| 1.10.-15.10.2001
Auf Einladung eines deutsch-griechischen Chirurgen am Kilimanjaro
Christian Medical Center (KCMC) in Moshi/Tansania flogen wir als
6-köpfige Mannschaft am 30.9.01 von Stuttgart über Amsterdam
mit dem KLM-Direktflug nach Kilimanjaro International Airport. Dort
warteten Dr. Perialis und der Kleinbus des Kibosho-Hospitals, zu
dem wir in nächtlicher Fahrt über das vom Flughafen 40
km entfernte Moshi transportiert wurden. Es ging ab Moshi 13 km
den "Berg" hinauf. So nennen alle den Kilimanjaro respektvoll.

Auf 1600 m Höhe sollten wir 2 Wochen lang arbeiten. Das Kiboshohospital
mit seinen 2 Op-Räumen und etwa 160 Betten hatte genügend
Kapazität, um die 45 Patienten, die Dr. Perialis über
einige Monate gesammelt hatte, aufzunehmen und die Ops zu gewährleisten,
was im KCMC nicht möglich gewesen wäre. Das schöne
Gästehaus des "Aktionskreises Ostafrika" nahm uns
auf und seine engagierte Köchin Teddy sollte uns 14 Tage lang
im Wetteifer mit der Kliniksküche verköstigen - Teddy
eindeutig überlegen. An dieser Stelle sei Hans Siemer, dem
Leiter des Aktionskreises und "Mäzen" der medizinischen
Einrichtung der katholischen Kibosho-Schwesternschaft, schon mal
herzlich gedankt.

Am ersten Morgen galt es auszupacken und die Einrichtung der Op-Räume
mit unserem Material zu vervollständigen. Das Intrumentarium
von Dr. Perialis ergänzten wir mit feinen plastischen und kieferchirurgischen
Instrumenten, Akkudermatom, Knochenfräsen, Stirnlicht, und
Dopplersonde. Das anästhesistische Material hatte Dr. Edelgard
Fischer-Dinani aus Aachen teils mitgebracht und teils per Fracht
geschickt. Das verspätete Eintreffen der Luftfracht hat uns
einige Nerven gekostet, aber nach 3 Tagen war alles vollständig
da. Inzwischen galt es zu improvisieren. Kai Sauckel, unser Kiefer-und
Gesichtschirurg und Markus Geng, Op-Pfleger, haben sich als talentierte
Medizintechniker entpuppt. Es ist ihnen gelungen, ein ungenutztes
Dräger-Narkosegerät funktionstüchtig zu machen, d.h.
Anschlussbuchsen für die Sauerstoffflaschen aufzustöbern,
die Absorber dicht zu bekommen und vieles mehr. So konnten Dr. Katharina
Sauckel und die schon erwähnte Dr. Edelgard Fischer-Dinani
wenigsten einen Teil der Kluft zwischen Wirklichkeit und Wunsch
nach einer für unsere Ops angemessenen Narkoseführung
zunehmend überbrücken.

Das Op-Programm war schwerpunktmäßig von LKG-Spalten
und schwersten Verbrennungsnarbenkontrakturen geprägt. Dr.
Perialis hatte einige der Patienten selbst schon operiert und nun
zu weiteren Eingriffen bestellt. Die meisten waren noch nicht voroperiert.
Sie kamen teilweise aus bis zu 600 km Entfernung - in Begleitung
von Mutter, Vater oder Geschwistern.
Dr. Perialis gilt in Tansania faktisch als Plastischer Chirurg.
Nach seiner Facharztausbildung als Chirurg im Markuskrankenhaus
in Frankfurt hat er noch 4 Monate bei Prof. Lemperle gearbeitet,
bevor er 1985 mit seiner 5-köpfigen Familie nach Tansania ausreiste.
Jene 4 Monate, plastische Gastzeiten im Heimataufenthalt und Besuche
von Prof. Lemperle und von Prof. Manktelow aus Kanada, sowie fachliche
Unterstützung aus Nairobi haben eine erstaunliche plastisch
chirurgische Basis geschaffen, in die wir nun unseren Beitrag einbringen
konnten.

45 Patienten konnten wir zusammen mit Dr. Perialis operieren. Die
Kibosho-Mannschaft - Dr. Mtschome, Assistant Medical Officer mit
operativer Erfahrung, Dr. Mrema, Medical Assistant, Anästhesist
und die Op-Schwestern halfen geduldig mit. Ulrike Fischer dokumentierte
alles mit digitalen Bildern und sprang überall ein, wo Assistenz,
Springerdienste oder postop stand by gebraucht wurden. Die Vorbereitungen
liefen um 8 Uhr an und die Arbeit endete zwischen 20 Uhr bis 22
Uhr, auch mal 23 Uhr mit der Programmabsprache für den nächsten
Tag. Der Versuch einer Vermischung unserer Möglichkeiten mit
den einheimischen Resourcen an Material und Mitarbeitern, insbesondere
auch die Anleitung des Anästhesisten (medical Assistant), kosteten
Zeit.

Und zeitaufwendig war natürlich das Operieren selbst. Bei den
teilweise weitgereisten Patienten führten wir oftmals Mehrfacheingriffe
durch, um ihnen funktionell wirklich entscheidend weiterzuhelfen.
So kamen wir auf 64 Eingriffe an 10 Op-Tagen.
Die schwierigsten waren bei Tumorrezidiven in der Wange bis in die
Mundhöhle und Beteiligung der Ohrspeicheldrüse vorzunehmen.
Primäre Intubationshindernisse erforderten eine sorgfältige
Planung. Die sehr häufigen Anämien (Malariafolge) mahnten
zu schonendem Operieren.
Zur Deckung der allschichtigen Wangendefekte setzten wir gestielte
Lappen ein (Bakamjan), die Dr. Perialis inzwischen integriert hat.
Einen von ihm schon begonnenen Unterlippen/Kinnaufbau nach Leopardenbiß
brachten wir weiter voran.
Für die LKG-Spaltpatienten war das gewohnte zeitliche Therapieschema
natürlich nicht anwendbar. Somit mussten mehrfach die Lippen
und Gaumen gleichzeitig geschlossen werden, um den schon älteren
Kindern noch die Chance auf eine gute funktionelle einschließlich
Sprach-Entwicklung zu geben.
Eine echte Herausforderung waren auch die schweren Verbrennungsnarbenkontrakturen,
die eben alle schon artikuläre Kontrakturen und erhebliche
Muskel- und Nervenverkürzungen zur Folge hatten. Umso erfreulicher
waren die sichtbaren Erfolge. Oft signalisierten die Patienten oder
Eltern auch eine nicht unbedingt erwartete gute Einsicht in die
Notwendigkeit und Art der weiteren Übungsbehandlung.
Durch zweimaligen Besuch im KCMC jeweils am Mittwochmorgen in der
Klinikkonferenz konnten wir unseren Einsatz an diese Schwerpunktklinik
anbinden. Das KCMC ist die medizinische Fakultät der Tumaini-Universität
der evangelisch lutherischen Kirche von Tansania. Dr. Perialis ist
einer der 5 chirurgischen Consultants dieser Klinik. Wir waren eingeladen,
über plastisch chirurgische Techniken und über die Behandlung
von LKG-Spalten zu referieren. Der Hörsaal war gefüllt
mit Kollegen, Studenten aus aller afrikanischen Welt, Physiotherapeuten
und Pflegepersonal. Gute Ergebnisbilder lösten fröhliches
Lachen aus.
Die stationäre Wirklichkeit - querschnittsgelähmte Decubituspatientin
seit 5 Jahren hier "zu Hause" (open end), ohne echte Chance,
in ein tragfähiges Familienumfeld zurückzukehren -gab
uns tiefe Einblicke in die ganz bescheidenen Verhältnisse des
Landes. Der engagierte Dermatologe des KCMC, Dr. Grundmann aus Hamburg,
vertraute uns noch einen durch Xeroderma pigmentosum erblindeten
und mit 4 Karzinomen im Licht-exponierten Kopf- und Gesichtsbereich
geplagten Jungen an. Für ihn investierten wir gerne noch weitere
Op-Stunden.
Die warme Freundlichkeit, mit der wir in Kibosho aufgenommen wurden,
besonders auch das Engagement und die Herzlichkeit von Schwester
Henrika, der leitenden Ärztin (Assistant medical officer, eine
tansanische Lösung des Mangels an Ärzten mit Universitätsabschluß)
muß erwähnt werden. Auch in Kibosho gab es wöchentlich
eine klinische Konferenz. Unseren letzten Op-Tag begannen wir in
einem vollen Klassenzimmer mit einem Vortrag über unsere Arbeit
- mit Hilfe des stets mitgeführten Laptops und seines 14"-Bildschirms
konnten wir zeigen, was wir in den für afrikanische Verhältnisse
sicher sehr schönen Ops operiert haben und die Prinzipien von
Spalthaut- und Vollhauttransplantaten näher ausführen.
Ein bisschen Erholung war uns auch vergönnt. Den ersten Sonntag
"erfuhren" wir im neuen Landrover (Aufschrift: Kibosho-Hospitals,
"Diecese of Moshi") die Umgebung des Arusha-Nationalparks
und besuchten die Momellalodge, in der sich der legendäre Hardy
Krüger verewigt hat. Sie liegt in der einmaligen Landschaft
am östlichen Abhang des Mt. Meru. Die schon recht zahmen Giraffen
und der Blick auf den östlich im Dunst gelegenen Kilimanjaro
entlohnten uns für die mühsame holprige Fahrt.
Ein Besuch im Tarangire-Nationalpark, im Geschäftsviertel von
Arusha und bei Dr. Josef Mardai- einem außergewöhnlichen
afrikanischen Kollegen in dieser lebhaften Großstadt, Betreiber
einer Privatklinik, ehemals Studium und chirurgische Facharztausbildung
in Deutschland, Kurzzeitgastarzt im Marienhospital Stuttgart, Erbauer
des Op-Traktes in Kibosho, bis zu seiner Pensionierung leitender
Arzt des Elisabeth-Krankenhauses in Arusha, dem Standort der Interplasteinsätze
von Prof. Widmaier, dem geistigen Vater unseres eigenen Einsatzes
- rundeten unsere Begegnungen mit Tansania ab.
Ohne ernsthafte Pannen am eigenen Leib betraten wir nach 15-stündigem
Aufenthalt in Flugzeugen und -häfen dankbar wieder Stuttgarter
Boden.
Dr. Helmut Fischer
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