten Menschen haben uns ihre Motivation geschildert, ihrer Heimat treu zu bleiben.

Dr. Ahmed ist Allgemeinchirurg und hatte früher in Aleppo gearbeitet, zuletzt im Keller des Krankenhauses. Nun ist er mit seiner Familie an die türkische Grenze geflohen und baut dort ein eigenes kleines Hospital, weil er hofft, dass so nah an der Grenze er von den Bombardements verschont bleiben wird. Zur Zeit operiert er in einer zum Hospital umgebauten Polizeistation und freut sich über den Bestimmungswandel des Hauses. Er hat sich aus dem Internet plastisch-chirurgisches Wissen angeeignet und kommt jetzt über die Grenze, um von uns zu lernen, da unzählige seiner Patienten plastische Rekonstruktionen benötigen.
Sein Freund Dr. Hisham ist Gefäßchirurg und hatte früher in Homes operiert, bis er mit seinen Kindern aus der Stadt auf Eseln bis in die Türkei geflohen war. Hier ist er nun dabei eine mobiles Hospital auszurüsten, drei Container auf Lastwagen mit einem OP, ein Stationszimmer für die Patienten und Betten für das Personal. Das ganze ist autark konzipiert mit Stromgenerator, Wassertank und Sauerstoffflaschen. Hiermit will er in Syrien direkt hinter die Frontlinien fahren um erste operative Hilfe zu leisten. Wechselnde Standorte mögen ihn vor einem gezielten Beschuss schützen. Wir sind von den Fotos und dem Mut des Mannes tief beeindruckt. Gerne wollen wir ihm Unterstützung zu kommen lassen.Emel Hospital in Reyhanli 2
Zurück in Deutschland hinterlassen diese Eindrücke bewegende Erinnerungen. Was können wir hier tun, um nicht gleichgültig dieses tägliche Desaster des Krieges geschehen zu lassen?

Natürlich können wir nicht allen helfen, doch bekommen wir durch die Flüchtlinge in Deutschland jetzt eine Ahnung, wie die Realität für viele Menschen aussieht. Auch ist die uns präsentierte Berichterstattung kritisch zu hinterfragen, wenn alles auf das Konto einiger islamistischer Fanatiker gehen soll. Die Menschen in Syrien spüren viel mehr die Ohnmacht, dass eher international strategische Interessen dahinter stecken und keiner sich wirklich um das Schicksal der Zivilbevölkerung schert.
Dr. André Borsche
Interplast-Germany e.V.

Sektion Bad Kreuznach
Chefarzt der Plastischen Chirurgie

Diakonie Krankenhaus Bad Kreuznach
www.interplast-badkreuznach.de

 

01 Fadi 6 Jahre alt 02 Fadi auf dem OP-Tisch 06 Ibrahim zeigt das Verletzungsbild 07 Abdul 8 Jahre alt 08 Kaum Hoffnung für Rashid 09 Operationsplanung 10 Konzentrierte Stille im OP Before and After