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Unser Mann in Amman
Sektion Siebengebirge zum vierten Mal bei Lutz Wollstein
Interplast-Einsätze leben nicht nur von dem persönlichen
Engagement seiner Teilnehmer, die selbstlos ihren Jahresurlaub opfern
und vielleicht auch noch Spenden sammeln, um Flug und Material bezahlen
zu können, sie leben genauso viel und noch mehr von den Personen,
die das Geschehen vor Ort initiieren. Personen, die die Initiative
ergreifen, die Verbindung zu einem geeigneten Krankenhaus herstellen,
die Patienten aussuchen, die Verbindungen mit den lokalen Behörden
herstellen und während des Einsatzes die vielen tausend Kleinigkeiten
regeln, welche es neben der hochqualifizierten Arbeit der einreisenden
Spezialisten zu bewältigen gilt.
Ein solcher Mann ist Lutz Wollstein, zuletzt unser Mann in Amman.
Erstmals trafen wir uns im Frühjahr 1997 abends beim Whisky
in windiger Höhe auf der Dachterrasse eines Wüstenhotels
in Keren/Eritrea. Er hatte dort die Penthouse-Wohnung bezogen und
wir wohnten in einem eher bescheidenen Zimmer, das den verblichenen
Glanz der italienischen Kolonialzeit nur noch erahnen ließ.
Er war dort Orthopädiemechaniker und
-ausbilder und hatte seit mehreren Jahren in der Wüstenstadt
des Landes, in dem zuvor ein Jahrzehntelanger Bürgerkrieg gewütet
hatte, eine Ausbildungswerkstatt für Orthopädietechnik
aufgebaut. Da er schon seit vielen Jahren im Dienste ausländischer
Hilfsorganisationen stand, kannte er selbstverständlich auch
Gottfried Lemperle und Interplast. Ganz schnell waren die Fäden
geknüpft und schon am nächsten Tag konnten wir ein halbes
Dutzend von seinen Problemfällen aus seiner Werkstatt auf offener
Ladefläche eines Pickups in das lokale Krankenhaus transportieren,
um sie anschließend dort zu operieren, er war mit seinen orthopädisch-technischen
Maßnahmen nicht mehr weitergekommen.
Ein Jahr später war er der Organisator unseres nächsten
Einsatzes, seine Orthopädiewerkstatt war die Anlaufstelle für
Problemfälle aus der ganzen Gegend und so freute er sich schon
darauf, dass wieder ein Team kam, um seine Problemfälle abzuarbeiten.
Zwei Jahre später erreichte uns dann der Ruf aus Amman. Er
hatte inzwischen den Dienst in Eritrea beendet und war nunmehr im
Auftrag einer anderen Hilfsorganisation in Amman, um dort für
die arme Bevölkerung eine entsprechende Orthopädiewerkstatt
aufzubauen. Diese befand sich in einem von einer Stiftung betriebenen
Rehabilitationszentrum, in der zumeist Kinder mit angeborenen Störungen
des Bewegungsapparates versorgt werden. Diese Al-Hussein-Stiftung
hatte das Zentrum zu einer Blüte gebracht, wie man es in einem
Land des vorderen Orients nicht erwartete, zumal es sich der Behandlung
und Betreuung insbesondere der armen Bevölkerung verschrieben
hat. Die Werkstatt für Orthopädietechnik war nur ein Mosaikstein
des Gesamtgebildes, zu dem eine Schule, ein Internat, zahlreiche
physiotherapeutische Einrichtungen, ein therapeutisches Schwimmbad,
aber auch Ausbildungswerkstätten und eine Krankenabteilung
gehören.
So konnten wir im Jahre 2000 unseren Milleniumseinsatz in Amman
durchführen, nachdem Lutz Wollstein zahlreiche von ihm betreute
Kinder insbesondere mit Folgen der Spina bifida, Osteogenesis imperfecta
und Cerebralparese gesammelt hatte (auf den Einsatzbericht im letzten
Jahresheft darf ich verweisen).
Nun rief unser Mann zum zweiten Mal aus Amman an und bat um den
Einsatz eines Teams. Aus den Erlebnissen des ersten Einsatzes hatten
wir gelernt, dass die Beurteilung der orthopädischen Problemfälle
ungleich schwieriger war, als das, was wir bei unseren sonstigen
plastisch-chirurgischen Einsätzen gewohnt waren. Es handelte
sich häufig um sehr komplexe Krankheitsbilder, die zahlreiche
Gelenke umfassten. Die Voruntersuchungen und das Treffen der Auswahl
war insoweit ungleich zeitaufwändiger als wir dies von anderen
Einsätzen gewohnt waren.
Aus dieser Erfahrung heraus wurde schon im Juli 2002 ein Vorauskommando
nach Amman geschickt, das die von Lutz Wollstein vorgesehenen Patienten
screente und eine Endauswahl traf. Als dann das gesamte Team im
Oktober 2002 eintraf, war der OP-Plan für die kommenden zwei
Wochen festgeschrieben, wir hatten die geeigneten Implantate und
die richtigen Schrauben und Nagellängen mit im Reisegepäck.
Die fruchtbare Verbindung mit den Orthopäden der Universitätsklinik
Heidelberg, allen voran Rainer Abel als Wiederholungstäter
und Michael Clarius mit der geschätzten Gabi Hennig und der
Physiotherapeutin Tanja Damarow führten zu einer Symbiose,
welche hoch effektives Arbeiten und höchst erstaunliche Operationsergebnisse
hervorbrachte. Die Zusammenarbeit mit den plastischen Chirurgen
erwies sich als immer wieder fruchtbar, um bei problematischen Weichteilsituationen
ein erfolgreiches Operationsergebnis zu erreichen.
Bei der Gelegenheit konnten wir auch zahlreiche Patienten nachuntersuchen,
welche zwei Jahre zuvor operiert worden sind. Als uns ein kleines
Mädchen mit einem Riesenblumenstrauß und einem Florentiner
Hut auf dem Kopf zu Fuß entgegen kam, fiel es uns schwer,
uns an das kleine Bündel Mensch zu erinnern, welches mit verknoteten
Beinen zwei Jahre zuvor im Rollstuhl ohne jegliche Aussicht auf
Mobilität vorgestellt worden war. Bei diesem Erlebnis trieb
es auch hartgesottenen, weit gereisten Medizinern die Tränen
in die Augen.
So wurde es auch diesmal wieder ein für alle Seiten beeindruckender
Einsatz, welcher garniert wurde durch Einladungen prominenter Landsleute
in orientalische Traumhäuser und einer Wüstentour auf
den Spuren von Laurence von Arabien.
K
aum waren wir einen Monat zu Hause, rief unser Mann aus Amman schon
wieder an, diesmal aber aus Jakarta...
Michael Schidelko,
Rainer Abel,
Michael Clarius
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