|
Namibia- früher Deutsch Südwest Afrika und neben Kamerun einzige ehemalige deutsche Kolonie in Afrika – fiel nach dem 1. Weltkrieg an Südafrika. Nach langem Guerillakrieg geführt durch die SWAPO (South-West Africa People’s Organization)stand Namibia kurzfristig unter dem Protektorat der UNO. Seit 1990 ist Namibia eine unabhängige demokratisch geführte Republik.
Erster Präsident war bis November 2004 der langjährige Führer der SWAPO Sam Nujoma, derzeitiger Präsident ist jetzt Hifikepunye Pohamba, der als sehr bescheiden, gemäßigt und fähig gilt.
Bei einer Fläche, die in etwa der Größe Frankreichs und Deutschland zusammen entspricht, ist Namibia mit ca. 2,5 Millionen Einwohnern sehr dünn besiedelt. Allerdings gilt Namibia als das trockenste Land südlich der Sahara.
Die Bevölkerung ist zum Großteil farbig (87%), Weiße und Mischlinge je 6%. Offizielle Landessprache ist Englisch, was jedoch nur von 7 % der Bevölkerung beherrscht wird, Afrikaans mit 60 % und Deutsch mit 32% sind weitaus verbreiteter. Insgesamt finden sich in Namibia jedoch 30 Sprachen.
Die mittlere Lebenserwartung liegt bei 44 Jahren.
Bei einer Arbeitslosenquote von 35% leben 50% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.
Wie in vielen Ländern Afrikas liegt eine hohe HIV Rate vor. Nach neusten Zahlen jetzt jedoch von über 21% auf 19% gesunken.
Hauptstadt ist Windhoek, auf 1700 Metern gelegen mit einem angenehmen heißen Klima. Das Stadtbild ist geprägt von einem Nebeneinander stark deutsch geprägter Kolonialarchitektur und moderner Landesarchitektur. Ich habe selten eine so saubere Stadt, einschließlich der Zentren Europas, gesehen.
Der Einsatz wurde mitinitiiert durch den Lions-Club Neunkirchen-Seelscheid bei Neuwied. Persönliche Kontakte von Mitgliedern dieses Clubs und Betroffenheit durch Unterstützung von Verbrennungsopfern führten zur Kontaktaufnahme mit Interplast mit der Bitte, einen Einsatz in Namibia durchzuführen. Sämtliche Kosten vor Ort wurden durch Spenden dieses Lions-Club getragen. Besonders hervorzuheben ist die Unterstützung des Lion Dr. Jochen Vogel, der sich sehr engagiert um persönliche Kontakte in Namibia kümmerte. Ihm sind die guten Kontakte mit Air Namibia zu verdanken von. An dieser Stelle sei herzlich gedankt. Ebenfalls gilt mein Dank dem Förderverein pro interplast Seligenstadt e.V., der sämtliche Flugkosten für unser Team übernahm.
Braucht Namibia Interplast, erfreut sich das Land doch bei uns als Reiseziel für Safari- und Aktivurlauber einer zunehmenden Beliebtheit?
Bis zur Unabhängigkeit war die medizinische Versorgung durch Südafrika gewährleistet. So ist nach wie vor eine funktionierende Infrastruktur vorhanden, was Krankenhäuser und Einrichtungen anbelangt. Die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung ist weitgehend ausreichend und umsonst.
Central State Hospital Windhoek
Ein erheblicher Teil der Ärzte, die im Krankenhaus arbeiten, kommen jedoch aus dem Ausland. Der Staat ist noch zu jung, um eigene Spezialisten wie z. B. Plastische Chirurgen oder MKG-Chirurgen zu haben, geschweige denn ausbilden zu können. Kamen nach der Unabhängigkeit noch 1-2 Mal pro Jahr Plastische Chirurgen aus Südafrika, ist dies seit 2 Jahren eingestellt worden. Namibia zählt nicht zu den ärmsten Ländern Afrikas aufgrund seiner Bodenschätze, seiner Landwirtschaft und in den letzten Jahren zunehmenden Tourismus. Die Medizinische Grundversorgung ist frei, Spezialistentum muss jedoch teuer aus dem Ausland erkauft werden; bei 35% Arbeitslosigkeit und geringem Steueraufkommen fast nicht finanzierbar.
Unser Team war ursprünglich für November 2005 für Sri Lanka vorgesehen, die Vorbereitungen meinerseits fast abgeschlossen, Flüge gebucht. Kurz nach Buchung der Flüge erhielten wir dann eine Absage des Einsatzes, da wegen vorgezogener Wahlen die Sicherheit der Patienten nicht gewährleistet wäre. Nach Rücksprache mit André Borsche haben wir dann kurzfristig die Anfrage bzgl. des Namibiaeinsatzes realisiert. Dies konnte bei einer nur 6 wöchigen Vorbereitungszeit nur aufgrund der außerordentlichen Erfahrung von Herrn Triebig von 3t-Reisen in Frankfurt ermöglicht werden, der in bewährter Manier unser Team bei der Buchung, Umbuchung und auch Erkämpfen von Übergepäck unterstützte. Ein Teil des Teams konnte sogar noch auf Air Namibia mit Übergepäck auf den Direktflug von Frankfurt nach Windhoek umgebucht werden, ein kleiner Teil der Gruppe nahm den Umweg über Dubai mit Emirates wahr. Unser Team setzte sich wie gewohnt aus zwei Plastischen Chirurgen, zwei MKG-Chirurgen, zwei Anästhesisten, zwei OP-Schwestern und einer Anästhesieschwester zusammen.
Team
Sybille von Welck, Simona Willecke, Dr. Berenike Gensior, Uschi Brinkmann, Dr. Maike Herlyn-Elger,; hinten: Priv. doz. Dr. Bernd Niederhagen, Dr. Markus Pfisterer, Dr. Thomas Anwander, Dr.Matthias Gensior, Dr. Edouard Manassa)
Wir wurden offiziell durch Mitarbeiter des namibischen Gesundheitsministeriums abgeholt, sodass unser medizinisches Equipment im Endeffekt ohne Probleme durch den Zoll ging. Das namibische Krankenhauswesen ist zentralistisch organisiert. Die Leiterin der Krankenhäuser in Windhoek Dr. Helen Nkandi-Shiimi organisierte innerhalb von vier Wochen den Einsatz vor Ort. Es wurden Patienten voruntersucht und uns in ausreichender Zahl zum eigentlichen entscheidenden Screenen vorgestellt. Ermöglicht wurde dies, weil Patientenlisten bestehen, in denen die Patienten mit ihren Erkrankungen aufgeführt sind. Die Patienten wurden kurzerhand von den Krankenhäusern – auch den weit entfernten! – einbestellt und mit Ambulanzfahrzeugen nach Windhoek und später auch nach Oshakati an der angolanischen Grenze gebracht. Auf Wunsch des namibischen Gesundheitsministeriums erfolgte die erste Woche des Einsatzes in Windhoek, die zweite Woche operierten wir dann in Oshakati. Bestand in der Planungsphase bei mir zunächst Skepsis, einen Interplasteinsatz in einer Hauptstadt durchzuführen, so wurden wir sehr schnell eines Besseren belehrt. Die Mehrzahl der Patienten, die wir in Windhoek sahen und operierten kamen aus den ärmeren südlichen, in Oshakati aus den nördlichen Regionen, teilweise aus einer Entfernung von über 1000 Kilometern! Namibia verfügt über ein funktionierendes Ambulanznetz, sodass Patienten für das Land unter besten Voraussetzungen operiert werden können. Wie uns später in Gesprächen im Gesundheitsministerium glaubhaft versichert wurde, macht es keinen Sinn, einen Einsatz in den ärmeren Regionen Namibias in personell und räumlich deutlich schlechter ausgestatteten Krankenhäusern durchzuführen. Zumal die Nachversorgung unserer Patienten sich dort auch nicht entsprechend durchführen ließe. Der Transport von Patienten über weite Distanzen sei üblich und für die Patienten kostenlos. Dass diese System funktioniert konnten wir selber feststellen: Eine Patientin ca. 800 Kilometer südlich von Windhoek wohnend, wurde durch uns in Windhoek gesehen und zur OP in einem Nachbarkrankenhaus aufgenommen. Unglücklicherweise wurde diese Patientin auf einer falschen Station aufgenommen und war dann nicht mehr auffindbar. Am Nachmittag unserer Abreise aus Windhoek sahen wir diese junge Frau weinend vor dem Krankenhaus. Die Patientin wurde kurzerhand nach Oshakati transportiert und wurde von uns als erste Patientin dort operiert.
Wir führten in Namibia im Übrigen die gleichen Operationen durch, wie sie eigentlich in allen Ländern, die durch Interplast versorgt werden, durchgeführt werden. Eine große Zahl von Patienten mit Verbrennungsfolgen, Handfehlbildungen oder Verletzungsfolgen sowie viele Operationen im Kopfbereich wie z.B. Korrektur von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, allerdings auch Tumoroperationen.
Ursächlich für die vielen Verbrennungsopfer sind offene Feuerstellen, die sowohl zum Kochen als auch zum Heizen benötigt werden. Tatsächlich richtig, denn es wird im Winter in Namibia zwar tagsüber bis 25 Grad warm bei extremer Trockenheit, nachts fallen die Temperaturen jedoch häufig bis zum Gefrierpunkt, manchmal sogar bis -10 Grad, ab.
Es fand sich jedoch eine Besonderheit in unserem OP-Spektrum, nämlich Mammareduktionen. Sicherlich keine übliche OP für Interplast. Aus uns nicht bekannten Gründen neigen namibische Frauen zur Gigantomastie mit erheblichen Folgebeschwerden. Das Maximum, was wir reduzierten, waren sage und schreibe 8,7 Kilogramm!
Sehr erfreulich war das Interesse und die sehr gute Kooperation mit den namibischen Kollegen. Soweit in der kurzen Zeit überschaubar gab es mit den von uns operierten Patienten keine nennenswerten Probleme. Auch scheint die Nachsorge unserer Patienten bei den Kollegen in guten Händen zu sein. Kritisch ist jedoch der Wunsch der Gesundheitsbehörden zu beurteilen, eine Woche in Windhoek und Oshakati im Rahmen eines Einsatzes zu operieren. Ging hierdurch doch wertvolle OP-Zeit verloren. Neben erneutem Ein- und Auspacken des Equipments, musste Patienten erneut gescreent werden, wir mussten neue Gegebenheiten erkunden. In Zukunft sollte daher in Windhoek oder Oshakati operiert werden. Ein erfreulicher Nebeneffekt dieses „Umzuges“ war für uns die Möglichkeit wenigstens ein bisschen von den Schönheiten Namibias mitzubekommen. So haben wir den Hinweg nach Oshakati mit dem PKW durchgeführt und sind durch den Etosha-Natinalpark gefahren, wo wir die afrikanische Tierwelt – sogar Elephanten - in freier Wildbahn sehen konnten. Zurück wurden wir kostenlos durch Air Namibia nach Windhoek geflogen.
Die Arbeitsbedingungen waren sowohl in Windhoek als auch in Oshakati hervorragend. Sowohl die Ausstattung der Operationssäle als auch die Freundlichkeit des OP-Personals ließen keine Wünsche offen. Die Ausstattung der OP’s entspricht durchaus dem Standard eines hiesigen mittelgroßen Krankenhauses. Kurz vor unserem Einsatz war eine mobile Anästhesieeinheit angeschafft worden. Diese Einheit wurde komplett durch den Lions-Club Kaarst-Büttgen finanziert. Unser Dank gilt auch allen Spendern dieses Lions-Club. Aufgrund der guten apparativen Ausstattung vor Ort kam das Gerät diesmal noch nicht zum Einsatz.

Oshakati State Hospital , Eingang
Während unseres Einsatzes hatten wir auch mehrfach Kontakt mit offiziellen Stellen des Namibischen Gesundheitsministeriums. Ich hatte dabei die Möglichkeit mit dem Staatssekretär Dr. Thomas Forster des Gesundheitsministeriums über weitere Interplast-Einsätze zu sprechen. Wie mir erklärt wurde, ist der Staat Namibia für einen begrenzten Zeitraum von 3-5 Jahren an einer kontinuierlichen Hilfe im Rahmen von 1-2 Einsätzen pro Jahr sehr interessiert. Es gibt bislang keine Plastischen Chirurgen in Namibia. Es ist ein Ausbildungsprogramm vorgesehen und in die Wege geleitet. So werden einerseits geeignete Ärzte bei voller Bezahlung beurlaubt und zur Ausbildung ins Ausland geschickt. Diese Ärzte müssen sich im Gegenzug dazu verpflichten nach Beendigung der Ausbildung für 5 Jahre in den State Hospitals zu arbeiten. Andererseits sollen auch Kollegen vor Ort zumindest weitergebildet werden, soweit dies möglich ist. Das Interesse ist da. Wie mir scheint, ein sehr guter Ansatz. Besteht doch hier für Interplast die Möglichkeit das zu verwirklichen, was im Leitsatz von Interplast von Donald Laub aufgeführt wird:
„Gib ihm heute einen Fisch, so wird er heute satt, lehre ihn das Fischen, so wird er immer satt.“
Erste Verhandlungen geben Grund zum Optimismus. So hat Air Namibia schon signalisiert, unsere Teams kostenlos von Frankfurt nach Windhoek zu transportieren.
Fazit: Ein ganz „normaler“ Interplasteinsatz, sicherlich nicht, aber unsere Arbeit genauso wünschenswert und erforderlich für die Menschen wie in anderen von uns betreuten Ländern.
Matthias Gensior
|