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18. Interplast-Camp Einsatzort General Hospital
Ein Interplast-Einsatz aus der Sicht des Anästhesisten
Zusammenfassung:
Vom 20. April bis 05. Mai 2001 besuchte ein gemischt britisch-deutsches
Interplast-Team Ratnapura in Sri Lanka auf Einladung der German-Help-Foundation.
Insgesamt konnten an 10 Op-Tagen 106 Patienten plastisch-rekonstruktiv
versorgt werden. Die insgesamt positive Bilanz wurde von einem tödlichen
Anästhesiezwischenfall überschattet.
Um meinen ersten Interplast-Einsatz als Anästhesist zu planen,
blieb mir nicht viel Zeit.
Auf dem Treffen der deutschen Sektion von Interplast in Bad Kreuznach
im März 2001 wurde mein Interesse an solchen Einsätzen
geweckt. Vorsichtig äußerte ich dies gegenüber Dr.
Borsche. Bereits Anfang April kam dann ein Anruf von ihm: "Kannst
Du in 10 Tagen mit einem gemischt britisch-deutschen Team nach Sri
Lanka reisen?" Im britischen Team von Dr. Charles Viva war
eine Anästhesistin ausgefallen, und damit der ganze Einsatz
gefährdet.

Mit viel Rat und moralischer, sowie tatkräftiger Unterstützung
der erfahrenen Interplastiker an unserem Krankenhaus, allen voran
Sr. Katrin Sojka-Müller, Sr. Elisabeth Reis und Dr. med. Mathias,
gelang, was mir als Interplast-Greenhorn vollkommen unmöglich
erschien. In 10 Tagen wurde ein kompletter Anästhesie-Arbeitsplatz
aus dem Boden gestampft und meine Reise organisiert. Durch Verzicht
auf Urlaub und Übernahme von Diensten machten es mir meine
anästhesiologischen Kollegen möglich, so kurzfristig Urlaub
zu bekommen. Auch von meinem Chef wurde meine Teilnahme mit Rat
und Tat unterstützt. So stand meiner Teilnahme an dem Einsatz
nicht mehr im Wege.

Am 20.04.2001 trat ich dann die Reise zusammen mit Dr. Hans-Peter
Frey und seiner Frau Gaby von Frankfurt aus an. Beim Jonglieren
des Gepäcks kam uns die reiche Erfahrung von Dr. Frey mit humanitären
Einsätzen in Asien zu Gute. Keines unserer wertvollen Schäfchen
ging verloren. Ein besonderer Dank gilt hier auch Kuwait-Airways,
die uns kostenlos ein sehr großzügiges Übergepäck
zusicherten.
In Colombo wurden wir durch Mitarbeiter der German-Help-Foundation
erwartet. Wie wir erst später erfuhren waren die Zollformalitäten
bereits im Vorfeld durch das Gesundheitsministerium von Sri Lanka
geklärt worden, so dass unser Equipment problemlos durch den
Zoll ging. In Colombo trafen wir dann zu ersten mal mit dem britischen
Teil des Teams zusammen. Nach kurzer Anwärmphase entwickelte
sich schnell ein sehr freundschaftlicher Kontakt. Nach einer Übernachtung
ging es dann weiter zum 100 km entfernen Einsatzort Ratnapura.
Dank der exzellenten Vorbereitung der German-Help-Foundation und
der Rotarier waren die Anreise zum Einsatzort und der Materialtransport
kein Problem. Durch persönliche Kontakte des Teamleiters, Mr.
Charles Viva, wurden wir außerdem von Mitgliedern der Special-Task-Force
(einer paramilitärischen Polizeitruppe zur Terrorismusbekämpfung)
begleitet, die auch den Transport in ihren Fahrzeugen übernahmen.

Wir hatten durch die Presse einige negative Dinge über die
German-Help-Foundation gehört (s. Kasten), so dass wir den
Herren erst mit einiger Zurückhaltung begegneten, was sich
aber als unnötig erwies.
Am Einsatzort eingetroffen, blieb uns keine Zeit zum Grübeln.
Im Ratnapura-General-Hospital warteten bereits über 200 Patienten
auf den Beginn des Screenings.
Während der Vorbereitung des Einsatzes hatte ich bereits viele
Bilder von entstellten Patienten gesehen. Ich hatte über die
Bedürftigkeit der Patienten und das Flehen nach Behandlung
gehört. Aber die Wirklichkeit war noch erschütternder
als ich es mir vorgestellt hatte.
Obwohl Sri Lanka mit seiner freien Heilfürsorge der Bevölkerung
auf erschwinglichem Niveau eine komplette medizinische Versorgung
zukommen lässt, bleiben auch hier die verstümmelten Patienten,
die plastischer Rekonstruktion bedürfen auf der Strecke. Es
gibt nur sehr wenige Ärzte mit plastisch-chirurgischer Ausbildung
gibt. Und die wenigen sind meist in privater Praxis niedergelassen,
so dass ihr Können nur den Reichen zu gute kommt. Nur so war
zu vertehen, dass sich so viele Patienten z.T. auf beschwerlichen
Wegen aus allen Teilen des Landes nach Ratnapura begeben hatten
und hier seit 24 h auf den Beginn des Screenings gewartet hatten.
Nach 3 Stunden war der OP-Plan für die erste Woche bereits
annähernd komplett. Schweren Herzens mussten wir etliche stärkst
geschädigte Patienten abweisen, da ihr Leiden mit unseren Mitteln
oder in der uns gegebenen Zeit nicht zu lindern war. Dr. Viva, selbst
gebbürtiger Tamile, ging dabei mit bewundernswerter Ruhe und
Umsicht vor.

Anschließend wurden wir auf Kosten des Rotary-Clubs von Ratnapura
wurden wir in einem ehemaligen Aryuveda-Hotel am Rande der Stadt
untergebracht, in dessen ruhiger Atmosphäre wir uns gut von
der Arbeit und der Reise erholen konnten.
Nach einer buddhistischen Zeremonie, an der politisch werbewirksam
(natürlich waren Presse und Fernsehen auch zu gegen), der Gesundheitsminister
von Sri Lanka teilnahm, konnte die Arbeit am Montag Nachmittag endlich
beginnen.
Ratnapura ist die Edelsteinmetropole Sri Lankas. Es besitzt eine
recht gute öffentliche Infrastruktur. Das in den 60er Jahren
erbaute General Hospital hat ca. 300 Betten und ist im angelsächsischen
Consultant-System organisiert. Es besitzt, neben anderen Fachabteilungen
solche für Allgemeinchirurgie, Orthopädie, Kieferchirurgie
und Gynäkologie. Die Anästhesie wir als eigenständige
Fachabteilung von 2 Consultants geleitet. Zum Zeitpunkt unseres
Einsatzes waren 2 OP-Säle mit jeweils 2 Tischen in Betrieb.
Wir hatten die Ehre, für unseren Einsatz einen erst kürzlich
renovierten OP-Trakt einweihen zu dürfen, dessen Eröffnung
eigens für uns verschoben wurde. So fanden wir gemessen an
normalen Interplast-Verhältnissen besonders günstige hygienische
und organisatorische Verhältnisse vor.
Es gab 2 Narkosegeräte der Fa. Dameca, mit Halotan-Vaporen
und Kreisteilen. Das eine neu, das andere schon recht verwittert,
aber nach kurzer Inspektion und Reparatur, ebenfalls einsatzbereit.
Von der Anästhesieabteilung wurden wir mit 2 Pulsoximetern
und einem EKG versorgt. Zusammen mit den von uns mitgebrachten Geräten
konnten wir so zwei annähernd im gewohnten Standart ausgerüstete
Anästhesie-Arbeitsplätze einrichten und auch noch den
Aufwachraum mit Pulsoxymeter ausstatten konnten.
In der operativen Arbeit wurden wir von dem sehr motivierten Schwestern-Team
des Op's unterstützt. Sie übernahmen, zusammen mit Frau
Frey, das Instrumentieren der Operationen, so dass die britischen
Krankenschwestern die postoperative Versorgung und die Versorgung
frisch Brandverletzter auf den Stationen übernehmen konnten.
Ms. Falkiner übernahm die Organisation des Aufwachraums.
Die ärztlichen Mitarbeiter des Krankenhauses waren unserer
Arbeit gegenüber sehr aufgeschlossen und verfolgten unsere
Arbeit mit Interesse. Es ergaben sich viele interessante Gespräche.
Insgesamt konnten an 10 OP-Tagen an 2 Tischen 106 Patienten operiert
werden.
Davon:
10 Lippen-Spalten
9 Gaumen-Spalten
14 Kombinierte Lippen-Kiefer-Gaumenspalten
44 Kontrakturlösungen
17 Gesichtschirurische Operationen
3 Schenklappen-Plastiken
1 Hypospadie-Korrektur
8 Keloid-Injektionen
Auf den Stationen konnten zusätzlich 23 Frischbrandverletzte
betreut werden.
Wir wurden von 2 Mitarbeitern der German-Help-Foundation Mr. Frank
Smith und Mr. Martin de Silva auf Händen getragen. Sie versorgten
uns mit allem zum Leben Notwendigen, nahmen uns sämtliche Botengänge
ab, so dass wir uns ganz auf die Arbeit konzentrieren konnten.
An unserem freien Sonntag wurde eine Fahrt zum Waisenhaus für
Elefanten in der Nähe von Kandi im Zentrum der Insel organisiert.
Mit frischer Energie nahmen wir in der folgenden Woche die Arbeit
wieder auf.
Leider kam es am vorletzten OP-Tag zu einem letalen Zwischenfall
bei der Operation einer jungen Frau mit verbrennungsbedingten Kontrakturen
des Kinns und der Brust. Im Rahmen der aufwendigen OP-Lagerung war
es wahrscheinlich unbemerkt zu einem Verrutschen des Beatmungstubus
gekommen. Die Patientin entwickelte einen Kreislaufstillstand. Trotz
sofortiger Korrektur des Beatmungstubus und
und zunächst erfolgreicher kardiopulmonaler Reanimation verstarb
die Patientin leider etwa 5 Tage später, nach Ende unseres
Einsatzes.
Unser Team wurde von den Lokalen ÄrztInnen nach diesem Zwischenfall
sowohl mental als auch tatkräftig sehr unterstützt. Man
übernahm die Patientin auf die Intensivstation und bot uns
an trotz der infausten Prognose die Beatmung fort zu setzen.
Tragischerweise war die Patientin ohne Begleitung aus einen entlegenen
Dorf angereist, so dass wir nicht direkt mit Angehörigen sprechen
konnten. Mitarbeiter der German-Help-Foundation kümmerten sich
darum, sie zu finden und ihnen unser tiefes Mitgefühl zu übermitteln.
Während der Zeit unseres Einsatzes spielten sich im Norden
Sri Lankas und der Hauptstadt Colombo dramatische Dinge ab. Im Norden
kamen bei einer militärischen Offensive der singhalesischen
Armee gegen die Tamile-Tigers auf beiden Seiten über 1200 Menschen
ums Leben. Ratnapura wurde durch diese Ereignisse aber glücklicher
Weise nicht direkt betroffen.
Am Wochenende unserer Abreise kam es dann aber in Colombo zu blutigen
Auseinandersetzungen zwischen der moslemischen und buddhistischen-hinduistischen
Bevölkerungsteilen, so dass unser Abflug durch eine verhängte
Ausgangssperre zunächst in Frage stand. Dank der Mitarbeiter
der Special-Task-Force, die uns persönlich zu Flughafen eskortierten
und uns dort an ihre Kollegen übergaben, erreichten wir aber
dennoch sicher unsere Flüge.
Insgesamt war dieser Interplast-Einsatz für mich trotz des
tragischen Zwischenfalls eine gute Erfahrung. Ich lernte Mr. Viva
als einen sehr umsichtigen Teamleiter und engagierten Interplast-Mann
der ersten Stunde kennen. Es hat mich sehr gefreut in seinem Team
mitarbeiten zu dürfen.
Dr. med. Daniel Hass
Die German-Help-Foundation
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