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PLASTISCHE UND REKONSTRUKTIVE CHIRURGIE FÜR AFGHANEN
Zeitraum: November 1989 – September 1999
Anzahl der Teams: 50
Anzahl der Operationen: 7.891
Anteil der weiblichen Patienten: 38 %
Anteil der männlichen Patienten: 62 %
Kinder unter 12 Jahren: 43 %
Anzahl der ambulant untersuchten und behandelten Patienten:
70.578
Operationen im Gesicht: 925
Operationen an Händen:
incl. motorische Ersatzoperationen bei Lähmungen der oberen
Extremität 1.281
Operationen bei Haut- und Weichteildefekten
(ausged. Hauttransplantationen, Lappen
incl. freier Gewebetransfer),
Weichteiltumoren: 1.428
Wiederherstellende Operationen an Knochen und Gelenken:
1.093
Motorische Ersatzoperationen bei Lähmungen der unteren
Extremität: 1.782
Korrekturoperationen bei Klumpfuß und anderen Skelettmißbildungen:
676
Urologische Operationen: 122
Allgemeinchirurgische Operationen: 74
Septische Operationen: 510
PLASTISCHE UND REKONSTRUKTIVE CHIRURGIE FÜR AFGHANEN
Peshawar Jalalabad
Zeitraum: 11/89-8/95 und 9/95-9/99
Anzahl der Teams: 39 / 11
Anzahl der Operationen: 3.303 / 4.588
Anteil der weiblichen Patienten: 36 % / 40 %
Anteil der männlichen Patienten: 64 % / 60
%
Kinder unter 12 Jahren: 37 % / 48 %
Anzahl der ambulant untersuchten und behandelten Patienten:
30.961 / 39.617
Operationen im Gesicht: 445 / 480
Operationen an Händen incl. motorische Ersatzoperationen
bei Lähmungen der oberen Extremität: 558 / 723
Operationen bei Haut- und Weichteildefekten
(ausged. Hauttransplantationen, Lappen
incl. freier Gewebetransfer),
Weichteiltumoren: 673 / 755
Wiederherstellende Operationen an
Knochen und Gelenken: 601 / 492
Motorische Ersatzoperationen
bei Lähmungen der unteren Extremität: 572 / 1.210
Korrekturoperationen bei
Klumpfuß und anderen Skelettmißbildungen: 138
/ 538
Urologische Operationen: 30 / 92
Allgemeinchirurgische Operationen: 71 / 3
Septische Operationen: 215 / 295
PLASTISCHE UND REKONSTRUKTIVE CHIRURGIE FÜR AFGHANEN
Zehn Jahre bestand das Projekt „Plastische und rekonstruktive
Chirurgie für Afghanen“ in Peshawar bzw Jalalabad . Einzelne
Interplasteinsätze in den afghanischen Flüchtlingskrankenhäusern
in Peshawar hatten gezeigt, daß die vorliegenden Probleme
durch die übliche Art der Interplastarbeit, ein- oder zweimal
im Jahr ein Team für jeweils zwei bis drei Wochen zu schicken,
nicht zu lösen waren. Dazu war die Zahl der Patienten, die
Hilfe brauchten, zu groß und ein Großteil benötigte
mehr als eine Operation. Oft handelte es sich um Kriegsverletzte
mit Verstümmelungen, schlecht heilenden, infizierten Wunden
nach Schuß- oder Minenverletzungen, entstellenden und funktionsbeeinträchtigenden
Narben, wo nur durch mehrere Operationen geholfen werden konnte.
Dazu kamen die vielen Patienten mit angeborenen oder erworbenen
Mißbildungen, die bedingt durch den seit Jahren bestehenden
Krieg nicht oder unzureichend versorgt waren. Nur eine ständige
fortgesetzte Hilfe über einen längeren Zeitraum konnte
dieser Aufgabe gerecht werden. Da es aber nicht möglich sein
würde, ein Team für eine längere Zeit nach Peshawar
zu schicken, war es nur möglich, durch eine rasche Folge mehrerer
Teams das gleiche Ziel zu erreichen.
Unter diesem Gesichtspunkt wurde das Projekt ins Leben gerufen,
ein gemeinsames Projekt von HELP-Germany, Deutschem Afghanistan
Komitee und INTERPLAST. Die Aufgaben waren so verteilt, daß
HELP sich um die Organisation in Deutschland kümmern sollte
einschließlich der Finanzierung, zuerst durch das Auswärtige
Amt, später durch die Europäische Union, das Deutsche
Afghanistan Komitee die Organisation in Peshawar übernahm und
INTERPLAST für die medizinische Durchführung verantwortlich
war. Die Arbeit von INTERPLAST für die Vorbereitung dieses
Projektes lag ganz auf den Schultern der Sektion Frankfurt, das
waren Frau Dr. Wolters und Herr Dr. Lampe, die nicht nur das erste
Team stellten, sondern auch fast in jedem Jahr in Peshawar oder
Jalalabad waren.
Sie waren damit zusammen mit Herrn Dr. Schoeneich von der Sektion
München die häufigsten Besucher.
Zur Vorbereitung in Peshawar wurde ich als Mitarbeiter des Deutschen
Afghanistan Komitees im Herbst 1989 aus Afghanistan zurückgerufen,
wo ich unter anderem mit der Gründung des Hospitals in Chak-e-Wardak
beschäftigt war.
Da ein eigenes Krankenhaus für das INTERPLAST-Projekt in Peshawar
nicht existierte, waren wir gezwungen, als Gäste in geeigneten
Krankenhäusern zu arbeiten. Die fanden wir einmal in einem
neu erbauten Krankenhaus der Partei des späteren ersten Präsidenten
der Islamischen Republik Afghanistan, Mujadeddi, dem Afghan Trauma
Center, und dem ebenfalls neu gebauten Krankenhaus der französischen
Malteser, dem MRCA. Die Patienten, die uns von den Flüchtlingsparteien,
anderen Hilfsorganisationen, dem Internationalen Roten Kreuz und
den Krankenstationen der Flüchtlingslager zugewiesen wurden,
nach einer kurzen Anlaufszeit aber mehr und mehr aus eigenem Antrieb
kamen, wurden in der eigens eingerichteten täglichen Sprechstunde
untersucht und ein entsprechendes Programm für die jeweiligen
Teams zusammengestellt.
Wie richtig das Konzept war, auch schwierigere Operationen vor
Ort durchzuführen statt die Patienten für viel Geld und
lange Zeit ins westliche Ausland zu schicken, zeigt die Tatsache,
daß selbst das „McCollum-Programm“, das eigentlich
Patienten nach Amerika bringen sollte zur Behandlung, in zunehmendem
Maße seine Patienten uns zuwies.
Zunächst war für jeden Monat ein Team vorgesehen, das
jeweils zwei Wochen blieb, davon eine Woche im ATC und eine Woche
im MRCA operierte. Dann hatte ich immer zwei Wochen Zeit, die Nachbehandlungen
durchzuführen und neue Patienten auszusuchen, bevor das nächste
Team kam. In den Sommermonaten, wenn in Peshawar die Temperaturen
auf über 40° stiegen, ruhte die Arbeit.
Dann ging ich wieder nach Afghanistan, um in den Kliniken des Deutschen
Afghanistan Komitees zu arbeiten.
Bis einschließlich August 1995 wurden so 39 INTERPLAST-Einsätze
durchgeführt. Dabei wurden 3.303 Operationen durchgeführt,
in der Ambulanz in der gleichen Zeit 30.961 Patienten behandelt.
Die Teams kamen dabei in der Mehrzahl aus Deutschland, aber auch
aus England, Holland, Belgien, Oesterreich , Italien und Frankreich.
Die Sektionen Frankfurt und München waren mit jeweils sechs
Einsätzen am häufigsten in Peshawar.
Alle Eingriffe der Wiederherstellungschirurgie wurden durchgeführt
einschließlich mikrochirurgischer Operationen.
Nach drei Jahren stellte das Auswärtige Amt die Förderung
des Projektes ein., und damit schied auch das Deutsche Afghanistan
Komitee aus dem Projekt aus.
Um das Projekt weiterführen zu können, wurde ein Antrag
auf Förderung bei der Europäischen Union gestellt, der
auch Erfolg hatte, allerdings mit deutlich gekürztem Budget,
so daß auch die Zahl der Teams reduziert werden mußte.
Das bedeutete, daß die Mehrzahl der Operationen nun nicht
mehr von den Teams durchgeführt wurden. Da das ATC in der Zwischenzeit
auch von dem Projekt übernommen worden war –wegen Geldmangel
der Partei war es geschlossen worden-, stand nun dem Projekt ein
eigenes Krankenhaus zur Verfügung, so daß ein kontinuierliches
Arbeiten gewährleistet war auch ohne die Anwesenheit von Teams
aus Europa.
So konnte auch der zweiten Aufgabe des Projektes, der Ausbildung
einheimischer Kräfte, besser entsprochen werden. Allerdings
muß ich hier sagen, daß im Gegensatz zu der erfolgreichen
operativen Arbeit die Ausbildung der einheimischen Ärzte wenig
erfolgreich war. Keiner der einheimischen Ärte, die in all
den Jahren mit Interplast gearbeitet haben, ist dabei geblieben
. Sie sind entweder ausgewandert nach Amerika, Kanada, England oder
Australien, oder sie sitzen in Peshawar in ihrer eigenen Praxis,
um Geld zu machen. Als das Projekt im September 1995 nach Jalalabad
in Afghanistan in ein eigenes „INTERPLAST-Krankenhaus“
umgezogen war, waren nach zwei Wochen alle Ärzte verschwunden.
Die Arbeit und die Lebensumstände in ihrem Heimatland waren
ihnen zu mühselig und es zeichneten sich keine Möglichkeiten
von lukrativen Nebenverdiensten ab. Nur eine Ärztin war geblieben,
die dann aber auch, nachdem sie etwas selbständig geworden
war, mit der Familie nach Australien auswanderte. Im Gegensatz zu
den Ärzten blieben die meisten der übrigen Angestellten,
besonders die Pfleger, dem Projekt treu und blieben auch am Ende
mit Arbeitsverträgen des Gesundheitsministeriums im Land.
Mit der Eroberung Kabuls durch die Mujaheddin kehrte auch ein Teil
der Flüchtlinge nach Afghanistan zurück und es stellte
sich die Frage, ob es nicht sinnvoller ist, das ganze Projekt nach
Afghanistan zu verlegen und so auch am Wiederaufbau des Landes mitzuwirken
, zugleich etwas zur Rückführung der Flüchtlinge
zu tun und zur Verbesserung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung.
Da Kabul zu unsicher war, ständig kam es zu neuen Kämpfen
zwischen den einzelnen Mujaheddinfraktionen, die zur weitgehenden
Zerstörung der Stadt führten, bot sich Jalalabad als neuer
Standort an. Mit der finanziellen Hilfe der Sektionen Frankfurt
und München sowie der Deutschen Botschaft in Islamabad wurde
dort ein durch den Krieg zerstörtes Haus wieder aufgebaut und
als Krankenhaus eingerichtet.
Im September 1995 konnten wir dorthin umziehen und starteten zunächst
mit zwanzig Betten, später waren es fünfunddreißig.
Sehr schnell entwickelte sich das „Interplast-hospital“
wie es von der Bevölkerung genannt wurde, zu einem Ort, zu
dem die Patienten von weither kamen. Jeden Tag fanden sich in der
Sprechsunde dreißig, fünfzig oder noch mehr Patienten
ein, knapp 40.000 in den vier Jahren bis September 1999. Und über
viereinhalb tausend Operationen wurden in dieser Zeit durchgeführt.
Hier konnte man sehen, was der Krieg in all den Jahren angerichtet
hatte und wozu der Weggang so vieler Ärzte aus diesem Land
geführt hatte.
Menschen mit alten vereiterten Wunden, falsch verheilten Knochenbrüchen,
alten Schußverletzungen, Lähmungen an Armen und Beinen,
mit von Tumoren zerfressenen Gesichtern, mit entstellenden Narben,
mit seit Wochen eiternden großflächigen Verbrennungswunden,
mit chronischen Knocheneiterungen und immer wieder Kinder mit Folgen
der Kinderlähmung.
Elf Teams kamen in den vier Jahren nach Jalalabad, hauptsächlich
Teams aus München und Frankfurt.
Der immer enger werdende Finanzrahmen ließ nur maximal drei
bis vier Teams im Jahr zu, und die teilweise unsichere politische
Lage schreckte doch manchen ab, nach Afghanistan zu kommen. Aber
so wie Herr Dr. Schoeneich den Mut hatte, unmittelbar nach dem Golfkrieg,
als die meisten Ausländer Pakistan verlassen hatten, mit seinem
Team nach Peshawar zu kommen, so hatte Dr. Lampe mit seinem Frankfurter
Team den Mut, trotz aller Schreckensmeldungen unmittelbar nach der
Eroberung Jalalabads durch die Taliban nach Afghanistan zu kommen,
wie auch kurze Zeit danach Professor Baudet aus Bordeaux mit seinen
Leuten, obwohl wieder mal alle anderen Ausländer die Stadt
verlassen hatten. Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang
Frau Dr. Fabius-Börner, die als Anästhesistin nicht nur
alle Einsätze der Frankfurter Teams in Peshawar und Jalalabad
mitmachte, sondern darüber hinaus zweimal nur begleitet von
einer Anästhesieschwester nach Jalalabad fuhr, um mich bei
meiner Arbeit zu unterstützen.
Leider wurde es zunehmend schwieriger, die Verantwortlichen bei
der EU von der Wichtigkeit einer Weiterfinanzierung des Projektes
zu überzeugen, dazu kam der Streit der UN und der EU mit den
Taliban, der zum Rückzug der EU aus Afghanistan führte.
Die medizinische Beauftragte der EU war der Meinung, daß
das Interplast-Projekt keinen lebensrettenden Maßnahmen diente
und deshalb nicht weiter förderungswürdig sei, so daß
die Finanzierung durch die EU im Oktober 1998 eingestellt wurde.
Erschwerend kam die Situation hinzu, die durch den Raketenüberfall
der Amerikaner entstanden war und der auch zur Schließung
aller UN-Büros in Afghanistan führte. Auch eine vorübergehende
Finanzierung durch das Auswärtige Amt und Bemühungen in
Brüssel konnten das Ende des Projektes nicht aufhalten. Ende
September 1999 wurde das Projekt eingestellt, nachdem das Krankenhaus
mit den einheimischen Mitarbeitern dem Afghanischen Gesundheitsministerium
übergeben war.
Afghanistan hat nur noch wenige Fürsprecher. Die Mitverantwortlichen
für das Unglück dieses Landes haben ihr Interessse verloren,
kleiden aber das Verweigern weiterer Hilfe in den Mantel der Menschenrechtsforderungen.
Gleichzeitig scheuen sie sich aber nicht, selbst durch Raketenüberfälle
die Menschenrechte massiv zu verletzen. So wird die internationale
Hilfe für das Land immer geringer, obwohl die Probleme nicht
geringer geworden sind. Und ohne die finanzielle Unterstützung
der Internationalen Organisationen ist ein kontinuierliches Arbeiten
nicht möglich. Doch sollte und wird INTERPLAST durch weitere
Einsätze an geeigneten Orten helfen, Patienten mit all den
angeborenen oder durch den Krieg erworbenen Mißbildungen zu
behandeln.
Lebensrettende Hilfe ist nicht das Ziel der Arbeit von Interplast,
dafür sind andere zuständig, wie in Kriegsgebieten das
Internationale Komitee vom Roten Kreuz, aber das Projekt hat Tausenden
von Menschen geholfen, wieder ein menschenwürdiges Leben zu
führen, für sich selbst zu sorgen, indem sie ihre vorher
gelähmten Arme und Beine wieder gebrauchen können, durch
Behandlung ihrer enstellenden Mißbildungen wieder ansehbare
Mitglieder der Gesellschaft geworden sind, hat ihnen die Gebrauchsfähigkeit
ihrer Glieder wwiedergegeben, so daß sie für sich selber
sorgen können und nicht anderen zur Last fallen oder als Bettler
im Bazaar sitzen.
Es kann auch nicht die Aufgabe von Interplast sein, Krankenhäuser
in Entwicklungsländern zu unterhalten, dies kann nur durch
andere Hilfsorganisationen mit der finanziellen Hilfe der politischen
Einrichtungen geschehen, wobei Interplast nur durch die Entsendung
von Teams helfen kann.
Die Arbeit des Projektes hat gezeigt, daß es möglich
ist, in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen vor Ort durch
die kontinuierliche Entsendung von Teams, daß auch Patienten,
denen nur mit aufwendigen und mehrfachen Operationen zu helfen ist,
dort behandelt werden können und daß es nicht notwendig
ist, diese Patienten ins Ausland zu schicken mit allen bekannten
Nachteilen, und das zu einem Bruchteil der Kosten. Selbst mikrochirurgische
Operationen können dann mit gutem Erfolg durchgeführt
werden.
Dr.med. Ortwin Joch
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