Kreuznacher Hilfseinsatz in Tschetschenien

Montag, 29. Januar 2018

Aus Hilfsbedürftigen werden Partner: Herzliche Freundschaft mit tschetschenischen Ärzten

Das Band, das vor 10 Jahren durch Alex Jakob zwischen Bad Kreuznach und Grozny, der Hauptstadt der kaukasischen Sowjetrepublik Tschetschenien, geknüpft wurde, war damals primär als humanitäre Unterstützung geplant: einem durch zwei Kriege zerrüttetes Land, Menschen mit schweren Entstellungen ohne irgendeine medizinische Versorgung und Kindern, die durch Kriegswirren elternlos und entwurzelt waren, sollte unkompliziert Hilfe zuteilwerden. Diesen damals völlig ungewöhnlichen und mutigen Schritt eines Kreuznacher Bürgers haben die Tschetschenen nie vergessen.

Die 2006 und 2007 darauf folgenden medizinischen Einsätze unter entbehrungsreichen Umständen sind nicht nur den Beteiligten, sondern großen Teilen der Bevölkerung Groznys immer noch lebendig vor Augen. Auch bei unserem jetzt 4. Hilfseinsatz, der wieder von Tamara Naumann und Alexander Jacob aus Bad Kreuznach vorbereitet wurde, reisen wir auf einer Welle der Dankbarkeit. Trotz eines Generationswechsels in den Ministerien lassen sich die jetzigen Amtsinhaber immer wieder Berichte über das damalige Engagement von Alex Jakob erzählen und begrüßen seinen Sohn, Alexander Jakob wie einen Bruder. Auch „Andrej Boschsch“ wird von Alt und Jung gefeiert. Uns wurde klar, welch entscheidende Impulse die Kreuznacher Initiative damals für die medizinische Versorgung besonders der Kinder in Grozny gesetzt hatte.

Heute erleben wir Grozny als prosperierende Großstadt. Die letzten Trümmer, die 2013 noch zu sehen waren, sind modernen Wohnanlagen gewichen. Auch ein neues Kinderkrankenhaus steht schon als Rohbau bereit. Diesmal ist das Team von André Borsche aber noch im alten Gebäude aktiv. Unterstützt werden sie von Irina und Elena Vitovic aus Bad Kreuznach, die durch ihre Dolmetschertätigkeit nicht nur fachlich- technische Probleme lösen helfen, sondern auch menschliche Nähe und Begegnung über die Sprachbarrieren hinweg ermöglichen.

Operationsteam Grozny 2017

 

 

Die Verantwortung für Vitalfunktionen und Schmerzfreiheit unserer kleinen Patienten übernehmen die Anästhesisten Carolin Towara aus Mainz sowie Micha Daneke mit Anästhesieschwester Daniela Henkel aus dem Diakonie-Krankenhaus Bad Kreuznach. Die Firma Storz aus Hamburg hatte in äußerst dankenswerter Weise spontan ein Videolaryngoskop gespendet. Nun können trotz technischer Mängel vor Ort sowohl unterentwickelte, als auch Kinder mit Fehlbildungen im Nasen-Rachenraum sicher versorgt werden. Unersetzlich sind auch Udo Brosche, Leiter des DRK-Altenheimes in Rüdesheim und Petra Woelki aus Augsburg als OP-Pflege sowie Eva Borsche als Allgemeinärztin, die sich um Organisation und Nachbetreuung der unzähligen Patienten kümmert.

Der Empfang für das 10 Personenteam ist mehr als herzlich: der ärztliche Direktor und die gesamte Abteilung für Kindergesichtschirurgie begrüßen uns als treue Freunde. Schon so lange hat man auf unseren Besuch gewartet! Alles ist auf‘s Feinste vorbereitet: 2 Operationssäle und 30 Kinderbetten sind für uns geputzt und freigestellt. Besonders beeindruckend sind der Eifer und die Vorfreude der Ärzte und Schwestern, ihre eigenen Patienten uns vorstellen zu können. Stolz zeigen sie uns alles, was sie durch die Kreuznacher Einsätze gelernt haben. Wir sind bass erstaunt, welch schöne Operationsergebnisse mit präzise verheilten Lippen- oder Gaumenspalten sie erzielt haben.

Dr. Said, der junge Leiter der gesichtschirurgischen Abteilung, war schon 2006 mit damals 19 Jahren beim ersten Einsatz des Kreuznacher Teams mit dabei und hatte bei den Operationen zuschauen dürfen. Nach seiner Ausbildung hat er inzwischen eine eigene kleine plastisch-chirurgische Fachabteilung für Kinder aufbauen dürfen, in der täglich bedürftige Kinder versorgt werden. Die schweren Fälle hat Dr. Said für unseren Besuch einbestellt. Gemeinsam mit ihm untersuchen und beraten wir über 160 Patienten. 48 Operationen werden durchgeführt. Viele Kenntnisse und Handfertigkeiten werden untereinander ausgetauscht. Auch der Chefarzt der Anästhesie freut sich über den fachlichen Erfahrungsaustausch auf hohem Niveau mit unseren Anästhesisten, insbesondere über die Behandlung von Früh- und Mangelgeborenen. Die Schwestern und Pfleger diskutieren über Gipsverbandstechniken und neue OP-Materialien. An der medizinischen Fakultät der Universität halten Dr. Borsche und an der Fachabteilung für Tourismus Alexander Jacob Vorlesungen, die von den Studenten begeistert aufgenommen werden. So unterstützen wir Kreuznacher mit unserer Hilfe die Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung Tschetscheniens und versorgen gleichzeitig viele sozial schwache Kinder durch unsere plastischen Operationen.

 

Außen vor dem Krankenhaus verändert sich das Straßenbild in rasanter Geschwindigkeit: auf den Trümmerfeldern von damals sind Wolkenkratzer nachts in wechselnden Farben angestrahlt, kindgerechte Vergnügungsparks, mutig konstruierte Theater, gigantische Einkaufszentren, imposante Prachtstraßen und Moschen wie aus „1000 und einer Nacht“ entstanden. 2013 sahen wir noch menschenleere Straßen, die sich inzwischen mit Leben gefüllt haben. Die Familien lagern auf den Parkwiesen, junge Männer dröhnen auf nagelneuen Motorrädern vorbei. Die Wirtschaft floriert. Ingenieure und Berater aus aller Herren Länder sind gefragt. Märkte werden erschlossen. Die neue Führungselite ist jung und aufgeschlossen. Der Gesundheitsminister lädt uns zum Grillen in das brandneue Freizeitareal am Hochgebirgssee im Kaukasus ein und sucht unseren Rat bezüglich der Entwicklung einer sinnvollen ärztlichen Versorgung schwer kranker Kinder.

 

Eine besondere Freude für uns ist natürlich das Wiedersehen von Kindern, die früher schon einmal in Bad Kreuznach behandelt wurden. Mit kleinen Geschenken bedanken sich die Eltern auf’s Herzlichste. Und natürlich immer wieder die Frage: Kann man auch das von Verbrennungsnarben entstellte Mädchen, das uns heute vorgestellt wird, evtl. in Deutschland behandeln? Von uns werden wahre Wunder erwartet! Alex Jakob überlegt, ob er eine Einladung aussprechen soll. Die Krankengeschichte muss noch geprüft werden. Das Ministerium will sich an den Flugkosten beteiligen.

Treue und menschliche Verbundenheit sind in einem Land, was nach jahrhundertelangen kriegerischen Auseinandersetzungen und Vertreibungen erstmals Ruhe zu finden scheint, allerhöchstes Gut. Unzählige Menschen, selbst Regierungsmitglieder, profitieren von dem tief verankerten Vertrauen, das auf der Hilfeleistung der Kreuznacher in Grozny zu Zeiten größter Not fußt. Die Alten erinnern sich voller Rührung, die Jungen sind voller Bewunderung.

Ich frage den jungen tschetschenischen Arzt, warum er die ganze Woche bis spät in die Nacht mit uns unentgeltlich Hilfe leistet. „Gott“, erwidert mir der junge Moslem, “gibt Dir Reichtum, wenn Du arbeitest. Machst Du aber andere glücklich, belohnt er Dich tausendfach.“

Abschiedsfoto

 

Genau das spüren wir, als wir mit Dankbarkeit, Segenswünschen und vielen gedrängelten Gruppenfotos von den kleinen Patienten und ihren Eltern aus der Klinik herzlich verabschiedet werden.

 

Eva und André Borsche