|
Unser erster Einsatz nach Kabul, war auf Initiative von Reza Bemenesh,
einem afghanischen Anästhesisten aus Bad Kreuznach entstanden.
Ursprünglich sollten wir nach einer Einladung vom Gesundheitsministerium
im Wazir Akhbar Khan und optional im Indira Gandhi Kinderhospital
operieren. Nach unserer Auskunft sollten mindestens 100- 150 Patienten
im Vorfeld von einem einheimischen Kollegen ausgewählt und
uns nach unserer Ankunft vorgestellt werden. (wie üblich bei
unseren bisherigen Einsätzen)
 |
 |
Am 23.07.2003 stiegen wir also in den wenig vertrauenswürdigen
Flieger von Ariana Afghan Airlines ( eine ausrangierte Maschine
der Air India , die aus einem bunten Sammelsurium ausgedienter Flugzeugteile
zusammengebaut war- die Airline möge mir die Anmerkung verzeihen).
Dies war alleine schon ein Abenteuer erster Güte.
Nach unserer Ankunft in Kabul mussten wir erfahren, dass man die
für uns vorgesehenen Unterkünfte weitervermietet hatte
. Die Wohnsituation in Kabul ist durch die ausgedehnten Zerstörungen
während 12 Jahren Bürgerkriegs und Taliban Regime verheerend.
Durch die Anwesenheit zahlreicher Hilfsorganisationen und Journalisten,
die ohne Weiteres bereit sind bis zu 150 US $ pro Nacht für
eine einfache Behausung zu bezahlen, herrscht ein regelrechter Kampf
um die wenigen verbliebenen Unterkünfte.

Die zweite und noch größere Enttäuschung kam, als
wir vom Gesundheitsminister persönlich erfahren mussten, dass
man auf unser Kommen ganz und gar nicht vorbreitet war! So standen
wir in Kabul mit einem 9köpfigen Team, ca. 400 kg Verbrauchsmaterial
und Instrumenten. Improvisation war von nun an unser Motto.
Logistische Hilfe konnten wir zum Glück von der GTZ erfahren.
Ich hatte kurz vor unserem Abflug Kontakt zum GTZ Büro in Kabul
aufgenommen, die uns unter anderem ein Fahrzeug und einen Fahrer
zur Verfügung gestellt haben. ( Herrn Ali Tabatabai und seinem
tollen Team vom GTZ Büro in Kabul und Herrn Dr. Rietmacher
aus Frankfurt sei gedankt ).
 |
 |
Auf der Suche nach einer Lösung für unser Problem, haben
wir noch am Tag unserer Ankunft Kontakt zu der französischen
Hilfsorganisation MRCA aufgenommen. Die MRCA ( Mediacal Refresher
Course for Afghans) betreibt im Maivand Hospital, einem ca. 200
Betten Krankenhaus, eine Abteilung für Plastische Chirurgie.
Die Abteilung wird von 2 sehr fachkundigen Plastischen Chirurgen
betrieben, die von der französischen Organisation bezahlt werden
und die Patienten umsonst behandeln! ( unter der Leitung des Plastischen
Chirurgen Dr. Hashimi )
Da die beiden Kollegen nach unseren Auskünften die einzigen
ausgebildeten Plastischen Chirurgen in ganz Afghanistan waren, war
der tägliche Andrang an Patienten, die im Maiwand Hospital
Hilfe suchen entsprechend groß.
Zum Glück und auf Initiative des Gesundheitsministers, konnten
wir in die bestehende Abteilung des Maivand Hospitals, mit freundlicher
Genehmigung und Wohlwollen der beiden Kollegen, integriert werden.
Anstatt eines Screenings am Ankunftstag, haben wir täglich
mit den Kollegen im OPD Patienten angesehen und für die Folgetage
zur OP ausgewählt. Wir haben täglich gemeinsam Visitiert
und Fachgespräche geführt, was sich schon nach kurzer
Zeit als sehr fruchtbarer Erfahrungsaustausch ( für beide Seiten)
erwiesen hatte. Außer einem Interplast Einsatz , hatten wir
auch Einblick in den Alltag des Plastischen Chirurgen in Kabul.
 |
 |
Um einen zusätzlichen OP im Maivand Hospital, in dem wir neben
dem Tagesgeschäft operieren konnten, mussten wir uns selbst
kümmern. Man hat uns lediglich zwei leere Räume zur Verfügung
gestellt. So haben wir teilweise aus alten OP Tischen und halbfunktionsfähigen
Stehlampen als OP Leuchten, zwei OPs eingerichtet, in denen wir
10 Tage unter "interplast-üblichen " Bedingungen
operieren konnten.
Am Ende haben wir, neben der Einrichtung zweier halbwegs funktionstüchtiger
OPs , der Inbetriebnahme eines Steris ( dessen Gebrauchsanweisung
auf englisch war und man deshalb das neue! aus einer koreanischen
Spende erhaltene Gerät, bis zu unserer Ankunft nie benutzt
hatte) ca. 65 Operationen erfolgreich durchführen. Neben 8
Lippenspalten und 9 Gaumenspalten behandelten wir viele Verbrennungen,
große und kleinere Gesichtstumore und einen Fall von Noma.
Auffallend war der hohe Anteil an weiblichen Patienten ( ca: 70%
)
An unserem freien Tag am Wochenende haben wir uns entgegen aller
Empfehlungen aus Kabul hinaus gewagt und sind ins Panshir-Tal gefahren.
Dort konnten wir einen unvergesslichen Tag und eine Nacht unter
freiem Himmel verbringen. Die Gastfreundschaft der Afghanen war
wirklich beeindruckend , wir haben bis spät in die Nacht Tee
getrunken und uns frische Melonen und Brot mit den Afghanen geteilt.
Die stolzen Afghanen aus dem Panschir Tal waren die einzigen, die
sich nie unter dem Taliban Regime gebeugt hatten.
 |
 |
Zum unserem Team gehörten: Horst Aschoff und Ruth Ahlers als
Plastische Chirurgen, Reza Bemanesh und Ben Rebello als Anästhesisten
, Christian Meffert als Anästhesie Pfleger, Iris Poggenberg
als Op Schwester Dora Lisa Junke als Assistentin, Peter Schindelhauer
als MKG Chirurg und mir als Plastischem Chirurgen
Die gute Zusammenarbeit mit den Kollegen und deren dringende Bitte
unseren Kontakte zu halten, eröffnen uns sicherlich weitere
Möglichkeiten die gemeinsame Arbeit im Maivand Hospital fortzusetzen
(dann aber sicher mit Vorankündigung). Die Bevölkerung
Kabuls wird von weiteren Projekten im Zusammenarbeit mit INTERPLAST
mit Sicherheit profitieren.
Unseren Spendern allem voran dem Bochumer Lions Club und den Firmen
Ethicon, Astra und vielen anderen, die uns diese Reise ermöglicht
haben sei gedankt.
Nuri Alamuti
|