Einsatzbericht Pangasinan, Philippinen 2002
im Februar 2002 San Carlos City, Provinz Pangasinan


Die Entsendung eines Interplast-Teams nach San Carlos City einmal im Jahr blickt auf eine mittlerweile neunjährige Tradition zurück. Insgesamt wurden in den acht vorhergehenden Jahren mehr als 1.000 Patienten in Pangasinan operiert. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, handelt es sich bei den in San Carlos City versorgten Patienten um "Spalt-Patienten".


Wie in anderen Einsatzgebieten auch haben wir in diesem Jahr die Einsatzplanung unter dem Eindruck der Ereignisse, die unsere Welt seit dem 11. September 2001 überrollt haben, überdenken müssen.

Nachdem die Philippinen seit Jahren regelmäßig mit Geiselnahmen und ähnlichen Vorkommnissen, die seit einiger Zeit hier im Zusammenhang mit der Terror-Organisation um Bin Laden gesehen werden, auf sich aufmerksam machen, stand vorübergehend die erneute Durchführung eines Philippinen-Einsatzes grundsätzlich in Frage. Da sich die erwähnten besorgniserregenden Aktivitäten jedoch zuverlässig auf einen kleinen Teil des Landes im Südwesten der Inselgruppe beschränkt, haben wir uns - wenn auch sehr spät - dazu entschlossen, zumindest den Einsatz in San Carlos City, wie seit acht Jahren gewohnt, durchzuführen.

Die in den vergangenen Jahren mehrfach angefahrenen Einsatzorte Dipolog City / Mindanao und Puerto Princesa City / Insel Palawan haben wir dagegen nach dem derzeitigen Stand - jedenfalls zunächst einmal - aufgeben müssen:

Dipolog City liegt in direkter Nähe des Einflussgebietes der Moslem-Rebellen und konnte aus diesem Grunde schon im letzten Jahr nicht angefahren werden.

Puerto Princesa City auf der Insel Palawan ist zwar grundsätzlich recht weit entfernt von dem Rebellen-Gebiet, war aber im Mai letzten Jahres Schauplatz einer Geiselnahme, und zwar pikanter Weise aus einer Ferienanlage, die weniger als 5 km von dem Einsatzort des letzten Jahres entfernt liegt.

Da das Reservoire an "Spalt-Patienten" in der Provinz Pangasinan auf der Hauptinsel Luzon mit einem Einzugsgebiet von mehr als vier Millionen Einwohnern nahezu unerschöpflich ist und da das Krankenhaus in San Carlos City infrastrukturell dazu durchaus in der Lage ist, haben wir beschlossen, unsere Kräfte auf diese Stelle zu konzentrieren und mit einer doppelten Besatzung anzureisen.

An die Organisation vor Ort wurden mithin in diesem Jahr besonders große Anforderungen gestellt, musste doch in sehr kurzer Zeit ein Einsatz vorbereitet werden, in dem letztendlich annähernd achtzig Patienten operiert wurden.

Trotz dieser relativ ungünstigen Ausgangsbedingungen ist es unseren Partnern in der Provinzregierung der Provinz Pangasinan und in dem Provincial Hospital in San Carlos City erneut gelungen, einen völlig reibungslosen Ablauf unseres Einsatzes sicherzustellen. Bewährt hat sich in diesem Zusammenhang sicherlich die langjährige kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen Interplast Germany und unseren Partnern vor Ort.

Die Anreise des Teams erfolgte wie bereits zuvor per Lufthansa-Linienflug. Bei den Verhandlungen um einen Discount und insbesondere bei den vorbereitenden Gesprächen in Bezug auf den Transport unseres erheblichen Übergepäcks habe ich - wie sicher andere Team-Leiter auch - festgestellt, dass die Verhandlungsspielräume für die Fluggesellschaften offensichtlich immer enger werden, sicherlich auch als Folge der Finanzkrise, in die die Ereignisse um den 11. September viele Fluggesellschaften gestürzt haben.

Wir haben letztendlich eine Vereinbarung erzielen können, mit der man sicher gut leben kann, mit dem Inhalt, dass das Übergepäck mit dem Team in der Passagier- Maschine ins Land , jedoch zur erheblich günstigeren Cargo-Rate transportiert wurde.

Auf das Voraussenden des Gepäckes, das uns von der Fluglinie zunächst nahegelegt wurde und das von anderen Teams ja auch erfolgreich praktiziert wird, haben wir bewußt verzichtet, weil das Aufnehmen der Ausrüstung in Manila uns sicherlich einen Tag gekostet und eventuell auch zu in ihren Ausmassen schwer vorhersehbaren Problemen mit dem Zoll geführt hätte .

Folgende Teamitglieder reisten vom 26.1. 02 bis zum 1. 2. 02 nach San Carlos City Pangasinan / Philippinen:

Prof. Dr. med. Dr. med. dent Dieter Riediger ( Zahn- Mund- Kiefer- Chirurg)
Dr. med. Alireza Ghassemi ( Zahn- Mund- Kiefer- Chirurg)
PD. Dr. med. Dr. med. dent Christian Stoll ( Zahn- Mund- Kiefer- Chirurg)
Dr. med. Alexander Rudolf ( Zahn- Mund- Kiefer- Chirurg)
Frau My Dung Ly (OP- Schwester)
Frau Truus Ruyten- Pijls (OP- Schwester)
Dr. med. Patrick Fraenkel ( Anästhesist)
Dr.med. Christian Löhlein (Anästhesist, Teamleiter)
Dr. med. Edelgard Fischer- Dinani (Anästhesistin)
Frau Ursula Lange ( Anästhesie- Schwester)
Herr Martin Gehlen ( Anästhesie- Pfleger)


Anreise des Teams nach Manila, Transport des Gepäckes und Weiterreise in der Nacht nach der Ankunft in die Provinz Pangasinan funktionierten reibungslos.

Nach 26 Stunden Reisezeit kamen Team und Material um 3.00 Uhr morgens wohlbehalten am Einsatzort an.

Schon am selben Morgen gegen 10.00 warteten im Provincial Hospital in San Carlos City mehr als 50 Patienten auf uns, wie immer gut ausgewählt und vorbereitet von unseren lokalen Partnern.

Die Infrastruktur wird bei unseren Einsätzen stets von der Provinzregierung der Provinz Pangasinan zur Verfügung gestellt, die medizinische Vorbereitung leisten die Mitarbeiter des "San Carlos City Medial Center" regelmäßig in hervorragender Weise.
So wird erreicht, daß von uns nur ganz wenige Patienten abgewiesen werden müssen, weil wir entweder mit der Operationsindikation nicht übereinstimmen oder weil wir die Durchführung der geplanten Operation unter den gegebenen Umständen wegen Begleiterkrankungen oder Allgemeinzustand des Patienten für zu problematisch halten.

Angenehm für unser Team und zeitsparend ist bei unseren Einsätzen der Umstand, daß mit allen Patienten bzw. den Angehörigen bereits vor unserem Eintreffen ein auch nach unseren Kriterien ordnungsgemäßes Aufklärungsgespräch geführt worden ist.

Insgesamt wurden an den folgenden 10 Operationstagen von dem Team insgesamt 80 Patienten ohne nennenswerte Probleme operiert.

Wo immer möglich und vertretbar wurde im Sinne unserer Patienten eine Komplettversorgung in einer Sitzung angestrebt, weil nach unserer Erfahrung nicht immer garantiert werden kann, daß Patienten bei zweizeitigem Vorgehen für die Folgeoperation beim nächsten Einsatz wieder mobilisiert werden können.

Berücksichtigt werden mußte bei diesen Überlegungen auch die Tatsache, daß die politische Situation weltweit und speziell auf den Philippinen ja nach wie vor alles andere als stabil ist und daher ein Folgeeinsatz nicht mit Sicherheit garantiert werden kann.

Angestrebt werden sollte eine Fortsetzung des gut etablierten Programms auf jeden Fall, unter anderem, weil wir erneut etliche Patienten unversorgt zurücklassen mußten und weil nach Meinung der Gastgeber darüber hinaus viele Patienten auf eine Versorgung durch uns warten. Sollten sich für einen zukünftigen Einsatz in San Carlos City aus dem eigenen Einzugsgebiet ( Provinz Pangsasinan mit mehr als 4 Mio Einwohnern ) nach mittlerweile 9 Jahren kontinuierlicher Tätigkeit durch Interplast Germany nicht genug Patienten mobilisieren lassen, könnten mit Leichtigkeit aus benachbarten Provinzen unversorgte Spaltträger zur Operation nach San Carlos City verbracht werden.

Ein solches Vorgehen würde zwar dem Team den Reiz, Neuland zu erkunden, vorenthalten, wäre aber im Sinne eines möglichst effizienten Einsatzes von Manpower und Spendenmitteln sicher sinnvoll.

Nach wir vor wird insbesondere eine Gaumenspaltplastik auf den gesamten Philippinen mit ihren mehr als 80 Mio Einwohnen nur in einem Krankenhaus in Manila zu einem für sicher 98% der Bevölkerung unerschwinglichen Preis angeboten.


So weit uns bekannt ist, läuft ein Operationsprogramm ähnlichen Umfanges an keiner anderen Stelle des Landes - auch nicht durch eine andere Organisation. Bedenkt man, dass es sich bei unserem Einsatzgebiet um eine mehr von als 30 Provinzen der Philippinen handelt (wenn auch um eine der grösseren ), so wird deutlich, wie gross der Bedarf an dieser Art von Chirurgie in diesem Lande ist.


Eine Planung unseres Projektes auf den Philippinen für das kommende Jahr und sicher noch weitere Jahre befindet sich gerade im Anfangstadium. Wir hoffen, im kommenden Jahr auch die Einsatzstelle in Puerto Princesa City wieder reaktivieren zu können.


Christian Löhlein, Velbert

 

 

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