Einsatzbericht Chak-e-Wardak 2001
Afghanistaneinsatz in Chak-e-Wardak im Mai/Juni 2001

Wie schon im September 2000 fuhr im Mai 2001 ein Interplastteam nach Chak-e-Wardak in das Krankenhaus, das dort seit über zehn Jahren besteht und von Karla Schefter geleitet wird. In diesen zehn Jahren hat Schwester Karla dieses Krankenhaus zu einem hervorragend funktionierendem Haus ausgebaut, immer wieder erweitert, so daß jetzt dort eine Abteilung sowohl für Männer als auch für Frauen besteht, mit einem gut eingerichteten und ausgerüstetem Operationsraum, einem Labor, Röntgen, Ultraschall,
Immer wieder organisiert und leitet Schwester Karla Ausbildungsveranstaltungen für Hebammen oder für Physiotherapeutinnen, die dann in den Dörfern mithelfen, die medizinische Versorgung zu verbessern.
Für mich bedeuten die Einsätze in Chak immer ein bißchen Heimkommen, gehört doch Chak mit zu meinen ersten Einsatzorten in Afghanistan vor jetzt schon 12 jahren. 1989 mußten wir noch in zwei kleinen Räumen im Elektrizitätswerk arbeiten, das in den dreißiger Jahren von einer deutschen Firma gebaut worden war. Damals lagen unsere stationären Patienten in der Turbinenhalle, bevor wir dann im Sommer 89 anfingen, dieses Krankenhaus zu bauen.

 


Im September 2000 waren wir schon einmal zu einem Einsatz in Chak gewesen, ein kleines Team nur, Frau Dr Fabius-Börner, Frau Dr. Ishida und ich, und obwohl wir über 140 Patienten operierten, mußten wir doch viele auf unser Wiederkommen im nächsten Jahr vertrösten.
Jetzt im Mai war das Team etwas größer. Wieder begleitete mich Frau Dr. Fabius-Börner als Anästhesistin, als Chirurg war diesmal Herr Dr. Schoeneich dabei, dazu Frau Anke Strohmann als OP-Schwester und Herr Schoeneich jr. als Assistent. Nach kurzem Besuch bei Akbar in Jalalabad fuhren wir auf der noch immer völlig zerstörten Straße nach Kabul. Dieser Teil Afghanistans war selbst für Herrn Dr. Schoeneich neu, der ja schon einige Male in Jalalabad war und so den Weg von Peshawar über den Khaiberpaß, die Grenze bei Turkhamund den Weg vorbei an dem riesigen, jetzt verlassenen Flüchtlingslager für mehr als 200.000 Menschen kannte, doch alle waren beeindruckt von der grandiosen Landschaft, aber auch von der Zerstörung, die ein mehr als zwanzig Jahre dauernder Krieg in dem Land angerichtet hatte.
In Kabul erwartete uns Schwester Karla. Damit nicht viele Patienten umsonst von weit her nach Chak kommen mußten, sollten wir diesmal auch in Ghazni Patienten voruntersuchen.

 

 

So trennten wir uns am nächsten Morgen, Herr Dr. Schoeneich fuhr mit seinem Sohn nach Ghazni, wir anderen mit Schwester Karla nach Chak. Obwohl es für die beiden eine zusätzliche Anstrengung bedeutete, erst die vielen Patienten in Ghazni zu untersuchen, dann die Fahrt von sechs Stunden auf schlechten Wegen von Ghazni nach Chak, waren sie doch begeistert und fühlten sich durch die Schönheit des Landes und die Begegnung mit seinen Menschen völlig entschädigt.
Sowohl in Ghazni als auch in Chak erwartete uns eine große Zahl von Patienten, Menschen mit Mißbildungen wie Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten, Fehlbildungen an den Händen, viele mit Verbrennungskontrakturen an Händen und Füßen, und wie immer in Afghanistan viele mit Klumpfüßen und Lähmungen nach Polio oder mit Osteomyelitis. Und jeden Tag kamen neue Patienten dazu. Da jeder Patient wenigstens einen Begleiter hatte, war der Hof vor der Ambulanz oft schwarz von Menschen, die am liebsten alle zur gleichen Zeit in die Ambulanz gekommen wären, um einen Operationstermin zu bekommen. Letztlich konnten wir 180 Patienten operieren.

 

 

Da nur wenige Patienten aus der unmittelbaren Umgebung waren, war schon vom ersten Tag an das Krankenhaus überfüllt, das eigentlich nur für maximal 50 Patienten eingerichtet ist. Jetzt mußten zusammen mit den Angehörigen zeitweise bis zu 500 Menschen untergebracht werden. Alle Nebenräume waren belegt, Feldbetten waren aufgestellt, und als das nicht reichte, wurden auf allen freien Plätzen Zelte aufgebaut. Und für alle mußte die hauseigene Bäckerei und Küche sorgen. Für alle Mitarbeiter des Krankenhauses bedeutete diese Zeit eine erhebliche Mehrarbeit, doch alle waren begeistert bei der Sache, besonders die Mitarbeiter im OP waren wie schon im Jahr zuvor eifrig bei der Sache, obwohl gerade sie ja deutlich mehr arbeiten mußten als gewöhnlich. Oft wurde es Abend, bevor die Arbeit im Op beendet war, und wenn dann der letzte Patient in der Ambulanz versorgt war, konnte es auch schon mal dunkel sein.

Das Krankenhaus in Chak


In dem von Karla Schefter geleiteten Krankenhaus hatten wir keinerlei Beschränkungen durch die Behörden. Die Talibanregierung residierte in unmittelbarer Nachbarschaft, doch gab es keinerlei Probleme. Zwar wollte ein unangenehm eifriges Mitglied der religiösen Polizei das Fotografieren verbieten, doch das war außerhalb des Krankenhauses. Auf dem Krankenhausgelände selbst gab es nie Schwierigkeiten, was sicher nicht zuletzt auf die große Achtung, die Schwester Karla auch bei der Talibanregierung genoß, zurückzuführen war.

Chak ist eine Oase, gut drei Autostunden von Kabul entfernt in südwestlicher Richtung, liegt etwa zweitausend Meter hoch, ist umgeben von kahlen Bergen oder Geröllwüsten. Nur wo Wasser ist, gibt es grüne Flächen. Der Fluß, dem diese Oase zu verdanken ist, führte in diesem Jahr nur wenig Wasser. Und bei einem Ausflug an unserem arbeitsfreien Freitag konnten wir sehen, welches Ausmaß die seit zwei Jahren anhaltende Trockenheit angenommen hatte. Bäche und Flüsse, die ich aus den früheren Jahren nur voll reißendend strömendem Wasser kannte, waren trotz der Schneeschmelze, die eigentlich zu dieser Zeit herrschen sollte, vollständig ausgetrocknet. Es gab keinen Schnee in den Bergen. Schon seit zwei Jahren hatte es weder geregnet noch geschneit. Brunnen waren versiegt, Bäume drohten zu verdorren. Alle machten sich große Sorgen um die nächste Ernte. Auch der Stausee des Kraftwerkes über dem Krankenhaus war leer, im Kanal war nur übelreichender Schlamm.
Noch aber war für unser leibliches Wohl reichlich gesorgt. Und auch beim traditionellen Abschiedsessen mit allen Angestellten des Krankenhauses fehlte es an nichts.

Obwohl wir 180 Operationen durchführten in den zwei Wochen mußten wir auch diesmal wieder viele Menschen vertrösten bis zu einem Wiederkommen im nächsten Jahr, was aber von allen akzeptiert wurde, da sie ja sahen, daß wir wirklich von morgens bis abends arbeiteten. Und groß war der Dank der Operierten, von denen noch ein großer Teil im Krankenhaus war zur Nachbehandlung war, als wir abfuhren. Am letzten Morgen waren alle operierten Kinder mit ihren Eltern zu unserem Frühstücksplatz gekommen, um sich bei uns zu bedanken. Jedes Kind hatte für uns ein kleines Blumensträußchen, dann beteten sie alle zusammen zu Allah, er möge uns segnen und beschützen.
Auf dem Rückweg machten wir Station in Kabul. Nirgendwo im Land sind die Spuren des langen Krieges so zu sehen wie dort.

Die alten Bekannten, bei denen wir dort übernachteten, bericheten nur Bedrückendes von dem Land, von der Hungersnot im Norden, von den Hunderttausenden von Menschen, die vor dem Hunger geflohen waren in Lager, wo sie nicht das Nötigste zum Überleben hatten, von den Massenmorden im Zentrum des Landes an den Hazara, von der zunehmenden Unzufriedenheit der Menschen mit den Regierenden, von Raubüberfällen, von Schikanen für die Ausländer durch die Behörden. Auch Akbar in Jalalabad, der eigentlich immer optimistisch war, sah nur mit Sorgen in die Zukunft.
Und wie immer fiel es mir schwer, fortzugehen aus dem Land. Wie wird die Zukunft aussehen für diese beiden?


Dr.Ortwin Joch

 

 

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