Einsatzbericht Jaghuri / Afghanistan

Vom 30.04.04 - 15.05.04 war die Vredener INTERPLAST-Sektion wieder unterwegs. Zum 11. Mal leitete Dr. Arnulf Lehmköster, Plastischer Chirurg am St. Marien-Hospital, Vreden, einen medizinischen Einsatz in einem Entwicklungsland, Afghanistan. Mitglieder seines Teams Plastisch-Rekonstruktiver Chirurgen waren:

  • Dr. Peter Schindelhauer, Mund-Kiefer-Gesichtschirurg, Berlin
  • Dr. Heinz Hammer, Plastischer Chirurg, Bremen
  • Dr. Wilma Beyen, Anaesthesistin, Zürich
  • Helga Wiggering, Anaesthesie-Schwester, Vreden

Unser Einsatzort liegt 250 km süd-westlich von Kabul. Die afghanische Hauptstadt ist geradezu überschwemmt von NGOs (Non-Government-Organisation). Soviel kann es in einer Hauptstadt gar nicht zu koordinieren geben für 500 dieser Organisationen. Folge: Horrende Häusermieten, z. B. 3000 US $ für ein kleines Haus. Afghanische Staatsbürger sehen dies nicht nur positiv ...

Mitten im zentralen Hochgebirgsland des Hazarajad, des Stammlandes der Hazara, liegt die Provinz Jaghori, ein kleines Dorf ist Sangimosha, in der die Shuhada-Klinik liegt. Wie in Kabul ist auch in „unserem“ kleinen Dorf so etwas wie Aufbruch spürbar: Viel mehr elektrisches Licht, das Angebot auf den Märkten, z. B. an Gemüse, ist deutlich größer als vor 2 Jahren. So wurden wir in der Klinik 2 Wochen lang verwöhnt mit dem Köstlichkeiten des Landes, nicht nur beim Abschiedsessen.

Die 2 Jahre relativer Ruhe im Land haben dazu geführt, dass wichtige Straßen wieder hergestellt sind. Brauchten wir 2002 16 Stunden für die Fahrt Kabul-Sangimosha, ist die Fahrtzeit jetzt halbiert. Fast unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit die Straßen aufgebaut werden!

Die 2 Tonnen Gepäck, die wir zur Unterstützung der Shuhada-Kliniken mitnahmen, transportierte - ebenso wie uns selbst - dankenswerterweise wieder die Bundeswehr nach Kabul. Der Personentransport ging über Thermes/Usbekistan, während unsere Ausrüstung mit einer riesigen

Illuschin direkt einschwebte. Wir selbst stiegen in Thermes, wo wir die Nacht in Bundeswehrzelten verbracht hatten, am frühen Morgen in eine Transall-Militärtransport-

Maschine um, da der Airbus nicht über die notwendigen Abwehrsysteme verfügt. Die Hilfsbereitschaft der deutschen Soldaten uns gegenüber war groß. Ihr Ansehen im Lande ist - dies hörten wir in Kabul wie auf dem Lande - hervorragend: Einhellig herrscht die Meinung, dass es wirklich die ISAF-Truppen sind, die die relativ stabile derzeitige Situation garantieren. Wir spürten: Keine Kontrollen der Warlords auf dem Weg von Kabul in den Süden, die Zahl der sichtbar Waffentragenden ist drastisch reduziert. Freilich: Eine andere Frage ist, was sich hinter der sichtbaren Fassade abspielt. Von echtem Frieden ist das Land jedenfalls weit entfernt.

Unter diesen Voraussetzungen arbeiteten wir: An 10 Op.-Tagen je vier große Operationen. So verschloss Peter in gleicher Sitzung nicht nur die gespaltene Lippe, sondern auch den Gaumen. Wir Plastiker machten gleich beide Arme und dazu den Kopf durch große Hauttransplantate und Lappenplastiken wieder beweglich, nachdem die Narbenstränge nach Verbrennungen aufgetrennt waren. So zählten wir am Ende knapp 100 Einzel-Operationen.

Die Herzlichkeit, mit der wir aufgenommen und behandelt wurden, hat uns tief bewegt. Die Freude der Mütter und Väter, dass wir gerade hier an diesem kleinen Ort unsere „Zelte“ aufgeschlagen haben, wurde uns täglich zuteil. Alle machten mit: Dr. Hassani, „unser“ Chirurg aus 2002, war extra aus Kabul mit angereist, die beiden derzeit an der Klinik chirurgisch Tätigen, operierten unermüdlich mit. Dennoch: 3- bis 4-stündige Operationsdauern waren an der Tagesordnung, unsere Anaesthesistinnen bewältigten ihre Aufgabe - Narkosegeräte wie bei uns gibt es nicht - bravurös.

Einige beeindruckende Vormittagsstunden verbrachten wir in der nahe gelegenen Shuhada-Girls-Highschool. Kartonweise hatte einige Schulen und Privat-Initiatoren Schulhefte, Stifte, etc. gesammelt, die wir der Schulleiterin mit der Bitte um Weitergabe an die Bedürftigsten übergaben. Exemplarisch nahmen wir an einer Unterrichtsstunde teil: Friedenskunde für die Erst-Klässler! Natürlich gibt’s auch noch die klassische Unterweisung in den Koran, der Bibel der Muslime. Aber jetzt ergänzt durch das Fach „Friedenskunde“, einer Art moderner Ethik. Im Klinikgelände selbst findet die Unterrichtung Jugendlicher in Informatik statt: In einem mit einem Dutzend Computer ausgestattenen Klassenraum teilen sich je drei Schülerinnen oder Schüler einen Computer, um in den Gebrauch der elementaren Programme eingewiesen zu werden. Offenbar hat man erkannt: Bildung ist eine Grundvoraussetzung zur Schaffung dauerhaften Friedens.

Und am Ende unseres Aufenthaltes stand wieder die Übergabe unserer Geschenke: Ein Ultraschall-Gerät, Dermatom (Hauthobel), Hochfrequenz-Koagulator sowie Verbrauchsgüter (Nahtmaterial, Verbandsstoffe, Medikamente) im Werte einiger zig-Tausend Euro.

Die Spendenwelle vor unserer Reise aus der näheren und weiteren Umgebung war riesig. Ohne jegliches Patos wurde uns die enorme Wertschätzung gerade des deutschen Volkes seitens der Afghanen zuteil. Den Dank der Hazaras geben wir mit großer Freude weiter.

Bei all den hoffnungsvollen Aspekten unseres Einsatzes verkennen wir nicht:

  • Nur in Kontinuität der Arbeit kann dauerhafter Sinn liegen. Auch andere INTERPLAST-Teams werden aufgerufen, sich in den Shuhada-Kliniken zu engagieren.
  • Auch andere Personengruppen - insbesondere Handwerker - sind aufgerufen, ihr Können beim Wiederaufbau des Landes mit einzubringen - jenseits von Kabul.
  • Von dauerhaftem, gesicherten Frieden, ist das Land weit entfernt. Die Afghanen sind überzeugt, dass die ISAF-Truppen auf Jahre hinaus unverzichtbar sind.
  • Nach 6-jähriger Dürre braucht das Land dringend Regen

Inschallah

Arnulf Lehmköster

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2009

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