|
Vier chaotische Monate lagen hinter uns, bis sich die neunköpfige
Gruppe gefunden hatte: Nun standen wir mit knapp 600 kg Gepäck
auf dem Flughafen in Frankfurt a. M. und hofften auf eine flotte
Zollabfertigung und vor allem auf eine gnädige Fluggesellschaft,
die unser Übergepäck ohne Mehrkosten zupacken würde.
Charmant schwenkte Waltraud Huck ein gelungenes Foto, auf welchem
Mutter Teresa und Frau Huck um die Wette lächelten und schon
ging Bewegung durch das Personal. Der Chef wurde geholt und dank
seiner Möglichkeiten durften wir die OP-Instrumente und Materialien
für ein Plastisches und ein Orthopädisches Team, nebst
Medikamenten und nicht zu vergessen, die diversen Hilfsmittel, die
in einem gespendeten Rollstuhl gipfelten, ohne Weiteres aufgeben.
Ole Noack und Brigitte Harrack von British Airways sei Dank!
Um 11.35 Uhr hoben wir ab, Dr. Jürgen Graf, Orthopäde
aus der Euromed-Klinik Nürnberg, Dr. Robin Deb, Plastischer
Chirurg aus der BG-Klinik Ludwigshafen und Dr. Michael Hatzenbühler,
Anästhesist aus der Universitätsklinik Heidelberg, mit
uns auch Waltraud und Jochen Huck, die OP-Schwestern Monika Mandel,
BG-Ludwigshafen und Gabriele Ziegler aus dem Bürgerhospital
Frankfurt, die Anästhesieschwester Kerstin Weichelt aus der
Universitätsklinik Heidelberg und die Physiotherapeutin Anne
von Reumont aus der Orthopädischen Universitätsklinik
Heidelberg.
Prof. Menke aus der BG-Ludwigshafen und Dr. Matthias Axt, Orthopäde
aus der Orthopädischen Uniklinik Heidelberg sollten wir erst
zwei Tage später in Kalkutta treffen.
Ankunft morgens um 6.00 Uhr in Kalkutta und wie immer wartete Bruder
Peter vom Orden Mutter Teresa schon mit einem Auto vor den Toren
des Flughafens auf uns. Nach großem Hallo und einem herrlichen
indische Frühstück im Krankenhaus begannen wir sofort
mit der Vorbereitung des spärlich ausgerüsteten Ops und
wenig später sahen wir auch die ersten Patienten, die uniformiert
in grünkarierten Sarongs und Hemden sehnsüchtig auf uns
warteten. Wir untersuchten und befragten mit Hilfe von Dolmetschern,
berieten uns, dokumentierten mittels einer Sofortbildkamera und
legten Karteien an. Der OP-Plan für die ersten Tage stand.
Die meisten Patienten kamen aus der Leprastation, die häufigsten
Diagnosen waren deshalb leprabedingte Fallfüße, Klauenhände,
großflächige Dekubitalulcera und entstellte Gesichter.
Unser Kommen hatten aber auch dazu geführt, dass sich viele
Menschen aus zum Teil bis zu 1000 km Entfernung auf den Weg gemacht
hatten, in der Hoffnung, operiert zu werden. Hierbei handelte es
sich zumeist um Narbenkontrakturen nach schwersten Verbrennungen,
die Folgen von Rachitis, spastisch bedingte Funktionsstörungen
und um kindliche Klumpfüße.
Wie das Team immer wieder feststellte, lag und liegt die größte
Schwierigkeit nicht im Durchführen der Operationen selbst,
sondern im Stellen der Indikation zum Eingriff. Die begrenzte Zeit
von zwei Wochen, die uns zur Verfügung stand, der große
Leidensdruck der Betroffenen und ihre Einschränkungen in der
Funktion, gemessen an der Aussicht auf den gewünschten Erfolg
und des Machbaren, waren die Parameter.
Wir führten über 70 Operationen durch, wobei die Handoperationen
nach Lasso Zankolli und die Fußheber-Operationen nach Hiroshima
die "Hitliste" anführten, weiterhin Nasenrekonstruktionen,
Narbenkorrekturen, Hautdeckungen, Klumpfußops, Temporalislappen
und Gelenkversteifungen.
Ziel war es dabei immer, dem Betroffenen die größtmögliche
Selbstständigkeit und Funktionalität im Sinne des Broterwerbs
und einer Wiedereingliederung in sein gewohntes Umfeld zu ermöglichen
oder sein Stigma der Lepra so gut wie möglich zu beseitigen.
Den schönsten Erfolg erzielte dabei Prof. Henrik Menke, bereits
im Vorjahr hatte er einer von Lepra stark gezeichneten Frau die
Nase rekonstruiert und in diesem Jahr ereilte uns die Kunde von
ihrer Heirat.
Die Tage flogen nur so dahin, Aufstehen um 6.00 Uhr, Fahrt in das
Krankenhaus, Frühstück mit OP-Besprechung und Schnitt
um 8.00 Uhr, Mittagessen in Schichten, was bei den Indern Kopfschütteln
auslöste, da das kollektive Essen einen hohen Stellenwert hat,
weiter im OP, gegen 18.00 Uhr Abendessen, danach Visite mit Verbands-
und Gipswechsel auf den Stationen einer eigens eingerichteten "Überwachungsstation"
für Frischoperierte, danach auf den peripheren Stationen, die
sich im gegenüberliegenden Trakt auf der anderen Seite einer
Bahnlinie, deren Überquerung aller Vorsicht bedurfte, befanden.
Gegen 21.00 Uhr Sichtung der neu hinzugekommenen Patienten und Festlegung
der OP-Pläne für die nächsten Tage.
Ziemlich erledigt zogen wir uns oft sehr spät in unser Hotel
zurück. Es lag direkt am Hoogli-Fluss, was eine ziemliche Mückenplage
mit sich brachte. Kein Problem für uns, da wir Netze dabei
hatten und ohnehin viel zu müde waren, uns damit zu beschäftigen,
lästiger waren schon die riesigen Kakerlaken, Spinnen und andere
Insekten, die unser Orthopäde stets namentlich zu benennen
wusste, und die er heldenhaft an die frische Luft setzte.
An unserem freien Tag besuchten wir das Mutterhaus des Ordens in
Kalkutta und besichtigten außerdem ein gerade erst bezogenes,
notdürftig renoviertes Haus aus der Kolonialepoche, welches
für schwerst geistig retardierte Jugendliche eingerichtet wurde
und in einem Außenbezirk liegt.
Dr. Axt und die Physiotherapeutin Anne v. Reumont wurden an einem
weiteren Tag, während in Titagarh der OP-Alltag seinen Gang
nahm, nach Howrah South Point eingeladen. Dort sahen sie 60 Kinder
mit zum Teil schwersten Klumpfüßen, ICP, starken Skoliosen
und anderen größtenteils angeborenen Deformitäten
oder Dysfunktionen. Alle Kinder wurden in einem Marathon untersucht
und die Ergebnisse dokumentiert. Für 35 Kinder wurden Op Indikationen
gestellt. Wann, von wem und vor allem wo sie operiert werden sollten,
war zum Untersuchungszeitpunkt noch nicht bekannt. Es wurde Einigung
darüber erzielt, dass sechs Kinder mit großzügiger
Unterstützung des Ordens in Prem Nivas in Titagarh aufgenommen
und von uns operiert werden konnten. Die OP-Ergebnisse sprachen
für sich, wie wir hörten, sind die Kinder wohlauf und
konnten bereits bei unserer Nachschau, drei Wochen nach der OP,
wieder entlassen werden. Hier bleibt zu erklären, dass ein
Teil der Gruppe seinen Aufenthalt auf gut drei Wochen angelegt hatte,
um das Projekt von Claudia Stauss in Bokaro zu besuchen und nach
der Rückkehr von dort alle Patienten in Prem Nivas nach zu
schauen. Einen ganzen Tag hatten wir hierfür eingeplant, wir
führten Verbandswechsel durch, erneuerten gebrochene Gipse
und dokumentierten was wir vorfanden. Beständig sind wir auf
der Suche, unsere Arbeit zu verbessern, hierzu gehört es auch
kritisch mit möglichen Fehleinschätzungen umzugehen, und
die OP-Indikationen immer wieder zu hinterfragen. Da es uns in den
letzten Jahren nur in geringem Maße gelungen ist, unsere Patienten
in den Folgejahren wiederzusehen, was auf deren weite Anreisewege
und die damit verbundenen Kosten zurückzuführen ist, schien
uns diese Nachschau eine vorläufige Minimallösung und
ein Motivationsfaktor für die indischen Kollegen zu sein. Es
hat sich aus unserer Sicht gelohnt.
Unser Fazit:
Für uns alle wieder einmal ein Einsatz mit vielen bleibenden
Erinnerungen und Bildern. Es lohnt sich alle Anstrengung auf sich
zu nehmen, immer wieder aufs Neue die Indikationen zu diskutieren,
denn Indien ist nicht Deutschland und seine Kultur und die Vielzahl
seiner Religionen verbunden mit den Riten und Gebräuchen sind
und bleiben uns sehr fremd. Es gilt also genau hinzuhören,
was die Menschen von uns erwarten, die Möglichkeiten und Risiken
abzuwägen und dann sorgfältig zu entscheiden, wie verfahren
werden kann. Natürlich müssen auch das Klima, die spärliche
OP-Ausrüstung vor Ort, die medikamentöse Ausstattung und
vor allem natürlich auch die medizinische Ausbildung aller
beteiligten Mitarbeiter vor Ort ins Kalkül gezogen werden.
Last but not least möchten wir uns alle bei Waltraud Huck und
ihrem Mann für die unermüdliche und liebevolle Unterstützung,
pro interplast Seligenstadt für die Finanzierung "unseres"
Projekts und bei unseren drei Teamleitern, Prof. Menke, Dr. Axt
und Dr. Hatzenbühler, der mit uns seinen 40igsten Geburtstag
in Kalkutta feierte, herzlich bedanken.
Weiterhin sind wir den folgenden Firmen und Personen, die uns mit
Materialen und Apparaten ausstatteten zu außerordentlichem
Dank verpflichtet: British Airways für den kostenlosen Transport
des Übergepäcks, Fa. Ethikon für das Nahtmaterial,
der Firma Erbe für den geliehenen Kauther, Gabi Orth, die uns
mit Know-How , Kontakten und vor allem dem notwendigen Operationsinstrumentarium
für die Orthopäden versorgte, Herrn Beisel vom Fahrdienst
der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg, der
den Transfer zum und vom Flughafen sicherstellte, Monika Mandel,
ohne die die Plastiker mit leeren Händen unterwegs gewesen
wären und den helfenden Händen der Universitätsklinik
Heidelberg, die die Anästhesie ermöglichten.
Allen sei nochmals unser Dank ausgesprochen.
Kerstin Weichelt und Anne v. Reumont
|