Interplast Einsatz in Bolivien November 2004

Schwellenland Bolivien

 

Armut und Korruption neben „first class“ Medizin

 

 

Haupteinsatzbereich für unsere Sektion Eschweiler war bislang Südostasien in Ländern wie Sri Lanka und Indien. Durch Zeitungsberichte aufmerksam gemacht, trat das Hilfswerk Arco Iris an uns heran mit der Bitte, einen Einsatz auch in Bolivien durchzuführen. Arco Iris ist eine Stiftung – gegründet und geführt von Pater Josef Neuenhofer -, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Straßenkinder in La Paz in Bolivien zu versorgen. Arco Iris versucht ein soziales Netzwerk mit 2 Waisenheimen, einem Übergangsheim, freier Verpflegung, Ausbildung und medizinischer Versorgung für diese Kinder aufzubauen. Die medizinische Versorgung erfolgte überwiegend ambulant. Nach großzügigen Spenden wurde mithilfe des Missionswerkes des Bistums Aachen sowie mit Mitteln der EU ein Krankenhaus in La Paz gebaut. 100 bis 120 Betten stehen nun zur Versorgung bereit.

Hospital Arco Iris in La Paz / Bolivien

Die ursprüngliche Zielsetzung bestand darin, nur Straßenkinder unendgeldlich versorgen zu wollen. Nach Inbetriebnahme vor ca. zwei Jahren, Einstellung des ärztlichen und pflegerischen Personals stand das Krankenhaus nach wenigen Monaten vor dem Ruin. Die gesamte Stiftung Arco Iris war bedroht. Weder wurde das Krankenhaus durch die Straßenkinder angenommen, noch reichten die Spendengelder zur wirtschaftlichen Führung des Krankenhauses aus. Daher wurde das Krankenhaus aus der Stiftung ausgegliedert und in ein kommerziell genutztes Krankenhaus umgewandelt, mit der Auflage sozial Bedürftigen einen Teil der Behandlungskosten zu erlassen. Straßenkinder werden umsonst behandelt. Die Stiftung unterhält drei Ambulanzfahrzeuge, die in die entsprechenden Bezirke von La Paz fahren. Die Kinder werden zum überwiegenden Teil dort auch behandelt. Nur die schwerwiegenden Erkrankungen sollen stationär behandelt werden.

Nach Aussagen von Pater Neuenhofer leben in La Paz ca. 35.000 Straßenkinder. Wie viele Jugendliche, die auf der Straße leben, ist nicht bekannt. Die Zahl der medizinisch Unterversorgten in El Alto, einer Slumsiedlung oberhalb auf einem Hochplateau von La Paz gelegen, ist ebenfalls nicht zu schätzen.

Prostitution, Vergewaltigungen und Missbrauch, Messerstechereien mit schwerwiegenden Folgen sind an der Tagesordnung bei diesen Straßenkindern – häufig schon im Alter von 10 Jahren oder jünger. Eine suffiziente Versorgung von Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten, von Verbrennungsfolgen oder Handfehlbildungen ist nicht gegeben. Bolivien besitzt kein Krankenkassensystem, keinerlei soziale Absicherung. Jede Behandlung muss bezahlt werden. Die Krankenhäuser sollen zwar per Gesetz alle Kinder bis zum 5. Lebensjahr umsonst behandeln. Tatsache ist jedoch, dass dieses neue Gesetz nicht umgesetzt wird mit der Begründung „ …die nächste Regierung, die durch Putsch an die Macht kommt, schafft es eh wieder ab!“

Unsere Aufgabe sollte es sein, diese Kinder und Jugendlichen zu behandeln.

Fast 10.000 Kilometer entfernt ist eine lange Anreise erforderlich. Unser Team flog aus Düsseldorf, Köln und Frankfurt ab, um sich in Paris auf dem Flughafen zu treffen. Aufgrund der zu erwartenden Zahl der Patienten und auch der Klimatischen Bedingungen – La Paz liegt schließlich zwischen 3500 und 4000 Metern hoch – stellte ich ein großes Team zusammen. Im Einzelnen waren das PD. Dr. Dennis von Heimburg und ich als Plastische Chirurgen, PD. Dr. Bernd Niederhagen und Dr. Thorsten Appel als Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen, Dr. Wiebke von Heimburg als Hals-, Nasen- und Ohrenärztin, Dr. Markus Pfisterer und Dr. Thomas Hübner als Anästhesisten, Ursula Brinkmann und Luis Camacho als OP-Schwester und Pfleger, Irene Hertweck und Mechtild Teligmann als Anästhesieschwestern.

Unser Team

Über Paris, Sao Paulo mit langen Zwischenaufenthalten ging es dann nach La Paz. Kaum waren 28 Stunden vergangen, schon waren wir da. Bolivien ist kein Tourismusland, dementsprechend gibt es auch keine Direktflüge. Die Kosten der Flugtickets lagen deutlich über den sonst üblichen Preisen. Unser Übergepäck konnten wir Dank des so genannten „Piece-Konzept“, d.h. pro Person 2x32 KG weitgehend kostenlos transportieren. Nur die Packerei war entsprechend mühselig …...Da uns sonst allerdings Kosten in fünfstelliger Größenordnung entstanden wären, keinThema!

Kaum im Flughafen von La Paz „El Alto“ angekommen, genehmigten sich unsere Raucher sofort eine Zigarette, schließlich sind die Flüge heute Nichtraucherflüge, auf den meisten Flughäfen darf auch nicht mehr geraucht werden. Bezahlt wurde dies auf der Stelle mit „blauen“ Lippen. El Alto liegt auf 4100 Metern Höhe!

La Paz – Häusermeer zwischenn 3500 und 4000 Metern

Samstag und Sonntag würde im Hospital nicht gearbeitet werden, erklärte uns der Verwaltungsdirektor des Krankenhauses bei der Abholung vom Flughafen. Somit hatten wir dann immerhin fast zwei Tage zur Akklimatisierung, dann ging das Rauchen auch schon besser. Das übliche Screenen der Patienten sollte kein Problem darstellen, hatten sich doch über 170 Patienten auf den Aufruf des Hospitals zur Operation gemeldet. Obendrein wurden diese Patienten doch schon auf Anweisung des Verwaltungsdirektors durch Plastische Chirurgen, die z.Teil belegärztlich im Hospital tätig waren, voruntersucht.

Welch fataler Fehler! Von den 170 Patienten wurden 140 Patienten weggeschickt mit der Begründung, „…das wär nichts für uns“ oder „…das könnten wir auch nicht.“ In Bolivien gibt es keine Ausbildungsmöglichkeiten, um Plastischer Chirurg zu werden. Dementsprechend erfolgt die Ausbildung in anderen Ländern Südamerikas. Wer sich das leisten kann, legt offensichtlich seinen Schwerpunkt in die ästhetische Chirurgie und nicht in die rekonstruktive und Missbildungen behandelnde Plastische Chirurgie. Wir wurden also regelrecht durch die vor Ort arbeitenden Plastischen Chirurgen sabotiert, nur damit sie selber nicht ihr Gesicht verlören oder möglicherweise sich veranlasst gefühlt hätten, selber solche Patienten operieren zu müssen. Diese Einzelheiten wurden uns leider erst später bekannt, dementsprechend mühsam gestaltete sich unser Screening. Auch dem Verwaltungsdirektor, der es ja eigentlich uns nur erleichtern wollte, wurde sein Fehler erst später klar. Dann wurden jedoch erneut Aufrufe im Radio und Fernsehen organisiert, sodass dann doch die entsprechenden Patienten sich vorstellten. Über dies ging jedoch wertvolle Zeit verloren.

Das Krankenhaus selber war sehr gut organisiert. Auch die Ausstattung der Stationen und des OP-Bereichs entsprach dem Standard eines deutschen Kreiskrankenhauses. Viele Geräte waren Spenden aus deutschen Krankenhäusern, die hier durch moderne Geräte oder aufgrund der Tatsache, dass sie den veränderten gesetzlichen Normen nicht mehr entsprachen, ersetzt wurden. Selbst ein Computertomograph – eine amerikanische Einzelspende – war vorhanden. Diese Geräte konnten gegen Entgelt auch von anderen Krankenhäusern genutzt werden. Die Allgemeinchirurgischen Kollegen führten sogar endoskopische Gallenblasenentfernungen durch, natürlich gegen Geld. Sogar eine Herzoperation war durch eingeflogene Gastärzte kurz vor unserem Eintreffen bei einem Kind durchgeführt worden. Die Diskrepanz zwischen der Motivation unseres Einsatzes und den sonst durchgeführten Eingriffen war nicht zu übersehen. Überhaupt drehte sich sehr viel um Geld. Der erste Weg der Patienten war der Weg zur Kasse, wo eine Art „Eintrittsgeld“ gezahlt werden musste. Jede Blutentnahme, jeder Verband, alles musste separat bezahlt werden. Auch bei unseren Patienten! Erst auf massive Intervention unsererseits, war bei unseren Patienten alles „free of charge“.

Da die hygienischen Verhältnisse im Krankenhaus und insbesondere im OP-Bereich sehr gut waren, konnten wir bei unseren Operationen sogar große Lappenplastiken durchführen.

Gestielte Lappenplastik bei fehlenden Halsweichteilen nach Verbrennung

Nach anfänglichen Schwierigkeiten stellte sich nach einigen Tagen dann der übliche Tagesablauf mit der Versorgung von Verbrennungsopfern und Lippen-, Kiefer- Gaumenspalten ein. Die Zahl der Gaumenspalten war jedoch insgesamt geringer als erwartet. Ursache sind häufiger durchgeführte Camps zur unendgeldlichen Korrektur dieser Fehlbildungen. Auch die Nachsorge der Patienten erschien uns gewährleistet, da eine junge Kollegin einen Teil ihres Studiums in Deutschland absolviert hatte und dementsprechend gut Deutsch sprach. Aufgrund der negativen Grundeinstellung der ortsansässigen Plastischen Chirurgen unterblieb ein sonst üblicher Gedankenaustausch. Hinzu kamen sprachliche Barrieren, da die meisten Mitglieder unseres Teams kein Spanisch sprachen, Englisch vor Ort so gut wie von niemandem gesprochen wurde.

Die Entscheidung ein großes Team zu bilden stellte sich als richtig heraus. Jeden Tag hatten wir mindestens einen Ausfall zu verzeichnen. Verdauungsstörungen mit Krämpfen und Durchfall waren an der Tagesordnung. Vermutlich nicht als Folge eines hygienischen Fehlverhaltens, sondern Folge der Höhe. Ein Wochenendausflug in die Yungas, ein nur wenige Stunden von La Paz entfernten tiefer gelegenen Dschungelgebietes, führte schlagartig zum Verschwinden der Symptome, die bei Rückkehr nach La Paz wieder einsetzten.

Die Abende waren häufig durch intensive Diskussionen zum Sinn unseres Einsatzes gekennzeichnet. Stand bei anderen Einsätzen die wohlige Müdigkeit nach stundenlangem erfolgreichem Einsatz im OP im Vordergrund der Diskussionen, waren diesmal die Gespräche durch eine gewisse Bitternis angesichts der gewaltigen sozialen Unterschiede sogar im Krankenhaus gekennzeichnet. Plastisch-Ästhetische Eingriffe versus Sekundärversorgung von Verbrennungsfolgen zum Nulltarif und Korrektur von Missbildungen, größer können kaum die Unterschiede sein. Die emotionale Toleranz der Teammitglieder war in hohem Maße gefordert. Die ursprüngliche Zielsetzung des Krankenhaus und Trägers war für uns nur noch rudimentär nachvollziehbar. Auch wenn wir sicherlich einer ganzen Reihe von sehr bedürftigen Menschen helfen konnten, Straßenkinder haben wir nur drei behandelt. Bei einem weiteren Einsatz nach La Paz ist meines Erachtens eine Vorlaufzeit von mindestens 8 – 10 Monaten erforderlich, um die entsprechenden Patienten zu erreichen. Spanischkenntnisse bei der überwiegenden Mehrzahl der Teammitglieder sind wünschenswert.

Wenige Tage nach unserer Rückkehr haben wir uns mit den verantwortlichen Stiftungsmitgliedern von Arco Iris getroffen. Ein intensives Gespräch hinterließ nachdenkliche Gesichter bei unseren Gesprächspartnern aufgrund unserer geschilderten Erfahrungen, auch wenn wir nur einen kurzen Einblick in die Struktur des Krankenhauses werfen konnten. Nach Veränderungen machen weitere Einsätze durchaus Sinn, denn weder die derzeitige Struktur des bolivianischen Gesundheitswesen noch das Können oder der Wille der dort arbeitenden Ärzte lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass den bedürftigen Patienten oder den Straßenkindern eine adäquate Behandlung zu Teil wird.

Matthias Gensior

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2010

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