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Incredible India!
Hauswandgroße Leuchtbilder mit den idyllischsten Motiven Indiens und dem Schriftzug -Incredible India- empfingen uns in der Ankunftshalle am Flughafen Delhi, das Paradies verheißend.

Wir hatten es geschafft. Die Anreise war geglückt, trotz des obligaten Übergepäcks, wir waren zurückgekehrt, zum 3. Mal, in das -unglaubliche Indien-, diesmal ganz ohne Probleme.
Fast!
Wenn da nicht dieser liebenswerte Zöllner mit dem blauen Turban seinen Finger gehoben hätte mit den Worten: „Sir! You have a problem!“
Und bald wusste ich, dass wir ein Problem hatten. Eine Mappe voller Bescheinigungen, Zollerklärungen mit Materiallisten, offizielle Einladungen, ministerielle Empfehlungen, ein fingerdickes Bündel Begleitschreiben hatte ich in der Vorbereitung zusammengesammelt, nur eines nicht, was keiner wusste noch jemals gebraucht hatte, eine offizielle Einladung des Gesundheitsministers des Bundeslandes in dem unser `camp` stattfinden sollte mit der offiziellen Freigabe als `charity-event`!
Noch ungläubig folgte ich dem blauen Turban in sein Büro!
Doch er bewies mir, welch geniales Paragraphengedächtnis er hatte, nach einer endlosen Stunde gemächlichen Suchens in zwei Zollbestimmungsbüchern, jedes so dick wie ein Berliner Telefonbuch, fand er die kleingedruckte Stelle und präsentierte sie mir voller Stolz, nachts um 3:00 h. Kein Betteln half, kein Schelten, nicht einmal der hinzugeeilte Herr Saikia, unser Freund Jintu, der Meister aller „Indischen Wege“ – der uns als Überraschung schon in Delhi empfangen wollte, als Geleitschutz – nichts und niemand konnte den ` Gralshüter der Paragraphen ` erweichen. Unsere Aluboxen wurden verplombt, versiegelt und beschlagnahmt!
Sie verschwanden in einem `schwarzen Loch` genannt -Central Warehousing Corporation-
Samstags früh um 4:00 h.
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ein freundlicher Beamter, der uns half, unsere Boxen zu verplomben, mit Schnur, heißem Wachs und Zoll- siegel
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alles weg, die gesamte Ausrüstung! |
Die moderne Bedeutung der hinduistischen vielarmigen Gottheiten demonstrierte mir Jintu an diesem unvergesslichen Samstag, 2 Arme und 3 Handies!
Nach 24 Stunden Klingeltönen, Faxen und SMS´en, mit dem ewig geduldigen seitlich kopfnickenden Yes, Yes unseres Beschützers hatten wir noch einen weiteren Stoß ministerieller Beglaubigungen, Erklärungen und Empfehlungen zusammen - einschließlich der notariell beglaubigten eidesstattlichen Erklärung Jintus, der mit seinem persönlichen Vermögen dafür bürgte, dass wir unser Equipment wieder ausführen und nicht etwa klamm heimlich verkaufen würden!
So gerüstet trauten wir uns wieder in die Nähe des Zolls. Und nach höchst diplomatischen Sondierungen gelang es unserem 7-sprachigen Freund doch noch, unsere Ausrüstung zurückzuerlangen, am Sonntag in der früh!
Erstaunlich schnell konnten wir so das vorausgereiste Team komplettieren und unsere Arbeit montags beginnen. -Unglaubliches Indien-!
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Das 3. Handy klingelte in der Hosentasche oder im Hemd oder …er fand es!
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dieses typische Assami-Essen hatte er sich redlich verdient. |
Das Elend hatte uns wieder, die großen anfangs immer schüchternen schwarzen Augen.
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Der Eingang zum Hospital mit großem Empfangs und Werbeplakat auch für die lokalen Sponsoren Prof. Döring und Dr. Jostkleigrewe in der Mitte, Heike Geller folgend |
Es waren die kleinen Gesten, die uns zeigten wie sehr man sich über unsere erneute Rückkehr gefreut hatte: Die Begrüßung im OP-Trakt mit Kerzenlicht und Palmblättern, die Gardinen an den schmuddeligen Fenstern, neue Steckdosen für unsere Geräte und man höre und staune, eine abgetrennte neue europäische Toilette mit Wasserspülung für uns allein mit großem Vorhängeschloß, welch ein Gewinn.
Aufgrund unserer Vorleistungen der letzten Jahre war es Herrn Saikia auch erstmals gelungen zwei lokale Sponsoren für unser Camp zu gewinnen und mit einem zweiten gesponserten Dieselgenerator waren wir trotz flackernden Birnen praktisch nie ohne Strom.
So stürzten wir uns in die Arbeit und wer geglaubt hatte, schon alle Schrecklichkeiten an Entstellungen gesehen zu haben, wurde eines Besseren belehrt.
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kein Gesicht, eine furchterregende Fratze durch Verbrühungen mit Narbenkontrakturen
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1 Woche postoperativ, ein menschliches Gesicht |
Zehn Jahre hatte diese Frau so leben müssen.
Diesem `Gespenst` wieder ein menschliches Antlitz geben zu können, machte sich Chefarzt Dr. Franz Jostkleigrewe zur Aufgabe, und wie immer gelang es.
Eine funktionell und ästhetisch komplett falsch voroperierte beidseitige Lippenspalte revidierte Chefarzt Prof. Karli Döring in der gewohnten Akribie und Perfektion.
Und Dr. Ralf Katzbach, Oberarzt der HNO-Universitätsklinik-Lübeck, erweiterte als vierter Operateur dieses Mal unser Spektrum in Richtung Ohr-Deformitäten und Parotis-Chirurgie.
Jeder Eingriff ein kleiner Triumpf!
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falsch voroperierte beidseitige Lippenspaltbildung |
erstes zaghaftes Lächeln wenige Tage postoperativ
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Dr. Jürgen Hagenah, der nur seine selbstgebaute Alubox öffnen musste und schon war die Narkose bereit, er als Mann der ersten Stunde konnte wieder dabei sein,
Dr. Franz-Josef Esser, der Profi, die Ruhe selbst, auch die kleinsten Patienten konnte er zur Ruhe bringen, unsere Schwestern, wie eine Große Familie, keine Diskussion, ein Ziel!
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Tumor mit Entstellung der Ohrmuschel |
trotz des großen Defektes eine harmonische Rekonstruktion |
Selbst der Patient, den wir bei unserem Einsatz 2003 als moribund und daher inoperabel eingeschätzt und abgelehnt hatten, konnte dieses Mal versorgt werden.
Und nicht nur eine der verkrüppelten Hände, sondern beide. Die schönste Belohnung für unsere Beharrlichkeit, immer wieder an diesselbe Stelle zurückzukehren, in unser Civil Hospital aller Religionen!
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Das warten hatte sich gelohnt!
(OP´s Dr. Jostkleigrewe)
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Das nasskalte Wetter, der Alltag, morgens im Halbdunkel in die Klinik, nachts, meist nach 22:00 h zurück, schnell essen, ` innere Desinfektion` als kurzer Tagesausklang und schneller schlafen, gegen das Elend! So getrieben opferten wir auch den Samstag der Halbzeitpause, um den verlorenen letzten Samstag wieder aufzuholen. Der Kurzausflug am Sonntag, Tanzpicknick am Ufer eines Bramaputraflußarmes, um noch weiteren schwarzen Kinderaugen mit deformierten Händen zu begegnen, auch diese noch ins OP-Programm aufnehmend.
Morgens um 3:30 h, auf dem Weg zu einer Nachblutung eines blutgerinnungsgestörten Patienten, in dieser sternenklaren Nachtfahrt kamen mir Zweifel!
- Utball, einer der getreusten, hatte uns eines abends seinen Lieblingsfilm mitgebracht, ´God must be crazy´, „Die Götter müssen verrückt“ sein, zur Aufmunterung -
Waren wir nicht die berühmte Cola-Flasche, achtlos aus einem Flugzeug geworfen und das komplette Sozialgefüge zerstörend, durch das Erwecken ungeahnter Begehrlichkeiten?
Konnten wir die Hoffnungen dieser Menschen überhaupt jemals erfüllen, wo wir doch jedes Mal nur wenige Ausgewählte behandeln konnten und noch mehr enttäuschte Hoffnungen zurückliesen?
Die Blutung stand schnell, das ungebrochene Vertrauen in den Augen des Patienten wunderte mich. Hoffnung. Jintu war die ganze Zeit über erstaunlich ruhig geblieben und als ich ihn darauf ansprach, behauptete er allen Ernstes, dass ohnehin nichts hätte passieren können wegen des zunehmenden Mondes, ich begriff nichts. Glaube.
Nicht ein lautes Wort war während dieser ganzen Aktion gefallen, nicht ein einziger vorwurfsvoller Blick, die Geduld und die Liebe dieser Menschen war unbeschreiblich!
Glaube, Liebe, Hoffnung auf indisch, - Die Götter müssen verrückt sein-, ich war beschämt über meine Zweifel!
Am Ende, nach den uns selbst abgerungenen 10-OP-Tagen ohne Gnade, trotz des von jedem Einzelnen durchlebten persönlichen Tiefpunktes mit zumeist deutlich beschleunigter Magen-Darm-Passage auch nach vorne, hatte es sich gezeigt: wir hatten 68 Patienten mit weit über 70 ausgedehnten Operationen behandeln können, noch einmal eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr und außer eines verlorenen Hauttransplantates ohne weitere Komplikationen. Am Ende! Der Abschied! Alle versammelt, viel Lachen, nicht mehr so traurig wie früher, denn eigentlich wusste es jetzt jeder: `Die kommen wieder!`
Wir flohen - nicht vor den Menschen, sondern eher vor uns selbst und unseren Ansprüchen an uns selbst - in den Süden, in das “Schottland Indiens“ zur kleinen Abschlussreise auf dem Heimweg, nach Shillong und Cherapunjih in die Weiten und Höhen der unberührten Natur.
Die Größe dieses Landes, vom Meer bis zum Hochgebirge, unendliche Täler als hätte noch kein Mensch sie betreten, kein Land, ein Kontinent!
Trotz einer Milliarde Menschen, wie das gesamte Afrika, doch endlose Weiten und jeder von uns suchte diese Weite auf seine Weise, die Ruhe, um zu verarbeiten, das Leid, das uns diesmal noch näher getreten war als zuvor. Die Armut, die selbst hier oben, wo nichts mehr kultiviert werden konnte, die Menschen mit fast bloßen Händen in die Erde trieb, um Kohle abzubauen.

Die purpurnen Prachtsaris an Feiertagen direkt neben dem erbärmlichsten Elend, das nicht nur das Auge beleidigt, sondern ins Herz sticht, das nackte Überleben!
Alles hatten wir gesehen!
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Die prachtvollsten Gewänder direkt neben |
dem Dreck um die Ecke |
Und trotzdem, das Lächeln, aus der ärmsten Hütte!
Die kleine Entschädigung, das upgrading für alle in die first class, hatte diesesunbeschreibliche Team verdient, man sah Ihnen die Strapazen wohl an, am Schalter von Air India in Bombay, viel musste ich hier nicht sagen.
Die oberste Zollaufsichtsbehörde war nicht der blaue Turban, sondern eine Lady, in weißer Uniform, wie ein Schiffskapitän. Als Sie staunend die Schwierigkeiten las, Seite für Seite, nichts verstehend und ich Ihr erklärt hatte, wo Sie welches Formular hinschicken müsste, sprach Sie nur bedauernd: Oh, Sir! You must have had a problem!....
Und beim letzten Stempelschlag hörte ich mich lächelnd sagen: Yes, Yes! seitlich kopfnickend!
Incredible India! - God must be crazy!
Danke an:
- Chefarzt Dr. Franz Jostkleigrewe, Duisburg, Plast.-,Hand- u.Verbrenn.-Chirurgie 2
Reihe 1.v. li.
- Chefarzt Prof.Dr. Karli Döring, Chemnitz, Plast.- und MKG-Chirurgie 2.Reihe 1.v.re.
- Oberarzt Dr. Ralf Katzbach, Lübeck, HNO-Chirurgie 3.Reihe 1.v.re.
- Oberarzt Dr. Franz Josef Esser, Aachen, Anästhesie 3.Reihe 2.v.li.
- Oberarzt Dr. Jürgen Hagenah, Lüdenscheid, Anästhesie 3.Reihe 2.v.re.
- Heike Geller, Lüdenscheid, OP-Schwester 2.Reihe 3.v.re.
- Renate Plesken, Solingen, OP-Schwester 2.Reihe Mitte
- Renate Netz, Duisburg, leit. Schwester der Schwerverbrannten-Intensivstation 2.Reihe 2.v.li.
- Gisela Bloehm, Krefeld, Anästhesie- und Intensivschwester 2.Reihe 3.v.li.

-unsere body-guards 1.Reihe -Manjit (Jintus re. Hand) 3.Reihe 1.v.li.
An alle inneren und äußeren Zweifel:
Wie gut es uns wirklich geht, kann erst erahnen, wer dort gearbeitet und gesehen hat!
Erkannt hat, wie viel wir geben und teilen können!
So verstumme unser Wehklagen über `Globalisierung`, denn von dort erscheint es wie Angst vor dem Teilen!
...“wo wart Ihr, als es uns schlecht ging“.... hören große schwarze Augen nicht auf zu fragen.
Und wir können erst dann antworten ...“da, wo Ihr uns gebraucht habt“..., wenn unserer Globalisierung des Leid Sehens die Globalisierung des Teilens zur Pflicht wurde, der alte Mut zu dienen in unseren Herzen Einzug gefunden hat, in einem jeden, `dienmut`, die Demut.
Erst dann werden wir in die großen schwarzen Augen zurückblicken können mit aufrechtem Lächeln!
-Danke allen Spendern- ! Jürgen Herr
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