Einsatzbericht Burma 2002
Das Ende der Welt
Burma einmal anders - Operationen in Pudelmütze und Fleecepulli


Team 12: (27.12.02 - 19.01.03)
Plastische Chirurgen: Dr. Heinrich Schoeneich, Dr. Cajus Radu;
Anästhesie: Dr. Angelika Wagner, Dr. Petra Wagner;
OP-Schwester: Melissa Proyer, Sima Schoeneich; Medizinstudentin: Johanna von Hutten
Operationseinsatzort: Haka Nordwesten 1800 m Höhe, nahe der Indischen Grenze

Team 13 (10.01.03. - 01.02.03)
Plastische Chirurgen: Dr. Andreas Schmidt, Dr. Ortwin Joch, Dr. Aikiko Ishida
Anästhesie: Dr. Jürgen Unterburger, Dr. Mechthild Kretschmer,
OP-Schwester: Cornelia Peschel, Martiné Schmidt
Einsatzort: Thandwee, Westküste Burmas

Team 14 (08.02.03 - 23.02.03)
Plastische Chirurgen: Dr. Prof. Wolfgang Mühlbauer, Dr. Charlotte Holm-Jakobsen
Anästhesie: Dr. Angelika Wagner, Dr. Silvia Gögler-Schröder
OP-Schwester: Lissy De Maeyer, Medizinstudent: Moritz Schoeneich
Einsatzort: Universitätsklinik Yangon; Pagan

Prof. Khin Maung Lwin, Leiter der plastischen Chirurgie am Generalhospital Yangoon hatte meiner Bitte entsprochen uns diesmal einen sehr entlegenen Einsatzort in Burma auszusuchen.


Team 12 Haka 1/2003

 

Haka, die Hauptstadt der Chinstaaten, liegt auf ca. 2100 m Höhe im Nordwesten Burmas nahe der indischen Grenze. Für uns irgendwie das Ende der Welt, welches wir nach 10-stündiger Flugzeit und 12- stündiger Lastwagenfahrt über atemberaubende Pässe am 29.12.02 erreichten. Die berühmten burmesischen Teakwälder sind in diesem tropischen Regenwald kaum mehr zu finden. Seit der englischen Kolonialzeit wurde hier Teak und Gummi systematisch abgebaut. Die Thais haben in dieser Region in den letzten Jahrzehnten durch illegalen Abbau den wirtschaftlichen Abstieg beschleunigt. Das Leben ist karg und eintönig, der sanfte beruhigende Buddhismus musste den christlichen Baptisten weichen. Auf ca. 30 Kirchen kommt eine Pagode. Junge Männern finden nur beim Militär gesicherte Arbeitsplätze. Bedingt durch die traurigen aussichtslosen Lebensbedingungen ist die Selbstmordrate die höchste im ganz Burma. In dieser vergessenen Region sollte sich ein Interplast Einsatz lohnen.

Wie waren überrascht, ein einfaches aber gut bestücktes Provinzkrankenhaus in Haka vorzufinden. Es handelt sich um eine 60 Betten-Klinik mit einem Allgemeinchirurgen und drei Jungmediziner, die in Burma immer für zwei Jahre in die Peripherie geschickt werden um dort Erfahrungen zu sammeln.

 



OP in Pudelmütze und Fleecepulli Haka Hospital

 

Die Schwierigkeiten für unser Team lagen in der extremen Kälte. Die Kälteperiode hatte auch den Nordwesten von Burma erreicht, mit Temperaturen um -3° bis 0°.
3 Wochen lang keine warme Dusche, keine Aufwärmmöglichkeit, Schlafen in engen Schlafsäcken in voller Wintermontur. Die einzige Waschmöglichkeit morgens: eine Thermoskanne heißes Teewasser. Die gleiche Kälte auch im Operationsbereich. Operiert wurde hier mit Pudelmütze, Skiunterwäsche und eiskalten Instrumenten.
Gerade die ersten Tage waren für das gesamte Team eine ziemliche Umstellung, da wir nicht gewohnt waren unter solcher permanenter Kälte zu operieren. Kleinen Holzkohlegrills, auf denen sonst gekocht sollten etwas Wärme spenden aber mit dem Nachteil,dass uns das Kohlenmonoxyid am Ende des Tages ziemliche Kopfschmerzen bereitete . Zwischen den Operationen konnten wir uns so wenigstens die Hände wärmen oder den kleinen Kinder in der postoperativen Phase etwas Wärme zukommen lassen.
Dennoch hat das ganze Team tapfer durchgehalten, keiner wurde krank und wir haben auf Grund der enormen Zuwendung der einheimischen OP-Schwestern und der zuständigen Ärzten hier doch einige fröhliche Abende am Lagerfeuer verbracht mit Gitarre und Karaoke, dass es für uns alle ein doch sehr erlebnisreicher, erfolgreicher und lohnender Einsatz war.

 

Holzkohle zum Wärmen Burma Team Haka Hospital

 

 

138 ambulante Patienten
111 Operationen

Lippen-Liefer-Gaumenspalten gesamt 75
Einseitig 36
Doppelseitig 9
Sekundäreingriffe 18
Gaumen 12

Verbrennungskontrakturen der oberen Extremitäten 18
Verbrennungskontrakturen der unteren Extremitäten 9
Noma 3
Sonstige 6

Die hohe Zahl der Sekundäreingriffe der Lippen-Kiefer-Gaumenspalten lag darin begründet, dass ein unerfahrener Hals-Nasen-Ohren-Arzt in den Jahre zuvor hier einfach die Lippen irgendwie zusammengenäht hatte und hieraus furchtbar entstellende Narben und Verziehungen resultierten, die wir alle im Sinne einer Primärversorgung nachoperieren mussten.

Von den drei Noma-Fällen, wurden zwei durch lokale Verschiebeschwenklappenplastiken operiert, der dritte Fall mit Wangendefekt und Trismus wurde von Dr. Radu im Alleingang in Yangoon, in einer 7-stündigen Operation mittels microvaskülärem Parasacpularlappen erfolgreich versorgt. Eine 2002 von Dr.Schmidt durchgeführte Gesichtsrekonstruktion (Parascapularlappen) nach Explosionsverletzung wurde ebenfalls in Rangoon von uns durch Lappenausdünnung und Gesichtskonturausgleich angeglichen.



Noma

Explosionsverletzung

Nach Beendigung des Einsatzes hatte das Team eine Abwechslung verdient. Wir hatten das Glück, ca. 400 km weiter nördlich, das Neujahresfest ehemaliger animistischer Kopfjäger der Nagas mitzuerleben. Sie haben ethnologisch nichts mit den eigentlichen Birmanen zu tun Sie erinnern eher an Polynesier mit Federschmuck und Affenschädeln. Leider wird auch dies seltene Schamanenkultur von Jahr zu Jahr trotz reglementierter Besucherzahl zerstört werden.


Schoeneich and friends

 

Die Sektion München hat vor zwei Jahren begonnen in Burma die Infrastrukturen der Krankenhäuser zu verbessern. Vier Krankenhausprojekte werden zur Zeit finanziert. Das Krankenhaus in Pagan ist seit 1 ½ Jahren voll im Einsatz, die Operationsmodule in Thandwe, Mrauk U und in Ketung an der chinesischen Grenze sind kurz vor der Vollendung. Die Sektion München abreitet hier eng zusammen mit der Myanmar-Foundation, die in Burma Schulen und Weisenhausprojekte betreut und finanziert. Wir haben in gemeinsamer Zusammenarbeit vier Krankenhäuser, drei Weisenhäuser und drei Schulen aufgebaut. Frau Eva Felten aus München hatte sich bereit erklärt in Pagan den gynäkologischen Trakt alleine zu übernehmen, dessen Grundstein vor zwei Monaten gelegt wurde; mit einer Fertigstellung ist in sechs Monaten zu rechnen. Erst nach Abschluss dieser vier Krankenhaus-projekte werden wir über weitere Maßnahmen im Sinne der Infrastrukturförderung in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium und dem Generalhospital in Rangoon beraten.


Hilfe zur Selbsthilfe

Nachdem die Abteilung von Prof.Kim Maung Lwin im General Hospital in Yangoon die einzige Ausbildungsstätte für Plastische- und Kieferchirurgie in Burma darstellt, wollen wir hier einen Beitrag für Hilfe zur Selbsthilfe leisten in Form eines vier monatigem Ausbildungsstipendium für Dr.Kyaw San Naing aus der Abteilung von Prof. Khin Maung Lwin. Er wird ab März bei Prof. Ehrenfeld in der Kieferchirurgie an der LMU München in die Techniken der Orthognatik eingeführt werde.

 

Weitere geplante Aktivitäten 2003:

1. Weiterführung des Münchener Hauptprojektes BURMA.

2. Intensivierung der Zusammenarbeit mit der Myanmar Foundation und dem Förderverein Myanmar nach vollzogener Satzungsänderung.

3. Organisation eines speziellen Operationsteams Neurochirurgie/plastische Chirurgie zur Versorgung von ca. 28 Meningozelen verschiedener Schweregrade in Yangoon in Zusammenarbeit mit dem Generalhospital.

4. Inspektionsreise nach Bhutan mit dem deutschen Generalkonsul Dr. Pfeiffer zur Finanzierung und Förderung von Krankenhausprojekten in Bhutan und Einsatzmöglichkeiten im Zusammenhang mit dem Anästhesisten Dr. Paul Schüller.

5. Durchführung von Operationseinsätze in Burma (Ketung und Mrouk U ) , Bolivien und Buthan.

6. Patiententransfer nach München zur Versorgung zweier Rachitiskinder aus Burma, die beidseits eine Umstellungs-osteotomie benötigen und die Versorgung eines extrem entstellten 16 jährigen Mädchen (Verbrennungstrauma) aus Schanghai zur vollständigen Rekonstruktion der gesamten linken Gesichtshälfte in mikrochirurgischer Technik geplant ist.


Heinrich Schoeneich
Sektion München

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2009

Einsatzberichte 2009



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