Interplast-Einsatzbericht, Indien, Assam, Sibsagar,
11.01.-25.01.2003

Eine Kooperation der Sektionen Baden-Baden/ Rastatt,
Pro-Interplast, Ruhrgebiet/ NRW e.V. und
pro interplast Seligenstadt e.V. mit

Youth for Social Welfare/ Indien.

Im Spätjahr 2002 bat mich Herr Prof. Lemperle die Organisation eines Interplasteinsatzes in Indien für ihn zu übernehmen, da er zu diesem Zeitpunkt verhindert sei.
Damals etwas ungläubig nahm ich die Bitte unter Vorbehalt an, da es für mich die Premiere eines solchen Einsatzes würde. Nach Indien, Assam, Sibsagar, auf der Landkarte suchend war es wirklich einer der hintersten Winkel Indiens, östlich von Bangladesch, weit im Nordosten.



Empfang in der Governmental Lodge durch Herrn Saikia

 

Das empfindliche Gepäck wurde von vielen helfenden Händen abenteuerlich auf das Busdach gepackt und mit eiem Seil vertäut. Und so kamen wir unvorbereitet mit dem indischen Verkehr in Berührung. Einer Mischung aus organisiertem Wahnsinn, Hupen, Lächeln und permanent überhöhter Geschwindigkeit.

Erst später stumpften wir durch die tägliche Fahrt zum Krankenhaus etwas ab. In dieser Nacht jedoch, ins Ungewisse, in die fremde Nacht und den Nebel rasend, schien es höchst bedrohlich und so lagen spätestens hier zum erstem Mal die Nerven blank.
Nach 13 quälenden Stunden Busfahrt über mehr oder weniger befestigte Landstrassen trafen wir endlich auf das kleine Empfangskomitee, Herrn Saikia mit Freunden und Helfern und Blumen in den Händen, nachdem diese 16 Stunden auf der
Strasse auf uns gewartet hatten. Die Erleichterung war groß, denn von dieser Stunde an hatten wir mit Herrn Saikia und seiner Organisation Youth for Social Welfare wieder Anschluss an die Struktur, die uns den örtlichen Einsatz ermöglicht und vorbereitet hatte, einen Mann, der sich mit seinen Freunden unendliche
Mühe gab, jeden Wunsch von unseren Lippen abzulesen und zu erfüllen.

Nach 4 Stunden Ruhepause begann am Morgen des 13.01.03 ein offizieller Empfang mit nicht enden wollenden ministeriellen Ansprachen und Lobsagungen, die ich übermüdet nurim Halbschlaf überstand, um dann endlich das Krankenhaus zu besichtigen, unsere geplante



offizielle Empfangszeremonie

Dieses zu beschreiben, fällt mir auch jetzt mit Abstand noch schwer und eigentlich können nur Bilder ausdrücken, was man einfach nicht für möglich hält, dass nur noch eine Baracke oder ein Feldlazarett als Negativsteigerung vorstellbar scheint.

 

Stromverteiler
Sterilisation

Es wurde uns schell bewusst, dass wir keinen Faden oder Handschuh zuviel mitgeschleppt hatten, weil nichts wirklich Sauberes oder Funktionierendes vorhanden war.
Die erste Patientensichtung vermittelte ähnliche Gefühle, es waren über 100 Patienten aus
umliegenden Gemeinden und Regionen für uns ausgewählt worden, die Ärmsten der Armen
mit unglaublich entstellenden Verbrennungsnarben und Kontrakturen, mit allergrößten Erwartungen in Ihren Augen. Darüberhinaus Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, auch noch bei Erwachsenen mit nur zum Teil erfolgtem Lippenverschluss, wie man sie in unseren Breiten an Ausmaß und Fülle nicht antrifft.
So begannen wir schon am Morgen den 14.01.03 an zwei Operationstischen die Arbeit. Und Dank unseren Schwestern, die alle Siebe und Materialien auf das Beste zusammengestellt, organisiert und improvisiert hatten, erstaunlich reibungslos, bis in den Abend; um dann bei Stromausfall mit Taschenlampen und Kerzen weitere Patienten zu sichten, vorzubereiten und zu visitieren.
Dieser Tagesablauf prägte unseren Aufenthalt und ich muss mit großem Respekt vor jedem
einzelnen des Teams sagen, dass ich nicht zu träumen gewagt hätte, mit welchem Enthusiasmus und Durchhaltevermögen im Angesicht der Not jeder einzelne sich einbrachte, ohne Proteste, bis zur Erschöpfung. Der Dank der Menschen war Ansporn und die größte Belohnung zugleich.

Beide Fünferteams an 2 OP-Tischen in einem OP-Saal
Patientenvorstellung bei Kerzenlicht und Taschenlampe

Und so gelang es mit Unterstützung eines pensionierten plastischen Chirurgen, der hinzu-
gereist war und einige Lippenverschlüsse durchführte, an insgesamt 51 Patienten zumeist mehrfache ausgedehnte und langwierige OP´s durchzuführen, an 7 OP-Tagen; trotz aller Erschwernisse wie z. B. durchgebrannten Glühbirnen der OP-Lampen, die Herr Dr. Horner in genialer Weise durch organisierte LKW-Birnen ersetzte, oder dem fehlenden Aufwachraum, den Herr Dr. Hagenah als Anästhesist neben der Narkose im Flur improvisierte.

Beidseitige LKG_Spalte
nach dem beidseitigen Lippenverschluß
Rechte Hand von Verbrennungskelloiden und
Kontrakturen überzogen und funktionslos
nach Kelloidabtragung, Kontrakturlösung und
Spalthauttransplantation

Nach einer Pause am Sonntag den 19.01.03 mit kleinen Ausflügen in die Stadt und Umgebung, zu Ahom- Königstempeln und- gräbern und in die Realität der Armut, mit einem bebenden musikalischen Abend einer lokalen Volkloretanzgruppe, setzen wir
unsere Bemühungen bis zum Abend des 21.01.03 fort, bis zur letzten Minute.

Aufgrund des ständig feuchtkalten nebligen Klimas und der unsicheren Flugverbindungen mussten wir unsere Rückreise rechtzeitig antreten, am frühen Morgen des 22.01.03; diesmal
mit Jeeps und einem LKW für das Gepäck und wie täglich und inzwischen vertraut, mit je zwei Soldaten, Kalaschnikows im Anschlag zu unserem Schutz.
Der schnelle Abschied fiel jedoch schwer, viele Patienten, die nicht versorgt werden konnten,
blieben traurig und enttäuscht zurück, die vielen dankbaren Helfer, alle waren wir nicht glücklich wie schnell die Tage vergangen waren; aber alle trösteten sich mit der Aussage und
dem Glauben daran, dass dieser erste Schritt nur der Anfang sei einer weiteren wachsenden
Zusammenarbeit.

So traten wir die Rückreise durch Assam an, jetzt bei Tag , vorbei an Reisfeldern und durch endlose Teeplantagen und den Kaziranga-Nationalpark. Ein Erlebnis, das wohl unbeschreiblich bleiben wird, nach all dem Trubel, dem Lärm und der Rastlosigkeit, absolute Stille in einer sich selbst überlassenen Natur, einem Paradies gleichend, wo ein Elefant in der Ferne badet, und der Mensch aus Demut innehält, nichts ordnet und nichts beschränkt.
Eine morgendliche Frühstücks-Bootsfahrt auf dem Bramaputra, der Lebensader Assams, ein
nochmaliges typisches Assam-Abendessen, Geschenke über Geschenke und Dank ohne Ende, Großzügigkeit wo wir uns hinwandten.

Die nüchterne Realität holte uns erst wieder ein bei den Verhandlungen bezüglich unseres
Übergepäcks mit British Airways in Kalkutta; denn trotzdem wir alles Verbrauchsmaterial als Geschenk zurückgelassen hatten, waren es immer noch über 500 kg und somit Unsummen Übergepäcks und diesmal keine Frau Deseke, kein wirklichen Wohlwollen, sture Bürokraten.
Nur mit Tricks wie Umladung in das Handgepäck und der Großzügigkeit von Herrn Saikia, der uns schützend bis Kalkutta begleitet hatte, kamen wir mit einem " blauem Auge" zum Heimflug.



Abschied von den Patienten

Auf Indien im Abflug herunterblickend mischten sich die Gefühle der Erschöpfung mit
der Bewunderung dieser Menschen und des Landes, der Freundlichkeit der meisten die wir
getroffen hatten, der Bescheidenheit und der Würde, die sie trotz Ihrer Armut und ihrem getragenen Leid ausstrahlten.

Ein schwerer Abschied !
Und in die müden Gesichter des Teams blickend fielen mir voller Bewunderung die Worte Saint Exuperys ein: Eine Gemeinschaft ist nicht eine Summe von Interessen, sondern die Summe an Hingabe.
Die unendliche Hingabe dieser "eigentlich Fremden" war es, die Sie mir nicht mehr fremd erscheinen ließ!



Das Team! Abschied in Düsseldorf

Danke an: Dr. med. Franz Jostkleigrewe, Duisburg, Plastische und Verbrennungschirurgie.
Dr. med. Karli Döring, Chemnitz, Plastische und MKG-Chirurgie.
Dr. med. Jürgen Hagenah, Lüdenscheid, Anästhesiologie.
Dr. med. Gerd Horner, Werl, Gynäkologie und Geburtshilfe.
Dr. med. Hartmut Lotz, Schwalm-Eder, Anästhesiologie
Heike Geller, Lüdenscheid, OP-Schwester.
Renate Plesken, Solingen, OP-Schwester.
Gisela Blöhm, Duisburg, Anästhesieschwester.
Claudia Engel, Schwalm-Eder, Anästhesieschwester

Wir bedanken uns bei pro interplast Seligenstadt e.V. für die Finanzierung.

Jürgen Herr

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2010

Einsatzberichte 2010



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