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23. Bericht über unseren 35. medizinischen Einsatz in Entwicklungsländern
(davon 15 Einsätze in Coroata, Brasilien) im August 2005
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»Wer arm ist an Wünschen,
ist reich an Zufriedenheit.«
(bras. Sprichwort) |
Werner und Gretel Widmaier |
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Unser 35. medizinischer Einsatz stand unter dem Motto: »Alles hat seine Zeit«
Wir hätten nicht gedacht, als wir 1992 unseren ersten med. Einsatz in Coroatà in Brasilien planten und durchführten , dass wir 14 Mal wiederkommen würden um Patienten kostenlos zu operieren. Der Beginn war äußerst schwierig. Wir waren zwar inzwischen Afrika- und Indonesien- erfahren, doch in Brasilien mussten wir neu beginnen. Wir wurden von einem Fernsehteam begleitet, der Film den sie drehten wurde mehrmals gesendet unter dem Titel:
„Menschlichkeit braucht ein Gesicht“
Dieser, unser letzter medizinischer Einsatz war geprägt von unzählig vielen Patienten, von enormen Schwierigkeiten mit dem Zoll und von Abschiedsgedanken.
Mein Mann ist 82 Jahre alt, er meint wie aus dem Motto zu ersehen, „alles hat seine Zeit“ und er hat dieses Jahr beschlossen mit der Arbeit aufzuhören und sie in jüngere Hände zu legen. Wir hätten nie zu träumen gewagt, Nachfolger für unsere Arbeit zu finden, Kollegen wie Dres. Hubertus und Marlene Tilkorn aus Münster für Plastische Chirurgie – Hubertus Tilkorn war in Hornheide/Münster jahrelang Chefarzt an der Klinik dort – und Dr. Stefan Hessenberger Bochum, für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie. Wir sehen darin ein Zeichen und eine Fügung. So konnten wir, nicht ganz ohne Abschiedsschmerz, doch getrost die von uns aufgebaute und all die Jahre über getane Arbeit in der kleinen Klinik „Vincent von Paul“ in Coroata im August 2005 übergeben.
Hubertus und Marlene sind beide kurze Zeit erst Pensionäre und uns liebe und gute Freunde geworden, Stefan hat die Arbeit in Coroata seit Beginn an begleitet, als Medizinstudent war er bereits 1992 mit dabei, inzwischen ist er ein exzellenter Facharzt für Kieferchirurgie. Noch ein Glück dazu und keine Selbstverständlichkeit ist es, dass die Tilkorns und Stefan
Hessenberger sich gut verstehen und bestens zusammenarbeiten. Sie werden in Zukunft das Team zusammenstellen, die Einsatzzeit festlegen und weiter für die Patienten in Brasilien zusammen mit den nicht wegzudenkenden Solanus-Schwestern Veronika und Myriam arbeiten. Wir können nur sagen DANKE !!!
Wir werden die Sektion Stuttgart und beide Konten unter Prof. Dr. Dr. Werner Widmaier in Absprache mit Dr. Andre Borsche, Präsident und Vorsitzender von INTERPLAST-Gemany e.V. im Jahre 2006 auflösen. Noch restliches Geld auf unserem Spendenkonto geht auf das Konto
INTERPLAST STIFTUNG Brasilien, Kto. 8616000, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 550 205 00. Wer die medizinische Arbeit weiter unterstützen möchte, kann dies tun.
Spendenbescheinigungen werden nicht mehr von uns, sondern von INTERPLAST- Germany e.V. erteilt.
Dieser letzte Einsatz für uns zeigte uns noch einmal viel Schönes, glückliche Patienten nach den Operationen, die Freude der Leute nach einer gelungenen Operation und ihrer neu gefundenen Würde ist nicht in Geld aufzuwiegen. Doch wir bekamen auch die ganze Kraft der Korruption zu spüren. Am Zoll wurden wir, „psychischer Folter“ ähnlich, behandelt. Alle 15 vorab geschickten Pakete mit medizinischem Material und allen Zollerklärungen, die von uns aus Deutschland nötig waren, samt Inhaltsangaben, wurden in Sao Luis am Zoll beschlagnahmt. Als wir persönlich, nach langer anstrengender Reise zwei Stunden mit den Zöllnern verhandelten, stellten wir fest, dass wir gar nichts ausrichten konnten, weil immer neu von fehlenden Dokumenten die Rede war. Wir ließen zwei unserer jungen Ärzte am Zoll, Stefan und Alexander, er ist Brasilianer und gehört schon drei Jahre zu unserem Team. Wir fuhren die vier Stunden mit dem Auto weiter nach Coroata um mit der Arbeit zu beginnen. Uns fehlte natürlich fast alles an Material.
Wir machten am ersten Tag Sprechstunde für die über 200 wartenden Patienten. Wir kauften und liehen uns an Material was eben ging. Aus Sao Luis hörten wir von unseren Leuten, dass man sie hinhält und nichts voran geht. Alexander, unser junger brasilianischer Arzt musste den Zöllnern Skalpellklingen, in 100er Päckchen verpackt, einzeln vorzählen, sie mussten alles in den Kartons ordnen, um danach zuschauen zu müssen, wie der Zöllner den Inhalt aller Kartons auf eine Viehwaage leerte um zu sagen, dass das Gewicht überschritten sei. Schikane pur. Bischof Dr. Pünder schaltete sich noch ein, doch nach zwei Tagen kamen unsere Ärzte unverrichteter Dinge zurück. Unsere Stimmung war am Boden, doch mit viel Improvisation begannen die Operationen, jeder tat sein Bestes. Die Patienten merkten nichts von den Zollschikanen.
Das Team arbeitete gut zusammen, der Anästhesist Stefan Graf, Chefarzt aus Tafers in der Schweiz und Anästhesieschwester Martina Schwär aus Breitnau hatten zu tun. Besonders bei den kleinen Kindern ist die Narkose unter den dortigen Bedingungen nicht einfach. 98 Patienten wurden operiert, zum Team gehörten unsere Tochter, Beate Augustyn, Krankenschwester aus München, die brasilianischen Ärzte, Paula und Alexander aus Sao Paulo, Frau Dr. Socorro aus Sao Luis sowie Dr. Teixeira, aus Fortaleza, der uns letztes Jahr schon besucht hat. Er hat vor, in Fortaleza ein Krankenhaus zu erbauen und dort Patienten auch unentgeltlich zu operieren, dem „Widmaier-Modell“ gleich, wie er sagt. Abwarten, bis der Bau steht, und die Arbeit beginnen kann. Baupläne haben wir gesehen, sie bedürfen noch der Genehmigung.
Frau Dr. Marlene Tilkorn wird in Zukunft in etwa meine Arbeit übernehmen: Aufnahme der Patienten und deren Einteilung in den OP Plan, die Organisation des Tages, Assistenz im OP und was alles so ansteht. Dr. Hubertus und Dr. Stefan teilen sich die Aufgaben im OP. Es wird ohne große Veränderung ähnlich weiter gehen mit Hilfe der einheimischen Brasilianer Marron und Gardenia, vor allem aber mit der Equipe von Sr. Veronika. Allen sei an dieser Stelle noch einmal von ganzem Herzen gedankt für gar alles, besonders den Schwestern. Die Küche hat dieses Jahr wieder Hervorragendes geleistet, es gab Tage, da wollten 150 Leute essen!! Klimatisch war es sehr heiß, die Regenzeit war ausgeblieben. Die Operateure hatten von früh bis spät viel zu tun: Schwere Verätzungen, Verbrennungen, Tumore, Lippenspaltpatienten und über 20 Kinder mit Gaumenspalten. Und immer dabei die notvollen Geschichten so mancher Familien, die nachdenklich und traurig stimmten.
Der kleine Abschiedsabend wurde für meinen Mann, mich und unsere Tochter Beate sehr schön gestaltet. Wir konnten uns bei allen persönlich bedanken und wurden in rührender Weise beschenkt und bedankt. Die Fotos sprechen für sich.
Dass uns der Abschied nicht leicht fiel, darf gesagt sein. Wir haben viel gelernt von den Menschen in den verschiedenen Ländern und der Arbeit an den Einsatzorten. An inneren Bildern bleibt uns die bezaubernde Schönheit der Natur allüberall, ob in Afrika, Asien oder in Brasilien.
Uns sind Menschen vieler Nationen zu Freunden geworden, wir haben unbeschreibliche Gastfreundschaft erlebt bei Armen, die ihr Weniges mit uns geteilt haben. Wir erfuhren „Familie“, die uns das Immer-wieder-Kommen wie „Heimkommen“ erleben ließen. Alles in allem sind wir dankbar für eine Lebenserfahrung in unserer dritten Lebenshälfte, die wir so nie geahnt hätten, und von der wir nun dankbar zehren werden.
Unser großer Dank gilt ganz besonders allen Teammitgliedern die uns bei den 35 medizinischen Einsätzen begleitet und mitgearbeitet haben, sowohl aus Deutschland als auch aus andern Ländern. Dank auch allen Ärzten und Ärztinnen die an den verschiedenen Einsatzplätzen vor Ort die Arbeitsmöglichkeiten erleichtert und mitgearbeitet haben. Dank den Bischöfen in Afrika und Brasilien, die uns eingeladen haben und so manche Schwierigkeiten mitgetragen oder ausgeräumt haben. Dank besonders an Pfarrer Paul Stapel in Brasilien, jetzt in Deutschland; ohne ihn wäre das Projekt Coroata nicht denkbar. Dank auch an Dr. Stefan Hessenberger, der die von uns begonnene medizinische Arbeit in Asien, auf der Insel Sumatra (Indonesien ) im Krankenhaus in Balige, von Evangelischen Schwestern geleitet, weiterführt und dies schon seit drei Jahren.
Nicht zuletzt möchten wir all denen danken, die diese 35 Einsätze ermöglicht haben durch materielle und finanzielle aber auch ideelle Hilfen. Alle Spender einzeln zu nennen ist nicht möglich. Landkreis, Kommunen, Firmen, Pfarrgemeinden, Krankenhäuser, Städte, besonders Leonberg, Familienmitglieder, Spender-Freundeskreiskreis. Wir sagen allen Vergelt’s Gott!
Wussten Sie,
- dass Brasilien nach dem Tintenholz (frz.: bresil ) benannt wurde, das die Eroberer vor 500 Jahren in seinen Wäldern fanden?
- dass sich 92 Prozent aller Brasilianer überwiegend von schwarzen Bohnen, Reis und Maniok ernähren?
- dass von der Indio-Urbevölkerung Brasiliens etwa fünf Millionen ermordet wurden und heute nur noch circa 300 000 Indios in dem riesigen Land leben? (24 mal so groß wie unsere Bundesrepublik)
- dass von den 180 Millionen Einwohnern Brasiliens etwa 140 Millionen in den Städten leben?
- dass Sao Paulo Deutschlands größtes Industriezentrum ist? Dort produzieren deutsche Firmen mehr als in irgendeiner Stadt der Bundesrepublik.
Zum Schluss möchten wir allen, die diesen letzten Bericht von uns lesen, den Dank einer brasilianischen Patientin zukommen lassen der uns tief berührt hat und an alle Teammitglieder gerichtet ist:
„ Es lag ein Stein auf meinem Weg,
auf meinem Weg lag ein Stein.
Ich werde diesen Stein
auf meinem Weg nie vergessen.
Es lag ein Stein auf meinem Weg.“
(Carlos Drumond de Andrade )
Das ist meine Geschichte und all derer, die hier durch diese Klinik gingen und noch gehen werden. Wir kamen hier an mit einem Stein auf unserem Weg. Einige mit einem kleinen, andere mit einem großen Stein. Der Stein der uns viele Male hinderte, Kontakte zu knüpfen, zu lachen, zu spielen, zu arbeiten zu leben, der uns viele Male ängstigte und uns am Glück hinderte.
Er entfernt sich nun immer mehr von unserem Weg. Dank Euch aller sind wir nun gestärkt unseren Weg in der Welt zu gehen, und die Angst von früher wandelt sich in den Willen zu leben und glücklich zu sein. Ein aufrichtiges Danke nicht nur von mir, nicht nur von Maranhao an Euch alle, die ihr Frieden, Freude, Verstehen, Kompetenz und menschliche Gefühle vermittelt und ausstrahlt. Ihr verdient einen speziellen Dank aus ganz Brasilien.
Welch ein Wunder ! Auf meinem Weg lag ein Stein, aber jetzt gibt es ihn nicht mehr. DANKE
Maria Neidi Cardoso, Teofilo Otoni,aus Minas Gerais
Wir grüßen alle, die an unserer medizinischen Arbeit teilgenommen haben in jedweder Form. Da wir eine brasilianische Schwiegertochter bekommen haben, werden wir den Kontakt zu diesem schönen Land nicht verlieren.
Werner und Gretel Widmaier
Aufbau eines eigenen Krankenhauses in Coroatá Brasilien 1992 – 2005
Ein Brief des Bischofs von Coroata mit der Bitte, in seiner Diözese Menschen mit Missbildungen zu operieren, war der Auslöser, dass mein Mann und ich uns auf den Weg dorthin machten, um zu sehen, wie die Situation ist – zumal in dem Brief die Frage anklang, ob wir Wasser und Strom benötigten. Wir fanden einen Rohbau ohne alle Anschlüsse vor. Der tüchtige Pfarrer, Paul Stapel schlug uns vor, in den sechs Tagen unseres Kurzaufenthaltes einen kleinen Plan zu zeichnen, wie wir uns einen funktionierenden OP Bau vorstellten. Geld sei zwar keines da, aber in zwei Monaten sei alles erbaut. Die Vorsehung werde schon mitspielen. Wir staunten ohne Ende. Als nach der Besichtigung des Geländes und unserer Planung Paul meinte, alles koste circa 20.000 bis 30.000 Mark, sagte mein Mann, dass wir zusammen mit unserem Spenderkreis für die Bezahlung aufkommen würden. Antwort von Paul: „Na seht ihr, wie die Vorsehung gut funktioniert!“
Unser Problem hieß nun: OP-Einrichtung günstig finden. Ein Freund teilte uns mit, dass im Leonberger Kreiskrankenhaus im Keller alte OP-Einrichtungsgegenstände lagern. Wir bekamen alles geschenkt, sorgten für den Transport, und verschickten einen Container mit gar allem Material.
Als unser Team drei Monate später eintraf um den tatsächlich schönen OP – Trakt in Betrieb zu nehmen, fehlte der Container. Zollschikanen und Wunsch nach Schmiergeld. Der Container kam schließlich nach einer Woche ohne zu bezahlen frei, und die Arbeit konnte beginnen. Die Umstände damals sind kaum zu beschreiben. Kein Brunnen, k aum Küche, ein kleiner Herd und ein von uns mitgebrachter Kühlschrank, täglich Stromausfall, das Gelände roh und unbepflanzt, viele hungrige Patienten, keine Wäscherin, tageweise nur eine Köchin, wir wurden heftig bestohlen, kurz um alles neu und sehr ungewohnt.
Da hat sich natürlich inzwischen viel geändert, die Leute vertrauen uns, stehlen nicht mehr, sind kooperativ und freuen sich dass wir jedes Jahr wieder kommen. Nicht verändert hat sich das Klima, die Insekten und sonstigen Tiere, die Not der Leute und das himmelschreiende Elend der Menschen dort, nicht zu schweigen von der Korruption.
Durch die Ordensschwestern hat sich viel verbessert: Hygiene, Ordnung, Pflege, Ernährung; auch wir profitieren davon bei unseren Einsätzen. Leider ist der einheimische Arzt, Dr. Alberto, weggezogen; er hat nicht genug verdient. Doch uns helfen inzwischen gut angelernte brasilianische Frauen und Männer in bewundernswerter Weise.
In der ersten Probewoche dachten einst mein Mann und ich, hier würde nie ein Einsatz stattfinden können. Dies sieht heute, dank aller Spender und großer eigener Initiative, anders aus. Wir haben 15 medizinische Einsätze in Coroata durchgeführt und circa 2000 Patienten operiert und 3000 Menschen behandelt.
Gretel Widmaier
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