Interplast-Indien-Einsatz in Titagarh, Lepra-Dorf Prem Nivas, Kalkutta, 20. Februar bis 7. März 2003

Vier chaotische Monate lagen hinter uns, bis sich die neunköpfige Gruppe gefunden hatte: Nun standen wir mit knapp 600 kg Gepäck auf dem Flughafen in Frankfurt a. M. und hofften auf eine flotte Zollabfertigung und vor allem auf eine gnädige Fluggesellschaft, die unser Übergepäck ohne Mehrkosten zupacken würde. Charmant schwenkte Waltraud Huck ein gelungenes Foto, auf welchem Mutter Teresa und Frau Huck um die Wette lächelten und schon ging Bewegung durch das Personal. Der Chef wurde geholt und dank seiner Möglichkeiten durften wir die OP-Instrumente und Materialien für ein Plastisches und ein Orthopädisches Team, nebst Medikamenten und nicht zu vergessen, die diversen Hilfsmittel, die in einem gespendeten Rollstuhl gipfelten, ohne Weiteres aufgeben. Ole Noack und Brigitte Harrack von British Airways sei Dank!
Um 11.35 Uhr hoben wir ab, Dr. Jürgen Graf, Orthopäde aus der Euromed-Klinik Nürnberg, Dr. Robin Deb, Plastischer Chirurg aus der BG-Klinik Ludwigshafen und Dr. Michael Hatzenbühler, Anästhesist aus der Universitätsklinik Heidelberg, mit uns auch Waltraud und Jochen Huck, die OP-Schwestern Monika Mandel, BG-Ludwigshafen und Gabriele Ziegler aus dem Bürgerhospital Frankfurt, die Anästhesieschwester Kerstin Weichelt aus der Universitätsklinik Heidelberg und die Physiotherapeutin Anne von Reumont aus der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg.
Prof. Menke aus der BG-Ludwigshafen und Dr. Matthias Axt, Orthopäde aus der Orthopädischen Uniklinik Heidelberg sollten wir erst zwei Tage später in Kalkutta treffen.
Ankunft morgens um 6.00 Uhr in Kalkutta und wie immer wartete Bruder Peter vom Orden Mutter Teresa schon mit einem Auto vor den Toren des Flughafens auf uns. Nach großem Hallo und einem herrlichen indische Frühstück im Krankenhaus begannen wir sofort mit der Vorbereitung des spärlich ausgerüsteten Ops und wenig später sahen wir auch die ersten Patienten, die uniformiert in grünkarierten Sarongs und Hemden sehnsüchtig auf uns warteten. Wir untersuchten und befragten mit Hilfe von Dolmetschern, berieten uns, dokumentierten mittels einer Sofortbildkamera und legten Karteien an. Der OP-Plan für die ersten Tage stand.
Die meisten Patienten kamen aus der Leprastation, die häufigsten Diagnosen waren deshalb leprabedingte Fallfüße, Klauenhände, großflächige Dekubitalulcera und entstellte Gesichter. Unser Kommen hatten aber auch dazu geführt, dass sich viele Menschen aus zum Teil bis zu 1000 km Entfernung auf den Weg gemacht hatten, in der Hoffnung, operiert zu werden. Hierbei handelte es sich zumeist um Narbenkontrakturen nach schwersten Verbrennungen, die Folgen von Rachitis, spastisch bedingte Funktionsstörungen und um kindliche Klumpfüße.

Wie das Team immer wieder feststellte, lag und liegt die größte Schwierigkeit nicht im Durchführen der Operationen selbst, sondern im Stellen der Indikation zum Eingriff. Die begrenzte Zeit von zwei Wochen, die uns zur Verfügung stand, der große Leidensdruck der Betroffenen und ihre Einschränkungen in der Funktion, gemessen an der Aussicht auf den gewünschten Erfolg und des Machbaren, waren die Parameter.

Wir führten über 70 Operationen durch, wobei die Handoperationen nach Lasso Zankolli und die Fußheber-Operationen nach Hiroshima die "Hitliste" anführten, weiterhin Nasenrekonstruktionen, Narbenkorrekturen, Hautdeckungen, Klumpfußops, Temporalislappen und Gelenkversteifungen.
Ziel war es dabei immer, dem Betroffenen die größtmögliche Selbstständigkeit und Funktionalität im Sinne des Broterwerbs und einer Wiedereingliederung in sein gewohntes Umfeld zu ermöglichen oder sein Stigma der Lepra so gut wie möglich zu beseitigen. Den schönsten Erfolg erzielte dabei Prof. Henrik Menke, bereits im Vorjahr hatte er einer von Lepra stark gezeichneten Frau die Nase rekonstruiert und in diesem Jahr ereilte uns die Kunde von ihrer Heirat.

Die Tage flogen nur so dahin, Aufstehen um 6.00 Uhr, Fahrt in das Krankenhaus, Frühstück mit OP-Besprechung und Schnitt um 8.00 Uhr, Mittagessen in Schichten, was bei den Indern Kopfschütteln auslöste, da das kollektive Essen einen hohen Stellenwert hat, weiter im OP, gegen 18.00 Uhr Abendessen, danach Visite mit Verbands- und Gipswechsel auf den Stationen einer eigens eingerichteten "Überwachungsstation" für Frischoperierte, danach auf den peripheren Stationen, die sich im gegenüberliegenden Trakt auf der anderen Seite einer Bahnlinie, deren Überquerung aller Vorsicht bedurfte, befanden. Gegen 21.00 Uhr Sichtung der neu hinzugekommenen Patienten und Festlegung der OP-Pläne für die nächsten Tage.
Ziemlich erledigt zogen wir uns oft sehr spät in unser Hotel zurück. Es lag direkt am Hoogli-Fluss, was eine ziemliche Mückenplage mit sich brachte. Kein Problem für uns, da wir Netze dabei hatten und ohnehin viel zu müde waren, uns damit zu beschäftigen, lästiger waren schon die riesigen Kakerlaken, Spinnen und andere Insekten, die unser Orthopäde stets namentlich zu benennen wusste, und die er heldenhaft an die frische Luft setzte.

An unserem freien Tag besuchten wir das Mutterhaus des Ordens in Kalkutta und besichtigten außerdem ein gerade erst bezogenes, notdürftig renoviertes Haus aus der Kolonialepoche, welches für schwerst geistig retardierte Jugendliche eingerichtet wurde und in einem Außenbezirk liegt.

Dr. Axt und die Physiotherapeutin Anne v. Reumont wurden an einem weiteren Tag, während in Titagarh der OP-Alltag seinen Gang nahm, nach Howrah South Point eingeladen. Dort sahen sie 60 Kinder mit zum Teil schwersten Klumpfüßen, ICP, starken Skoliosen und anderen größtenteils angeborenen Deformitäten oder Dysfunktionen. Alle Kinder wurden in einem Marathon untersucht und die Ergebnisse dokumentiert. Für 35 Kinder wurden Op Indikationen gestellt. Wann, von wem und vor allem wo sie operiert werden sollten, war zum Untersuchungszeitpunkt noch nicht bekannt. Es wurde Einigung darüber erzielt, dass sechs Kinder mit großzügiger Unterstützung des Ordens in Prem Nivas in Titagarh aufgenommen und von uns operiert werden konnten. Die OP-Ergebnisse sprachen für sich, wie wir hörten, sind die Kinder wohlauf und konnten bereits bei unserer Nachschau, drei Wochen nach der OP, wieder entlassen werden. Hier bleibt zu erklären, dass ein Teil der Gruppe seinen Aufenthalt auf gut drei Wochen angelegt hatte, um das Projekt von Claudia Stauss in Bokaro zu besuchen und nach der Rückkehr von dort alle Patienten in Prem Nivas nach zu schauen. Einen ganzen Tag hatten wir hierfür eingeplant, wir führten Verbandswechsel durch, erneuerten gebrochene Gipse und dokumentierten was wir vorfanden. Beständig sind wir auf der Suche, unsere Arbeit zu verbessern, hierzu gehört es auch kritisch mit möglichen Fehleinschätzungen umzugehen, und die OP-Indikationen immer wieder zu hinterfragen. Da es uns in den letzten Jahren nur in geringem Maße gelungen ist, unsere Patienten in den Folgejahren wiederzusehen, was auf deren weite Anreisewege und die damit verbundenen Kosten zurückzuführen ist, schien uns diese Nachschau eine vorläufige Minimallösung und ein Motivationsfaktor für die indischen Kollegen zu sein. Es hat sich aus unserer Sicht gelohnt.

Unser Fazit:
Für uns alle wieder einmal ein Einsatz mit vielen bleibenden Erinnerungen und Bildern. Es lohnt sich alle Anstrengung auf sich zu nehmen, immer wieder aufs Neue die Indikationen zu diskutieren, denn Indien ist nicht Deutschland und seine Kultur und die Vielzahl seiner Religionen verbunden mit den Riten und Gebräuchen sind und bleiben uns sehr fremd. Es gilt also genau hinzuhören, was die Menschen von uns erwarten, die Möglichkeiten und Risiken abzuwägen und dann sorgfältig zu entscheiden, wie verfahren werden kann. Natürlich müssen auch das Klima, die spärliche OP-Ausrüstung vor Ort, die medikamentöse Ausstattung und vor allem natürlich auch die medizinische Ausbildung aller beteiligten Mitarbeiter vor Ort ins Kalkül gezogen werden.

Last but not least möchten wir uns alle bei Waltraud Huck und ihrem Mann für die unermüdliche und liebevolle Unterstützung, pro interplast Seligenstadt für die Finanzierung "unseres" Projekts und bei unseren drei Teamleitern, Prof. Menke, Dr. Axt und Dr. Hatzenbühler, der mit uns seinen 40igsten Geburtstag in Kalkutta feierte, herzlich bedanken.
Weiterhin sind wir den folgenden Firmen und Personen, die uns mit Materialen und Apparaten ausstatteten zu außerordentlichem Dank verpflichtet: British Airways für den kostenlosen Transport des Übergepäcks, Fa. Ethikon für das Nahtmaterial, der Firma Erbe für den geliehenen Kauther, Gabi Orth, die uns mit Know-How , Kontakten und vor allem dem notwendigen Operationsinstrumentarium für die Orthopäden versorgte, Herrn Beisel vom Fahrdienst der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg, der den Transfer zum und vom Flughafen sicherstellte, Monika Mandel, ohne die die Plastiker mit leeren Händen unterwegs gewesen wären und den helfenden Händen der Universitätsklinik Heidelberg, die die Anästhesie ermöglichten.
Allen sei nochmals unser Dank ausgesprochen.


Kerstin Weichelt und Anne v. Reumont

 

 

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Einsatzberichte 2010

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