Sektion Duisburg in Ampara/Ost-Sri Lanka 23.04.-16.05.2004

30 km von der Ostküste Sri Lankas entfernt liegt Ampara, Bezirkshauptstadt des Districts Ampara. Der Ort zählt etwa 19000 Einwohner mit weiteren 18000 in seiner näheren Umgebung. Die 280 km Wegstrecke vom Flughafen in Colombo zum Einsatzort wurden vom Interplast-Team an zwei Tagen zurückgelegt. Bei Ankunft in Colombo am Mittag musste die weitere Busfahrt ab Kandy unterbrochen werden, um die Anreise nicht bei Dunkelheit fortzusetzen. Bei Ankunft in Ampara werden die mitgebrachten Kisten medizinischen Materials direkt im General Hospital Ampara ausgeladen. Die Begrüßung erfolgte durch den Ärztlichen Direktor Dr. Jayasinghe. Er leitet das Krankenhaus seit zwei Jahren nach „westlichem“ Vorbild wie er sagt. Er sammelte Eindrücke insbesondere in Japan und den USA und versuchte diese in Organisation und Architektur, hier umzusetzen.

 

 

Es befindet sich inmitten des Dschungels eine hochgepflegte Krankenhausanlage mit Gärten und Springbrunnen. Dr. Jayasinghe führt die 350 Betten starke Klink mit strenger Hand. Salutierend öffnen die uniformierten Türsteher die Türen zu den einzelnen Stationen. Täglich um 9:00h ertönt die srilankische Nationalhymne, währenddessen die Patienten und das Personal in nahezu katatoner Starre verharren.

Für die Einheimischen, aber auch für auswärtige Gäste ist erstaunlich, ein Krankenhaus dieses Formats hier anzutreffen. Der Distrikt Ampara gehört zu einer abseits gelegenen Region, die bis dato vom Auswärtigen Amt nicht als Reiseziel empfohlen wird und in kaum einem deutschen Reiseführer erwähnt ist. Um so mehr scheint diese „Burg“ von Krankenhaus ein politisches Zeichen zu sein, mit dem hier allen Menschen gedacht wird. Etwa 40% der Bevölkerung in Ampara sind Buddhisten, genauso viele sind Hindus, 19% Moslems und 1% Christen. Über dem Büro des „Medical Superintendent“ spiegelt sich die Gleichheit der ethnischen Gruppen und Religionen durch farbenfrohe Bilder ihrer Vertreter wieder. Fotos seiner Nähe zu Regierungskreisen zieren sein Büro, sein Wohnzimmer und das Foyer der Klinik.

Dr. Jürgen Toennissen reist als Einsatzleiter mit der zehnköpfigen Gruppe auf Gesuch von Dr. Jayasinghe nach Sri Lanka. Verbindendes Glied ist dabei Frau Dr. Andrea Hilmer-Lossen, Allgemeinärztin aus Hockenheim. Sie betreibt an der Südküste ein Hotel und hat die Anfrage an die Sektion Duisburg weitergeleitet.

 

 

Nicht nur im Äußeren, auch im Inneren spiegelt sich das hohe Niveau der Klinik wieder. Wir arbeiten in einem klimatisierten Operationssaal mit 2 OP-Tischen. In unsere Verantwortung fällt eine eigene Krankenstation mit zwei Stationsärzten (Allgemeinmediziner in der Rotation), unterstützt werden wir von einem Team aus Krankenschwestern. Zur Erstsichtung der Patienten wurde das „Outpatient Department“ mit übersetzendem Personal für die Sprachen Singhala und Tamil bereitgestellt, eine perfekte Organisation. Denn Englisch sprechen nur wenige der Patienten.

Das Spektrum der Operationen ist das übliche von Interplast-Einsätzen: schwere Verbrennungskontrakturen und angeborene oder sonstige erworbene Fehlbildungen. Mit seinem Spezialgebiet, der Spaltchirurgie, kann Dr. Jürgen Toennissen hier einem Dutzend Menschen helfen. Aufgrund vieler Verbrennungsopfer, die keine adäquate Primär- oder Folgebehandlung in einem eigenen Verbrennungszentrum erhalten, wurde die Idee geboren, eine solche Station in Sri Lanka einzurichten. Dafür sollen einheimische Ärzte und Pflegepersonal von Interplast-Mitgliedern in Sri Lanka, aber auch in Deutschland, geschult werden.

Die Mitarbeiter des General Hospitals haben uns sehr herzlich aufgenommen. Es werden interdisziplinäre Operationen mit Allgemeinchirurgen und Orthopäden durchgeführt, u. a. bei der Behandlung von ausgedehnten Dekubitalgeschwüren oder bei einer akuten Handverletzung, die durch eine Explosion einer selbst gebauten „Elefanten-Abschreck-Granate“ verursacht wurde. Bei großflächigen Deckungen von Verbrennungsdefekten gelangen die Kollegen beim Einsatz des Humby-Knifes an ihre Grenzen.

Über die Arbeit hinaus kam es zu einer engen Verbindung mit den Gastgebern, die eine neue Begegnung für die Zukunft gewiss machte.

Das Wochenende zwischen dem Einsatz verbringen wir gemeinsam an der Ostküste in Arugam Bay, einem der berühmtesten Surfreviere weltweit. Alle nutzen die Gelegenheit, im Meer zu schwimmen und genießen den Anblick der paradiesischen Küste. Dort sammeln wir inmitten von freundlichen und lächelnden Fischern Energie für die folgende Arbeitswoche ...

Michael Naik

 

Das Interplast-Team in Ampara:

  • Dr. Jürgen Toennissen, Duisburg (Einsatzleiter)
  • Dr. Heike Fabian, Berlin
  • Stefanie Ganther, Düsseldorf
  • Margarete Gasirowski, Duisburg
  • Dr. Steffen Handstein, Görlitz
  • Dr. Matthias Jahnke, Berlin
  • Michael Naik, Görlitz
  • Iris Schmidt, Berlin
  • Steffen Weiß, Görlitz

 

Sektion Duisburg drei Wochen nach dem Tsunami in Sri Lanka

Auf Einladung der Interplast-Sektion Duisburg besuchten im September 2004 Dr. Lanka Jayasinghe, der Medical Superintendent (MS) des General Hospital Ampara/Ost-Sri Lanka, und Tushawi, Leitende Krankenschwester, das St. Barbara-Hospital in Duisburg. Anlass war eine Hospitation an der Verbrennungseinheit der BG-Klinik bei Dr. Jost Kleigrewe – vor allem im Hinblick auf das seit dem vergangenen Ampara-Aufenthalt 2004 geplante Brandverletzungszentrum in Sri Lanka.

Im Oktober steht für Dr. Jürgen Toennissen fest, erneut mit einem Interplast-Team nach Ampara zu reisen. Die Mannschaft findet sich zügig zusammen, der Termin wird auf den 14. Januar 2005 gelegt. Für eine Übernachtung von Sonnabend auf Sonntag zwischen den Arbeitswochen reservieren wir ein „Beach House“ in Arugam Bay.

 

 

Am 26. Dezember 2004 erschüttert die Tsunami-Katastrophe die Menschen der ganzen Welt. Unser Team ist besonders ergriffen, weil gerade die Ostküste Amparas eine der am stärksten betroffenen Regionen Sri Lankas ist. Es wird diskutiert, den Einsatz auf sechs Monate später zu vertagen, da durch die neue Situation andere Probleme für die Menschen im Vordergrund stehen würden als Elektiveingriffe. Doch in einem Telefonat mit dem MS eine Woche vor dem geplanten Termin wird ausdrücklich um unsere Hilfe gebeten und gefleht, diesen Einsatz wie zeitlich geplant durchzuführen. Eine Vielzahl von Tsunami-Opfern werden zu dieser Zeit im General Hospital von Ampara behandelt. Wir entschließen uns, nicht von dem Vorhaben abzuweichen und treten die Reise an. Aber dieses Mal ist es anders als sonst – nämlich mit der Befürchtung, Massen von akut versehrten Patienten anzutreffen.

Mit angestautem Aktivismus angekommen, wird uns zunächst ein Dämpfer versetzt. Unser gebuchtes Hotel ist von Mitarbeitern verschiedener Hilfsorganisationen überfüllt. Deshalb müssen wir eine Nacht in Kandy im Landesinneren verbringen. Unsere Anreise verzögert sich. Dieser erste „verschenkte“ Tag ruft ein Gefühl von Frust hervor. Als wir dann am Sonntagnachmittag das General Hospital erreichen, sind die Räume im uns angedachten Operationstrakt nicht zugänglich. Eher herrscht Erstaunen über unsere Ankunft als die Erwartung unseres Teams, wir werden mit großen Augen betrachtet. Der MS besucht genau zu dieser Zeit mit 18 Delegierten seiner Klinik die von der Flutwelle betroffenen Mitarbeiter und deren Angehörige in Batticaloa. Nach drei Stunden begrüßt er uns schließlich und bekundet seine Freude über unser Hilfsangebot, denn es würden „viele Patienten mit großen Wunden“ auf uns warten.

Am dritten Tag nach der Ankunft beginnt endlich das „Screening“. Die ersten vier Patienten kennen wir bereits aus dem vergangenen Jahr, sie kommen wegen der Folgeoperationen. Es folgen zwanzig Neuvorstellungen, von denen wir 15 für einen bzw. mehrere Eingriffe vorsehen. Nach der Patientenvorstellung werden wir zu weiteren Patienten über die Station geführt: 16 Tsunami-Opfer mit Defektverletzungen an Rumpf und Extremitäten, die bereits mehrfachen Débridements zugeführt worden waren. „Nur“ 31 Patienten für die geplanten drei Wochen Einsatz? – viel zu wenig für den vom MS geschürten und in uns angestauten „Aktivismusspiegel“! Es ist der nächste große Dämpfer. Nach einem Gespräch bemüht sich Dr. Lanka Jayasinghe um weitere Patienten für uns, obwohl für ihn die Besuche hochrangiger Regierungsvertreter, wie dem des kanadischen Premierministers, des nationalen Außenministers und anderen, in seiner Klinik im Vordergrund stehen.

Im Hotel stehen uns für zehn Personen nur drei Zimmer zur Verfügung, zwei der Interplast-Mitglieder schlafen zunächst in der zum Hotel zugehörigen Vielzweckhalle. Die Vertreter diverser internationaler Hilfsorganisationen und Fernsehteams blockieren unsere gebuchten Zimmer. Es herrscht eine sonderliche Atmosphäre. Die Hilfsteams scheinen sich einander mit der Größe Ihrer Logos auf Wimpeln, Fahnen und T-Shirts sowie mit der Stärke Ihrer Jeeps übertrumpfen und konkurrieren zu wollen. Ebenso wenig scheint es, einen fachlichen Austausch unter den Gruppen zu geben. In Gesprächen mit Einzelpersonen dominiert immerzu das Wort „Assessment“ als der Schlüssel ihres Tuns. Wir dagegen hoffen, endlich mit unserer Direkthilfe anzufangen.

Am dritten Tag beginnen wir mit den Operationen. Mit täglichem Screening sehen wir insgesamt 74 Patienten, von denen wir 62 stationär und 12 ambulant mit insgesamt über hundert chirurgischen Eingriffen behandeln. Der Missmut trotz zusätzlicher Dämpfer verebbt sogleich mit dem Erfolg über die Operationen an unseren dankbaren Patienten: Die Arbeit wird durch Feiertage verzögert – dem buddhistischen Vollmondtag, einem muslimischen Feiertag und einem Tsunami-Gedenktag vier Wochen nach der Katastrophe. Alle Operierten und die Tsunami-Patienten befinden sich bei unserem Aufbruch auf dem Weg der körperlichen Genesung. Einen 23-jährigen Mann, der durch den Tsunami seine gesamte Familie, Haus und Boot verloren hat, überweisen wir zur Deckung der frei liegenden Tibia mittels eines freien mikrovaskulären myocutanen Gewebetransfers an die Uni-Klinik in Colombo, weil das Operationsmikroskop der HNO-Klinik von Ampara irreparabel defekt ist.

Zwei Mal besuchen wir die Ostküste, etwa 30 Kilometer von Ampara entfernt, um uns ein Bild von der Katastrophe zu machen. Die Eindrücke erinnern uns an Fotos, die man von den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki kennt. Häuser und Menschen wurden einfach weggespült, nicht durch des Menschen Hand, sondern des Menschen Freund ist verantwortlich, das Meer, das den Fischern und ihren Familien das Leben sicherte. Palmen sind entwurzelt oder abgeknickt, Wracks von Fischerbooten liegen in den Ruinen. Zu sehen sind vereinzelt umher laufende, suchende Menschen zwischen Müllbergen, hin und wieder – ohne erkennbaren Grund ein Fahrzeug einer Hilfsorganisation... Und der Weg nach Arugam Bay über die Brücke, über die wir beim letzten Einsatz gefahren sind, ist von der Welle zerstört. Die kanadische Armee sichert jetzt die Versorgung über einen „Boat-Shuttle“.

Nach zwei Wochen, am 29. Januar, werden wir mit einer großen Feier vom Krankenhaus verabschiedet. Im Anschluß an die letzte Visite überreichte Dr. Lanka Jayasinghe unserem Teamleiter den Grundriss für die geplante Brandverletztenstation, die unter Mithilfe von Interplast entstehen soll.

Michael Naik

 

Das Interplast-Team in Ampara:

  • Dr. Jürgen Toennissen, Duisburg (Einsatzleiter)
  • Margarete Gasirowski, Duisburg
  • Andrea Grabner, Berlin
  • Dr. Peter Heuser, Engelskirchen
  • Stefan Jakubowski, Engelskirchen
  • Beate Kandé, Duisburg
  • Michael Naik, Görlitz
  • Dr. Gerd Schröter, Berlin
  • Klaus Traulsen, Duisburg
  • Dr. Armin Wenzel, Duisburg

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2009

Einsatzberichte 2009



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