HUMANITÄRER HILFSEINSATZ AM HKBP HOSPITAL IN BALIGE, INDONESIEN vom 16. bis zum 29. Januar 2005

Bereits zum vierten Mal reisten wir dieses Jahr in den Norden der indonesischen Insel Sumatra, um am evangelisch geleiteten HKBP Hospital in Balige Patienten vornehmlich mit Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten zu operieren.

Initiiert wurde dieses Projekt 1996 durch Prof. Werner Widmaier, mit dem wir die erste Reise dorthin gemeinsam unternahmen. Seither führen wir dieses Projekt ohne ihn weiter, da Werner Widmaier ja bekanntermaßen nach wie vor trotz seines hohen Alters sein humanitäres Engagement nimmermüde in Brasilien und Tansania fortsetzt.

Die Vorbereitungen zu diesem Einsatz dauerten über ein Jahr, Planung und Kommunikation auch in Zeiten der globalen Vernetzung waren nicht immer einfach.

Der Großteil der mitzunehmenden Ausrüstung und des Verbrauchsmaterials schickten wir dieses Jahr zum ersten Mal per UPS voraus. Dies hat sich bewährt.

Die Ausrüstung kam sicher, pünktlich und vollständig an.

Am Abreisetag machte sich dann erneut ein sechsköpfiges Team auf den Weg. Dieses Team bestand aus unserer bewährten und erprobten Anästhesie-abteilung mit Dr. Frank Möller aus Bochum und Jutta Nickels aus Trier.

 

Prof. Dr. Dr. Klaus-Dietrich Wolff, Dr. Stefan Hessenberger und Dr. Jutta Lehmbrock, allesamt Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen aus Bochum, übernahmen die chirurgischen Aufgaben.

Zum ersten Mal mit von der Partie war der Pädiater und Neonatologe Dr. Guido Kuhmann aus Köln.

Natürlich stand die gesamte Unternehmung dieses Jahr unter dem Eindruck der Tsunami-Katastrophe vom 26.12.2004. Nur drei Wochen vor unserer Abreise ereignete sich im Norden Sumatras die schlimmste Naturkatastrophe seit Menschengedenken.

Für uns waren sämtliche Reisepläne in Frage gestellt, die Kommunikation mit dem Krankenhaus brach erst mal ab. Auch wir diskutierten untereinander ob es unter diesen Umständen Sinn macht, nach Sumatra zu fahren. Als wir dann aber Nachricht aus Balige bekamen, waren wir schnell wieder fest entschlossen, die Reise anzutreten. Die Krankenhausleitung bat uns, auf jeden Fall zu kommen. Balige, das im Landesinneren liegt, sei unbeschädigt und die Patienten seien trotz Flutkatastrophe von weit her angereist und warteten auf uns.

So landeten wir dann auf dem Flughafen Medan, den wir von früher als kleinen, verschlafenen Provinzflughafen kannten. Dieses Mal war er randvoll mit Hilfsgütern, Frachtflugzeuge standen im Stau und australisches Militär campierte zwischen den Landebahnen.

Begleitet vom Chefarzt des Hospitals, Dr. Napitupulu, der in Deutschland zum Allgemein-chirurgen ausgebildet wurde, machten wir uns auf die sechsstündige Fahrt nach Balige am Toba-See.

Die Region um den Toba-See wird vom Batak-Volk bewohnt. Sie ist eine christliche Enklave inmitten der größten mos-lemischen Bevölkerung der Welt.

Nord-Sumatra ist sehr arm. Industrie fehlt fast ganz. Die Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft.

Am HKBP-Hospital angekommen bezogen wir erneut das Gästehaus und begrüßten viele vertraute und bekannte Mitarbeiter. Der OP, in dem wir parallel an zwei OP-Tischen arbeiteten, schien während unserer Abwesenheit kaum benutzt worden zu sein. Sämtliche Geräte mussten erst von einer dicken Staubschicht befreit werden.

Da die Mitarbeiter vor Ort mittlerweile ziemlich genau wissen, wie wir arbeiten und auch unser tägliches Arbeitspensum von 7 bis 8 Operationen kannten, wurden uns zu Anfang sehr dosiert unsere Patienten vorgestellt. Fast sämtliche hatten Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten. Unsere jüngste Patientin war 3 Monate alt und wog knapp 5 Kilo.

Als wir etwa nach der Hälfte unseres Aufenthalts merkten, dass wir noch mehr als die bereits anwesenden Patienten operieren konnten, dauerte es lediglich einen Tag bis genau die richtige Anzahl an Patienten auftauchte. Dieses Vorgehen hat sich sehr bewährt, da damit vermieden wird, dass von weither angereiste Patienten wieder weggeschickt werden müssen und dadurch Unwillen entsteht.

Die Arbeit im OP verlief nach kurzer Zeit durchaus routiniert und reibungslos. Trotz der Sprachbarriere gelang es problemlos, die sehr motivierten einheimischen Schwestern und Pfleger eng einzubinden. Die Ärzteschaft des Hospitals zeigte jedoch kein allzugrosses Interesse an unserer Arbeit. Die Besuche bei uns im OP waren spärlich. Den Anspruch zu erfüllen, einheimische Ärzte auszubilden, fällt in Balige schwer.

Ein sonntäglicher Ausflug auf die Insel Samosir im Toba-See zeigte uns erneut die landschaftliche Schönheit Nord-Sumatras.

In nur 8 OP-Tagen konnten wir dieses Jahr 64 Spaltoperationen durchführen. Bei 2 Patienten haben wir Verbrennungskontrakturen durch teils großflächige Verschiebelappen­­plastiken­ behandelt.

Auch dieses Jahr waren wieder ungewöhnlich viele Patienten jünger als 2 Jahre, manche sogar nur wenige Monate alt. Aus spaltchirurgischer Sicht ist dies natürlich sehr erfreulich, und es ist ein grosses Verdienst vor allem unseres Anästhesieteams, dass es möglich ist, unter diesen Bedingungen Säuglingsnarkosen durchzuführen.

Kurz vor unserer Abreise bekamen wir von der Klinikleitung eine Rechnung präsentiert, die bei uns allen einen eher unangenehmen Beigeschmack hinterließ. Hier wurden für Kost und Logis ortsübliche Hotelpreise angesetzt obwohl wir offiziell eingeladen waren und als Gäste des Krankenhauses dort wohnten. Weiterhin wurden uns Medikamente und andere Ausgaben zu überhöhten Preisen und ohne Quittung in Rechnung gestellt.

In der Vergangenheit haben wir jeweils am Ende unseres Aufenthaltes eine „Spende“ ans Hospital gegeben, die so bemessen war, dass sämtliche durch uns verursachte Unkosten sicher abgedeckt waren. Denn selbstverständlich sollen durch unseren Einsatz für das dortige Krankenhaus keine Kosten entstehen.

Wir wurden aber dieses Jahr den Eindruck nicht los, dass durch unsere Anwesenheit eine Bereicherung einzelner Personen möglicherweise stattgefunden hat.

Dennoch planen wir einen erneuten Einsatz in Indonesien für 2006.

Wir haben aber gelernt, bestimmte Bedingungen zu stellen, die ausschließen, dass sich solche Vorkommnisse wiederholen. Falls dies im Vorfeld nicht sichergestellt werden kann, werden wir wohl nicht mehr nach Balige fahren können.

Wir werden dann versuchen, mit einem anderen Krankenhaus auf Sumatra zusammenzuarbeiten.

Auch auf diesem Einsatz haben uns wieder mehrere Firmen durch Sachspenden unterstützt. Zu nennen sind hier die Firmen Medicon GmbH, Tuttlingen und Ethicon GmbH, Norderstedt. Hierdurch konnten die Kosten für diesen Einsatz deutlich gesenkt werden.

Erneut gilt unser besonderer Dank Frau Waltraud Huck und ihrer Organisation pro Interplast e.V. in Seligenstadt.

Pro Interplast e.V. hat auch diesen Einsatz vollständig finanziert und trägt durch das unermüdliche Engagement von Frau Huck und Ihren Mitstreitern schon seit vielen Jahren dazu bei, dass solche Einsätze erst möglich werden.

 

Stefan Hessenberger

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2009

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