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Zum Einsatz ins iranische Nain, etwa 500 km südöstlich von Teheran am Rande einer Hochgebirgswüste in etwa 1600m Höhe gelegen, starteten vom Frankfurter Flughafen aus die Kolleginnen und Kollegen aus der kreuznacher diakonie Drs. Eva und André Borsche, Dr. Jens-Peter Sieber und Dr. Fakhry Ghoreishinejad sowie der allround -male-OT- nurse& Pfleger Udo Brosche. Zu ihnen stießen aus Münster der junggebliebene Ruheständler Dr. Hubertus Tilkorn (wie die erstgenannten Plastischen Chirurg) und aus dem thüringischen Ilmenau der Autor des Berichts, Helmut Krause als Anaesthesist.
Dank guter Absprachen und Vorbereitung landeten wir nach vergleichsweise kurzem Flug mit Iran Air gegen Abend Ortszeit in Teheran und wurden von Freunden der Familie Borsche und Verwandten unserer persischen Kollegin freundlich empfangen und beherbergt. Dabei konnten wir gleich einen ersten Eindruck von der innenpolitischen Situation des Landes wenige Tage vor der nicht ohne Spannung erwarteten Parlamentswahl vermittelt bekommen. Der Abend verging bei Gesprächen über die Geschichte des alten Kulturlandes, insbesondere natürlich in den vergangenen Jahrzehnten seit dem Sturz des Schah- Regimes, bei ein wenig Alkohol ("Oppositionsware") wie im Fluge. 25 Jahre nach der sogenannten Revolution von 1979 schickten sich die Verantwortlichen des Landes- insbesondere der "Wächterrat" - an, die sich allmählich liberalisierende und öffnende politische Landschaft per "Ordre de Mufti" und Verbot der Kandidaturen vieler Reformorientierter einzufrieren.

Angesichts der weltpolitischen Entwicklung, der wirtschaftlichen Kontakte und der Öffnung des Landes allein schon der nach Millionen zählenden exilierter Eliten aus Wissenschaft und Forschung, Technik, Medizin und Kunst ein mittelfristig sicher wirkungsloses Unterfangen. Derzeit noch allerdings mit dem zu erwartenden Ergebnis eines beispiellosen Wahlboykotts, der alle nun zu treffenden Entscheidungen mit dem Mangel demokratischer Legitimation versehen erscheinen lassen muß.
Auch unsere zu günstigen Konditionen transportierten 23 Kisten und Kartons mit medizinischer Ausrüstung und Donationen konnten wir problemlos am Teheraner Airport zwischenlagern, um sie am nächsten Morgen vor unserem Weiterflug in die alte persische Hauptstadt Isfahan erneut zu "verfrachten". Von den Schönheiten des Landes, dessen Naturgegebenheiten wie auch die spannende Historie sicher zu Superlativen Veranlassung geben dürften, registrierten wir außer herrlich ebenmäßigen schneebedeckten Berggipfeln der Unzahl von überflogenen Faltengebirgszügen nur den Königsplatz Isfahans und die ihn umgebenden Moscheen wie aus 1001 Nacht und auf der Weiterfahrt nach Nain die wüstenartigen, dünn besiedelten Landstriche mit ihren Dörfern mit kuppelüberwölbten Lehmbauten und Verteidigungstürmen in der Hochgebirgssteppe.
Touristen sind allerdings noch immer kaum anzutreffen, wenngleich sicher die Erdbebenhilfe im nur wenige hundert Kilometer entfernten Bam eine Vielzahl von Ausländern wieder ins alte Persien gebracht haben dürfte.

Uns jedoch trieben nicht sightseeing- Ambitionen um! Wir wollten, vorbereitet von unserem Freund Dr. Abdol Behrawan, viele Jahre als Soziologe und Politologe in Deutschland und seit einiger Zeit wieder in Teheran lebend, und den Ärzten im Heschmatieh Habibian Krankenhaus von Nain, dort unser "Reconstructiv surgery Camp" aufschlagen...Noch am Nachmittag unseres Ankunftstages sahen wir nach der Begrüßung durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krankenhauses, namentlich durch die Leitung Dr. Rezai(G.P.) und Herrn Arbejdi, die ersten potentiellen Patienten und das vorzeigenswerte Krankenhaus mit Röntgen, Labor und den Op’s, in denen elektive Eingriffe während der Zeit unseres Tuns aufgeschoben werden sollten. Wie sich am nächsten Tag- wir waren sehr angenehm in einer unweit gelegenen ehemaligen Karawanserei, dem "Nain Inn" untergebracht- herausstellte, waren unsere Patienten noch von niemanden vorher medizinisch begutachtet worden, so daß nun auf Grund des Aufrufes und eines Zeitungsartikels in den nächsten Tagen eine unaufhaltsame Flut von Menschen aus allen Teilen des Landes über uns hereinbrach, die oft schon voroperiert eine Verbesserung ihrer Situation sich erhofften- nicht selten aber optimal versorgt waren oder mit unvorstellbaren Bagatellen, Hauteffloreszenzen oder Akne, Schwielen etc. sich vorstellten. Da die sprachliche Kommunikation auch mit dem Klinikpersonal sich als ausgesprochen problematisch erwies, waren wir froh, mit Dr. Behrawan und unserer Anaesthesistin Fahkry zwei perfekte und sachkundige Dolmetscher zu haben. Dies bedeutete aber auch, daß ein Anaesthesist mit Hilfe einheimischer Assistenten bei schwieriger Verständigung und notwendigem Dolmetschen auch für die unsterilen Hilfen und Helfer an zwei Tischen öfters "zu Gange" war. So vergingen die ersten OP- Tage wie im Fluge und bei den z. T. erheblichen und langwierigen Operationen von "burn contractures" zogen sich die Programme bis tief in die Nacht hin. Das stellte nicht nur das einheimische Personal, sondern auch uns vor schwere Belastungsproben. Von den Krankenhausköchen, die das Essen noch bis Mitternacht warm halten mußten, ganz zu schweigen... Die aüßeren Bedingungen in dem modern eingerichteten und hygienisch gut geführten Haus waren sehr ansprechend; da nicht ständig ausgebildete Chirurgen in diesem Provinzkrankenhaus tätig waren, kam unser plastisches Team auch einmal spät abends dazu, eine ausgesprochen üble Appendix bei einem jungen Mann zu entfernen.Von den insgesamt über 1500 (!) Menschen, die sich während unseres Aufenthaltes z.T. noch bis tief in die Nacht vorstellten (sie kamen aus manchmal mehr als 1000 km Entfernung, z. B. aus Täbriz in Azerbaidshan, auch aus Bam- und wir lästerten dann schon: demnächst auch aus Usbekistan und der Mongolei...) wählten wir 86 Patientinnen und Patienten aus. Enttäuscht mußte wohl kaum jemand wieder von dannen ziehen, denn mit Eva Borsche hatten wir auch eine der homöopathischen Möglichkeiten kundige Kollegin im Team! An 74 Patienten wurden insgesamt 88 Eingriffe, davon einige größere Voll- und Spalthauttransplantationen sowie ausgedehnte Verschiebeplastiken, z.T. simultan durchgeführt. Bei zwei Patienten war nachträglich noch einmal eine erneute plastische Deckung wegen Wundheilungsstörung erforderlich. An den 8 Op-Tagen wurden immer wieder zwischendurch Konsultationen angefragt, was den Ablauf erheblich tangierte.

Allein die damit immer auch verbundenen Sprachmitteilungen brauchten Zeit und das Anspruchs- und Wunschdenken erlebten wir in dieser Form – ohne Wertung - zum ersten Mal. 12 Patienten erschienen nicht - auch das war wegen einzuplanender Nahrungskarenz für den Ablauf nicht unproblematisch. Es hatte möglicherweise aber auch mit dem Umfang der in Betracht stehenden operativen Maßnahmen und dem hohem Aufwand in diese entlegene Gegend zu gelangen zu tun. Bei zwei Patienten erwies sich das übliche anaesthesiologische Procedere wegen mentosternaler Kontrakturen als sehr schwierig, einmal war als Lösung der Gebrauch einer Larynxmaske hilfreich, beim anderen Mal half der ohnehin vorgesehene releasing- Schnitt der Kollegen nach Induktion der Narkose... Die Kooperation mit dem einheimischen Personal klappte nach einigen Tagen immer besser, war partnerschaftllich und angenehm. Der Ausbildungsstand und auch der Ehrgeiz insbesondere der Anaesthesie- Assistenten waren bemerkenswert- mußten sie doch im sonstigen Regelbetrieb nach zweijähriger Ausbildungszeit eigenverantwortlich arbeiten...

Die Leitung des Hauses versuchte uns mit großer Gastfreundschaft aus spürbaren Instrumentalisierungsversuchen politischer Art herauszuhalten, so daß wir insbesondere auch Dank der beeindruckenden Art und Arbeit von Frau Dr. Fahkry Goreishinejad und Herrn Dr. Abdol Behrawan neben der medizinisch- fachlichen Arbeit und dem Miteinander über Grenzen und Kulturen hinweg einen Beitrag zur Stärkung der iranischen Zivilgesellschaft gemeinsam zu leisten imstande waren. Ein Einsatz, bei dem es viel zu lernen gab - für alle Beteiligten. Der Dank geht an die Organisatoren und Helfer! Am Ende gab es noch ein Zeitungsinterview in Teheran, eine freundlichen Empfang und herzliche Gastfreundschaft mit dem Wunsch: Kommt wieder : Choda hafez !
Helmut Krause
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