Einsatzbericht Mela-Hospital Haridwar/Uttarkandh, Indien

Samstag, 20. Juli 2013
Mela-Hospital Haridwar/Uttarkandh, Indien

29.09. – 13.10.2012, Sektion Bad Kreuznach und Ebersberger Förderverein Interplast, Traxl

Nun schon zum fünften Mal fand im Mela-Hospital in Haridwar im Nordwesten Indiens (Abb. 1) ein OP-Einsatz der Sektion Bad Kreuznach statt. Auch in dieser eigentlich nicht armen Gegend Indiens (die vor allem dank ihrer Lage am Südhang des Himalaya reichlich mit Wasserkraft gesegnet ist und deshalb nicht nur Strom exportieren kann, sondern auch zunehmend mittelständische Industrie angesiedelt hat) sind die Unterschiede zwischen Reich und Arm extrem, eine Art Kranken- und Rentenversicherung gibt es nur für die „Privilegierten“, die eine Anstellung in solchen Fabriken gefunden haben. In dieser Hinsicht wurde allerdings in den letzten Jahren viel auf den Weg gebracht; alleine in Haridwar sind seit unserem ersten Aufenthalt 2008 mehr als 20.000 Arbeiter zu bezuschussten Mieten in Firmensiedlungen von gutem Standard eingezogen, wo sie kostenlos von Gemeinschaftseinrichtungen (Kindergärten, Schulen, Gesundheitsvorsorge und –versorgung, religiöse Einrichtungen, Einkaufsmärkte etc.) profitieren. Nach längerer Firmenzugehörigkeit gehen die Wohnungen in vielen Fällen sogar ins Eigentum der Mieter über, und das gilt auch für Frauen und für die Ehefrauen verstorbener Arbeiter. Insgesamt erinnert die Entwicklung in manchem Aspekt an diejenige in Deutschland im 19. Jahrhundert, an sog. „Eisenbahnersiedlungen“ und die Arbeiter-Wohnanlagen an einigen Industriestandorten. Es bewegt sich also etwas, zumindest dort, wo die Staatseinnahmen schneller wachsen als die Bevölkerung und wo die Besitzenden vorausschauend genug sind, um ein soziales Netz aufzubauen, von dem auf lange Sicht alle, nicht zuletzt sie selbst, profitieren.
Nach reibungsloser Anreise (unterstützt durch Axel Binder, Chef des gleichnamigen Reisebüros, und vor Ort in Delhi durch Rotarier-Freunde, die trotz der „unchristlichen“ Uhrzeit 06:30 am Sonntagmorgen die diensthabende Spitze des Flughafen-Zolls vorbereitet hatten) wurde unser Gepäck auf dem Landweg nach Haridwar gebracht (ca. 5 Stunden; wegen der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung der Region– s.o. – ist eine mehrspurige Schnellstrasse nicht nur im Bau, sondern bereits in Teilen befahrbar. Im nächsten Jahr wird zu entscheiden sein, ob nicht auch das Team mit dem Bus fahren soll statt teuer zu fliegen und viele Stunden lang zu warten). Wir hatten wieder fast alle gewichtigen Medikamente (Anästhetika, Antibiotika, Lokalanästhetika) frühzeitig beim örtlichen Apotheker bestellt, denn Indien zählt zu den weltgrößten Pharma-Herstellern (10 % der Weltproduktion, 40 % bei Generika; Umsatz 20 Milliarden $ US, Wachstumsrate 12 %), und Probleme mit der Qualität der Substanzen haben wir bisher niemals beobachten müssen. Dennoch war unser Gepäck alles andere als leicht – erneut wurde Ausrüstung zum Verbleib mitgebracht,  unter anderem einen Elektrokauter mit Zubehör,  chirurgische Instrumente und Perfusor-Pumpen.
Wie in den Vorjahren konnten wir eine im Vergleich zu anderen Einsatzorten überdurchschnittlich gute Unterkunft und Verpflegung genießen , die Dank der Großzügigkeit unserer Gastgebern wieder kostenlos für uns war – auch heuer hatten wir wieder das Gefühl, dass fast alle Beteiligten die Dinge mit Freude, Verständnis und mit hohem Engagement betrieben haben.
Das gilt ganz explizit auch für die Zusammenarbeit während des Arbeitstages, wo jederzeit kompetente Hilfe bei der Abwicklung von Screening, Op-Planung, Nachsorge, Visiten, Besorgungen etc. zur Verfügung stand. Schon im Vorfeld hatten die Rotarier ganze Arbeit geleistet (und vor allem auch einige der Ehefrauen und Töchter, herzlichen Dank stellvertretend an Rima, Sujata und Kashish). Von den letztes Jahr auf heuer vertrösteten 50 PatientInnen hatten sie, um nur ein Beispiel zu nennen, 38 ausfindig machen können und frühzeitig einbestellt, weitere Vorjahrespatienten kamen im Laufe der Tage zur Vorstellung vorbei, einige zu einem kurzen „Schwatz“, oft mit kleinen Geschenken für uns.
Das Team (drei ChirurgInnen, drei AnästhesistInnen, zwei Schwestern, ein Pfleger, s. Tab. 1) wurde diesmal ergänzt durch eine allgemeinärztliche Kollegin, die erst am letzten  Op-Tag nachgereist kam und für eine weitere Woche täglich die noch nicht entlassenen PatientInnen betreute. In Ergänzung dazu hatten die örtlichen Organisatoren einen Chirurgen mit der danach noch notwendigen Nachsorge betraut; ob sich dieses Modell im Sonderfall Haridwar, wo ja das Krankenhaus jeweils nach unserer Abreise wieder geschlossen wird und auch keine ärztliche Besetzung existiert, bewährt hat, werden wir bei der Nachschau im nächsten Oktober herauszufinden versuchen.
Wir untersuchten 330 Patienten  und im Laufe der acht Op-Tage konnten, fast genau wie in den Jahren zuvor, 125 Eingriffe bei 82 PatientInnen durchgeführt werden (Tab. 2), Schwerpunkt waren erneut die Verbrennungsfolgen: groteske Kontrakturen und Deformitäten der Hände bei Kindern und Erwachsenen, am Körperstamm festgewachsene Oberarme und Hälse, häufig in Kombination auftretend, so dass wir zahlreiche komplexe Eingriffe in einer operativen Sitzung durchführten (neben der üblichen Narbenlösung und Hauttransplantation auch Sehnenverlängerungen, Knochen- und Gelenkeingriffe). Daneben kamen Patienten mit Unfallfolgen an Händen und Füßen, angeborenen Fehlbildungen und Tumoren und ausgedehnten chronischen Wunden zur Operation und Behandlung (Abb. 3).
Auch Dank der „Rundum-Versorgung“ durch die örtlichen Sponsoren konnten wir die Kosten pro Eingriff wieder nahe der 100-Euro-Grenze halten.
Zu anästhesiologischen Komplikationen kam es nicht, chirurgischerseits waren lediglich der Verlust eines gestielten Lappens vom Unterarm auf den Handrücken (Ersatz nach vier Tagen durch Vollhaut) sowie das nicht immer ganz vollständige Angehen der Spalthaut-Transplantate keine ernsthaften Probleme zu verzeichnen.
Bei Abreise war lediglich noch eine junge Patientin für einige wenige Tage stationär, die nach schwerer Verbrennung (Hals und beide Arme bis Ellenbogen am Brustkorbangewachsen und Deformität der Hände; s. Abb. 2) in einer Sitzung mehrere Stunden und mit großen Wundflächen operiert worden war. Der fast siebenstündige, in seinem Umfang schon vor der Op immer wieder diskutierte und letztlich gemeinsam beschlossene Eingriff hatte neben nennenswertem Blutverlust auch zu einer starken Auskühlung geführt, die auch in warmen Ländern und auch bei Erwachsenen immer zu bedenken ist, vor allem, wenn sich das Op-Feld über große Teile des Körpers erstreckt und so gut wie nicht abgedeckt werden kann. Wir waren nach Op-Ende noch mehrere Stunden damit beschäftigt, die Körpertemperatur und mit ihr alle Vitalfunktionen vom Kreislauf bis zur Vigilanz soweit wie möglich zu normalisieren. Schon am nächsten Tag hatte sich zu unserer Freude (und Erleichterung) der Zustand erstaunlich gebessert, und dies hielt auch für die kommenden Tage an.
Zusammenfassend sind die Voraussetzungen in Haridwar unverändert und in jeder Hinsicht hervorragend, die gastgebenden Rotarier haben angekündigt, die Organisation bis zum nächsten Mal weiter zu verbessern – wir fragen uns, an welcher Stelle das noch möglich sein soll. Die Vorbereitungen zum nächsten Camp im Herbst 2013 haben dort wie hier schon begonnen.
Hajo Schneck, Traxl

 

  1.     Abb. 1: Haridwar im Nordwesten Indiens
  2.     Abb. 2a: ausgedehnte Kontrakturen, 25 Jahre
  3.     Abb. 2b: selbe Patientin, nach vier Tagen
  4.     Abb. 3a: Hand-Verbrennung, 11 Jahre
  5.     Abb. 3b: selber Patient, nach drei Tagen

Tab. 1
Team
Christiane Bayer, Op-Schwester Steinfeld
Dr. Gaby Fromberg, PLC Murnau
Dr. Bärbel Fuchs, Anästhesistin Wasserburg/Inn
Ana Maria Lázaro Martín, Op-Schwester Gleishorbach
Dr. Irini Panteli, PLC Hamburg
Dr. Silke Platte, Allg.-Med. Neuental
Dr. Matthias Biemer, PLC Berg
Thomas Hehr, Pfleger Gleishorbach
Andrej Moskvin, Anästhesist Ebersberg
Prof.Dr. Hajo Schneck, Anästhesist & Teamleiter Traxl
Finanzierung
Ebersberger Förderverein Interplast EFI e.V.
Gesamtkosten ca. € 14.000.- (ca. € 170.-/Pat. oder ca. 110.-/Eingr.)
Tab. 2
Einsatzdaten
Op-Tage 8
Patienten untersucht 330
davon Patienten operiert 82
Anzahl Eingriffe 125
Patienten mit
Verbrennungskontraktur 44
Dysmelie 6
Tumor 8
Sonstiges (Traumafolgen, Fehlbildg.) 24
Komplikationen
chirurgisch 3
anästhesiologisch 0