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Bericht 1:
5-jaehriges Bestehen Sushma-Koirala-Memorial-Hospital
in Sankhu 2002,
Bericht 2:
Drei Einsätze - drei Erfahrungen, Benedict
Rebello, Warburg
5-jaehriges Bestehen Sushma-Koirala-Memorial-Hospital in Sankhu
2002

Am 25.10.2002 feierte das bei Kathmandu in Nepal sein 5-jaehriges
Bestehen. Nach Reden des deutschen Botschafters, des frueheren Premierministers
Koirala, dessen Frau in ihrem Sari verbrannte, seiner Tochter Sujata
Koirala, die dem Partner-Trust vorsteht, von Chefarzt Dr. Andreas
Settje, und mir freuten sich 200 Gaeste an nepalesischen Taenzen
und ausgiebigem Essen.
Aus dem kleinen leerstehenden Versorgungs-Gebaeude fuer Lepra-Kranke,
das uns 1996 angeboten wurde, ist inzwischen ein Hospital-Komplex
mit 8 Gebaueden, 3 Op’s und 38 Betten entstanden, der zu den
best eingerichtesten und aktivsten Krankenhauesern Nepals zaehlt.
Mein Schwager Dipl.Ing. Hein Stahl hat in insgesamt 2-jaehriger
ehrenamtlicher Taetigkeit ausserdem eine effiziente Wasserversorung,
eine hoechstmoderne Klaeranlage, die Stromversorgung und Solarheizungen
installiert, die einVorbild fuer alle weiteren Krankenhausbauten
im Lande sind.
Den vielen vor Ort und in Deutschland Engagierten,
allen voran der Oberin Christa Drigalla, der Seele und Mutter des
Hospitals, dem ersten Chefarzt Prof. Dieter Pape, der die moderne
Spaltchirurgie nach Nepal brachte, Dr. Settje, der die Handchirurgie
etablierte, Hein Stahl, der insgesamt schon mehr als 2 Jahre unentgeltlich
hier arbeitete, Herrn Dr. Mundt vom Centrum fuer Migration (CIM)
in Frankfurt, der die Gehaelter der leitenden Angestellten ermoeglicht,
Frau Waltraud Huck von pro-Interplast, das die Spezialisten-Teams
finanziert, und den ungezaehlten kleinen und grossen Spendern und
grosszuegigen Firmen, die diesen Aufbau ermoeglichten, sei an dieser
Stelle ein herzlichster Dank gesagt !
Das “Sankhu Hospital” ist inzwischen auch in entlegenen
Taelern bekannt und behandelt verbrannte und deformierte Patienten
selbst aus Indien, Bangladesh und Buthan. Prof. Pape hat inzwischen
mehr als 1000 Spaltpatienten operiert und einen staendig wechselnden
zahnaerzlichen Dienst fuer die umliegenden Gebiete organisiert.
Die 3 grossen Krankenhaeuser in Kathmandu schicken Dr. Settje komplizierte
chirurgische Faelle. Am Tag vor der Feier konnte der 3000ste Patient
mit einem grossen Gesichts-Haemangiom operiert werden, danach einer
mit einem riesigen Neurofibrom einer Gesichtshaelfte.

Zwei grosse Aufgaben muss Dr. Settje noch bewaeltigen: die staatliche
Anerkennung als 2-jaehrige Weiterbildungsstaette in Plastischer
Chirurgie fuer die jungen nepalesischen Chirurgen zu erreichen,
die nach 3-jaehriger Ausbildung ihren “Master of Surgery”
(MS) machen – und die erfolgreiche Suche und Ausbildung eines
Nepali zu seinem Nachfolger in 2-3 Jahren. Die beiden faehigsten
Assistenten sind nach einem Gastarzt-Aufenthalt leider in England
und in den USA geblieben.

Mit, Andreas Settje, Hein Stahl, den Anaesthesisten Dr. Knud Kober
aus Eisenhuettenstadt, den wir von einer geplanten Trekking-Tour
abwarben, und unseren altbewaehrten Anaeesthesisten Dr. Sigrid Nass
und Margit Roth, sowie Cyril Thomas, PA aus an Diego, fuhren wir
zu einem 1-woechigen “Camp” nach Besishahar am Fusse
des Anapurna. Mitten im Maoisten Gebiet hat dort vor ein paar Monaten
der Missionsarzt Dr. Bernard Geffe aus dem Elsass das heruntergekommenes
Lamjung-District-Hospital uebernommen und mit bewundernswertem Engagement
zu einem effizienten Missions-Hospital umfunktioniert. Hein Stahl
setzte zunaechst den Steri in Betrieb und wir richteten den neuen
Op ein, in dem wir dann 89 Patienten, vorwiegend alleraermste Bergbauern
und deren Kinder, von ihren Verbrennungs-Kontrakturen, Klumpfuessen
und Lippenspalten befreiten.
Nepal ist eines der schoensten und eines der aermsten Laender dieser
Erde. Von den Bauern sollen 75% mit den Maoisten sympathisieren,
die weder von China noch von Indien unterstuetzt werden. Die Fuehrer
und Drahtzieher sind nepalesische Brahmanen in Indien, die sich
nur ab und zu durch gluehende Reden und Flugblaetter bemerkbar machen.
Die arbeitslosen jugendlichen Kaempfer ueberfallen zu Hunderten
sehr gezielt Armee- und Polizei-Stationen, metzeln alle nieder und
bemaechtigen sich deren Waffen. Touristen und Aerzten wurde bisher
kein Haar gekruemmt: die brauchen sie ja.
Leider ist derzeit keine stabile politische Zukunft fuer das Land
absehbar: der neue Koenig, Bruder des im letzten Jahr mit der gesamten
Familie vom Kronprinzen ermordeten alten Koenigs, musste gerade
die ganze Regierung wegen permanenter Korruption entlassen und einige
Gerichtsverfahren gegen sie anstrengen. Hoffen wir, dass den liebenswerten
Bauern Nepals irgendwann die Moeglichkeiten der modernen Medizin
eroeffnet werden. Westlichen Wohlstand brauchen diese gluecklichen
Menschen bei Gott nicht.
Gottfried Lemperle
Drei Einsätze - drei Erfahrungen
1 Sankhu, Nepal
Es begann alles in Bad Kreuznach bei der Weinprobe des Interplast-Treffens
2002. Dr. Nuri Alamuti, der neben mir saß, fragte mich, für
welches Gebiet die Kassler/Warburger Gruppe den diesjährigen
Einsatz geplant habe. Auf meine Antwort, es sei noch gar kein Einsatz
geplant, erwiderte er: "Erfahrene Anästhesisten braucht
man immer" und vermittelte mich an Dr. Arnulf Lehmkoester aus
Vreden weiter, welcher noch nach einem Anästhesisten für
seinen Nepal-Einsatz suchte.
Nach einem Treffen in Vreden zum "Beschnuppern" wußten
wir, daß unsere Zusammenarbeit gut funktionieren würde.
Schließlich trafen wir am 6. Juli im SKM Hospital Sankhu Nepal
ein.
Zwei Wochen lang vertrat unser übersichtliches Team, das aus
Dr. Lehmkoester, OP-Schwester Sylvia und mir bestand, Dr. Andreas
Setje im Jahresurlaub. Während dieses Zeitraums nahmen wir
insgesamt 60 operative Eingriffe vor.
Die erfreulich gute Ausstattung dieser Einrichtung verdankten wir
Teams, die dort bereits zu früheren Zeitpunkten Einsätze
durchgeführt und medizinische Utensilien mitgebracht hatten:
Uns bot sich die Möglichkeit, fiberoptisch zu intubieren; auch
Kehlkopfmasken in allen Formen und Größen sowie moderne
Medikamente (auch für TIVA) standen uns zur Verfügung.
Was unseren Tagesablauf angeht, standen mein Kollege und ich um
5 Uhr früh auf, joggten gemeinsam zum 4 km und 300 Höhenmeter
entfernten Bajrajogini-Tempel, frühstückten anschließend
und begannen danach mit der Arbeit. Im Laufe des Aufenthaltes in
Nepal verstanden wir uns sowohl beruflich als auch privat immer
besser.
Ein Erlebnis jedoch erweiterte unsere Erfahrungen besonders: Einen
Tag vor der Haupt-OP, bei geplantem Verbandswechsel in Dormicum-Ketanest-Narkose
galt es, venöse Zugänge zu schaffen, zentrale oder femorale
Katheter zu legen und ein „airway assessment“ sowie
eine Laryngoskopie durchzuführen. Bei der Haupt-OP wurden somit
trotz der durch Verbrennungskontrakturen erschwerten Intubation
ohne große Zeitverluste die Narkosen eingeleitet. Der erfolgreiche
Abschluß dieses komplizierten Eingriffs war für uns eine
wertvolle Bereicherung.
2 Mangalore, Südindien
Eines Tages richtete Rev. Dr. Baptist Menezes, Direktor der Father
Muller Charitable Institutions die Bitte an mich, einen Interplast-Einsatz
in Mangalore zu organisieren. Ich leitete sein Anliegen an Dr. Nuri
Alamuti weiter.
Dieses Krankenhaus wurde übrigens vor 123 Jahren von Pfarrer
Augustus Müller, einem jesuitischen Missionar aus Paderborn,
zur Behandlung Leprakranker gegründet.
Überraschenderweise klingelte später, als ich die Angelegenheit
fast vergessen hatte, das Telefon. Dr. Matthias Gensior - wissend,
daß ich aus Mangalore stamme - fragte, ob ich sein Team auf
den dort geplanten Einsatz begleiten könne.
Als ich den Namen meiner Heimatstadt hörte, sagte ich sofort
zu, obwohl es nicht ganz einfach war, von der Direktorin des Krankenhauses,
in dem ich arbeite, die erforderliche Genehmigung für zwei
Wochen unbezahlten "Urlaub" zu erhalten.
Natürlich bereitete es mir während des Einsatzes viel
Freude, mit einem neuen Team in einem Krankenhaus in meiner Heimat
zu arbeiten. Erfreulicherweise konnte ich durch Freunde und Verwandte
vor Ort einiges an Unterstützung organisieren.
Die Tatsache, daß das Fr. Muller Hospital ebenfalls gut ausgerüstet
war, es beispielsweise die Möglichkeit der postoperativen Beatmung
und eine Intensivstation gab, gewährleistete eine streßfreie
Zusammenarbeit mit erfahrenen Kollegen wie den Anästhesisten
Dr. Günter Fromm aus Bonn und Dr. Petra Fehlau aus Bremen.
Meine Freizeit nutzte ich, um angehende Anästhesisten dreier
medizinischer Hochschulen in Mangalore über die Möglichkeiten
der Anästhesie in Deutschland bzw. Europa (gegenüber denen
in Indien) zu informieren. Diese Vorträge habe ich im Beisein
und mit der Unterstützung meines früheren Professors Dr.
Koshy gehalten.
3 Kodaikanal, Südindien
Auf Anfrage des dort lebenden, aber in Deutschland ausgebildeten
Augenarztes Dr. Jesuraj Mascarenhas plante unser Warburger/Kasseler
Team einen erstmaligen Probeeinsatz in Kodaikanal., einem Ort im
südindischen Tamil Nadu.
Dieser Einsatz erwies sich als die bisher größte Herausforderung,
da in diesem Krankenhaus bisher lediglich Augen-OPs in Lokalanästhesie
durchgeführt worden waren und somit kein Narkosegerät
vorhanden war.
Zudem ist Kodaikanal in der unwegsamen und schwer zugänglichen
Bergregion Palani gelegen, das heißt, jedwede Art medizinischer
Ausrüstung ist mindestens 6 Autostunden entfernt.
Ich reiste einen Tag vor den anderen Mitgliedern an, um das von
mir aus Coimbatore bestellte Narkosegerät von Indian Boyle
Apparatures in Empfang zu nehmen und gemeinsam mit einem Techniker
funktionstüchtig zu machen.
Während unseres Aufenthaltes in Kodaikanal herrschten äußerst
harte Arbeitsbedingungen für uns: Es gab nur ein Narkosegerät
für zwei OP-Räume. Die Folge war, daß wir „Sedo-Analgesien“in
verschiedenen Formen durchführen mußten. Außerdem
war die Beleuchtung äußerst dürftig, sodaß
viele Operationen unter Verwendung von Taschenlampen durchgeführt
werden mußten. Trotz Nachttemperaturen bis 5° gab es keine
Heizung.
Dennoch operierten wir innerhalb von zwei Wochen 80 schwerverbrannte
und/oder durch Mißbildungen entstellte Patienten. Der jüngste
unter ihnen war ein 12 Tage alter Säugling mit einer Lippen-Kiefer-Spaltung.
Dr. Antje Pfaffe, die Assistenzärztin der Anästhesie aus
dem Rotkreuz-Krankenhaus in Kassel, war bei allen Narkosen eine
kompetente und fachkundige Hilfe.
Auf diese Aufenthalte zurückblickend, muß ich feststellen,
daß die Ärzteteams, in denen ich im Ausland arbeitete,
insgesamt viel flexibler waren als ich es von Teams aus meinem deutschen
Arbeitsalltag gewohnt war und - was in der Dritten Welt oft sehr
wichtig ist - daß sie gut improvisieren konnten.
Trotz dreier Einsätze und somit 6-wöchiger Abwesenheit
von meiner Abteilung (Chefarzt der Anästhesieabteilung des
St. Petri Hospitals in Warburg)schaffte ich es, den vertraglich
festgesetzten Anteil der Rufbereitschaftsdienste von 50 % zu leisten.
Ein viertes Angebot von Dr. Charles Viva aus England, ihn ins Englische
Guyana zu begleiten, lehnte ich also aus zeitlichen Gründen
dankend ab, nicht wie mein Freund, Warburger Plastik-Chirurg, spöttisch
bemerkte: "Weil es dort kein indisches Essen gibt!"...
Benedict Rebello, Warburg
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