Einsatzbericht Sierra Leone Government Hospital Kenema 08.04. – 25.04.2016

Freitag, 27. Mai 2016

Sektion Siebengebirge unterstützt von der Sektion Korschenbroich/Eschweiler

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Das Team:

Bernd Krause – plastischer Chirurg; Lumnije Tahiri, Anaesthesieschwester ; Dr. Reinhold Stricker, Anaesthesist; Christina Hilger Ferreira, OTA; Dr. Maya Forkel, plastische Chirurgin; Nicole Grüner, med. Fachangestellte; Hans-Jürgen Arndt, Unfallchirurg/Orthopäde, Teamleiter (von li. nach re.)

 

Von März 2014 – Oktober 2015 waren Westafrika und insbesondere Sierra Leone von einer Ebola-Epidemie betroffen, die mit über 3.900 Toten und über 14.000 Erkrankten das Land und die Menschen, die sich noch von den Folgen des Bürgerkrieges (1991 – 2002) erholten, wiederum in eine existentiell bedrohliche Situation brachten. Unser Einsatzort, das Government Hospital in Kenema, im Osten des Landes, stand im Zentrum des Kampfes gegen Ebola. 39 Krankenhausmitarbeiter verloren durch Ebola ihr Leben. Ein Gedenkstein auf dem Krankenhausgelände mit den Namen der verstorbenen Mitarbeiter erinnert an die Katastrophe.

Anfang November 2015 wurde Sierra Leone durch die WHO für Ebola frei erklärt, so dass durch unsere Sektion beschlossen wurde, nach 2 erfolgreichen Einsätzen 2012 und 2014 und der Lieferung eines Containers mit medizinischen Materialien die Einsätze dort wieder aufzunehmen. Unterstützt wurden wir bei der Vorbereitung und beim Einsatz selbst durch das Ehepaar Tortor Sesay-Specht und Ernst Specht. Die Kosten des Einsatzes wurden von der Sektion Siebengebirge und der Sektion Eschweiler/Korschenbroich (Flugkosten) getragen.
Durch einen Flugausfall in Brüssel erreichten wir erst mit 5 stündiger Verspätung nach Mitternacht den Flughafen von Freetown und wurden dort von dem Medical Superintendent des Krankenhauses in Kenema, Dr. Prince Masuba, und Ernst Specht begrüßt, die den Transport mit 2 Jeeps und 1 Pick Up in das 350 km entfernte Kenema organisiert hatten. Wir hatten ausreichend Material, Implantate und Instrumente, zum großen Teil gespendet, für den 14 tägigen Einsatz mitgenommen, da wir die Bedingungen vor Ort vor Reiseantritt nicht klären konnten. Das persönliche Gepäck war deshalb auf das Notwendigste beschränkt worden. Wir waren während der Zeit in Kenema im Guesthouse des City Councils unter einfachen Bedingungen untergebracht. Am Samstagnachmittag nach einer Ruhezeit besichtigten wir das Krankenhaus und unseren Arbeitsbereich.

Mit ca. 350 Betten, separaten Isolierstationen für Lhassa, Ebola, Tuberkulose, HIV, einer 2014 in Betrieb genommen großen Maternity mit eigenem OP, chirurgischen und internistischen Stationen versorgt das Krankenhaus die 155.000 Einwohner Stadt Kenema und die umgebende Region.

Die hygienischen Bedingungen haben sich mit und nach Ebola deutlich gebessert. Händedesinfektion und regelmäßige Reinigung der Stationen und Bereiche gehören zum Standard.

Die Unterstützung durch das Krankenhaus war bemerkenswert. Uns standen 2 OP-Räume mit funktionierenden OP-Tischen, ein Umkleideraum, 1 komplette Station mit 26 Betten und Schwestern und 1 Untersuchungsraum für das Patientenscreening zur Verfügung. Es bestand die Möglichkeit für Röntgenaufnahmen und Laboruntersuchungen. Die Sterilisationsmöglichkeiten beschränkten sich auf 2 alte Sterilisatoren mit einer Sterilisationsdauer von etwa 3 Stunden. Da die Stromversorgung nicht ständig gewährleistet war, kam es an einigen Tagen zu nicht voraussehbaren Sterilisationsunterbrechungen und damit zu Wartezeiten beim Operieren. Stirnlampen waren unbedingt erforderlich, da die vorhandenen OP-Lampen nicht einsetzbar waren.

Es wurden uns 1 Arzt zum Dolmetschen und OP-Assistenz, 1 Krankenpfleger und eine Reinigungs- und Sterilisationskraft sowie ein Fahrer mit Pick-up für die 3 km lange Fahrt vom Guesthouse zum Hospital und zurück zur Verfügung gestellt. Die Kommunikation mit den Mitarbeitern des Krankenhauses war herzlich.

Unser Einsatz war im Radio und durch ein Fernsehinterview angekündigt worden, so daß wir einen großen Zulauf beim Patientenscreening hatten. Innerhalb von 3 Tagen sahen wir 164 Patienten, von denen wir 43 Patienten zu den erforderlichen Operation auswählten. Damit war das Programm für unsere Einsatzzeit ausgefüllt. Aber auch während der restlichen Tage kamen ständig Patienten, die wir leider auf nächste Einsätze vertrösten mussten. Der Bedarf ist riesig und lässt Raum für zukünftige Einsätze von plastischen Chirurgen, Lippen-Gaumenspalten- und Klumpfußoperateuren, Unfallchirurgen und Orthopäden, Viszeral- und insbesondere Strumachirurgen. Das Krankenhaus selbst kann diesen Bedarf wegen fehlender entsprechend qualifizierter Ärzte und fehlenden Equipments nicht befriedigen.

Das Operationsspektrum erstreckte sich auf Patienten mit Verbrennungskontrakturen, chronischen Wunden zur plastischen Deckung, Augenliddefekten, Weichteiltumoren, ältere fehlverheilte Frakturen oder Pseudarthrosen, offene und infizierte Frakturen. Es musste 1 Unterschenkelamputation bei offener, ausgeprägt infizierter Sprunggelenksfraktur vorgenommen werden. 1 Oberarmarmputation bei einem 16 jährigen Jungen mit Sepsis bei massiv infizierter, offener Unterarmfraktur mit Weichteildefekten und Infektausbreitung bis an das Schultergelenk wurde von den Angehörigen verweigert. Wir führten tägliches Debridement und Verbandswechsel durch und konnten damit die Sepsis beherrschen, mussten den Patienten aber letztendlich nicht saniert den Ärzten des Hospitals zurücklassen.

Insgesamt wurden 69 zum Teil 2 – 3 stündige Operationen durchgeführt. Es gab keine chirurgischen oder anesthesiologischen Komplikationen. Die klimatischen Bedingungen im OP waren bei hoher Luftfeuchtigkeit und Temperaturen zwischen 34 und 37 Grad anstrengend.

 

Entfernung eines großen Ohr-Keloids:

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ältere, infizierte Unterschenkelfraktur:

Fixateuranlage nach Debridement

Rotationslappen und Vollhautlappen:

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Am freien Sonntag in der Einsatzmitte besuchten wir das 120 km entfernte Krankenhaus der German Doctors in Serabu und wurden von den 5 deutschen Kolleginnen herzlich begrüßt, verpflegt und erhielten eine Führung. Der Schwerpunkt mit einer großen Maternity ist dort die Geburtshilfe und Gynäkologie.
Beim Abschiedsessen, zu dem wir den Medical Superintendent, den Arzt, der uns unterstützte und Ernst Specht eingeladen hatten, wurden uns nochmals sehr herzlich gedankt und dringend gebeten zu weiteren Einsätzen baldmöglichst wiederzukommen.

Zu erwähnen sind noch 2 Treffen mit den Paramount-Chiefs von Kenema und aus der Umgebung der benachbarten Stadt Bo. Auch hier wurden wir freundlich begrüßt und uns für die medizinische Hilfe gedankt.

Eine vorübergehende Beschlagnahme unserer Reisepässe durch einen Immigration-Officer verlief nach verschiedenen Gesprächen und Bemühungen des Medical Superintendent und des Medical Boards glücklicherweise ohne Probleme, so daß wir am Freitag, dem 22.04. nach letzten Operationen, Abschlussvisite und Übergabe der Patienten an den einheimischen Arzt zur weiteren Betreuung und Nachsorge unsere Koffer packten und Samstag etwas erschöpft von dem – auch aufgrund der klimatischen Bedingungen – doch anstrengenden Einsatzes wieder nach Freetown gebracht wurden. Dort konnten wir uns in einem Hotel vor dem Rückflug am Sonntag etwas regenerieren.
Alle Teammitglieder fanden den Einsatz befriedigend, sinnvoll und lohnend. Die Beschränkung auf Operationen, die von den einheimischen Ärzten nicht durchgeführt werden können und bei denen die Nachsorge gewährleistet ist, ist ein wichtiges Prinzip einer erfolgreichen Versorgung. Weitere Einsätze in Kenema werden unbedingt empfohlen. Es wurde auch vorgeschlagen, zur Verbesserung der Stromversorgung im Krankenhaus ein spendenfinanziertes Projekt ins Leben zu rufen.

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Hans-Jürgen Arndt