Einsatzbericht in Mangalore, Südindien 2002

Indien - wer denkt da nicht an das Dschungelbuch, Moghli, Elefanten und Maharadschahs.

Land der Gegensätze zwischen Wüste und Regenwald, arm und reich.
In Wirklichkeit ein Kontinent und nicht nur ein Land mit mittlerweile über einer Milliarde Einwohnern fast genauso so bevölkerungsreich wie China. Auf der einen Seite Atommacht, trotzdem auf ärztliche Hilfe aus dem Ausland angewiesen?

Von offizieller Seite natürlich nicht, gibt es doch auch in Indien hervorragend ausgebildete Plastische Chirurgen und Mund-Kiefer- u. Gesichtschirurgen.

 


Angesichts der Dimensionen dieses Landes jedoch kein Widerspruch. Gut ausgebildete Ärzte finden sich in den großen Städten und Klinken dieses Landes, kleinere Städte sowie Landregionen sind jedoch häufig unterversorgt. Teilursache ist sicherlich das marode teilsstaatliche Gesundheitswesen, dass nur eine mangelhafte medizinische Versorgung der Bevölkerung zulässt.


Unser Einsatz in Mangalore - einer Stadt mit ca. 500000 Einwohnern in Südindien, die etwa 800 Kilometer südlich von Mumbai (ehemals Bombay) gelegen ist - wurde durch eine Anfrage der „Father Mullers Institutions“ in die Wege geleitet. Die „Father Mullers Institutions“ betreiben neben anderen sozialen Einrichtungen eine privat finanzierte Medizinische Hochschule, die Ärzte und Krankenschwestern ausbildet. Die angeschlossene Klinik hat ca. 1100 Betten, von denen 385 Betten ganzjährig der Bevölkerung kostenlos! inklusive der ärztlichen Behandlung zur Verfügung gestellt werden.

 

 

Die Klinik wurde vor 120 Jahren durch den Paderborner Jesuitenpater Müller zur Behandlung von Leprakranken gegründet.
Ursprünglich war ein Ersteinsatz für den November 2001 geplant, wegen der schrecklichen Ereignisse des Septembers 2001 und den darauf folgenden Kriegsereignissen, wurde dieser Einsatz jedoch abgesagt.
Eine Neuplanung des Einsatzes erfolgte dann im Frühsommer 2002 mit der tatkräftigen Unterstützung durch Dr .Ben Rebello, der aus Mangalore stammt und heute in Deutschland seiner deutschen Frau und Kinder zuliebe lebt und als Anästhesist tätig ist.
Unser Team bestand wie immer aus Plastischen Chirurgen, Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgen, Anästhesisten sowie Op-Schwestern u. Anästhesieschwestern.

 

 

Im Einzelnen: Bernd Krause (Plastischer Chirurg) , Dr. Edouard Manassa ( in Ausbildung zum Plastischen Chirurgen ) , Priv.doz. Dr. Dr. Bernd Niederhagen ( Mund-Kiefer- und Gesichtschirurg ), Dr. Torsten Erdsach ( Mund-Kiefer- und Gesichtschirurg ), Dr. Petra Fehlau ( Anästhesistin ), Dr. Günter Fromm ( Anästhesist ), Dr.Ben Rebello ( Anästhesist ), Uschi Brinkmann ( OP-Schwester ), Sibylle von Welck ( OP-Schwester, die z.Zt. in Indien in Delhi lebt und mich bei allen Einsätzen begleitet hat ) , Irene Hertweck (Anästhesieschwester)
sowie meiner Person als Plastischer Chirurg und Teamleiter.

 

 

Vor der Arbeit vor Ort steht jedoch zunächst die Organisation eines solchen Einsatzes. Dank der Unterstützung der Gerhard Hauptmann Gesamtschule in Seeligenstadt, die durch einen sogenannten Sponsorenlauf „run for help“ den Hauptteil der Geldsumme, die zur Begleichung der Flugkosten erforderlich war, aufgebracht hat, stand die Geldsorge nicht im Vordergrund. Aufgrund der Veränderungen bei den Fluggesellschaften - hervorgerufen durch die Ereignisse des 1. Septembers 2001 - war es äußerst schwierig günstige Flugtickets mit gleichzeitiger Genehmigung eines kostenlosen Transports unseres Übergepäcks zu besorgen. Offizielle Stellen der Deutschen Lufthansa zeichneten sich dabei ausgerechnet durch ein besonders rigides und kompromissloses Verhalten aus! Ein kostenloser Transport wurde kategorisch abgelehnt.
Ausländische Fluggesellschaften reagierten auf unsere Anfrage erheblich konzilianter. Persönliche Kontakte sowie die unermüdlichen Nachfragen von Herrn Triebig von 3-T-Reisen in Frankfurt ermöglichten im Endeffekt doch einen kostenlosen Transport unseres Übergepäcks nach Indien. In Indien wurde unser Gepäck nach Anfrage durch Dr.Rebello beim Geschäftesführer von Jet-Airways ebenfalls umsonst weitertransportiert.
An dieser Stelle sei allen Beteiligten herzlich für die Unterstützung gedankt!

 

 

Durch entsprechende Zubringerflüge traf sich unser Team dann am 15.11.2002 in Frankfurt, um dann nach Mumbai (Bombay), Indien, abzufliegen.
Dort erwies sich dann als nächste zu umschiffende Klippe der Indische Zoll, der zunächst 4000 EUR !!! für unser Instrumentarium sowie übrige Ausrüstung verlangte. Nach sehr zähem Verhandeln einigten wir uns dann auf 130 EUR.
Einige wenige Stunden Zwischenaufenthalt, die einige Teammitglieder zum Schlaf auf den Stühlen des Domestic Airports nutzten, und schon waren wir nach fast 30 Stunden vor Ort.


Der Anflug auf Mangalore-Airport gestaltete sich ähnlich spannend wie bei unserem Einsatz in Assam in Silchar. Gehört doch der Flughafen neben Silchar-Airport zu den am schwierigsten anzufliegenden Flughäfen Indiens. Der Flughafen liegt zwischen Hügeln auf einem Hochplateau eingebettet mit einer Lande- und Startbahn, die unmittelbar an einem Abhang endet. Wie uns Ben (unser Einheimischer) jedoch glaubhaft versicherte, würde jedoch nur in der Regenzeit gelegentlich ein Jet über die Landebahn hinausschießen. Sehr beruhigend, war doch die Regenzeit schon ein Monat vorbei!

Bei schönstem Wetter und 30 Grad im Schatten wurden wir sehr herzlich von Father Lawrence, Direktor des Medical College sowie der Klinik am Flughafen begrüßt.
Nach kurzem Transport erreichten wir dann Mangalore, eine für indische Verhältnisse sehr sauber erscheinende Stadt. Unsere Unterbringung erfolgte in einem „Sporting Club“, der sechs klimatisierte Gästezimmer zur Verfügung hat. Diese wurden uns kostengünstig einschließlich Verpflegung zur Verfügung gestellt.

Am nächsten Morgen erfolgte dann die offizielle Begrüßung unseres Teams im Krankenhaus durch den Leiter der Gesamtinstitution Reverend Dr. Babtiste Menezes sowie dem Districtbischof in Anwesenheit von ca. 400 schon voruntersuchten Patienten.


Danach begann die uns allen vertraute Arbeit: Unsere Op-Schwestern machten sich mit den Gegebenheiten im OP vertraut, bereiteten unsere OP-Siebe. Wir übrigen teilten uns in verschiedene Teams auf und untersuchten die uns vorgestellten Patienten, um unseren OP-Plan für die kommenden zwei Wochen festzulegen. Die Patienten, die uns vorgestellt wurden, litten unter den uns allen bekannten Veränderungen wie Verbrennungen, Handfehlbildungen und Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Auffällig war dabei eine ganze Reihe von voroperierten Patienten, die unter einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte gelitten hatten. Diese waren nach Aussagen unserer Kieferchirurgen sehr gut versorgt und stellten sich wegen noch geringer Korrekturdefekte vor. Auf unsere Nachfrage erfuhren wir dann, dass es in Mangalore eine große Zahnklinik gibt, die zusammen mit der amerikanischen Organisation ‚Smile’ unentgeltlich jedes Jahr Camps abhält und dann diese Patienten operiert. Trotzdem blieb für unsere Kieferchirurgen noch genügend Arbeit. Wir ‚Plastiker’ sahen dafür eine andere Auffälligkeit: viele handchirurgische Patienten, Opfer von Verbrennungen, aber auch viele angeborene Fehlbildungen. So zum Beispiel Kinder und Erwachsene, teilweise ganze Familien, mit sogenannten Syndaktylien, eine ausgebliebene Trennung der Fingerknospen mit der Folge einer kompletten oder teilweisen Ausbildung einer Löffelhand. Hier erfuhren wir, dass es quasi keinen Plastischen Chirurgen in der Gegend gibt, der in großem Umfang Handfehlbildungen operiert.


Natürlich konnten und brauchten wir nicht alle 400 uns vorgestellten Patienten zu operieren, ansehen und beraten war für uns aber eine Selbstverständlichkeit. Viele Patienten hatten weite Anreisen in Kauf genommen! Ca. 100 Patienten haben wir stationär aufgenommen. Angesichts der Tatsache, dass uns eine komplett neue Station für unsere Patienten zur Verfügung gestellt wurde, kein Problem. Das Pflegepersonal erwies sich als sehr freundlich und kompetent, trotz der halboffenen Bauweise mit bis zu 20 Menschen (je ein Angehöriger wurde mit aufgenommen bei freier Kost und Logis!) in einem Raum, konnten wir keine nennenswerten hygienischen Mängel beobachten.
Die Operationssäle waren alt und eher hygienisch bedenklich, doch auch hier halfen uns die einheimischen Schwestern und Pfleger sehr kompetent und engagiert.
Die Zahl von 100 operierten Patienten mag im Hinblick auf die Größe unseres Teams gering erscheinen. Wir waren aber deswegen in der Lage bei einem Patienten mehrfach Operationen in einer Sitzung durchzuführen, da wir einen Patienten mit zwei Teams versorgen konnten. Dies galt sowohl für Verbrennungsopfer als auch für Patienten mit handchirurgischen Fehlbildungen, bei denen beide Hände betroffen waren.
Nach wenigen Stunden stellte sich die für diese Operationen notwendige Routine ein, auch wenn uns eigentlich immer jede Menge Kollegen über die Schulter schauten.
Nur die Klimaanlage machte uns zu schaffen: entweder wurden wir eisgekühlt, wurde die Klimaanlage abgestellt oder runtergeregelt, waren wir in wenigen Minuten ‚geduscht’! Die Schwestern bekamen jedoch schnell Routine, uns rechtzeitig die drohenden Tropfen von der Stirn zu entfernen!
Auch die uns eingangs ein bisschen entgegengebrachte Skepsis - waren wir doch das erste Interplastteam in Mangalore -, wich nach wenigen Tagen als wir die ersten operierten Patienten begutachten konnten.
So verging die erste Woche im Fluge zumal wir auch abends gut beschäftigt waren. Unserem Team wurde eine ungeahnte Gastfreundlichkeit entgegengebracht, die ihresgleichen sucht! Eigentlich hatten wir fast jeden Abend eine Einladung, aus Selbstschutz haben wir aber "gestreikt", soweit uns die Höflichkeit dies erlaubte.
Für das Wochenende hatte Ben - unser Inder - mithilfe seiner Familie einen Ausflug zu der familieneigenen Kaffeeplantage in den mit Regenwäldern bedeckten nahen Bergen organisiert.

Abbildung 5 Regenwald
Auch die Besichtigung von einigen Tempelanlagen war möglich, allerdings strapaziös, da 100 Kilometer Entfernung eine Reise von mindestens 4 Stunden auf schlechten Straßen bedeuteten. Für diese Ausflüge bekamen wir den klinikeigenen Kleinbus zur Verfügung.
Die zweite Woche verging nicht weniger schnell, Operationen, Visite schnell morgens, zwischendurch Verbandswechsel, immer wieder neue Patienten ansehen, die von uns gehört hatten. Leider hatten wir nur noch geringe Kapazitäten frei, sodass wir viele Menschen enttäuscht auf ein nächstes Team vertrösten mussten.
Zum Ende der Woche bekamen wir dann im Rahmen der Geburtstagsfeier des Klinikleiters eindrucksvolle folkloristische Darbietungen, sämtlich aufgeführt von Medizinstudenten und Schwesternschülerinnen in dem großen Hörsaal der Hochschule zu sehen. Bei dieser Feier wurde uns als Ehrengäste wieder eine kaum zu glaubende Gastfreundschaft entgegengebracht.
Bei den letzen Visiten und Verbandswechseln wussten wir ‚unsere Patienten’ in guten Händen aufgehoben.
Im Rahmen der offiziellen Verabschiedung wurde an uns der Wunsch einer Partnerschaft der medizinischen Hochschule mit der Universität Bonn angetragen, da einige Teammitglieder dort arbeiten. Wir werden es weiterleiten!

 

 

Nach Beendigung unseres Einsatzes verbrachten wir dann noch zwei erholsame Tage in einem nahen indischen Strandhotel, bevor wieder unser Heimflug über Mumbai begann.
Abbildung 6 Strand nahe Mangalore
Spannend war nochmals der Start auf der kurzen Starbahn des Flughafens von Mangalore, für die Piloten aber offensichtlich Routine.
Unser Übergepäck bereitete uns beim Einchecken in Mumbai nochmals Sorge. Wir waren jedoch durch den Flughafendirektor angemeldet, die Sorge erwies sich als grundlos.
Nach einem Nachtflug landeten wir wieder in Frankfurt; müde, aber insgesamt zufrieden mit unserem Einsatz.
Fazit: Weitere Einsätze in Mangalore sind sinnvoll, aber ein kleineres plastisch-chirurgisches Team reicht.


Matthias Gensior

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2010

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