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13. Einsatz von Interplast Germany/Sektion Siebengebirge,
diesmal in Nepal
Jeder, der schon einmal einen Trekkingurlaub im Himalaja verbracht
hat, weiß, wie viele Tagesmärsche er absolvieren muss,
um einen Achttausender leibhaftig zu Gesicht zu bekommen. Wir hatten
bei unserem diesjährigen Einsatz nicht nur das Glück,
zwei Acht-tausendergruppen vom OP-Tisch aus sehen zu können,
wir hatten vielmehr den ganzen Tag über ein überwältigendes
Panorama des Himalaja vor Augen, welches uns mehr als einmal den
tatsächlichen Zweck unserer Mission vergessen ließ.
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Schon vor einem Jahr konnte eine kleine Gruppe von Interplast Germany
aus dem Sieben-gebirge im Krankenhaus nahe der Hauptstadt Kathmandu
operieren, in dem Interplast-Krankenhaus, welches dank der warmen
Spendenflut von Günther Jauch und seiner stern-tv-Sendung mit
Millionenbeträgen zu stattlicher Größe ausgebaut
werden konnte. Dieses ein-drucksvolle Projekt hatten wir vor Augen,
als wir uns erneut auf den Weg machten, um dies-mal mit einem siebenköpfigen
Team aus dem Siebengebirge nach Nepal zu reisen. Im Gegensatz zu
früheren Einsätzen war das Reisegepäck diesmal relativ
klein, wir wussten, dass wir alles, was wir für den Operationseinsatz
brauchten, im Krankenhaus in Sankhu, 16 km von Kathmandu entfernt,
erhalten würden.
Wie immer nahm das Team zwei Wochen seines Jahresurlaubs, um in
dieser Zeit unentgeltlich seine Arbeitskraft für die Durchführung
der plastisch-chirurgischen Operationen einzusetzen. Diesmal fand
der Einsatz über die Osterfeiertage statt, der Golfkrieg war
noch mitten im Gange.
In Sankhu angekommen gab es ein herzliches Wiedersehen mit Dr.
Settje, dem Plastischen Chirurgen aus Oldenburg, der mit seiner
Frau und seinen beiden Kindern dort seit vier Jahren lebt und das
Krankenhausprojekt wesentlich mit gestaltet hat. Ebenfalls ein herzliches
Wiedersehen mit Christa Drigalla, der "Hospitalmanagerin",
so zumindest ihre Bezeichnung in der kürzlich ausgestrahlten
Sendung bei Vox-TV. Ohne sie wäre die deutsche Qualität
der Organisation dieses Krankenhauses ebenso wenig denkbar gewesen
wie ohne die technische Pionierarbeit des ehemaligen Bundeswehroffiziers
Hein Stahl aus Hennef, welcher uns vom Flughafen abholte und den
bisher nicht tropenerfahrenen Mitgliedern den Kulturschock abfedern
half.
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Diesmal hatte uns Dr. Settje aber nicht für die Arbeit im
Interplast-Krankenhaus eingeplant, sondern für ein OP-Camp
hoch oben im Nordwesten des Landes, in einer Gegend, in die nur
Trampelpfade führten.
Schon am nächsten Morgen nach einer Nacht, die wir in den fast
komfortablen Betten des Gästehauses bei geheimnisvollen Geräuschen
verbrachten, hieß es erneut Sachen packen und aufbrechen:
Das gesamte OP-Instrumentarium für die plastisch-chirurgischen
Operationen einschließlich Verbandmaterial, sämtlicher
Verbrauchsgüter, aber auch Lebensmittel und das persönliche
Gepäck gehörten zum umfangreichen Tross, welcher sich
im weiteren Verlauf etwa einen Meter hoch auf dem Dach des Geländewagens
stapelte. Quer durch Kathmandu und schließlich noch auf asphaltierten
Wegen ging es drei Stunden durch das Kathmandu-Tal in westlicher
Richtung und sodann nach Norden auf einer Schotterpiste, welche
abrupt in einem Ort endete. Offensichtlich ging es jetzt nur noch
zu Fuß weiter. Mitten in dem Ort, welcher einer Westernstadt
glich, hatte sich schon eine größere Volksmenge versammelt,
wie sich sehr schnell herausstellte, waren es die 20 Träger,
welche geordert wurden, um unser umfangreiches Gepäck den Berg
hoch zu transportieren. Die Tatsache, dass von den 20 Trägern
17 Frauen waren, war soeben noch zu verkraften, da die drei schwersten
Kisten dann doch von den Männern übernommen wurden. Dass
bei den Frauen aber auch Schwangere dabei waren, trieb unseren mitgereisten
OP-Schwestern doch die Tränen in die Augen. Erst der Hinweis
auf die regelmäßigen Feldarbeiten, welche die Frauen
hier bis zum letzten Tag ihrer Schwangerschaft wie selbstverständlich
ausführen und die Tatsache, dass mit diesem Trägerauftrag
ein guter Tageslohn verbunden war, konnte eine gewisse Versöhnung
herbeiführen. Mitten in der Mittagshitze setzte sich die lange
Karawane in Bewegung. Aluminiumkisten, Pappkartons, Rucksäcke
und Koffer, alles wurde an Tragriemen befestigt, welche wiederum
um die Stirn gebunden wurden und das Tragen erleichterten (Später
sah ich die Röntgenaufnahmen mehrerer über 70-jähriger
Männer, die mit Sicherheit ihr Leben lang schwerste Arbeit
verrichtet hatten, sie hatten kaum Verschleißveränderungen,
wie man sie bei uns in diesem Alter und auch sehr viel früher
regelmäßig sieht).
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Die Mittagshitze wich schließlich einem anrückenden
Gewitter, welches glücklicherweise aber erst voll zum Ausbruch
kam, als wir unseren endgültigen Zielort in Amp Pipal erreicht
hatten, die Sonne war inzwischen untergegangen. In Amp Pipal wurde
schon vor 50 Jahren zu einer Zeit, als es in Nepal ausschließlich
Trampelpfade und nicht eine einzige Teerstraße gab, von einer
amerikanischen religiösen Gruppierung ein Krankenhaus gegründet.
Ein Amerikaner namens Thomas Hale hat über seine Arbeit hier
in den 1970er Jahren als Missionsarzt ein Buch geschrieben, welches
wir uns als Pflichtlektüre schon vorab zugeführt hatten.
Zwar hat Herr Hale sein Lebenswerk längst an einheimische Hände
übergeben, der Anlaufpunkt hoch in den Bergen für die
Menschen der umliegenden Täler ist aber geblieben. Durch den
Ausbau der Asphaltstraße ist eine Annäherung an die kultivierte
Welt nicht eingetreten, vielmehr hat man die Ost-West-Verbindung
so weit weg gebaut, dass das Krankenhaus nicht in den Genuss der
Verkehrsanbindung geraten konnte.
Die Unterbringung erfolgte in einfachen aber soliden Steinhäusern,
zum Komfort gehörte eine Haushälterin (Didi), welche sich
bemühte, aus den kargen Grundstoffen, die in der Gegend zu
erhalten waren, einen für europäische Gaumen einigermaßen
abwechslungsreichen Speise-plan zusammenzustellen. Immerhin wurde
täglich ein Brot gebacken, ansonsten gab es zu jeder Mahlzeit
neben dem obligatorischen weißen Reis die Linsensoße
Dalbat, ein Muss in jeder nepalischen Küche. Meistens ging
es ziemlich vegetarisch zu im Speiseplan, nur einmal hatte Didi
zwei Hühner ergattert, welche auch noch zwei Tage im Vorratsraum
ausharren mussten, bevor sie von Didi vom Leben in den Topf befördert
wurden.
Am nächsten Morgen galt es die ersten Patientenströme
zu sichten, welche sich aufgrund der Rundfunkdurchsagen der letzten
Tage im Krankenhaus eingefunden hatten. Der einzige am Ort tätige
Arzt, ein Allgemeinmediziner, assistiert von einigen in Ausbildung
befindlichen Hilfsärzten, bemühte sich bei allen Patientenkontakten
als Dolmetscher anwesend zu sein, was angesichts seines ebenfalls
riesigen Arbeitspensums gar nicht einfach war. Auch war die Ankündigung,
dass ein deutsches Team von Plastischen Chirurgen spezielle Operationen
durchführen wird, nicht unbedingt verständlich für
die Landbevölkerung, ist doch schon selbst bei uns in Deutschland
der Begriff der Plastischen Chirurgie je nach Standpunkt durchaus
vieldeutig. Es galt somit erst einmal, unter den Strömen von
Patienten diejenigen auszuwählen, für deren Versorgung
unsere Mission überhaupt vorgesehen war. Was dann noch übrig
blieb, war Arbeit genug, um in den nächsten sieben Tagen von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang im OP tätig zu bleiben und
die zahlreichen Verletzungsfolgen, Tumoren oder angeborenen Störungen
mit dem Skalpell anzugehen. Die enge Verbindung mit den Bewohnern
der Häuser, die sich rund um das Krankenhaus gruppiert hatten,
ließ uns schnell klar werden, warum hier so viele Kinder mit
schweren Verbrennungen vorgestellt wurden: Die Fußböden
in den Hütten der Einheimischen bestehen zum größten
Teil aus festgestampftem Lehm. Wegen der doch erheblichen abendlichen
Kälte wird regelmäßig in der Mitte des Wohnzimmers
ein Feuer gemacht, und dass dabei schon einmal ein Kind beim Spielen
ins Feuer fällt, ist durchaus nachvollziehbar.
Aber auch bei uns alltägliche Probleme galt es zu bewältigen:
Ein Kind mit einem eingeklemmten Leistenbruch wäre, falls wir
nicht da gewesen wären, wahrscheinlich jämmerlich gestorben,
da für einen Transport in ein Krankenhaus, in dem eine solche
Operation möglich gewesen wäre, ein mehrtägiger Fußmarsch
notwendig gewesen wäre, den das Kind mit einiger Wahrscheinlichkeit
nicht mehr überlebt hätte.
Gleich am ersten Tag wurde ein alter Mann eingeliefert, welcher
eine hohe Böschung herunter gefallen war und bei dem sich eine
zunehmende Querschnittslähmung einstellte. Am nächsten
Morgen war er bis zum Hals komplett gelähmt und nur dank dar
Fürsorge seiner angereisten Familie überlebte er die nächsten
Tage, bis er schließlich aus dem Krankenhaus entlassen werden
musste, weil ihm die Ärzte nicht mehr helfen konnten.
Helfen konnten wir dafür in vielen anderen Fällen bei
ausgedehnten Tumoren, bei durch Verbrennungen kontrakten und verunstalteten
Gliedmaßen, bei fehlverheilten oder eiternden Knochenbrüchen
oder bei entstellenden Gesichtsverletzungen. Ein Repertoire, welches
wir von den vorangegangenen Einsätzen in den verschiedensten
Ländern der Welt zur Genüge kannten und welches trotzdem
für den Einzelnen immer ein Lebensschicksal bedeutete.
Wegen des Gewitters und der dunstigen Luft im Vormonsun war es
uns an den ersten beiden Tagen nicht vergönnt, die herrliche
Berglandschaft zu Gesicht zu bekommen. Um so umwerfender war es,
als wir am Abend des zweiten Tages nach einem Gewitter plötzlich
einen sternklaren Himmel hatten und der Vollmond die schneeweißen
Gipfel der beiden Achttausender-Massive Anapurna und Menaslu in
einen atemberaubenden Glanz versetzte. Wir ließen es uns daher
nicht nehmen, am nächsten Morgen das OP-Programm zwei Stunden
später beginnen zu lassen, um um sechs Uhr auf einen nahe gelegenen
Berg zu steigen, von dem aus dann das gesamte Himalaja-Panorama
vom äußersten Westen bis zum entferntesten Osten durchgehend
sehen zu können, ein Anblick, der allein schon für diesen
Einsatz entschädigte.
Am Ostersonntag Morgen lag doch tatsächlich neben Didis gebackenem
Brot ein Haufen bunter Ostereier Made in Germany. Auch diese haben
unsere Träger/Trägerinnen hier hoch befördern müssen,
ein streng gehütetes Geheimnis unserer OP-Schwestern.
Als dann nach sieben harter Arbeit mit bereits gepackten Koffern
und Kisten die gesamte Mannschaft bei einem Abschiedsumtrunk beisammen
saß, stürmte der diensthabende Arzt mit einem Röntgenbild
in die Runde und veranlasste uns, einem zweijährigen Kind,
welches eine überdimensionale Münze verschluckt hatte,
von derselben zu befreien. Ein sechsstündiger Marsch über
die Reisterrassen hatte nicht dazu geführt, dass sich das festsitzende
Geldstück in der oberen Speiseröhre gelockert hätte.
So musste das Narkosegerät wieder aus der großen Kiste
herausgeholt werden, die OP-Schwestern suchten ihr Sortiment an
Klemmen rasch zusammen. Aber alles half nichts, bis der Assistenzarzt
ein Endoskop hervor kramte, welches in einem Schrank - offenbar
Subjekt einer vor vielen Jahren gemachten Spende - vor sich hin
gestaubt hatte. Mit Hilfe des Endoskops gelang es zwar nicht, das
Geldstück für seinen Besitzer hervorzuholen, immerhin
ließ es sich aber in den Magenfundus schieben, um von dort
den natürlichen Weg des Abgangs anzutreten. Am Ende der Operation
zeigte uns der Assistenzarzt stolz das Endoskop Made in Germany:
Auf der Kiste stand "Zystoskop" (Blasenspiegel).
Ein zweites Mal wurde eingepackt und am nächsten Morgen der
schwere Weg ins Tal angetreten. Hein Stahl war am Abend zur Gruppe
gestoßen und berichtete stolz, dass er mit seinem Auto etwa
30 Minuten vom Krankenhaus entfernt am Berg stehe (dieses hätte
er allerdings mit vollem Gepäck und kompletter Mannschaft nicht
geschafft). Während die Träger mit ihrem schweren Material
für den Weg bergab gerade mal zwei Stunden brauchten, brauchte
der Geländewagen nach zahlreichen Ausgrabungsbemühungen
und abenteuerlichen Flussdurchquerungen derer sechs.
So war denn der 13. Einsatz des Interplast-Teams aus dem Siebengebirge
nicht nur einer der aufregendsten, sondern mit Sicherheit einer
der schönsten, an dessen Ende von allen Beteiligten nur die
Frage gestellt wurde: "Und wann fahren wir wieder?".
Michael Schidelko, Bad Honnef
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