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13. bis 30. April
Der Einsatz in Kamsar kam diesmal auf Initiative von Herrn Dr. Boussouridu
Diallo, einem aus Guinea stammenden und jetzt in Wesseling tätigen
Chirurgen zustande. Er suchte bereits auf der Jahrestagung 2001
in Bad Kreuznach Kontakt zu INTERPLAST und leistete den Großteil
der Vorbereitung, besonders in Bezug auf die logistischen Aufgaben
in Guinea.

Das an der Atlantikküste gelegene Kamsar ist eine für
das bitterarme Guinea eher untypische Stadt mit relativem Wohlstand,
bedingt durch die hier seit 1973 ansässige Bauxitgesellschaft
"Compagnie des Bauxites de Guinée". Diese hauptsächlich
in amerikanisch- belgischem Besitz befindliche Gesellschaft betreibt
auch ein kleines privates Krankenhaus, das allerdings nur den Angestellten
der Firma unentgeltlich zur Verfügung steht, aber als das beste
des Landes gilt. Hier sollte für die kommenden zwei Wochen
unser Arbeitsplatz sein. Da es im Hospital nur zwei OP-Säle
und einen kleineren Eingriffsraum gibt, der normale Operationsbetrieb
aber während unserer Anwesenheit weiterlief, konnten wir den
Eingriffsraum ganztägig und einen OP ab Mittag, sowie samstags
ganztägig nutzen. Organisatorisch unterstützt wurden wir
von Herrn Dr. Thierno Barry, einem in Berlin ausgebildeten Orthopäden
und Traumatologen.
Unsere Gruppe startete von Frankfurt über Paris nach Conakry
und bestand aus 9 Mitgliedern:

Kathrin Sojka
Tina Noll (beide OP-Schwestern, Diakonie-Krankenhaus Bad Kreuznach)
Volker Weiland (Anästhesiepfleger, Thüringenklinik Saalfeld)
Dr. Dr. Bassam Saka (MKG-Chirurg, Rostock)
Dr. Dr. Michael Bunte (MKG-Chirurg, Lübeck)
Dr. Boussouridu Diallo (Chirurg, Wesseling)
Dr. Nuri Alamuti (Plastischer Chirurg, Diakonie-Krankenhaus Bad
Kreuznach)
Dr. Chiristine Riedl (Anästhesistin, KH Lemgo)
Dr. Gunther Kranert (Anästhesist und Teamleiter, Thüringenklinik
Saalfeld)
Außerdem begleitete uns, wie schon im Jahr zuvor in Kerala,
ein Fernsehteam von Pro 7, bestehend aus dem Redakteur Dirk Mauch
und dem Kameramann Nicholas Wilke.
Erwähnenswert ist noch, dass das Frankfurter Büro von
Air France, trotz großer Bemühungen von Michael Triebig
(3 T-Reisen) und mir, mit Hinweis auf den 11. September keine Genehmigung
zum unkostenfreien Transport des Übergepäcks gab, so dass
dadurch trotz Beschränkungen unsererseits Kosten von mehr als
2400 € entstanden sind.

Nach dem Eintreffen in Conakry und dem Eintauchen in afrikanische
Geschäftigkeit und die tropischen Temperaturen stellte sich
heraus, dass 5 Kisten auf dem Weg nach Guinea verschwunden waren,
unter anderem auch die Kiste mit einem Großteil der Instrumente.
Nach beharrlichem Nachzählen und Nachfragen wurde uns versichert,
dass die fehlenden Kisten am nächsten Tag kommen sollten, zur
Überraschung und Freude aller war das auch der Fall. Am nächsten
Tag fuhren wir circa 6 Stunden bis nach Kamsar, konnten dort unseren
OP einrichten und uns mit den Gegebenheiten vertraut machen.
Uns wurden etwa 250 Patienten vorgestellt, von denen 79 operiert
werden konnten. Im wesentlichen handelte es sich um Verbrennungskontrakturen
und -ulzerationen (30), Spaltmissbildungen (10), sowie Noma, Gesichtstumore,
Defektheilungen und Kiefergelenksankylosen (39) aller Altersgruppen.

Da ein Großteil der Patienten aus Kapazitäts- und anderen
Gründen abgewiesen werden musste, dies von einigen Patienten
aber verständlicherweise nicht akzeptiert wurde, kam es dazu,
dass jedes Teammitglied beim Verlassen des OP-Traktes von diesen
Patienten bzw. ihren Angehörigen mit Fragen bestürmt wurde,
allerdings in Sussu, Maninka oder Pular. Da außer Dr. Diallo
keiner dieser Sprachen mächtig war, musste immer erst ein Dolmetscher
gesucht werden, um den Sachverhalt zu klären, dies kostete
letztendlich viel Zeit und Nerven.
Überschattet wurde der Einsatz von mehreren Anästhesiezwischenfällen,
die letztlich zwar beherrscht wurden, das Team allerdings doch sehr
belasteten. Ein etwa zweijähriges Kind, das bei der klinischen
Untersuchung einen völlig unauffälligen Eindruck machte,
konnte nach der zweistündigen Lappenplastik nicht in die Spontanatmung
überführt werden, war tachykard und atonisch, die Sauerstoffsättigung
fiel nach nur Sekunden dauernder Apnoe sofort dramatisch ab. Nach
Ausschluß von Relaxans- bzw. Opiatüberhang und Antagonisierung,
Hypoglykämie, Hypo- bzw, Hyperthermie blieb uns nichts weiter
übrig, als zu warten und die Beatmung fortzusetzen. Erst nach
neun Stunden konnte das Kind extubiert werden. Im zwischenzeitlich
durchgeführten Röntgen-Thorax zeigte sich ein deutlich
global vergrößertes Herz und eine pulmonale Stauung,
so dass retrospektiv wohl von einem stummen Vitium ausgegangen werden
musste. Bei einem knapp einjährigen Kind, das an einer Lippenspalte
litt, kam es nach Narkoseeinleitung mit Halothan, Esmeron® und
Fentanyl und anschließender Lokalanästhesieunterspritzung
mit Adrenalinzusatz zu einem reflektorischen Herzstillstand, der
sofort mit Herzdruckmassage und Atropingabe erfolgreich therapiert
wurde, auf die geplante Operation wurde verzichtet. Die Narkose
konnte nach 80 Minuten normal ausgeleitet werden, das Kind reagierte
danach völlig unauffällig und konnte nach 24 stündiger
Nachbeobachtung entlassen werden. Die Frage, ob Halothan in Kombination
mit adrenalinhaltigem Lokalanästhetikum verwendet werden kann,
wurde auf der letzten INTERPLAST-Jahrestagung schon einmal aufgeworfen
und stellt sich zumindest für mich nach diesem Zwischenfall
neu.

Am letzten Tag des Einsatzes besichtigten wir noch das Donka-Hospital
in Conakry, ein erst vor wenigen Jahren in Betrieb gegangener Krankenhausneubau,
in dem auch eine kleine plastisch-chirurgische Abteilung entstanden
ist. Unserem Eindruck nach ist es auch hier möglich, Interplast-Einsätze
durchzuführen, zumal seitens der dortigen Kollegen großes
Interesse besteht, den Kontakt aufzubauen.
Ich danke den Teammitgliedern für ihr großes Engagement
auch in schwierigen Situationen, insbesondere Dr. Alamuti, der sich
bereit erklärt hat, einen erneuten Einsatz zu organisieren
und zu leiten, sowie Herrn Dr. Behse von der Firma Astra Zeneca
und Herrn Bademli von der Firma Organon Teknika für die überaus
großzügigen Arzneimittelspenden, ohne die der Einsatz
so nicht möglich gewesen wäre.
Gunther Kranert
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