Einsatzbericht Tallin/ Estland vom 19. - 30.10.04

Der 12. Einsatz der INTERPLAST-Sektion Vreden vom 19. - 30.10.04 führte ein kleines Team nach Estland, um im Mustamäe-Haigla, einem großen Krankenhaus in Tallinn, der estnischen Hauptstadt, plastisch-chirurgisch zu arbeiten.

Nach unserem ersten Besuch in Tallinn vor 3 Jahren hat sich ein reger Austausch von Fachpersonal zwischen Tallinn und der hiesigen Region entwickelt: Eine eigenständige Disziplin „Plastische Chirurgie“ gibt es in Tallinn (noch) nicht; so waren es Orthopäden und Allgemeinchirurgen, die sich hier in spezielle Techniken handchirurgischer sowie wiederherstellender Operationen einweisen ließen. Wie beim ersten Einsatz fanden wir auch in diesem Jahr eine hervorragende Vorauswahl an Patienten vor: Schwerpunkte lagen in Rheuma-Hand- und Vorfuß-Chirurgie, Wiederherstellungschirurgie peripherer Nerven, Dekubitus-Chirurgie, Verbrennungs-Chirurgie, Wiederherstellungschirurgie kompliziert verlaufender Knochenverletzungen der Hand. Als Geschenk brachten wir Spezial-Instrumentarium zur Durchführung eben dieser Operationen mit. Durch engen vorherigen Informationsfluss via Internet konnten wir uns auf die Durchführung der anstehenden Operationen bereits vorbereiten. Beeindruckt hat uns das estnische System der Kostenerstattung durch die Krankenkasse an die Krankenhäuser: Nach einem „Score“ wird die Behandlung - vor Beginn! - zugesagt, die Zusage ist verbindlich und kann nicht durch spätere Überprüfung im nachhinein rückgängig gemacht werden.

So ist die Planungssicherheit für die Krankenhäuser höher als bei uns! Teilnehmer des Einsatzes waren Dr. med. Arnulf Lehmköster, der Leiter der Vredener INTERPLAST-Sektion sowie sein früherer Assistent und Mitarbeiter Dr. Franz Biber, der mit der hiesigen INTERPLAST-Sektion bereits in Pakistan operiert hat. Estland ist ein aufstrebendes Land, seit 2004 der EU und der Nato angehörend. Die Aufbruchstimmung ist allgegenwärtig, Verständigungsprobleme gibt es nicht: Die Mehrzahl der Esten spricht englisch, gerade in der jungen Generation ist Deutsch als Fremdsprache sehr gefragt. Auf einer kleinen Rundfahrt durch Estland während dreier arbeitsfreier Tage am Wochenende konnten wir uns von der Schönheit des Landes überzeugen. Unsere Frage an einer Hotelrezeption, ob wir uns auf Englisch verständigen könnten, wurde in fließendem Deutsch beantwortet, ja gern, wir können aber auch auf Deutsch miteinander sprechen. Unsere Aufnahme im Mustamäe Haigla war, wie erwähnt, herzlich und sehr gut vorbereitet. Ein Nachmittag war Vorlesungen zu verschiedenen Themen der Rekonstruktiv-Plastischen Chirurgie gewidmet, an dem die Ärzteschaft des Hauses sich rege beteiligte. Der gesamte Aufenthalt war von einem außerordentlichen Medieninteresse begleitet: Print- und Funkmedien berichteten ausführlich über unsere Tätigkeit. Die estnische Ärzteschaft wurde von den Medien zur Fortsetzung intensiver Spezialisierung aufgefordert, um die Zahl der Patienten, die z. B. zu spezialisierten Operationen ins Ausland gehen, so gering wie möglich zu halten. Überall wird investiert, das Straßennetz ist hervorragend, alte Bausubstanz wird restauriert, auch in Krankenhäuser stark investiert: Die zentrale Notaufnahme in „unserem“ 600 Betten-Haus würde jedem deutschen Großklinikum zu Ehre gereichen! Ist ein Einsatz in Estland ein INTERPLAST-Einsatz? INTERPLAST bietet Teams für rekonstruktiv-operative Maßnahmen in solchen Ländern an, in denen diese Techniken nicht bekannt sind oder nur von einer wohlhabenden Oberschicht bezahlt werden können. INTERPLAST-Teams arbeiten unentgeltlich. Die Vermittlung von operativem Know how ist ein wesentliches Merkmal unserer Tätigkeit. Eben dies führen wir in Estland durch: Vermittlung rekonstruktiv-operativer Techniken an dortige Kollegen.

Ein 10-tägiger Arbeitseinsatz zweier Plastischer Chirurgen in Estland kommt dort vielen Kollegen zu Gute, die diese Techniken ansonsten durch Auslandsaufenthalte erwerben müßten. Da - außer den mitgebrachten Instrumenten als Gastgeschenk - für INTERPLAST nur äußerst geringe Kosten entstehen - Kost und Logies werden uns nahezu kostenlos in Tallinn angeboten - wird dort unser Leitmotiv der „Hilfe zur Selbsthilfe“ in hohem Maße verwirklicht.

 

Arnulf Lehmköster

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2009

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