Einsatzbericht Indien

Samstag, 20. Juli 2013

Einsatzbericht Indien: 

Einsatz vom 10. 02. – 26. 03. 2012 an der AMU University in Aligarh, Uttar – Pradesh

 

Team:
Alireza Ghassemi, Teamleiter:MKG – Chirurg, Aachen
Marcus Gerressen:MKG –Chirurg, Aachen
Lloyd Nanhekhan:Plastischer Chirurg, Leuven
Mandana Shamsinejad:Assistenz, MKG –Chirurgin, Aachen
Edelgard Fischer:Anästhesistin, Aachen
Peter Michael Thamm:Anästhesist, Aachen
Jenny Kißler:Anästhesistin, Rotterdam
Frank Deinet:OP – Fachpfleger, Aachen
Sandro Albaceli:OP– Fachpfleger, Aachen
Benjamin Kölcü:Anästhesiefachpfleger, Würselen
Heiko Cornelis Kleinfeld:Medizinstudent, Aachen

 

Der Einsatz nach Aligarh, der Großstadt im nordindischen Utar-Pradesh etwa 140 km oder 5 Autostunden südöstlich von Delhi , startete am 11.02.2012 bereits zum 5. Mal in Folge.
Aligarh kratzt mit 870.000 Einwohnern knapp an der Millionengrenze und ist vor allem  durch seine 1875 gegründete Aligarh Muslim University berühmt. Nicht nur Menschen aus der Umgebung, sondern auch aus dem ganzen Land nehmen den Weg für eine medizinische Versorgung auf sich und reisen in die Stadt. Durch diese Institution wird nicht nur das Leben der zahlreichen Studenten, sondern auch das der Patienten geprägt und beeinflusst. Hierbei setzen die einen ihre Hoffnung in eine Weiterbildung und sichere Zukunft und die anderen in eine medizinische Betreuung und Genesung.
Wir begannen unsere Reise am Düsseldorfer Flughafen mit der Britisch Airways, wo wir schon ganz am Anfang unseres Einsatzes mit einem massiven Problem konfrontiert wurden, nämlich dem Transport bzw. der Zahlung des Übergepäcks Die durch zahlreiche Spenden organisierten Materialien in zahlreichen Kisten verpackt, konnten nicht ohne einen deutlichen Mehrgeldaufwand aufgegeben und transportiert werden, so dass wir gezwungen waren, alles so geschickt wie möglich noch vor Ort in die letzten Lücken unseres Gepäcks zu reihen. Nach einer langwierigen und unbeschreiblichen Umpackaktion konnten die übrigen Kisten letztendlich aufgeladen werden, so dass wir unsere Reise beginnen konnten. Diese überaus unangenehme Erfahrung zeigt wieder einmal, wie essentiell Beratung und Organisation durch ein kompetentes Reisebüro sein können und wie wichtig die Klärung aller kritischen Punkte im Vorfeld ist. Leider haben wir uns auf die Aussagen unseres in der Planung humanitärer Einsätze angeblich allzu erfahrenen Reisebüros zu sehr verlassen und waren letztendlich auf uns selbst gestellt.
Bei unserer Zwischenlandung in London, die uns eine Verschnaufpause verschaffte, blieb die Spannung und Neugierde auf das, was uns erwartet, weiterhin bestehen.
Auch die Ankunft am Flughafen in Delhi hielt Überraschungen parat wie das Fehlen eines Gepäckstückes mit mikrochirurgischen Instrumenten. Das Bemühen um Aufklärung und weitere Auskunft vor Ort über den Verbleib waren erstmals vergebens. Wie sich später herausstellten sollte (auch hier war uns unser Reisebüro überhaupt keine Hilfe und hat uns nur an die indische BA-Hotline verwiesen), wurde die Kiste verspätet zum Zoll geliefert und war letztendlich nur mit viel Glück, Geschick und gegen eine ordentliche Gebühr aus den Händen der indischen Beamten wieder zu befreien.
Nach dem langen Flug und Zusammensuchen des Gepäckes erwarteten uns die indischen Ärzte mit Transportmöglichkeiten für Gepäck und Personen freudig am Flughafen.
Wir wurden in einer gut 5 Stunden langen Fahrt durch endlose Straßen geführt und mit verschiedensten Eindrücken von Land, Menschen und Tieren konfrontiert.
In Aligarh angekommen, erwartete uns eine Menschenmenge mit vielen neugierigen und gespannten Gesichtern. Wir waren erfreut, dass unser Kommen durch die Medien angekündigt und sehnlichst erwartet wurde. Gerade zu Beginn boten sich eindrucksvolle und überraschende Bilder für beide Seiten, die vor allem für unsere indischen Kollegen und uns eine Menge an bevorstehender Arbeit erwarten ließ.
Das Betreten des Operationssaales ließ keine Zweifel offen, dass trotz unserer Bemühungen der vorausgegangenen 4 Einsätze an allen Ecken und Kanten gearbeitet werden musste, um eine Versorgung in angemessenem Maße gewährleisten zu können. Weder der OP-Tisch noch die Anästhesiegeräte, geschweige denn der Operationssaal als solcher wurden für unsere Ankunft vorbereitet, so dass wir uns ohne Pause sofort an die Arbeit machten. Nach eingehendem und den ganzen Tag dauernden Patientenscreening erstellten wir vorweg einen Operationsplan für unsere Einsatzzeit. Anschließend wurden die mitgebrachten Materialien ausgepackt, sortiert und für die nächsten Tage entsprechend in provisorische Regale aus mitgebrachten Steritüten eingeräumt.
Das Dental College der Muslim University von Aligarh bot dank der Bemühungen unserer Gastgeber und von uns selbst insgesamt auch für größere Eingriffe wie mikrochirurgische Lappen ausreichende Operationsbedingungen, die durch unsere Kreativität in vollen Ausmaß ausgeschöpft wurden. Das Gebäude befand sich von innen in einem ordentlichen baulichen Zustand. Im hinteren Teil befanden sich für die Studenten zahlreiche Behandlungseinheiten für die zahnärztliche Lehre und Ausbildung am Patienten. Weiterhin befanden sich zwei Operationssäle im „operation theatre“. Zu Beginn unserer Arbeit konnte jedoch aufgrund fehlender Einleitungsmöglichkeiten für die Anästhesie und aus Platzmangel nur ein Saal genutzt werden, so dass uns in den ersten drei Tagen lediglich ein Operationsraum zur Verfügung stand. Das Personal zeigte sich überaus hilfsbereit und stand uns in der ganzen Zeit für alle möglichen Belange zur Seite, weswegen wir die Sterilisations- und Patientenabläufe problemlos meistern konnten. Auch eine prä- und postoperative Versorgung mit mehr oder minder ausreichenden Überwachungsmöglichkeiten wurde uns ermöglicht.
Mehrere Teammitglieder nutzten die Pausenzeiten bzw. die freien Valenzen während der ersten Tage zur Sortierung und Listung der vorhandenen Materialien, um beim nächsten Einsatz unsere mitgebrachte Ausrüstung entsprechend anpassen zu können.
Vom Spektrum her zeigten sich reichlich kongenitale Anomalien wie LKG-Spalten, Hämangiome, Fibrome sowie auch Tumorerkrankungen und traumabedingte Deformitäten sowie Verbrennungen. Insgesamt wurden um die 70 Patienten klinisch untersucht, wobei 50 Patienten letztendlich operiert wurden. Die Mehrzahl der Patienten waren Kinder unter 18 Jahren, die überwiegend in Intubationsnarkose operiert wurden. Bei vielen der Patienten wurden mehrere operative Korrekturen miteinander kombiniert (z.B. komplette Spaltverschlüsse, komplette Spaltrevisionen inkl. Septorhinoplastik. Außerdem haben wir es zum ersten Mal geschafft,  unser Spektrum soweit auszudehnen, dass wir 5 mikrochirurgische Gewebstransfers (1 Osteokutane Fibula, 2 Oberschenkellappen, ein Unterarmlappen und ein vaskularisiertes Beckenkammtransplantat) durchführen konnten, was bei unseren ersten Einsätzen in Aligarh unter Berücksichtigung der gegeben Umstände nicht im Traum vorstellbar war. Ebenfalls neu für uns war das Einbinden eines Medizinstudenten ins Team. Wir hoffen, in Zukunft noch mehr interessierte junge Kollege in die Einsatzmannschaft einbinden zu können, um auch langfristig die Kontinuität solcher Einsätze zu gewährleisten.
Die Kinder schauten uns mit neugierigen Blicken an, zeigten aber keine Angst vor dem, was kommt – vielleicht auch weil sie wussten oder zumindest ahnten, dass ihnen geholfen wird. Vor allem in den ersten Tagen zeigte sich, dass trotz ausführlicher Informationen an die Patienten und aus unserer Sicht sorgfältiger Planung viele der Patienten nicht zu ihrem OP-Termin erschienen. Auch das telefonische Nachfragen über den Verbleib führte zu keiner Klärung, so dass wir die Erstellung von Ausweichplänen einführten (damit hätte das Zeitalter des OP-Managements auch Indien erreicht). Dies sollte ein Ausfallen von OP-Kapazität verhindern und auf diese Weise so vielen  Patienten wie möglich die Chance auf eine OP ermöglichen. Im Verlauf fanden wir damit eine Möglichkeit, in das vorgefundene Chaos eine gewisse Routine einzuführen und wurden durch die interessierten und wissbegierigen Ärzte vor Ort unterstützt, ob in Übersetzungs- oder fachspezifischen Fragen. Die Kommunikation verlief bei einem ausgesprochenen Willen der Patienten trotz Sprachschwierigkeiten gut. Nichtsdestotrotz erschienen viele der Patienten am OP-Tag nicht nüchtern und stellten so eine Herausforderung für unser Anästhesie-Team dar. Die genauen Gründe ließen sich bis zum Schluss nicht eruieren, obwohl alle Beteiligten versuchten die Verständigung und die Aufklärungen so ausführlich wie möglich zu gestalten.
Der Raum der uns als Aufwachraum zur Verfügung stand beinhaltete 5 Betten, die nebeneinander aufgereiht wurden.  Wie uns Dr. Ahmed, der ärztliche Leiter der Kieferchirurgie, mitteilte, wird der Raum den Rest des Jahres als Lehrraum für die Studentenausbildung genutzt und wurde eigens für uns umfunktioniert.
Im Bedarfsfall konnte die Überwachung auch im anliegenden Universitätshospital erfolgen, so dass zahlreiche Patienten nicht sofort nach Hause entlassen werden mussten. Nicht nur wegen der medizinischen Versorgung und Überwachung, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass etliche Patienten eine Anreise von mehreren hundert Kilometern in Kauf genommen hatten, stellte sich diese Option als durchaus sinnvoll heraus.
Trotz des Bemühens, so vielen Kindern und Erwachsenen wie möglich eine Therapie zukommen zu lassen, mussten einige auf das nächste Jahr vertröstet werden; darunter befanden sich viele Patienten, die sich erst in den letzten Tagen vor unserer Abreise vorgestellt hatten und für die uns aus diesem Grund keine OP-Kapazitäten mehr zur Verfügung standen.
Am letzten Tag unserer Abreise und nach einem Gesamtresümee von 10 Operationstagen durften wir von einem erfolgreichen Einsatz ausgehen. Die Nach- und Abschlussuntersuchungen lieferten zufrieden stellende Ergebnisse ohne wesentliche Komplikationen. Sowohl die Patienten als auch die indischen Kollegen und wir selbst konnten auf eine schöne und auch gelungene Zeit zurückblicken. Besonders bewegend war der Fall eines kleinen Jungen, der nach schweren Verbrennungen im Gesicht bereits letztes Jahr voroperiert wurde. Dabei wurden Nasenlöcher und der Mundwinkel wiederhergestellt. Dieses Jahr konnte schließlich eine ganz neue Nase mittels mikrovaskulärem Radialislappen geformt werden (Bild 1,2,3). Hier war es besonders berührend, die unglaubliche Dankbarkeit in den Gesichtern der Familie und des Jungen selbst nach gelungener OP sehen zu können.
Eine weitere Besonderheit dieses Einsatzes war die Operation eines mehrfach erfolglos voroperierten 17 jährigen Patienten in der 500 km entfernten Hauptstadt der Provinz Lucknow. Während ein Teil des Teams in die wohlverdiente Einsatzzwischenpause nach Agra zur Besichtigung des Taj Mahals reisten und weiterhin das Jaypour erkundeten, konnten wir mit der anderen Hälfte des Teams am ersten Einsatzwochenende nach Lucknow reisen und den Unterkieferkontinuitätsdefekt des jungen Patienten mit einem mikrochirurgischen Beckenkammtransplantat beheben. An dieser Stelle möchte ich meinen Kollegen und Mitreisenden, insbesondere Frank Deinet und Sandro Albaceli für die hervorragende Planung und ihr Engagement danken. Auch Herrn Dr. Lloyd Nanhekhan und Herrn PD Dr. Dr. Gerressen möchte ich herzlichst für die exzellente Teamarbeit danken, die uns das Gelingen solcher Operationen unter derart schwierigen Umständen erst ermöglichte. Über die Kompetenz und Einsatzliebe unserer Chefanästhesistin Frau Dr. Edelgard Fischer und ihre Kollegen, die alles in den Schatten stellt, braucht man ohnehin nicht mehr viel Worte zu verlieren.
Wie auch schon von den letzten Jahren berichtet, ist vor allem die Möglichkeit, die operative Versorgung in einem Land mit solch speziellen Ausgangsbedingungen zu gewährleisten, eine besondere Herausforderung für das gesamte Team. Nicht nur die zur Verfügung stehenden Ressourcen, sondern auch die kleinen Fortschritte, die von Jahr zu Jahr zu verzeichnen sind, stimmen uns optimistisch für die Zukunft. Eine Neuigkeit unsererseits bestand in einer umfangreicheren und gezielten Dokumentation, die auch für weiterführende Analysen geeignet ist.
An dieser Stelle sei auf das Herzlichste unserer lieben Frau Waltraud Huck und ihre Team von Pro-Interplast gedankt, die uns bei unserem Einsatz finanziell und moralisch in beispielloser Art und Weise unterstützte. Wir danken den entsprechenden Firmen für die vielen Sach-, Medikamenten- und Nahtmaterialspenden, die zum Erfolg der Operationen beitrugen sowie die freundliche Überlassung der Elektrokautergeräte und der Intubationsfiberoptik für die Zeit unseres Einsatzes. Last but not least möchten wir Herrn Klein und seinen Mitarbeitern von German Medical Help für die finanzielle und  physische Unterstützung danken.

 

Fallübersicht Indieneinsatz 2012:
• isolierte Lippenverschlüsse (uni- + bilateral):
• kombinierte Lippen-/ Gaumenverschlüsse:
• Spaltrevisionen (Lippe, Gaumen + kombiniert):
• isolierte Gaumenverschlüsse:
• Velopharyngoplastik:
• bilaterale laterale Gesichtsspalte:
• Zystektomie Unterkiefer:
• Ankyloselösung Kiefergelenk:
• Lösung Narbenkontrakturen Gesicht + Hals nach Verbrennung:
• Lösung Narbenkontrakturen Extremitäten:
• Nasenrekonstruktionen:
• Mikrochirurgische Lappen:

• Tumorresektionen Mund-, Kiefer-, Gesichtsbereich: