INTERPLAST hilft mit 203 Operationen in einem Armenhospital in Indien

Donnerstag, 16. Januar 2014

Wenn im fernen Indien, in der kleinen ländlichen Gemeinde Ghodegaon im Bundesstaat Maharastra, der Pater einer christlichen Minderheit in seiner Sonntagspredigt erzählt, dass ein stummer Junge nach  10 Jahren wieder beginnt zu sprechen, dass ein Familienvater, der seit 8 Jahren mit verkrüppelten Beinen am Boden kriecht, nun seine ersten aufrechten Schritte wagt, dass ein Schulmädchen ihr Gehör wiedererlangt hat, zwei junge Männer vor dem Verlust ihres Augenlichtes bewahrt wurden und vier Frauen erstmals seit vielen Jahren wieder ihren nach unten gesenkten Blick heben dürfen, dann zitiert der Pfarrer nicht aus der Bibel, sondern er gibt einen kurzen Zwischenbericht aus dem kleinen St. Anne–s Krankenhaus 100 Meter von der Kirche entfernt.

Dorthin hatte Pater Prakash nun schon zum vierten Male deutsche Ärzte von Interplast eingeladen, – die,  kaum hatten sie ihre 17 Riesenkoffer im staubigen Flur abgestellt, in ihre blauen Arbeitskittel schlüpften,  in dem winzigen, 43 Grad heißen Operationsräumchen verschwanden und dort Tag für Tag ein „Wunder“ nach dem anderen vollbrachten.

Als  „Wunder“ erschien es natürlich nur denjenigen, die geduldig Stunde um Stunde draußen vor der Tür mit der Aufschrift: „Steriler Bereich! Zutritt verboten!“ ausharrten.

Drinnen wurde einfach nur nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet: 7 medizinische Fachleute vollbrachten mit einfachsten Mitteln Hochleistungsmedizin, die hier direkt den Allerärmsten zugute kam.

Teamleiter Dr. André Borsche, gehört mit über 40 Auslandseinsätzen zu den erfahrensten  Verbrennungsspezialisten.  Er wurde unterstützt durch die präzise und umsichtige Arbeit des jungen, in Chile geborenen Chirurgen Dr. Federico Becker vom  Brüderhospital in Trier.

Auch diesmal war die Patientenauswahl für die Allgemeinmedizinerin aus Bad Kreuznach, Dr. Eva Borsche, wieder eine äußert schwierige Aufgabe , da es galt aus der Vielzahl der über 250 wartenden Patienten unter medizinischen, sozialen und ethischen Überlegungen diejenigen heraus zu suchen, die der operativen Hilfe am dringendsten bedurften. Viele mussten auf ein nächstes mal vertröstet werden. Die alle Bedürfnisse berücksichtigende Op-Planungsregie und  -Assistenz von Eva Borsche war Grundlage für den sicheren Ablauf des gedrängten Programms, das oft bis spät in die Abendstunden nach 21.00 Uhr reichte.

Da viele Operationen an den schwerstvernarbten Patienten vier und mehr Stunden dauerten und häufig auch mehrere Körperteile gleichzeitig betrafen, waren für die Narkose Experten mit umfassender Berufserfahrung gefragt. Dr. Ruth Kremers-Lueg aus Köln, besonnen und nicht aus der Ruhe zu bringen sowie Dr. Elisabeth Wester-Ebbinghaus aus Gütersloh, umsichtig und immer auf Seiten der Benachteiligten, konnten die Sicherheit für Leib und Leben der Patienten gewährleisten, – auch unter den schwierigen Bedingungen vor Ort!

Nur ganz beiläufig klang in den  Dialogen der Anästhesistinnen ab und zu die Brisanz der jeweiligen Situation an: „Warum muss  jedes mal bei der Beatmung  der Strom aussetzen?“ – „Oh, der Sauerstoffdruck fällt ab!  Sicher haben die verrosteten  Sauerstoffgasflaschen ein Leck!“ –„Wenn beide Arme und Beine verbrannt sind, wo sollen wir da unsere Infusion anlegen ?“- „ Ja, mit dem indischen Betäubungsmedikamenten werden die Narkosen etwas holpriger, doch wenn 70 Operationen geplant waren und jetzt aber 203 durchgeführt wurden, muss man sich eben damit weiterhelfen!“,   –  wie gesagt:  Könner unter sich.

Die Managerin,  Vorausplanerin, Hygieneverantwortliche und Koordinatorin unserer indischen Helferinnen im Operationssaal war Operationsschwester Gerry Schmidt aus dem Heilig-Geist Krankenhaus in Bingen. Vielen Dank, dass wir sie ausleihen durften! Sie hatte sich die vielarmige, vielhändige indische Göttin Saraswati zum Vorbild genommen: überall war sie präsent, räumte, half, unterstützte, mahnte und schuf am Ende der Operationen kreative Kunstwerke aus Gipsschienen zur Ruhigstellung der Operationsergebnisse.

So bekam der 10 jährige Junge, der seit seinem Verbrennungsunfall nicht sprechen konnte eine Hauttransplantation vom Unterbauch für Mund und Augenlider.

Die Waden, die bei unserem Familienvater durch Vernarbungen fest mit den inneren Oberschenkeln verwachsen waren, wurden gelöst und mit dünner Haut transplantiert.

Aus dem Gehörgang unseres Schulmädchens aus dem Armeninternat wurde  ein Tumor herausgeschält., der das Gehör von außen komplett verlegt hatte.

Die Ober- und Unterlider der jungen Männer wurden durch Vollhauttransplantate wieder funktionsfähig gemacht .

Und die vier Frauen, deren Hals durch die Verbrennungsnarben in einer Zwangsstellung fixiert waren,  wurden operativ befreit und erhielten Schwenklappen zur Modellierung einer neuen Halskontur.

Direkt nach den Operationen wurden die Patienten auf einer Blechtrage in den großen Schlafsaal im ersten Stock gerollt. Dort wären sie mit ihren Schmerzen und den vielen Fragen, die sich rund um ihre schicksalsverändernde Operation ergaben, allein mit ihren Angehörigen geblieben, denn die Ärzte unten operierten ja schon weiter. Wenn da nicht unsere Krankengymnastin Verena Stöhr mit  im Team gewesen wäre! Sie verwandelte die  dunkle Krankenstation im Handumdrehen in einen bunten Ort des Spiels und Lachens. Alle Patienten liebten sie!   Diese von der Gesellschaft sonst so geächteten Menschen, die sich aufgrund ihrer Entstellungen seit Jahren im finstersten Winkel des Hauses versteckt hielten, erlebten hier eine Fremde, die keine Berührung ihres verhassten schmerzenden Körpers scheute, die streichelte, massierte und vorsichtig Bewegungsmuster bahnte.

Es war das erste Mal, dass eine Physiotherapeutin das Interplast-Team aus Bad Kreuznach begleitete. Verena Stöhr entwickelte Konzepte, was denn mit den schwerkranken, frisch operierten zu tun sei,  zeichnete und malte bis spät in die Nacht hinein, bis jeder Patient seinen individuellen Übungsplan hatte:

Der stumme Junge lernte seine Zunge und seine neue Unterlippe zu bewegen, und konnte dann auch dank homöopathischer Hilfe nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder lächeln – und sogar sprechen !

Raghendra, der Familienvater mit den verbrannten Beinen trainierte seine Beinmuskeln. Beim ersten, fieberhaft erwarteten Aufstehen aber klappte sein Kreislauf zusammen, so dass er mit dem Laufenlernen noch etwas Geduld haben muss!

Die vier Frauen übten die Halsbewegungen ganz von alleine. Einfach nur glücklich über das schöne Operationsergebnis waren alle Schmerzen schnell vergessen.

Auch die jungen Männer blinzeln freudig mit ihren neuen Augenlidern in die indische Sonne.

Am Ende des Einsatzes waren alle zufrieden. Zum Abschied wurden Blumen und kleine Geschenke ausgetauscht, das Umarmen wollte kein Ende finden und manch kleine Träne wurde verschämt verdrückt. Noch ein letztes Winken: „Bis zum nächsten Mal! Ihr kommt doch bestimmt wieder?“

Eva Borsche