Operationseinsätze im Jahr 2004

Interplast-SKM-Hospital Nepal – Herausforderung der nächsten Jahre

Nepal – Quo vadis?

Die politische und ökonomische Talfahrt Nepals hat noch nicht die Talsohle erreicht. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Maoisten und nepalesischer Armee gehören bereits zum „normalen“ Tagesgeschehen. Auch Intensität und Häufigkeit haben zugenommen. Die Zahl der Todesopfer hatte bereits im August die Marke von 10.000 überschritten. Qualitativ sind im politischen Geschehen keine wesentlichen Änderungen zu verzeichnen und eine Lösung des Konfliktes ist nicht absehbar. Im Rückblick auf die vergangenen Jahre kann man daher fast schon von einer Stabilität des Niederganges reden. Das normale Tagesgeschehen wird mehr und mehr durch Generalstreiks, Protestkundgebungen, Ausgangssperren sowie eine zunehmende Zahl von Berichten über Vergewaltigung, Folter, außergerichtliche Hinrichtungen und andere Hinweise sukzessiver Verrohung gekennzeichnet. Von anarchischen Zuständen kann man dagegen aber noch nicht reden. Lediglich in den Tagen nach dem 30. August 2004, als im Irak 12 nepalesische Geiseln hingerichtet wurden, gab es heftige Ausschreitungen, die eine mehrtägige Ausgangssperre nach sich zogen. In den von der Regierung kontrollierten Gebieten, es handelt sich nur noch um die größeren Städte des Landes und das Kathmandu-Tal, sind die Sicherheitskräfte von Armee und Polizei noch Herr der Lage. Auf der Gegenseite wurde von den Maoisten in ihrem Einflussbereich bereits eine eigene Administration etabliert, die nicht nur Revolutionssteuern eintreibt, sondern neben der Registrierung von Fahrzeugen, NGOs usw. auch viele andere Dinge des täglichen Lebens regelt. Dennoch kann die derzeitige Pattsituation zwischen Armee und Maoisten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nepal am Rande eines Bürgerkrieges steht. Gespräche mit der vom König eingesetzten Regierung werden von den Maoisten abgelehnt und auch Neuwahlen sind bei den derzeitigen Kräfteverhältnissen absolut unrealistisch. Dagegen hat die nepalesische Armee ihre Truppenstärke in den letzten 5 Jahren fast verdoppelt und auch die Maoisten haben ihre Einheiten weiter ausgebaut – oftmals durch Zwangsrekrutierungen von Kindern und Jugendlichen.

Marodes öffentliches Gesundheitswesen

Das Gesundheitswesen in Nepal ist weiterhin absolut unzureichend. Weniger als 5% der Bevölkerung genießen eine wirklich befriedigende medizinische Versorgung. Auch hier ist von staatlicher Seite wenig zu erwarten. Häufig wechselnde Regierungen, sinkende Deviseneinnahmen und ansteigende Kosten im Sicherheitsbereich geben wenig Hoffnung auf eine absehbare Besserung. Ein beträchtlicher Anteil der medizinischen Versorgung der Bevölkerung erfolgt weiterhin durch NGOs, private oder internationale Organisationen. Die Ausbildung von medizinischem Personal hat zumindest quantitativ zugenommen und erfolgt fast ausschließlich in privaten Instituten. Dort stehen finanzielle Interessen im Vordergrund und die Qualität der ausgebildeten Schwestern und Ärzte lässt entsprechend zu wünschen übrig. Noch ärgerlicher ist das System der Facharztausbildung, das ebenfalls eine lukrative Einnahmequelle weniger Kliniken darstellt und eine Reihe guter Ausbildungs- und Trainingsmöglichkeiten einfach außer acht lässt. Am Beispiel der Plastisch-Rekonstruktiven Chirurgie wird dies besonders deutlich. Von den knapp 10 (!) in Nepal auf diesem Gebiet tätigen Ärzten, von denen mir die meisten persönlich bekannt sind und zwei die Abteilungen für Plastische Chirurgie in den größten öffentlichen Häusern des Landes leiten, hat noch keiner auch nur einen einzigen jüngeren Kollegen angelernt, geschweige denn systematisch weitergebildet. Die meisten Fachärzte Nepals sind - wie ihr (limitiertes) zahlungskräftiges Patientengut - in Kathmandu tätig, so dass bei absolut freien Niederlassungsmöglichkeiten kaum einer ernsthaft an der Ausbildung von zukünftigen Konkurrenten interessiert ist. In den meisten nepalesischen Krankenhäusern werden mittellose Patienten nur unzureichend oder auch gar nicht behandelt. Große, marmorstrotzende Privatkliniken, aber auch Missionskrankenhäuser, haben – wenn überhaupt - nur einen verschwindend kleinen Sozialfond, der gerade einer Alibifunktion gerecht wird, um die Zahlungsmoral von Spendern aufrechtzuerhalten. Man mag es kaum glauben, aber viele profitable Privatkliniken werden durch gutgläubige Spender aus dem Ausland oder sogar durch größere Hilfsorganisationen blindlings unterstützt. In der fatalistisch-hierarchischen geprägten Kultur Nepals werden diese Praktiken der eigenen Landsleute von den meisten Menschen stillschweigend hingenommen, während von Hilfs- und Entwicklungsorganisationen nicht selten unmögliches abverlangt wird.

Schier unendlicher Bedarf für plastisch-rekonstruktive Chirurgie in Nepal

Den bestehenden Gesundheitseinrichtungen steht eine immense Nachfrage an medizinischer Versorgung gegenüber. Außerhalb des Kathmandu-Tales gibt es weniger als ein halbes Dutzend Distrikt-Krankenhäuser, die personell und materiell adäquat ausgestattet sind. Der subakute Bürgerkrieg fordert mehr und mehr Verletzte, die plastisch-rekonstruktiver Maßnahmen bedürfen und wir sehen daher leider eine zunehmende Zahl an Patienten mit veralteten Schussfrakturen oder solchen mit ausgedehnten Gewebsdefekten nach Explosionsverletzung. Mit jährlich über 1.800 Operationen in nahezu allen Teilbereichen der plastisch-wiederherstellenden Chirurgie stellt das SKM-Hospital mittlerweile die mit Abstand größte und leistungsstärkste Klinik auf diesem Sektor dar. Diese Zahl relativiert sich allerdings, wenn man berücksichtigt, dass in Nepal allein auf dem Gebiet der LKG-Spalten derzeit mit ca. 40.000 unversorgten Patienten gerechnet wird und dass die OP-Kapazitäten des gesamten Landes noch nicht einmal ausreichen, um den jährlichen Zuwachs von etwa 1.500 neuen Spaltenfällen zu versorgen. Dazu kommen noch einmal die gleiche Zahl an Hand- und Fußfehlbildungen, zahllose Verbrennungen usw., usw... Der bestehende Bedarf an plastisch-wiederherstellender Chirurgie lässt sich also nur erahnen.

Aufgaben und Ziele des SKM-Hospitals

Die Hauptaktivitäten des Projektes gliedern sich weiterhin in einen humanitären und einen entwicklungspolitischen Teil. Gemäß der Interplast-Philosophie sollen besonders mittellose Menschen mit angeborenen Fehlbildungen, erworbenen Deformitäten, Verbrennungen, Verbrennungsfolgen, ausgedehnten Defektwunden, Handverletzungen, Haut- und Weichteiltumoren oder auch Kriegsverletzungen die Möglichkeit einer plastisch-rekonstruktiven Versorgung erhalten. Wie kann dies aber bei beschränkten finanziellen Mitteln erreicht werden, und zwar bei möglichst vielen Bedürftigen?

Die OP-Zahlen werden in den nächsten Jahren natürlich weiter steigen, aber der reine Output an behandelten Patienten kann nicht der alleinige Maßstab sein. Gleichzeitig muss auch die Ausbildung – vor allem die unserer nepalesischen Ärzte – intensiviert werden. Gerade den jüngeren Kollegen muss eine Perspektive geboten werden, um sie langfristig an das Fachgebiet zu binden. Trotz der aktuellen Probleme im nepalesischen Gesundheitswesen gibt es u.U. Möglichkeiten einer offiziellen Facharztausbildung, die derzeit von uns ausgelotet werden. Eine Ausbildung von geeigneten Kandidaten im Ausland halte ich dagegen für absolut kontraproduktiv. Die medizinische Leitungsfähigkeit des Hospitals wird sich nur bei stetig wachsendem Ausbildungsstand unserer nepalesischen Schwestern und Ärzte weiter steigern lassen. Erst dadurch werden wir in der Lage sein, um auch zunehmend in der Peripherie tätig zu werden und auf diesem Wege einmal einen wirklichen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leisten zu können. Dort befindet sich die Masse der Bedürftigen, so dass wir auch in diesem Jahr wieder mehrere OP-Camps durchgeführt haben. Die Menschen dort können sich die lange Anreise nach Kathmandu nicht leisten oder sie trauen sich aufgrund der kriegsähnlichen Lage einfach nicht. Im letzten Jahr erfolgten 2 dieser Außeneinsätze erstmals in direkter Zusammenarbeit mit der GTZ, die die organisatorische Arbeit vor Ort und vor allem die Mobilisierung der Patienten übernahm. Die Einsätze in Surkhet und in Dhading verliefen außerordentlich erfolgreich und reibungslos, so dass bereits weitere Einsätze geplant wurden.

Ausbildungspotential des SKM-Hospitals noch lange nicht erschöpft

Das SKM-Hospital ist derzeit leider die einzige Klinik, die nepalesische Ärzte im Gebiet der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie aus- und weiterbildet. Anfang letzten Jahres wurden drei weitere junge Kollegen (2 Ärztinnen und ein männlicher Kollege) eingestellt, die mittlerweile alle in der Lage sind einfachere Eingriffe durchzuführen. Dies erfolgte natürlich nicht nur, um weiteren jungen Kollegen eine Ausbildung zu ermöglichen, sondern auch um dem gewachsenen Leistungsspektrum gerecht zu werden. Die zunehmende Zahl von nächtlichen Unfallversorgungen, sowie die steigende Zahl sehr großer operativer Eingriffe machte u.a. einen permanenten ärztlichen Nachtdienst erforderlich. Die neuen Assistenten arbeiten in allen Funktionsbereichen der Klinik und haben die Möglichkeit, sich erste chirurgische Fähigkeiten anzueignen. Unser nepalesischer Chirurg Dr. Raju wurde im letzten Jahr intensiv auf dem Gebiet der Lippenkiefergaumenspalten trainiert, während Altassistent Dr. Binod seine allerersten Erfahrungen in der Mikrochirurgie sammelte. Bis die beiden diese Teilbereiche der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie selbständig beherrschen, werden jedoch noch einige Jahre vergehen.

Zusammen mit den Schwestern erfolgen im Rahmen unserer wöchentlichen Meetings Präsentationen und andere kurze Fortbildungen in allen Teilbereichen unseres Fachgebietes. Ein Teil dieser Fortbildungen werden bereits durch unsere nepalesischen Ärzte selbst vorbereitet und vorgetragen. Im Laufe des Jahres erfolgte daher eine PC-Schulung unserer Ärzte, um neue Medien wie z.B. PowerPoint oder medizinische Internet-Literatur besser nutzen zu können. Die Regenzeit mit etwas vermindertem Patientenandrang, wurde genutzt, um zwei größere Workshops für nepalesische Fachärzte aus angrenzenden Fachgebieten durchzuführen. Die orthopädischen Kollegen anderer Kliniken, die auch für die unfallchirurgische Versorgung zuständig sind und uns regelmäßig Patienten mit ausgedehnten Wunden oder komplizierten Frakturen zuweisen, wurden über Wundmanagement und Möglichkeiten der Versorgung von Defektwunden informiert. Für Gynäkologen wurde ein Symposium über Therapiekonzepte und plastisch-chirurgische Maßnahmen beim Mammakarzinom sowie Korrekturmöglichkeiten angeborener Fehlbildungen der weiblichen Brust veranstaltet. Für das nächste Jahr sind weitere Workshops für den Bereich Handchirurgie und Plastisch-chirurgische Versorgung von Kriegsverletzungen in Vorbereitung. Dazu kommt eine Veranstaltung für Neurologen, die sich für die Behandlung von Nervenkompressionssyndromen und die mikrochirurgische Behandlung von Nervenverletzungen interessieren.

Unsere nepalesischen Schwestern machten bei ihrer Aus- und Weiterbildung im SKM-Hospital erneut die größten Fortschritte. Im OP verfügen wir jetzt über zwei ausgezeichnete Narkoseschwestern, die bereits eine Vielzahl von örtlichen und allgemeinen Narkoseverfahren sicher beherrschen. Auch die assistierenden OP-Schwestern, die Stationsschwestern oder die in der (Notfall-)Ambulanz tätigen Pflegekräfte arbeiten bereits sehr routiniert und haben besonders im organisatorischen Bereich deutliche Fortschritte gemacht. Um den Schwestern eine möglichst breite Ausbildung zu ermöglichen, wurde bereits vor 2 Jahren ein Rotationssystem eingeführt, damit gerade neue Schwestern möglichst zügig und umfassend eingearbeitet werden können. Zusammen mit unserem nepalesischen Partner, dem SKM-Trust, der nahe dem SKM-Hospital ein Nursing College errichten wird, erfolgen erste Überlegungen, wie das Hospital zukünftig für die (offizielle) Grundausbildung von Krankenschwestern genutzt werden kann.

Die CMAs (Community Medical Assistant)unseres Hospitals arbeiten ausschließlich in festen Funktionsbereichen. Wir haben einen Röntgenassistenten, der auch für die Notfallaufnahme zuständig ist und eine CMA, die als Zahnarzthelferin arbeitet. CMAs anderer Organisationen haben weiterhin die Möglichkeit, sich durch mehrwöchige Praktika in unserer Notfallaufnahme und Allgemeinsprechstunde für ihre Tätigkeit in lokalen Health Posts fortzubilden. Unsere für die Krankengymnastik zuständige CMA beteiligt sich zusammen mit unseren ehrenamtlich tätigen Krankengymnastinnen an der Ausbildung von Physio-Studenten der Kathmandu-University, die seit Herbst 04 regelmäßig Praktikanten für mehrwöchige Einsätze in unser Hospital schickt. Zumindest für die Ausbildung von Krankengymnasten (und in Kürze wohlmöglich auch für die Schwesternausbildung) ist unser Hospital bereits als Lehreinrichtung offiziell anerkannt.

Hospitalausbau

Das Hospital wurde in den Vorjahren bereits erweitert und modernisiert. Betten- und Behandlungskapazität nähern sich aber unaufhaltsam einer Grenze, die in den nächsten Jahren einen weiteren Ausbau erforderlich machen werden. Im Herbst 2004 wurde damit begonnen, zwei weitere unterirdische Wassertanks mit einem Fassungsvermögen von je 70.000 Litern zu bauen, um dem entsprechend der zunehmenden Aktivitäten ansteigenden Wasserbedarf während der Trockenzeit abzusichern. Bei der Wasserversorgung kann dann auch auf Regenwasser zurückgegriffen werden, das wie unser Quellwasser sicher aufbereitet wird. Weiterhin wurde mit dem Bau eines neuen Generatorhauses begonnen, das einem weiteren und leitungsstärkerem Notstromaggregat Platz bieten soll. Gerade in den Abendstunden reicht die Spannung des öffentlichen Netzes nicht aus, um den Bedarf für Sterilisation, Waschmaschinen und OP-Betrieb abzudecken. Die medizinische Ausstattung des Hospitals wurde weiterhin verbessert und ergänzt. Wir erhielten u.a. mehrere Wechseldruckmatratzen, ein modernes Röntgendurchleuchtungsgerät für den OP.

Weitere Aktivitäten des SKM-Hospitals

Krankenwagen- und Notfalldienst, Zahnstation, Allgemeinklinik, Basisgesundheitserziehung, Schulunterricht für Langzeitpatientenkinder sind bereits etablierte Einrichtungen unserer Klinik. Die Zahl der Krankenwageneinsätze nahm im Vergleich zu den Vorjahren etwas ab, da aufgrund der verbesserter Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten zum einen weniger Patienten nach Kathmandu verlegt werden müssen und andererseits auch mehr Notfälle direkt im Hospital versorgt werden können. Die Zahnstation wird ausschließlich durch ehrenamtliche Zahnärzte aus Deutschland betrieben und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Obwohl die Zahnstation nicht durchgehend mit Ärzten besetzt ist, kann durch unsere Helferin Rukmini langsam ein Dauerbetrieb gewährleistet werden, da sie bereits in der Lage ist außer Extraktionen auch einfache Füllungen durchzuführen. Die Allgemeinklinik beschränkt sich auf die ambulante Versorgung der lokalen Bevölkerung und wird zudem durch verschiedene, ebenfalls ehrenamtlich tätige nepalesische Ärzte unterstützt. Der allgemeinmedizinische und allgemeinchirurgische Anteil unserer stationären Patienten beträgt etwa 5%; eine Steigerung in diesem Sektor ist nicht vorgesehen. Für schulpflichtige Patienten und Kinder von Langzeitpatienten bieten wir jetzt am Nachmittag Schulunterricht an, der von den meisten Kindern sehr positiv aufgenommen wird. Die Basisgesundheitserziehung unserer erwachsenen Langzeitpatienten soll nach neuer Besetzung dieser Stelle mit einer erfahrenen Krankenschwester, noch intensiviert werden. Außer verschiedenen aktuellen Gesundheitsthemen stehen dort vor allem die Optimierung der persönlichen Hygiene und der Ernährung während des stationären Aufenthaltes im Vordergrund.

Kooperations-Network

Bei der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen ist ein stetiger Zuwachs zu verzeichnen. Die Liste derer, mit denen wir mehr oder weniger eng zusammenarbeiten würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Wie bereits oben erwähnt, entwickelt sich jetzt gemäß der Devise „EZ aus einem Guss“ auch eine Partnerschaft mit der GTZ, mit der wir in diesem Jahr zwei Außeneinsätze erfolgreich organisierten und durchführten. Im Spätherbst sind wir der Organisation AIN (Association of International NGOs in Nepal) beigetreten, in der sich jetzt schon gut die Hälfte der 120 in Nepal tätigen INGOs zusammengeschlossen haben. Gründe dafür waren nicht nur die Aussichten auf eine bessere Kooperation mit anderen INGOs, sondern auch Sicherheitsaspekte und organisations-politische Erwägungen.

Rolle und Aufgaben externer Teams

Auch im vergangenen Jahr kam wieder eine Vielzahl von freiwilligen Helfern, auf die unser Projekt weiterhin angewiesen ist. Erfahrene Fachärzte, Zahnärzte, Physiotherapeuten und Schwestern können sich nun bei besserer Qualifikation unserer nepalesischen Mitarbeiter zunehmend auf schwierige Fälle bzw. auf die Weitergabe ihres Fachwissens konzentrieren. „Routinefälle“ sollten dagegen zunehmend durch unsere nepalesischen Mitarbeiter übernommen werden. Bei Einsätzen von chirurgisch tätigen Ärzten im SKMH kommt es also nicht mehr so auf die Zahl der geleisteten Operationen an, sondern auch auf Interesse und Geduld bei der Ausbildung. Bei einfacheren OPs ist die Lehrassistenz für einen jüngeren nepalesischen Kollegen um ein Vielfaches wichtiger als die Anzahl eigener Eingriffe. Schwierigere Eingriffe bleiben weiterhin den Fachärzten vorbehalten, sollten aber nach Möglichkeit von nepalesischen Kollegen assistiert werden.

Einsätze außerhalb des SKM-Hospitals sind trotz mancher Unsicherheiten bei der Planung gerade bei der jetzigen Lage von großer Bedeutung und sollen besonders in entfernteren Landesteilen vermehrt durchgeführt werden. Hierfür sollen weiterhin erfahrene externe Teams zum Einsatz kommen, die mit geeignete Hospitalmitarbeitern ergänzt werden. Bei diesen Einsätzen sollen vor allem kleine und mittlere, komplikationsarme Eingriffe durchgeführt werden, während Extremfälle ins SKM-Hospital weitergeleitet werden können. Bei diesen OP-Camps steht weniger die Ausbildung im Mittelpunkt, sondern der meist sehr große Patientenansturm, den es in kurzer Zeit zu bewältigen gilt.

Chancen und Perspektiven des SKM-Hospitals

Leistungsfähigkeit, operatives Spektrum, Ausbildungstätigkeit, Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und viele andere Aktivitäten des SKM-Hospitals in Nepal nehmen trotz zunehmender Verschlechterung der politischen Lage stetig zu. Diese Fachklinik für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie, die nebenbei auch noch als Distriktkrankenhaus arbeitet, verschafft sich zusehend landesweites Ansehen und trägt mit vergleichsweise geringem Budgets langsam merklich zur plastisch-rekonstruktiven Versorgung in Nepal bei. Wenn ernsthaft eine effektive und nachhaltige Besserung das Ziel dieses Projektes sein soll, dann ist eine Übergabe der Klinik in nepalesische Hände erst möglich, wenn eine ausreichende Anzahl von erfahrenen, verantwortungsvoll handelnden nepalesischen Ärzten ausgebildet wurde. Die instabile politische Lage mit häufig wechselnden Regierungen, gelegentliche Ausgangssperren, Generalstreiks, Landflucht und zunehmend bürgerkriegsähnlichen Zuständen machen diese Aufgabe nicht leichter. Die vorzeitige Übergabe des Projektes an den erstbesten nepalesischen Kollegen im Sinne des Zufallprinzips aufgrund der sich anbahnenden Einstellung der staatlichen Förderung (CIM/GTZ) ist nicht gerechtfertigt und würde das Projekt als Ganzes gefährden. Allein die angeborenen Fehlbildungen des Gesichtes, der Hände und Füße, für die es in Nepal noch nicht einmal ausreichende Behandlungskapazitäten gibt, machen den enormen Bedarf für Plastisch-wiederherstellende Chirurgie deutlich. Die steigende Anzahl an Kriegsopfern, die nach lebensrettenden Maßnahmen ebenfalls dringend auf plastisch-rekonstruktive Eingriffe angewiesen sind, stellen ein weiteres Argument dar, warum dieses Projekt nicht vorzeitig aufgegeben sollte, sondern eher über eine verstärkte Förderung nachgedacht werden muss.

Engagierte Helfer und treue Dauerspender

Wie es auch immer in Nepal weitergeht, das Hospital wird bei dem jetzigen Patientenspektrum auch zukünftig auf externe Hilfe angewiesen bleiben. Die Anzahl von Patienten, die sich an den Behandlungskosten beteiligen kann, ist limitiert, so dass die laufenden Kosten für den Betrieb der Klinik in absehbarer Zeit nicht erwirtschaftet werden können. Gerade die Ärmsten, die auch medizinisch meist von den schlimmsten Problemen betroffen sind, bleiben auf unsere Unterstützung angewiesen. Zum Schluss möchte ich mich daher erneut bei allen ehrenamtlichen Helfern und allen großen und kleinen Spendern ganz herzlich bedanken. Ihr Engagement und ihre treue finanzielle Unterstützung machen eine effektive Hilfe in Nepal erst ermöglich. Auch in Zukunft werden wir auf viele ehrenamtlichen Helfer angewiesen sein, die teilweise schon seit Jahren regelmäßig nach Nepal kommen oder solchen, die sich in Deutschland für das Projekt engagieren. Mein Dank gilt weiterhin dem Verein ProInterplast und dem Centrum für Internationale Entwicklung und Migration (CIM/GTZ), ohne die unsere Arbeit in Nepal überhaupt nicht denkbar wäre. Ein großes Dankeschön geht auch den Fördervereins Zahngesundheit Mittelfranken und viele andere Zahnärzte, die uns im letzten Jahr mit Zahngoldsammlungen kräftig unterstützten, sowie an den Rotary Club Mönchengladbach, der sich bereits seit Jahren für das Projekt engagiert.

Sankhu, 31.01.05

Andreas Settje

 

Nachtrag 03.02.2005

König Gyanendra, der bereits seit Oktober 2002 de facto die Macht inne hatte, verkündigte am 01.02.2005 während einer Fernsehansprache die Auflösung der erfolglosen Regierung von MP Deuba und die komplette Machtübernahme für die nächsten 3 Jahre. Gleichzeitig wurden für den Ablauf von 6 Monaten der Ausnahmezustand verhängt und elementare Grundrechte außer Kraft gesetzt. Das gesamte Telekommunikationssystem wurde abgeschaltet und die Pressefreiheit komplett aufgehoben. Nationale Telefonverbindungen sollen maximal 100 Stunden nach der Machtübernahme gesperrt bleiben; internationale Verbindungen, Mobilnetz und Internet möglicherweise mehrere Wochen. Sämtliche Parteiführer und eine unbekannte Anzahl von Oppositionspolitikern wurden inhaftiert oder unter Hausarrest gestellt. Die Bewegungsfreiheit im Kathmandu-Tal ist unbehindert. Nationaler und internationaler Flugverkehr wurden am Tag nach der Machtübernahme wieder aufgenommen. Einige nationale und internationale NGOs werden ihre Tätigkeit in Nepal einschränken oder sogar ganz einstellen (müssen). Die Arbeit im SKM-Hospital wurde (mit Ausnahme der Kommunikationssysteme) in keinster Weise beeinträchtigt.

1997

1998

1999

2000

2001

2002

2003

2004

gesamt

Operationen

192

453

485

724

1131

1402

1569

1892

7848

Operierte Patienten

149

348

363

548

854

1067

1215

1457

6001

Ambulante Behandlungen

und Untersuchungen

554

1672

2899

4909

8302

10801

12710

15430

57277

Chirurgische Klinik

430

1310

1328

2433

3330

2884

3472

4520

19707

Allgemeinsprechstunde

-

359

555

837

935

1439

3606

5004

12735

Zahnstation

124

3

1016

892

2153

1594

1786

1290

8858

Krankengymnastik

-

-

-

747

1884

4884

3846

4616

15977

Krankenwageneinsätze

-

-

-

86*

720

748

660

646

2860

*(seit 01.11.2000)

Liebe Hospitalfreunde,

 

gestern Abend wurde unser Nachbarort Sankhu leider Schauplatz eines blutigen Überfalls auf die dortige Polizeistation. Der kleine Polizeiposten am Ortseingang wurde während des Abendappells von ca. 50 Maoisten innerhalb weniger Minuten überrannt. Der leitende Inspektor, ein netter kleiner Mann, der uns in vielen kleinen Belangen oftmals behilflich war, wurde von den Angreifern nach glaubhaften Zeugenaussagen hingerichtet. Drei weitere Polizisten warten auf der Stelle tot. Auf Seiten der Maoisten gab es nicht einmal Verletzte. Jeder Polizist, der sich ergab, wurde verschont. 5 der etwas schwerer Verletzten wurden knapp 1 Stunde nach dem Vorfall und Abzug der Maos mit einem Minibus in unser Hospital gebracht. Wir waren glücklicherweise gut gerüstet. Es waren vier Schwestern anwesend, außerdem Dr. Binod, Kerstin und auch Christa, die ausnahmsweise schon am Samstagmittag aus Dadagaun zurückgekehrt war. Unsere Anästhesieschwester Lunjala wurde kurz nach dem Ende des Überfalls mit dem Krankenwagen aus Sankhu abgeholt, der diensthabende Röntgenassistent konnte trotz Straßensperren usw. relativ schnell aus Bramakhel zu uns kommen.

Bei drei Polizisten erwiesen sich die Verletzungen als nicht bedrohlich. Ein weiterer hatte einen Bauchdurchschuss erlitten, konnte aber gut stabilisiert werden. Der fünfte kam nach einem Schuss in den rechten Brustkord mit einer massiven Leberblutung bereits in kritischen Zustand und konnte trotz sofortiger Massivinfusionen nicht mehr gerettet werden. Später, nachdem die Straßensperre geräumt war und Armee die Gegend abgesichert hatte, kam gleich eine ganze Armada von Krankenwagen. Die größeren Kliniken in KTM waren bereits von der Polizei informiert worden und hatten sich auf die Versorgung eingerichtet. Wir konnten die Verletzten daher noch am Abend nach KTM verlegen, so dass wir glücklicherweise keine Änderungen an unserem heutigen OP-Programm vornehmen mussten. Unser gesamter Staff arbeitete ruhig, zügig und systematisch; alles funktionierte und es gab nicht eine Panne bei der Versorgung.

Heute ruht der gesamte Verkehr auf unserer Hauptstraße. Unser Bus wurde jedoch durchgelassen, so dass unser OP-Programm wie geplant durchgezogen werden kann. Obwohl wir jetzt auch an den Sonntagen operieren, können wir uns im Moment auch keine größeren Ausfälle leisten, da wir gerade nach dem letzten Camp in Dhading einen ganzen Schwung an neuen Patienten bekommen haben. Das Hospital ist voll belegt und auch im Dorf sind nun wieder über 30 weitere Patienten untergebracht.

 

Mit diesen traurigen vorweihnachtlichen Nachrichten aus Nepal

 

Herzlichst

 

Andreas Settje

****************************************************

Dr. Andreas Settje
Medical & Project Director
SKM-Hospital
Salambutar/Sankhu/KTM
P.O.Box 13227

NEPAL

Tel.    +977-1-4450826
Fax    +977-1-4450725

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Einsatzberichte 2009

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