Meine Famulatur in Tansania – Zwischen Kaiserschnitt und Fixateur externe 21.07.16 -19.08.16

Samstag, 3. Dezember 2016

 

Der letzte Sommer war ein ganz besonderer für mich. Ich habe 30 Tage im Queens of Universe Hospital in Puma, Tansania, bei dem deutschen Chirurgen Dr. Martin Krajewski meine Famulatur abgeleistet. Er wird als Facharzt für Allgemein- und Unfallchirurgie, nach 15 Jahren Krankenhauserfahrung und der selben Zeit in eigener Praxis, nun für anderthalb Jahre für die Organisation Interplast tätig sein.

Er las mich auch nach meinem Flug in Arusha auf und gemeinsam traten wir die Busfahrt ins Landesinnere an. Mittwochabend kamen wir an und am Donnerstag starteten wir mit einer ersten Visite, bei der ich direkt einen guten Überblick über die verschiedenen Patienten bekam.

Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass die drei einheimischen Ärzte Dr. Baraka, Dr. Mmary und Dr. Mabula die internistischen Patienten selbstständig behandeln, während Dr. Krajewski mit unfallchirurgischem Schwerpunkt arbeitet.

Als wir ankamen, war Urlaubszeit der einheimischen Ärzte und so kam es, dass ich mich direkt in den ersten anderthalb Wochen als 1. Assistenz im OP wiederfand, damit noch jeweils ein Arzt für die Stationen sowie für die Ambulanz verfügbar war.

Wir begannen mit der Entfernung eines verkalkten Schleimbeutels an der Hüfte und einigen Verbandswechseln, unter anderem dem einer Machetenverletzung der Hand und einen mit Verdacht auf offene Hüftgelenkstuberkulose. Im Anschluss machten wir die Osteosynthese mit Spongiosaplastik einer 2 Jahre alten Oberarmfraktur und ich verabschiedete mich gezwungenermaßen aus dem OP, da die ungewohnte Belastung meinen Kreislauf gegen 4 Uhr nachmittags langsam in die Knie zwang.

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Der Freitagmorgen begann ereignisreich, es wurde in aller Frühe eine 30-jährige, nicht ansprechbare Frau mit Pfeilschussverletzung von ihren Verwandten in die Klinik gebracht. Die bronzene Pfeilspitze hatte das Schulterblatt durchbohrt und war, zumindest hofften wir das, kurz vor dem Herzen stecken geblieben. Unter Ketanest-Narkose und Maskenbeatmung assistierten Dr. Mabula und ich Dr. Krajewski bei der Thorakotomie. Die Atmung der Patientin erschwerte die Entfernung der Pfeilspitze erheblich, wenn man ihn gerade zu fassen bekam, bewegte er sich wieder in die Untiefen des Brustkorbes davon. Letztendlich haben wir es trotzdem geschafft, der Pfeil wurde herausgezogen. Doch bei der Blutfontäne, die uns entgegenkam, dachte ich, wir hätten die Patientin in genau diesem Moment verloren. Dann jedoch versiegte der Blutstrom, wir legten Drainagen, verschlossen den Brustkorb und brachten die Patientin letztendlich auf die Station. Während der OP fand auf dem Flur davor übrigens eine kleine Messe statt, um für ihr Überleben zu beten.

Ein paar Tage später konnte sie mit ihrer kleinen Tochter wieder in ihr Dorf zurückkehren.

Im OP folgte noch die Versorgung zweier Verbrennungskontrakturen an der Hand eines kleinen Jungen und eines kleinen Mädchens und die anschließende Ambulanzsprechstunde.

So ungefähr ging es die nächsten vier Wochen weiter, direkt am Anfang der nächsten Woche durfte ich meinen ersten Fixateur externe abschrauben, bekam mit der Zeit eigene kleine Aufgaben wie Verbandswechsel oder kleine Abszess-Entlastungen und verbesserte meine Nähfertigkeiten in fast jeder Operation.

Neben einigen Grünholzbrüchen und einfachen Frakturen, die mit einer Gipsschiene therapiert werden konnte, gab es jede Menge alte und offene Frakturen zu versorgen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir hier ein junger Mann mit einer offenen Unterschenkelfraktur mit gesplittertem Schienbein nach einem Rollerunfall. Hier entschied Dr. Krajewski das Wadenbein zu verkürzen und mit einer Platte zu versorgten, um nach Entfernung der Knochensplitter den Unterschenkel mit einem Fixateur externe zu stabilisieren und mit den verbliebenen Weichteilen zu decken. Dies war der Versuch seinen Fuß zu retten, die Alternative wäre eine Amputation gewesen. Da sich in Tansania jedoch die meisten Menschen keine Prothesen leisten können, wäre er damit vermutlich lebenslang arbeitsunfähig gewesen. Fixateur externe wurden generell viele verwendet, denn häufig kommen die Patienten mit offenen, potenziell infizierten, alten oder sehr komplizierten Brüchen, die so behandelt die geringste Gefahr haben, eine Osteomyelitis zu entwickeln und die beste Chance, dass der Knochen wieder stabil ausheilt.

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Außerdem gab es einige Tumorresektionen, Oberschenkelfrakturen, die unter Zug ausheilen müssen, Sehnenausrisse, kleine Platzwunden, eine inkarzerierte Leistenhernie und immer mal wieder Kaiserschnitte und Ausschabungen.

Als die Ärzte wieder aus dem Urlaub zurückgekehrt waren, hatte ich meistens die Position der zweiten Assistenz inne, denn Dr. Krajewski war es wichtig, besonders die jungen Kollegen vor Ort auszubilden, mit denen ich zum Teil auch allein operierte.

Im Laufe der Zeit habe ich mich anrufen lassen, wenn nachts oder am Wochenende Kaiserschnitte gemacht werden mussten. Für mich waren die Kaiserschnitte eine ganz neue Erfahrung und immer wieder ein kleines Wunder. Jedes Mal erleichtert, das Schreien des Babys zu hören.

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An den Wochenenden haben Dr. Krajewski und ich meist etwas unternommen, wir waren zum Beispiel in Singida, der nächstgrößeren Stadt und haben die Internatsschule für Blinde in Ikungi besucht um mit den Kindern dort zu spielen. Highlights in der Freizeit waren auch eine Safari im Tarangire Nationalpark und eine Wandertour auf den Mount Hanang, die wir an den freien Wochenenden unternahmen. Einige sehr schöne Abende verbrachte ich auch mit den Einheimischen, zum Beispiel mit Kartenspielen.

Generell war unser Alltag aber geprägt von langen Arbeitstagen im OP, abendlichem Sport oder Spaziergängen und Literaturrecherche zu aktuellen Patienten im Krankenhaus und ich ging regelmäßig ins Bett mit dem Gefühl, Etwas geleistet zu haben, auch wenn ich meist assistierte und lernte.

Die Zeit in Puma schärfte auch mein Bewusstsein. Dank der vielen Interplast-Spenden sind die beiden OP-Räume des Krankenhauses ziemlich gut ausgestattet, trotzdem merkt man jeden Tag, dass Ressourcen knapper und kostbar sind. So werden viele „Einmalartikel“ gereinigt und resterilisert, statt entsorgt, Osteosynthesen müssen nach der Laufzeit des Sterilisators geplant werden, damit der eine noch funktionierende Bohrer wieder einsatzbereit ist und bei den Bohrerspitzen muss man Glück haben, ume eine scharfe zu erwischen. Und trotzdem: es funktioniert. Und zwar verdammt gut.

Untergebracht war ich im Interplast-Haus, in dem sonst auch die Teams übernachten. Zu Beginn war ich dort gemeinsam mit Dr. Maria Lempa und ihren beiden Töchtern, die schon viele Male vorher für Einsätze nach Puma gekommen waren, und Henrietta Claßen, einer Schülerin, die ihre Sommerferien damit verbrachte das große Interplast-Materiallager aufzuräumen. Die gemeinsame Zeit war sehr angenehm und wir wurden liebevoll und lecker von den Nonnen des Ordens „Mother oft the Holy Cross“, bekocht und umsorgt. Vielen Dank dafür.

Letztendlich war meine Zeit in Tansania viel zu schnell vorbei und ich hoffe nicht nur selbst viel gelernt zu haben, sondern auch ein Gewinn für das Krankenhaus in Puma gewesen zu sein.

An dieser Stelle noch einmal ein großes Dankeschön an Dr. Martin Krajewski und Interplast für die Möglichkeit meine Famulatur in Tansania ableisten zu können und für die lehrreiche, schöne und eindrucksvolle Zeit, die ich dort hatte.
Friederike Hollenberg, Medizinstudentin im 8. Semester