2. Interplast-Einsatz in Indien, Assam, Sibsagar, 23.01.- 10.02.04

Eine Kooperation der Sektionen Pro-Interplast Ruhrgebiet/NRW e.V. und

Baden-Baden/Rastatt mit Youth for Social Welfare/ Indien

Yesterday is never Over!

Dieser Satz drängte sich in meine Gedanken als die erneute Einladung aus Indien zeitgerecht im Juni 2003 auf meinen Schreibtisch flatterte; voller Lobeshymnen und Bitten wieder zu kommen.

Zeitgerecht: Die Verhandlungen mit British Airways über die Rückerstattung von Gepäckbeschädigungen und Beinaheverlusten waren noch nicht abgeschlossen, die Abschlussbilanz über den 1. Einsatz im Januar 2003 noch nicht gezogen, da drängten sich die flehentlichen schwarzen traurigen Augen der Zurückgebliebenen wieder in das Tages- geschehen, die Erinnerung an die angefangene Arbeit, die weiter gehen sollte, mußte!

So organisierten wir, alle aufs Neue. Aus den ersten Erfahrungen gelernt, den Flug nach Indien mit Air India. Hier musste die Wahrscheinlichkeit aus“ eigenem Interesse“ freies Übergepäck zu gewähren, am größten sein. Fliegen wollten wir bis nach Dibrughar, der unserem Zielort am nächsten gelegene Flughafen, keine nächtlichen Irrfahrten mehr durch Nebel und Abgründe. Weiter machen, wo wir begonnen hatten, im General Hospital Sivasagar, in einem überschaubaren Ort und Rahmen, um die Beziehungen auszubauen und zu festigen, die die wir verlassen hatten wiederzusehen, nicht in einer anonymen Großstadt.

 

Und wir setzten uns durch, gegen Bürokraten und taube Behörden, gegen Ignoranz und gegen den eigenen Alltag. Zwei Planungstreffen in Duisburg, und hier geht mein besonderer Dank an Herrn Chefarzt Dr. Jostkleigrewe, unserer operativen Säule der Verbrennungschirurgie im 1. Einsatz, der nicht nur wieder mitfuhr, sondern wieder die gesamte Verbrennungsausrüstung und alle diesbezüglichen Verbrauchsmaterialien organisierte, und der mir als mein damaliger Chef die Zeit einräumte, zu organisieren. - Dank auch der Leitung der BG-Unfallklinik Duisburg für diese Sachspende, und allen spendenden und sammelnden Händen des Klinikums -

Auch Chefarzt PD Dr. Döring, unsere zweite Säule des 1. Einsatzes war wieder im Boot, er plante und organisierte in Chemnitz, fast die komplette Ausrüstung für Mund- Kiefer- Gesichts- und Spaltchirurgie, zwei gefüllte Zarges- Boxen feinsten Equipments!

Prof. Dr. Dr. Voy, mein Lehrer in Hattingen, schulterte mit der Sektion Pro –Interplast Ruhrgebiet die gesamte Flugfinanzierung neben der gewohnt großzügigen Unterstützung in allem was einen Einsatz in Rat und Tat trägt, und so haben wir alle ihm auch diesen zweiten Einsatz zu verdanken! Mein tiefster Dank gilt ihm!

Diesmal müsste es reibungsloser gehen!!!

So vorbereitet standen wir am Morgen des 23.01.04 am Frankfurter Flughafen, diesmal mit nur knapp 300 kg „medizinisches Übergepäcks“, bei asketischer Selbstbeschränkung der persönlichen Habseligkeiten auf ca. 15 kg/ Person; eine schriftliche Zusage über einen „Frei- transport“ hatte ich trotz aller Bemühungen nicht erreicht.

Als ich die Mimik der „Einwieger„ sah, drängten sich die Schweißperlen auf meine Stirn, die ich vor einem Jahr bis zum Ende des Einsatzes nicht mehr hatte abtrocknen können, sie hatten sich damals verselbständigt.

Doch sie verschwanden schnell, einen derart herzlichen Empfang bei Air India hatte ich nicht erwartet: Händeschütteln, freundlichste Worte, bevorzugtes Einchecken, upgrading in Business und first class, als hätten alle auf uns gewartet, unwirklich!

Der Flughafen Bombay um Mitternacht störte meine süßen Träume, endlose Stunden im Wartesaal, Chefarzt Dr. Sautter aus Uganda war zu uns gestoßen, auch er mit sehnlichst erwarteter high-tech, aber eben Übergepäck, von den vorab mündlichen Zusagen der innerindischen Sahara Airlines wußte morgens um 5.00 h am Schalter niemand, auch der eigens von Herrn Saikia abgestellte Freund als Unterhändler konnte es nicht erreichen, das Gepäck wurde gewogen, auf das Gramm, 524 Kg!

Aber mit knapp 180 $ Strafe konnten wir leben. Die indische Leichtigkeit des Seins, das Lächeln, hatte uns wieder, auch als unser Weiterflug am 24.01. wegen des Nationalfeiertags auf den Folgetag verschoben wurde, blieb es. Vor allem als wir uns zur Wiedergutmachung im 5-Sterne Hotel-Ashok wiederfanden, empfangen von feinst gekleideten Portiers mit grüßenden weißen Handschuhen, einem über zweimannsgroßen gold- glitzernden Kronleuchter über spiegelndem Marmor. Zum ersten Mal lernten wir das andere Indien kennen, eine aus Kolonialzeiten herrührende nicht zerschlagene, sondern mit Stolz erhaltene Pracht!

Die nächtliche Armenspeisung in einem Hindutempel um die Ecke führte uns wieder zu unserem Einsatz, den wir am Folgetag direkt über das nahe gelegene Dibrughar erreichten.

Wir waren zuhause, es war fast wie heimkommen, all die bekannten Gesichter, die Herzlichkeit, das Lachen, ein kleines Stück erfüllter Hoffnung auf Zukunft lag in jedem


Händedruck der Wiederkehr!

Die Blumen zum Empfang, die harten Pritschen der Lodge, alles war vertraut und lächelnd fanden wir das Krankenhaus wieder, den Dreck, den Gestank und die OP-Lampe, die eher ins „Edison“-Museum gehört als vor Ort, mit Lächeln. Denn diesmal waren wir uns gewiß, daß uns nichts aufhalten könnte, keine Latrine, kein Stromausfall, wir hatten es schon einmal überlebt!


Dr.Post unter der“ Edison“-OP-Leuchte LED-(Batterie-)Kopflampen bei Stromausfall

Der Alltag begann schon am nächsten Morgen und zwischen all den bekannten unvorstellbaren Entstellungen durch Verbrennungen und Spaltbildungen war das schönste die Patienten vom Vorjahr wiederzusehen.

Der Junge dessen durch Verbrennungskontraktur angewachsener Arm voll und frei beweglich abgeheilt war ( OP: Dr. Jostkleigrewe).


präop .2003,
Kontrolle 2004, keine Kontrakturen, freie Beweglichkeit

Das bildhübsche Mädchen mit dem Stirnlappen zum Nasenersatz, diesmal durch Conchaknorpeltransplantation und Nasolabiallappenbildung mit rekonstruierten Nasenflügeln und allen plastisch-chirurgischen Kniffen zur vollständigen Nase ergänzt( OP´s: Dr. Döring).

präop 2003: fast vollständiger Verlust der Nase
postop 2003: Nasenaufbau durch Stirnlappen
präop 2004: eingeheilter Stirnlappen
postop 2004: Komplettrekonstruktion der Nase

Nichts kann schöner sein als diese dankbaren Blicke. Noch nie war eine „kitschige“ Plastikblume als Dank so schön!


PD.Dr.Döring bei der Schlussvisite eines seiner Spaltpatienten

Die Anästhesie, diesmal von Oa Dr. Esser und Dr. Post aus Aachen komplett organisiert und ohne jeden Zeit-und Reibungsverlust perfekt praktiziert, wie in einem alt eingespielten Team, erlaubte es uns mit den sich einschleifenden Abläufen eine deutliche Steigerung der diesjährigen Patientenzahl.

Hierbei war Chefarzt Prof. Dr. Sautter mit seinen langjährigen Afrika- Erfahrungen das ideale Bindeglied zwischen high-tech „Wunsch“-OP-Technik und dem bewährten und erprobten OP-Pragmatismus, der den Umständen gerecht wird; unvergessene Lehrstunden der besonderen Klasse! Hoffentlich bleibt er uns erhalten.

Daß dies alles ohne Inaugural Ceremony (Einführugszeremonie) mit den bekannt endlosen offiziellen Lobsagungen funktionierte – durch unsere Anreiseverspätung hatten wir diese „leider“ verpasst - war eigentlich undenkbar; und so wurde sie nachgeholt, am Ende einer kurzen Wochenendpause am 01./02..2.04. „The honorable ministers“ beschränkten sich diesmal jedoch gnädigst, was wir dankend annahmen.

Die Ausflüge in den lokalen Alltag, auf Rinder-und Regionalmärkte mit einem vor sich hintrocknenden geteilten Schwein und Bergen getrockneten Fisches, einer nicht enden wollenden Fülle an Speisen und Früchten gebettet in Armut und Gerüchen, die alle Sinne umspielten, waren beeindruckend gewesen.

Kraft schöpfen konnten wir beim frühmorgendlichen Elefantenritt im Kaziranga –Nationalpark, „unserer“ Oase der Stille. Wir hatten sie wieder unsere geliebten Riesen, die gutmütigen und mächtigen. Mit jeder gefütterten Banane, mit jedem Streicheln wuchs die Bewunderung und Erfurcht vor diesen Geschöpfen, der Respekt und die Zuneigung. Verzaubert wurden wir vom Tanz der wohl süßesten und jüngsten Prinzessin Indiens am Abend zum Ausklang des überregionalen „Elefant-Festivals“.

Die Grazie der wunderschönen Frauen in Ihren purpurnen Gewändern, die uns die Folkloregruppe zum krönenden Abschluß bot, zu beschreiben, würde diesen Rahmen sprengen, man muß es erlebt haben, um mitzuschwärmen.

So gestärkt gingen wir in die Zweite Runde, vom 03.02.-07.02.04. Nach 2 Wochen harter durchstrukturierter Arbeit konnten wir eine beruhigende Bilanz ziehen: Über 60 Patienten hatten wir in langen Mehrfach-OP ´s behandelt bisher ohne gravierende Komplikationen; nur die Kinder waren fast alle verschnupft, was die Nachbehandlung nach Spalt-OP´s nicht gerade erleichterte. Aber mit einem nagelneuen Match-box-Auto -unser Dank an die Sieper-Werke in Lüdenscheid- oder einem Plüschtier zum Trost war auch dies bald ausgestanden. Rechtzeitig hatten wir die Neuvorstellungen gebremst und praktisch auf den Punkt alles operieren können, was wir versprochen hatten, eine Warteliste für den nächsten Einsatz war vorbereitet. Die lokalen Ärzte mittlerweile in die Nachbehandlung fest eingebunden, konnten wir beruhigt gehen mit der Gewissheit der Rückkehr!

Wieviel man in 2 Tagen erleben kann zeigte uns unser Freund Jintu, Herr Saikia, zum Ende.

-Jintu, ein Mann dessen stoische Ruhe eher an den Fährmann Vasudeva in H. Hesses Siddartha erinnert als an einen mittelständischen Kamaswami-Geschäftsmann. Jedem Problem mit „we will find a way“ begegnend mit dem typischen seitlich kopfnickenden Yes,Yes. Und er fand einen Weg, einen Indischen, immer! -

Vom Empfang beim Ministerpräsidenten Assams über das imposante Nationalmuseum, von seinem Vater gegründet, vom höchsten Tempel Assams bis zu einem Abschlussessen an Guwahatis weißen Bramaputra-Stränden, nichts und niemand konnte diesen Mann bremsen, uns mit Dankbarkeit und Überraschungen zu überhäufen. Bis zum Taj Mahal, quer durch Indien wich er uns nicht von der Seite und das Netz seiner gleichgesinnten Freunde war ohne Lücken, wohin wir auch gingen von Freunden empfangen und als solche begrüßt.

Diese Bande würde niemand mehr zerreißen können, wir würden wieder „Heim“ kommen, wieder und wieder, das stand in allen Augen beim Abschied!

Yesterday is never over! And won´t ever be!

Danke an:

-Chefarzt Dr.med.F.Jostkleigrewe, Duisburg, Plast.-,Hand- u.Verbrenn.-Chirurgie
-Chefarzt PD Dr.med.Karli Döring, Chemnitz, Plast.- und MKG-Chirurgie
-Chefarzt Dr. Ralf Sautter, Mbarara( Uganda), Plast.-Rekonstr.- Chirurgie
-Oberarzt Dr. Franz Josef Esser, Aachen, Anästhesie
-Dr. Peter Post, Aachen, Anästhesie
-Heike Geller, Lüdenscheid, OP-Schwester
-Renate Plesken, Solingen, OP-Schwester
-Renate Netz, Duisburg, leit. Schwester der Schwerverbrannten-Intensivstation
-Gisela Bloehm, Krefeld, Anästhesieschwester


Das Team und Mr. Saikia mit Familie vor dem Taj Mahal

Dr.Dr.med.Jürgen Herr

 

 

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Einsatzberichte 2010

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