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Indien - wer denkt da nicht an das Dschungelbuch, Moghli, Elefanten
und Maharadschahs.
Land der Gegensätze zwischen Wüste und Regenwald, arm
und reich.
In Wirklichkeit ein Kontinent und nicht nur ein Land mit mittlerweile
über einer Milliarde Einwohnern fast genauso so bevölkerungsreich
wie China. Auf der einen Seite Atommacht, trotzdem auf ärztliche
Hilfe aus dem Ausland angewiesen?
Von offizieller Seite natürlich nicht, gibt es doch auch in
Indien hervorragend ausgebildete Plastische Chirurgen und Mund-Kiefer-
u. Gesichtschirurgen.

Angesichts der Dimensionen dieses Landes jedoch kein Widerspruch.
Gut ausgebildete Ärzte finden sich in den großen Städten
und Klinken dieses Landes, kleinere Städte sowie Landregionen
sind jedoch häufig unterversorgt. Teilursache ist sicherlich
das marode teilsstaatliche Gesundheitswesen, dass nur eine mangelhafte
medizinische Versorgung der Bevölkerung zulässt.
Unser Einsatz in Mangalore - einer Stadt mit ca. 500000 Einwohnern
in Südindien, die etwa 800 Kilometer südlich von Mumbai
(ehemals Bombay) gelegen ist - wurde durch eine Anfrage der „Father
Mullers Institutions“ in die Wege geleitet. Die „Father
Mullers Institutions“ betreiben neben anderen sozialen Einrichtungen
eine privat finanzierte Medizinische Hochschule, die Ärzte
und Krankenschwestern ausbildet. Die angeschlossene Klinik hat ca.
1100 Betten, von denen 385 Betten ganzjährig der Bevölkerung
kostenlos! inklusive der ärztlichen Behandlung zur Verfügung
gestellt werden.

Die Klinik wurde vor 120 Jahren durch den Paderborner Jesuitenpater
Müller zur Behandlung von Leprakranken gegründet.
Ursprünglich war ein Ersteinsatz für den November 2001
geplant, wegen der schrecklichen Ereignisse des Septembers 2001
und den darauf folgenden Kriegsereignissen, wurde dieser Einsatz
jedoch abgesagt.
Eine Neuplanung des Einsatzes erfolgte dann im Frühsommer 2002
mit der tatkräftigen Unterstützung durch Dr .Ben Rebello,
der aus Mangalore stammt und heute in Deutschland seiner deutschen
Frau und Kinder zuliebe lebt und als Anästhesist tätig
ist.
Unser Team bestand wie immer aus Plastischen Chirurgen, Mund-Kiefer-
und Gesichtschirurgen, Anästhesisten sowie Op-Schwestern u.
Anästhesieschwestern.

Im Einzelnen: Bernd Krause (Plastischer Chirurg) , Dr. Edouard
Manassa ( in Ausbildung zum Plastischen Chirurgen ) , Priv.doz.
Dr. Dr. Bernd Niederhagen ( Mund-Kiefer- und Gesichtschirurg ),
Dr. Torsten Erdsach ( Mund-Kiefer- und Gesichtschirurg ), Dr. Petra
Fehlau ( Anästhesistin ), Dr. Günter Fromm ( Anästhesist
), Dr.Ben Rebello ( Anästhesist ), Uschi Brinkmann ( OP-Schwester
), Sibylle von Welck ( OP-Schwester, die z.Zt. in Indien in Delhi
lebt und mich bei allen Einsätzen begleitet hat ) , Irene Hertweck
(Anästhesieschwester)
sowie meiner Person als Plastischer Chirurg und Teamleiter.

Vor der Arbeit vor Ort steht jedoch zunächst die Organisation
eines solchen Einsatzes. Dank der Unterstützung der Gerhard
Hauptmann Gesamtschule in Seeligenstadt, die durch einen sogenannten
Sponsorenlauf „run for help“ den Hauptteil der Geldsumme,
die zur Begleichung der Flugkosten erforderlich war, aufgebracht
hat, stand die Geldsorge nicht im Vordergrund. Aufgrund der Veränderungen
bei den Fluggesellschaften - hervorgerufen durch die Ereignisse
des 1. Septembers 2001 - war es äußerst schwierig günstige
Flugtickets mit gleichzeitiger Genehmigung eines kostenlosen Transports
unseres Übergepäcks zu besorgen. Offizielle Stellen der
Deutschen Lufthansa zeichneten sich dabei ausgerechnet durch ein
besonders rigides und kompromissloses Verhalten aus! Ein kostenloser
Transport wurde kategorisch abgelehnt.
Ausländische Fluggesellschaften reagierten auf unsere Anfrage
erheblich konzilianter. Persönliche Kontakte sowie die unermüdlichen
Nachfragen von Herrn Triebig von 3-T-Reisen in Frankfurt ermöglichten
im Endeffekt doch einen kostenlosen Transport unseres Übergepäcks
nach Indien. In Indien wurde unser Gepäck nach Anfrage durch
Dr.Rebello beim Geschäftesführer von Jet-Airways ebenfalls
umsonst weitertransportiert.
An dieser Stelle sei allen Beteiligten herzlich für die Unterstützung
gedankt!

Durch entsprechende Zubringerflüge traf sich unser Team dann
am 15.11.2002 in Frankfurt, um dann nach Mumbai (Bombay), Indien,
abzufliegen.
Dort erwies sich dann als nächste zu umschiffende Klippe der
Indische Zoll, der zunächst 4000 EUR !!! für unser Instrumentarium
sowie übrige Ausrüstung verlangte. Nach sehr zähem
Verhandeln einigten wir uns dann auf 130 EUR.
Einige wenige Stunden Zwischenaufenthalt, die einige Teammitglieder
zum Schlaf auf den Stühlen des Domestic Airports nutzten, und
schon waren wir nach fast 30 Stunden vor Ort.
Der Anflug auf Mangalore-Airport gestaltete sich ähnlich spannend
wie bei unserem Einsatz in Assam in Silchar. Gehört doch der
Flughafen neben Silchar-Airport zu den am schwierigsten anzufliegenden
Flughäfen Indiens. Der Flughafen liegt zwischen Hügeln
auf einem Hochplateau eingebettet mit einer Lande- und Startbahn,
die unmittelbar an einem Abhang endet. Wie uns Ben (unser Einheimischer)
jedoch glaubhaft versicherte, würde jedoch nur in der Regenzeit
gelegentlich ein Jet über die Landebahn hinausschießen.
Sehr beruhigend, war doch die Regenzeit schon ein Monat vorbei!
Bei schönstem Wetter und 30 Grad im Schatten wurden wir sehr
herzlich von Father Lawrence, Direktor des Medical College sowie
der Klinik am Flughafen begrüßt.
Nach kurzem Transport erreichten wir dann Mangalore, eine für
indische Verhältnisse sehr sauber erscheinende Stadt. Unsere
Unterbringung erfolgte in einem „Sporting Club“, der
sechs klimatisierte Gästezimmer zur Verfügung hat. Diese
wurden uns kostengünstig einschließlich Verpflegung zur
Verfügung gestellt.
Am nächsten Morgen erfolgte dann die offizielle Begrüßung
unseres Teams im Krankenhaus durch den Leiter der Gesamtinstitution
Reverend Dr. Babtiste Menezes sowie dem Districtbischof in Anwesenheit
von ca. 400 schon voruntersuchten Patienten.
Danach begann die uns allen vertraute Arbeit: Unsere Op-Schwestern
machten sich mit den Gegebenheiten im OP vertraut, bereiteten unsere
OP-Siebe. Wir übrigen teilten uns in verschiedene Teams auf
und untersuchten die uns vorgestellten Patienten, um unseren OP-Plan
für die kommenden zwei Wochen festzulegen. Die Patienten, die
uns vorgestellt wurden, litten unter den uns allen bekannten Veränderungen
wie Verbrennungen, Handfehlbildungen und Lippen-Kiefer-Gaumenspalten.
Auffällig war dabei eine ganze Reihe von voroperierten Patienten,
die unter einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte gelitten hatten. Diese
waren nach Aussagen unserer Kieferchirurgen sehr gut versorgt und
stellten sich wegen noch geringer Korrekturdefekte vor. Auf unsere
Nachfrage erfuhren wir dann, dass es in Mangalore eine große
Zahnklinik gibt, die zusammen mit der amerikanischen Organisation
‚Smile’ unentgeltlich jedes Jahr Camps abhält und
dann diese Patienten operiert. Trotzdem blieb für unsere Kieferchirurgen
noch genügend Arbeit. Wir ‚Plastiker’ sahen dafür
eine andere Auffälligkeit: viele handchirurgische Patienten,
Opfer von Verbrennungen, aber auch viele angeborene Fehlbildungen.
So zum Beispiel Kinder und Erwachsene, teilweise ganze Familien,
mit sogenannten Syndaktylien, eine ausgebliebene Trennung der Fingerknospen
mit der Folge einer kompletten oder teilweisen Ausbildung einer
Löffelhand. Hier erfuhren wir, dass es quasi keinen Plastischen
Chirurgen in der Gegend gibt, der in großem Umfang Handfehlbildungen
operiert.
Natürlich konnten und brauchten wir nicht alle 400 uns vorgestellten
Patienten zu operieren, ansehen und beraten war für uns aber
eine Selbstverständlichkeit. Viele Patienten hatten weite Anreisen
in Kauf genommen! Ca. 100 Patienten haben wir stationär aufgenommen.
Angesichts der Tatsache, dass uns eine komplett neue Station für
unsere Patienten zur Verfügung gestellt wurde, kein Problem.
Das Pflegepersonal erwies sich als sehr freundlich und kompetent,
trotz der halboffenen Bauweise mit bis zu 20 Menschen (je ein Angehöriger
wurde mit aufgenommen bei freier Kost und Logis!) in einem Raum,
konnten wir keine nennenswerten hygienischen Mängel beobachten.
Die Operationssäle waren alt und eher hygienisch bedenklich,
doch auch hier halfen uns die einheimischen Schwestern und Pfleger
sehr kompetent und engagiert.
Die Zahl von 100 operierten Patienten mag im Hinblick auf die Größe
unseres Teams gering erscheinen. Wir waren aber deswegen in der
Lage bei einem Patienten mehrfach Operationen in einer Sitzung durchzuführen,
da wir einen Patienten mit zwei Teams versorgen konnten. Dies galt
sowohl für Verbrennungsopfer als auch für Patienten mit
handchirurgischen Fehlbildungen, bei denen beide Hände betroffen
waren.
Nach wenigen Stunden stellte sich die für diese Operationen
notwendige Routine ein, auch wenn uns eigentlich immer jede Menge
Kollegen über die Schulter schauten.
Nur die Klimaanlage machte uns zu schaffen: entweder wurden wir
eisgekühlt, wurde die Klimaanlage abgestellt oder runtergeregelt,
waren wir in wenigen Minuten ‚geduscht’! Die Schwestern
bekamen jedoch schnell Routine, uns rechtzeitig die drohenden Tropfen
von der Stirn zu entfernen!
Auch die uns eingangs ein bisschen entgegengebrachte Skepsis - waren
wir doch das erste Interplastteam in Mangalore -, wich nach wenigen
Tagen als wir die ersten operierten Patienten begutachten konnten.
So verging die erste Woche im Fluge zumal wir auch abends gut beschäftigt
waren. Unserem Team wurde eine ungeahnte Gastfreundlichkeit entgegengebracht,
die ihresgleichen sucht! Eigentlich hatten wir fast jeden Abend
eine Einladung, aus Selbstschutz haben wir aber "gestreikt",
soweit uns die Höflichkeit dies erlaubte.
Für das Wochenende hatte Ben - unser Inder - mithilfe seiner
Familie einen Ausflug zu der familieneigenen Kaffeeplantage in den
mit Regenwäldern bedeckten nahen Bergen organisiert.
Abbildung 5 Regenwald
Auch die Besichtigung von einigen Tempelanlagen war möglich,
allerdings strapaziös, da 100 Kilometer Entfernung eine Reise
von mindestens 4 Stunden auf schlechten Straßen bedeuteten.
Für diese Ausflüge bekamen wir den klinikeigenen Kleinbus
zur Verfügung.
Die zweite Woche verging nicht weniger schnell, Operationen, Visite
schnell morgens, zwischendurch Verbandswechsel, immer wieder neue
Patienten ansehen, die von uns gehört hatten. Leider hatten
wir nur noch geringe Kapazitäten frei, sodass wir viele Menschen
enttäuscht auf ein nächstes Team vertrösten mussten.
Zum Ende der Woche bekamen wir dann im Rahmen der Geburtstagsfeier
des Klinikleiters eindrucksvolle folkloristische Darbietungen, sämtlich
aufgeführt von Medizinstudenten und Schwesternschülerinnen
in dem großen Hörsaal der Hochschule zu sehen. Bei dieser
Feier wurde uns als Ehrengäste wieder eine kaum zu glaubende
Gastfreundschaft entgegengebracht.
Bei den letzen Visiten und Verbandswechseln wussten wir ‚unsere
Patienten’ in guten Händen aufgehoben.
Im Rahmen der offiziellen Verabschiedung wurde an uns der Wunsch
einer Partnerschaft der medizinischen Hochschule mit der Universität
Bonn angetragen, da einige Teammitglieder dort arbeiten. Wir werden
es weiterleiten!

Nach Beendigung unseres Einsatzes verbrachten wir dann noch zwei
erholsame Tage in einem nahen indischen Strandhotel, bevor wieder
unser Heimflug über Mumbai begann.
Abbildung 6 Strand nahe Mangalore
Spannend war nochmals der Start auf der kurzen Starbahn des Flughafens
von Mangalore, für die Piloten aber offensichtlich Routine.
Unser Übergepäck bereitete uns beim Einchecken in Mumbai
nochmals Sorge. Wir waren jedoch durch den Flughafendirektor angemeldet,
die Sorge erwies sich als grundlos.
Nach einem Nachtflug landeten wir wieder in Frankfurt; müde,
aber insgesamt zufrieden mit unserem Einsatz.
Fazit: Weitere Einsätze in Mangalore sind sinnvoll, aber ein
kleineres plastisch-chirurgisches Team reicht.
Matthias Gensior
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