Interplast Sektion Südbayern im Noma Children Hospital, Sokoto / Nigeria

Vom 20.05.2004 bis 07.06.2004 fand der 26. Interplast-Einsatz im Noma Children Hospital, Sokoto, Nigeria statt. Das mittlerweile etablierte Kinderkrankenhaus unter der finanziellen Leitung der AWD Stiftung Kinderhilfe und der medizinischen Leitung zwischen den Einsätzen durch Dr. Hartwig Sauter stellt ein an Equipment und Räumlichkeiten in Nord-Nigeria wohl einzigartiges Hospital dar. Interplast stellt mit anderen Organisationen (Dutch Noma Foundation etc.) die Ärzte der Teams zusammen. Dies zeigte der Vergleich mit den anderen Krankenhäusern der Millionenstadt Sokoto. Da die Bedeutung des Krankenhauses durch die lokalen Medien und Mund-zu-Mund-Propaganda immer mehr zunimmt, stellen sich zu den Teameinsätzen auch dank der Patientenrekrutierung durch das dortige Ärzteteam immer mehr Patienten aller Altersschichten vor. Neben an Noma erkrankten Kindern sind dies viele Patienten mit maxillofazialen Tumoren, Spaltfehlbildungen aller Art und Verbrennungsfolgen.

Einige dieser Krankheitsbilder können von den lokalen Ärzten durch das kontinuierliche Training durch die Interplast-Teams inzwischen gut therapiert werden. Da sich beim letzten Noma-Meeting in Hannover im Januar 2003 allerdings unterschiedliche Therapieansätze gerade bei Noma-Erkrankungen zeigten, wurde dieses Team international zusammengestellt, um die operativen, anästhesiologischen und pflegerischen Erfahrungen in praxi auszutauschen. Mitglieder im Team 26 waren C.-Peter Cornelius, Manfred Busch, Kurt Baudisch, Nadine Roolant und Goetz Giessler (Deutschland), Sinikka Suominen und Paula Lounamaa (Finnland) und Philip van Damme, Silvia Hegen, Marcel Leijten (Niederlande). Da drei OP-Tische zusammen mit einem einheimischen Anästhesisten parallel „gefahren“ werden sollten, war entsprechend viel Material mitzubringen. Leider war KLM diesmal äußerst unkooperativ mit der Beförderung des wie üblich angemeldeten Übergepäcks.

Spalten und Verbrennungen wurden in üblicher Weise versorgt, wobei bei letzteren auch ausgedehntere Lappenplastiken aufgrund der Gesamtsituation des medizinischen Standards gut und sicher durchführbar waren. Gute Dienste für die Auflösung mentosternaler Kontrakturen leistete dabei der fasziokutane supraklavikuläre Insellappen. Während kleinere, unkompliziertere Spaltoperationen auch als Auffüllung für das OP-Programm dienten, bot sich aus logistischen Gründen ein Spalten-Tag an, um das zu versorgende Patientengut im Krankenhaus zu reduzieren.

Durch die Besetzung mit zwei maxillofazialen Chirurgen konnten auch ausgedehnte Gesichtstumoren sicher therapiert werden. Leider mußten einige Patienten als nichtoperabel abgelehnt werden.

Wie aus den vorherigen Interplast-Jahresberichten und der Literatur bekannt, ist der Ansatz bereits etabliert, große Noma-assoziierte Defekte durch freie Lappentransplantate zu decken, wenn, wie in Sokoto, dies logistisch und technisch möglich ist. Inzwischen wurden ca. 40 freie Lappen dort operiert, diesmal in unserem Team vier ALT-Perforator- (Abb. 1), zwei Paraskapular- und ein Radialis-Unterarmlappen. Dem gegenüber steht die mehrzeitige Defektdeckung durch gestielte, kombinierte Temporalisfaszienlappen und Deltopektorallappen (oder günstiger der supraklavikuläre Insellappen), welche vor allem durch die holländischen Kollegen favorisiert wird. Auch der Submentallappen kann erstaunlich große Defekte nach Noma verschließen, hat einen zu vernachlässigenden Hebedefekt und ist leicht zu heben (Abb. 2a-b). Wir führten ihn in 10 Fällen durch.

Ein nicht suffizient gelöstes Problem ist allerdings die Auflösung der Ankylosen nach Noma. Bei allen Teams hat sich inzwischen herauskristallisiert, daß die Unterkieferlösung simultan zur Weichteildeckung erfolgen muß, bei schweren Fällen durch Resektionsarthroplastiken des Kiefergelenkes. Von Vorteil scheint es zu sein, vaskularisiertes Lappengewebe zwischen die Trennungsstellen zu interponieren, wobei die Größe von freien Lappen ein Vorteil sein kann. Trotz zweier in Sokoto arbeitender Physiotherapeutinnen aus den Niederlanden und Australien welche persönlich von uns instruiert wurden, war die Nachbehandlung (Aufspateln, Dynamisierung der Fixateure; siehe Interplast Jahresbericht 2003) ausgesprochen schwierig. Nachdem ein digitales Patientenarchiv mit Fotodokumentation bereits angelegt wurde, ist nun als nächster Schritt eine genaue Dokumentation der vorliegenden Ankylosen geplant. Hierzu steht jetzt ein Orthopantomogramm-Gerät zur Verfügung, was bereits die Therapieplanung erheblich erleichtert. Leider bleibt jedoch die langfristige Nachuntersuchung der Patienten erfahrungsgemäß enttäuschend.

Insgesamt wurden in 9,5 OP-Tagen 86 Patienten operiert, davon 35 mit Noma-assoziierten Defekten. Dies mag im Vergleich zu anderen Einsätzen wenig erscheinen, ist jedoch aus der Komplexität der Einzelfälle zu begründen. Auch wenn die Versorgung unter diesen Umständen nie ohne Kompromisse ist, so ist unserer Meinung nach eine sorgfältige und möglichst umfassende Versorgung der Patienten gegenüber der absoluten Zahl der operierten Fälle vorrangig.

Goetz A. Giessler

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2009

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