Einsatzbericht Chak-e-Wardak 2002
28.5. - 10.6./3.7.


Es war schon ein eigenartiges Gefühl, in Kabul deutsche Militärwagen mit deutschen Soldaten zu sehen, die dort Streife fuhren. Seit unserem letzten Einsatz in Chak im Sommer 2001 hatte sich mal wieder vieles verändert in Afghanistan und, sollte man den Medienberichten glauben, nur zum Guten.

Durch die militärische Vertreibung der Taliban sollte ja wohl jetzt es den Menschen wieder gut gehen, die Menschenrechte, besonders die der Frauen würden wieder geachtet, Frauen und Mädchen müssten nicht mehr verschleiert gehen, dürften die Schule besuchen, zur Arbeit gehen, alle hätten genug zu essen, es sollten keine Bewaffnete mehr geben in dem Land, überall würde gebaut, das Land wieder aufgebaut mit Hilfe der freundlichen Ausländer, allen voran der Amerikaner und der Menschen der Vereinten Nationen.

Und alle wären in großer Erwartung der Loya Jirga, der großen Ratsversammlung, die statt der provisorischen Regierung eine gewählte Regierung dem Land geben sollte, die dann demokratische Wahlen vorbereiten sollte.
Es war nicht der erste politische Wechsel, den ich in Afghanistan erlebt hatte, und immer hatten die Menschen darunter zu leiden, entgegen allen Meldungen und Versprechungen. Der Weg über die Grenze war wie immer, als ich mit Frau Dr. Fabius-Börner, Frau Dr. Ishida und Frau Strohmann unter der Begleitung von Latif dort ankam.


Auch der Grenzbeamte war derselbe. Nur die Visa und Einreisestempel hatten sich mal wieder geändert, unverändert aber war die Herzlichkeit und Freude, mit der er uns begrüßte. Und weiter ging es auf der noch von den Taliban reparierten Straße Richtung Jalalabad, vorbei an den alten Flüchtlingslagern aus der Zeit der Kämpfe um Kabul. Doch auch jetzt waren wieder Menschen zu sehen, die dort in Zelten zu leben schienen. Es waren, wie wir später erfuhren, Rückwanderer, aus Pakistan heimkehrende ehemalige Flüchtlinge. Doch es war kein Platz für sie in der Heimat. So mussten sie zunächst hier in dem ehemaligen Lager unterkommen. Auch vor Kabul hatte der UNHCR ein großes Lager eingerichtet, wo Hunderte von Familien darauf warteten, in ihrem Heimatland eine Heimat zu finden.

Die neue Zeit hatte die Übernachtungspreise in Jalalabad aufs Doppelte anwachsen lassen, zum Glück konnte sie der überwältigenden Schönheit der Landschaft nichts anhaben. Aber Kabul hatte sein Gesicht verändert.

Nicht, dass keine Frauen in der Burka zu sehen gewesen wären, im Gegenteil, keine Frau war ohne Burka auf der Straße, auch waren die Ruinen noch immer die gleichen ohne dass etwas von Wiederaufbau zu sehen gewesen wäre, aber überall waren das Bild von Ahmad Shah Massood zu sehen und Soldaten aus dem Pansheertal. Die Pansheeries beherrschten mit ihrem Halbgott Massood die Stadt. Wo waren nur die von Deutschland ausgerüsteten Polizisten? Hin und wieder konnte man Männer in westlicher Kleidung sehen, wie sie auf dem Fahrrad durch die Straßen fuhren, seltsam unpassend wirkend, als wären sie kostümiert. Später hörten wir, dass die Professoren der Universität nur in westlicher Kleidung ihre Vorlesungen halten durften, ihre traditionelle Kleidung war ihnen verboten.


Und dann die Wagen der ISAF mit den deutschen Soldaten!
Doch als wir Kabul verlassen hatten war die Welt wieder wie ich sie seit 14 Jahren kannte. Natürlich war die Straße keinen Meter weiter instand gesetzt worden, seit die Taliban vertrieben waren, die Felder waren ausgedörrt infolge der langen Trockenheit, an den Berghängen sahen wir die schwarzen Zelte der Nomaden mit ihren Schaf- und Kamelherden. Die Lastwagen, überladen, bunt bemalt, wirbelten den Staub der zerstörten Straße auf, dem wir nur langsam entkamen.
Chak war eine grüne Oase, das Krankenhaus wieder etwas größer geworden, Karla begrüßte uns, teilte uns die Zimmer im neuen Gästehaus zu, dann konnten wir uns beim Willkommenstee auf dem schattigen Platz über dem Krankenhaus von der Reise erholen.
Wie immer hatte Karla alles perfekt vorbereitet, zusätzliche Betten standen bereit für die erwarteten Patienten, Zelte waren aufgestellt, um auch die Familienmitglieder unterbringen zu können, erste Patienten waren anzusehen.


Die Nachricht, ein INTERPLAST-Team würde wieder nach Chak kommen, hatte viele Menschen aus der nahen und weiten Umgebung veranlasst, das Krankenhaus aufzusuchen, auch Patienten vom vorigen Jahr waren erschienen, die wir damals vertrösten mussten. Es waren die altbekannten Probleme, die sie zu uns führten, Missbildungen, Lähmungen, Verbrennungen, Tumore und natürlich auch alte, seit Wochen erfolglos behandelte Wunden.
Und jeden Tag nach einem intensiven Operationsprogramm waren neue Patienten anzusehen, so dass es oft dunkel wurde, bis wir mit unserer Arbeit fertig waren. Aber alle waren eifrig bei der Sache, alle Mitarbeiter waren bemüht, uns nach besten Kräften zu unterstützen und stolz uns zu zeigen, dass sie nicht vergessen hatten, was sie in den Jahren zuvor gelernt hatten.


Der Ausflug am arbeitsfreien Freitag nach Ghazny durch die über dreitausend Meter hoch gelegene grandiose Gebirgslandschaft, die Begegnungen mit den Nomaden,
entschädigte für viele Stunden intensiver Arbeit. In Ghazny sahen wir auch die Auswirkungen des neuesten Machtwechsels im Land. Ein Hügel unweit der Stadt war von amerikanischen Truppen besetzt, die dort Einheimische in Kriegstechnik trainierten, die Soldaten der neuen afghanischen Armee benahmen sich wie Besatzer, sie sprachen nicht mal die gleiche Sprache wie die Bevölkerung. Immer wieder hörte man von Übergriffen, von Überfällen auf Autos, von Einbrüchen.

Nach zwei Wochen Arbeit und mehr als 110 Operationen mussten Frau Fabius-Börner, Frau Ishida und Frau Strohmann wieder zurück nach Deutschland fliegen. Ich hatte mit Karla vereinbart, diesmal länger zu bleiben, um selbst die Nachbehandlung durchzuführen. Das hatte noch den zusätzlichen Vorteil, dass auch weiter Patienten operiert werden konnten. So war ich noch mehr als drei Wochen allein in Chak. Es war fast wie in den alten Jalalabad - Zeiten. Noch immer kamen täglich neue Patienten, und so gab es neben den täglichen Verbandswechseln reichlich Arbeit im Op und eine ausgedehnte Ambulanz. Trotzdem mussten auch diesmal wieder Patienten auf später vertröstet waren. Immerhin konnten wir in den insgesamt sechs Wochen 190 Patienten erfolgreich behandeln und ich konnte mich davon überzeugen, dass unsere Arbeit wirklich erfolgreich war. Auch Karla war begeistert davon, dass unser Einsatz diesmal auch die genauso wichtige Nachbehandlung einschloss.
Auf dem Rückweg machte ich natürlich Station bei meinen alten Freunden in Jalalabad. Sie erzählten mir von den Wochen, in denen Jalalabad und die Umgebung immer wieder bombardiert worden waren, und was sich weiter getan hatte. Jetzt waren wieder die abgewirtschafteten Herren der Vortalibanzeit an der Macht, nicht unbedingt zum Vorteil der Menschen der Region. Deren Hoffnung ruhte auf einem Mann, dem früheren und jetzt wieder im Amt befindlichen Gouverneur, zusätzlich Minister in Kabul. Mir Weis bat mich, mit ihm ins Public Health Hospital zu gehen, besonders zur Querschnittsabteilung, die ich in den Jahren in Jalalabad mit betreut hatte. Vielleicht wollte er mich überzeugen, wie notwendig es sei, wieder nach Jalalabad zurückzukehren. Was ich dort zu sehen bekam, ließ wenig Hoffnung auf bessere Zeiten aufkommen. Wie zur Bestätigung der Zweifel aller meiner Freunde an einer besseren Zukunft erreichte mich auf der Heimfahrt die Nachricht von der Ermordung des Gouverneurs und Ministers.

Ein herzliches Dankeschön an den Lions-Club in Stuttgart, der durch seine großzügige Spende diesen Einsatz wesentlich unterstützt hat.

Ortwin Joch, Bad Homburg
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