Einsatzbericht Coroata (24.10. – 07.11.2015)

Sonntag, 13. Dezember 2015

Der 23. Einsatz des Interplast-Teams von Coroata dieses Jahr war mein erster und hoffentlich nicht mein letzter Interplast-Einsatz im Dschungel- Hospital von Brasilien.

Interplast kooperiert nun seit über einem Jahr mit dem Verein Bigshoe e.V. aus Wangen im Allgäu, dessen Ziel es ist, Spendengelder zu sammeln, um im Umfeld von Fussballweltmeisterschaften humanitäre Hilfsprojekte, wie das Unsere, finanziell zu unterstützen .

So spendet Bigshoe für jede im Dschungel-Hospital durchgeführte Operation einen Betrag von 250 Euro an Interplast. Um einen Nachweis für die Anzahl der stattgefunden Operationen und somit für das riesige Arbeitspensum, welches das bewundernswerte Team Jahr für Jahr absolviert, zu haben und um Bigshoe und seine Spender an dem Erfolg der Arbeit teilhaben zu lassen, wurde bei dem diesjährigen Einsatz eine umfangreiche schriftliche sowie fotografische Dokumentation der Patienten durchgeführt. Da dies allerdings neben der immensen Arbeit für kein Mitglied zu leisten wäre, musste das Team um ein weiteres Mitglied, mit rein dokumentarischer Funktion, erweitert werden.

Diese Aufgabe fiel mir, Eva Flügel, Medizinstudentin aus Köln, zu.

Auf die Anfrage von Interplast erfolgte direkt meine Zusage. Ich freute mich riesig über diese Gelegenheit, ein anderes Land, eine andere Kultur und vor allem in medizinischer Hinsicht seltene Krankheitsbilder, ein anderes Gesundheitssystem und die Umsetzung westlich gelehrter medizinischer Standards und Fähigkeiten bei minimalen Standards und reduzierten Möglichkeiten zu erleben und daran mitwirken zu dürfen.

Vor allem unser erster Arbeitstag wird mir mit Sicherheit immer in Erinnerung bleiben.

Bereits am Abend zuvor und nachfolgend in den frühen Morgenstunden hatten sich unzählige erwartungsvolle und von weit hergereiste Patienten vor und um das Dschungel- Hospital, auch Clinica Sao Daniel genannt, eingefunden. Diese enorme Anzahl von Patienten verlangte eine effektive und systematische Organisation, die auch dieses Jahr Schwester Veronika mit bewundernswerter Hingabe und mit viel Geschick durchführte.

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Coroata 2webSchwester Veronika ist das Fundament und die Seele des Projektes von Coroata.

Sie, die mit ihrem unermüdlichem Willen, Gutes zu tun, der das Schicksal eines jeden Patienten am Herzen liegt und die zusätzlich auch noch auf das leibliche und seelische Wohl eines jeden Teammitglieds bedacht ist; sie ist nicht wegzudenken.

 

So hatte Schwester Veronika bereits vorab Patienten-/Konsultationslisten erstellt, nach welchen wir, Stefan Hessenberger ( Mundkiefergesichtschirurg und Teamleiter), Heikki Leppänen (Mundkiefergesichtschirurg) und ich, uns beinahe im Fünfminutentakt, beginnend am frühen Morgen bis in die späten Abendstunden, Patient für Patient anschauten. Meine Aufgabe bestand in der schriftlichen und fotografischen Dokumentation eines jeden Patienten, bei dem eine Operation in den kommenden Tagen indiziert war. Es waren vor allem viele kleine Patientinnen und Patienten mit Lippen- Kiefer- und/ oder Gaumenspalten dabei, die auf die Hilfe der deutschen Ärzte hofften. Am Ende des ersten Arbeitstages war der Operationsplan der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen bereits für den ganzen Zeitraum unseres Aufenthalts belegt, so mussten leider viele Patienten nach Hause geschickt und auf das nächste Jahr vertröstet werden. Zeitgleich herrschte ein ebenso großer Andrang bei unserem Hals-, Nasen-, Ohrenarzt, Jan Wittlinger, dessen Patienten ebenfalls dokumentiert, fotografiert und in den OP- Plan aufgenommen werden mussten.

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Die anderen Team- Mitglieder brachten währenddessen die mitgebrachten Utensilien, vom Operationsmaterial bis hin zu einem großen Kuscheltierbestand für die kleinen Patienten, an Ort und Stelle und bereiteten den frisch renovierten Operationssaal für die kommenden Tage vor. Der uns von Bigshoe begleitende Journalist, Joachim Umbach, hielt die Szenerien des ersten Tages mit der Kamera fest, führte in den kommenden Tagen Interviews mit den Teammitgliedern und kümmert sich nachfolgend um die Öffentlichkeitsarbeit, die Projekten wie diesem sicherlich zu Gute kommen.

Den ersten Tag summierend war ich erstaunt von dem unglaublichen Andrang, der Not der Patienten und Angehörigen, der sichtbaren Armut, der Ausprägung und Vielfalt der medizinischen Befunde und dem daraus resultierenden Ausmaß der Arbeit, die uns in den kommenden Tagen bevorstand.

Diese Impressionen wurden Tag für Tag verstärkt, doch empfand ich sie nun auch als bereichernd, wissend und sehend was für ein Ehrgeiz, Arbeitswille und was für eine Freude entstehen können, wenn man sich dieser Aufgabe stellt. Und das tat das Team von Coroata!

Coroata 4webSo wurden täglich an einem der beiden Operationstische Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten- Operationen von Stefan Hessenberger und Heikki Leppänen vorgenommen, während der andere Operationstisch abwechselnd unter der Leitung der beiden Plastischen Chirurgen Jan Esters und Michael Sollmann und dem Hals-Nasen- Ohrenarzt Jan Wittlinger stand. Beide Teams konnten durch die gute anästhesistische Leitung von Frank Möller (Anästhesist) , Bastian Böger (Anästhesist), Hans- Peter Loch ( Anästhesie Pflege) und Angelique Saletzki ( Anästhesie Pflege), durch die eingespielte OP- Koordination von Ivonne Reschke ( OP- Schwester) und die einheimischen angelernten OP- Schwestern in einem zügigen Pensum arbeiten, wobei die Qualität der Arbeit immer im Vordergrund stand. Für mich hieß es postoperativ die Patienten zu fotografieren, um somit die Akte eines jeden Patienten für uns und für BigShoe zu komplettieren. Das Ärzteteam, das gerade nicht auf Grund der räumlichen Kapazitäten im OP- Saal tätig sein konnte, widmet sich wieder der nicht endenden Konsultation von Patienten. Durch meine Dokumentationsarbeit musste ich meist überall präsent sein und konnte dabei jedem Teammitglied über die Schulter schauen, helfen und auch etwas lernen. Es ist sehr schön, vor allem aber auch bewundernswert zu beobachten wie vielfältig Medizin sein und wie unterschiedlich man mit ihr umgehen kann. Die schönsten Erlebnisse für mich waren allerdings die zwischenmenschlichen Begegnungen mit den Patienten, an deren Dankbarkeit und Freude nach den Operationen teilzuhaben. Aber auch die Begegnungen mit den Ordensschwestern, den ortsansässigen Helfern und mit jedem Teammitglied habe ich als sehr bereichernd empfunden. So habe ich die gemeinsamen Mahlzeiten, Abende und auch die große Abschieds- und Dankesfeier sehr genossen. Hierbei wurden Lebensgeschichten, die Motivation sich Interplast anzuschließen, persönliche Eindrücke und Erfahrungen offensichtlich.

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Die Zahlen repräsentieren unseren diesjährigen Erfolg des Einsatzes auf objektive Art und Weise: Es wurden insgesamt 467 Patienten konsultiert und 121 Operationen, davon 97 in ITN vorgenommen und das an 10 OP-Tagen.

Meine persönlichen Eindrücke spiegeln den unglaublichen Erfolg auf subjektiver Ebene wider: Für mich war es einzigartig, Teil eines solchen Einsatzes während meiner Studienzeit zu sein und mitzuerleben, wie viele Menschen das Team von Coroata helfen konnte, wie viele Lebensgeschichten durch die Eingriffe neu geschrieben und begonnen werden können und wie effektiv man in einem gut funktionierenden Team arbeiten kann.

Es waren unvergessliche Tage für mich und eine Bereicherung meines Lebens.
Eva Flügel