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vom 26.11. - 12.12.01
Der erste Interplasteinsatz im Government-Hospital Bo kam zustande
durch Vermittlung von Frau Miriam Gettinger aus New York, einer
Krankenschwester, die für die "World Rehabilitation Foundation"
Hilfseinsätze vorbereitet und koordiniert. Dem Vorausgegangen
war eine Anfrage von Bill McClure von Interplast US, ob seitens
Interplast Germany Interesse bzw. die Möglichkeit bestände,
einen Einsatz in Sierra Leone durchzuführen. Die formale Vorbereitung
lag in den Händen von Frau Gettinger, die gemeinsam mit uns
nach Sierra Leone reiste. Sie wurde aus New York begleitet von Dr.
Ian Zlotolow, einem Epithetiker vom Memorial Sloan-Kettering Cancer
Center New York sowie einem Neurologen, der in Sierra Leone ein
Projekt "Spinal cord rehabilitation" ins Leben rufen wollte.
Ian Zlotolow hatte zuvor bereits mehrfach Interplastteams aus Amerika
begleitet, seine Funktion bestand dabei darin, Ohr- Nasen-, oder.
anderweitige Epithesen, bzw. Pelotten zum Gaumenverschluß
nicht operativ versorgter Patienten mit Gaumenspalten herzustellen.
Unsere Gruppe traf sich mit den New Yorkern in London und bestand
aus folgenden Mitgliedern:
den Chirurgen: Dr. med. Horst Aschoff (Plast. Chirurgie, Lübeck;
26.11.-5.12.)
Dr. med. Andreas Brunkow (Plast. Chirurgie, Lübeck; 4.12.-12.12.)
PD Dr. Dr. Peter Sieg (Kiefer- u. Gesichtschir.,Lübeck) als
Teamleiter
den Anaesthesisten Dr. med. Jens Hennicke (Nauen)
Katharina Kamm (Lübeck)
und der OP-Schwester Dörte Kletzien (Lübeck).

"mobiles Spielzeug" in
Sierra Leone: Kinder mit einer "Küchenschabe am Strick"
Der Flug incl. Übergepäcktransport bis Freetown und Retour
mit Sierra Leone - Airlines war unbequem, unpünktlich aber
ansonsten komplikationslos. Dieser einmal pro Woche stattfindende
Flug London-Freetown ist derzeit die einzige Direktverbindung nach
Sierra Leone. Entgegen der ursprünglichen Planung von Frau
Gettinger blieben wir nicht in Freetown, sondern fuhren nach kurzen
Höflichkeitsbesuchen bei Gesundheitsminister und Staatspräsident
von Sierra Leone weiter nach Bo ins Landesinnere, der zweitgrößten
Stadt des Landes (Freetown ca. 3 Mio, Bo ca. 35 000 Einw.).
Die Fahrt per Kleinbus nimmt ca. 5 Stunden in Anspruch. Das Bo-Government
Hospital ist mit ca. 350 Betten das größte des Landes
und entspricht dem typischen Bild eines Entwicklungslandkrankenhauses.
Medizinisch geleitet wird es von Dr. Thomas Rogers, einem Chirurgen
aus Sierra Leone, der in Erlangen studiert hat, in Kiel ausgebildet
wurde und exzellent deutsch spricht. Unterkunft fanden wir in einem
nahegelegenen Hotel. Die Kosten für unsere Unterbringung wurden
- dank der vorab durch Miriam Gettinger geknüpften Kontakte
- erfreulicherweise von der Regierung Sierra Leones übernommen.
Die Folgen des offiziell seit ca. 6 Monaten beendeten Bürgerkrieges
werden vielerorts sichtbar. Bedrohliche Situationen für Leib
und Seele haben wir nicht erlebt. UN-Patrouillen sind überall
präsent, Übergriffe von sogenannten "Rebellen"
gäbe es derzeit noch in einzelnen Provinzen des Landes. Uns
sichtbar waren zahlreiche "Camps for displaced persons"
in denen jeweils hunderte Menschen seit bis zu 2 Jahren von Hilfsorganisationen
versorgt werden, die zuvor vertrieben wurden, bzw. deren Dörfer
niedergebrannt wurden. Hintergrund des im wesentlichen von angeblich
"um Freiheit kämpfenden Rebellen" betriebenen Bürgerkrieges
war wohl der Kampf um die zahlreichen Diamantenmienen des Landes,
wobei ganz offensichtlich eine Unterstützung bzw. Steuerung
der Rebellen auch von außerhalb Sierra Leones erfolgte. Für
uns erkennbare Folgen der Gewalt waren junge Menschen mit fehlenden
Armen, Händen, Beinen oder Verstümmelungen im Gesicht.
Von diesen Folgen des Bürgerkrieges abgesehen fanden wir die
Worte des Staatspräsidenten während unserer kurzen Audienz,
dass die Einwohner Sierra Leones "fröhliche zugewandte
Menschen" seien, durchaus bestätigt.
Im Krankenhaus von Bo konnten wir über den gesamten Zeitraum
über einen OP, in dem man auf zwei Tischen arbeiten konnte
incl. Nebenräume verfügen. Strom und Wasser gab es nahezu
regelmäßig, eine apparative Ausstattung (z.B. Narkosegeräte)
gab es nicht.
Nach zu Beginn zögerlichem Zulauf nahm die Anzahl der sich
täglich vorstellenden Patienten bedingt auch durch mehrfach
ausgestrahlte Radiomeldungen täglich zu. Neben dem üblichen
Spektrum von Erkrankungen ( "Spaltpatienten", Verbrennungs-
und Traumafolgen etc.) stellten sich eine große Anzahl von
Patienten mit Weichteilgeschwülsten und Cysten aller Körperregionen
vor. Auffällig war ferner eine große Anzahl von Patienten
mit teils monströsen benignen Parotistumoren. Darüber
hinaus suchte uns eine große Zahl von Patienten mit völlig
anderen Erkrankungen auf - gewiss könnte man Wochen in Bo damit
zubringen, ausschließlich Strumen und Leistenhernien zu therapieren.

Im Government-Hospital Bo: vorn
links Dr. Ian Zlotolow aus New York
Das Personal im Krankenhaus war ausnehmend freundlich, jedoch sehr
unterschiedlich motiviert, an unserer häufig bis in die Abendstunden
dauernden Arbeit teilzuhaben. Insofern ist insbesondere unserer
OP-Schwester Dörte Kletzien ein Kompliment zu machen, daß
sie geduldig, kompetent und häufig nahezu unauffällig
für einen reibungslosen Ablauf im OP sorgte. Das am Ende über
120 Patienten operiert werden konnten, ist auch dem Umstand zu verdanken,
dass die beiden Anaesthesisten Katharina Kamm und Jens Hennicke
sich gut auf die bestehenden Verhältnisse einstellen konnten
(TIVA), bzw. Jens Hennicke umsichtig das notwendige Equipment im
Gepäck hatte.
Von unseren New Yorkern Begleitern hatten wir in Bo lediglich Ian
Zlotolov an unserer Seite. Ihn haben wir alle sehr schätzen
gelernt. Ian hat ca. 20 vorwiegend jüngere Patienten mit Ohrepithesen
versorgt. Vor allem aber hat er einen hochmotivierten Schüler
gefunden, der in den 14 Tagen die Techniken der Modellation und
Herstellung der Ohrmuschelepithesen weitgehend erlernen konnte.
Ian war gern gesehener Gast in unserem OP und immer bereit, als
Assistenz auszuhelfen. Ich hoffe sehr, dass der Kontakt zu ihm nicht
verloren gehen wird.
Direkter Ansprechpartner in Bo wird der Chirurg Dr. Thomas Rogers
bleiben. Er stand uns bei organisatorischen Problemen hilfreich
zur Seite und hat keinen Zweifel an seinem Wunsch gelassen, den
Kontakt zu "Interplast Germany" fortzusetzen. Sowohl der
"medizinische Bedarf" als auch die Verhältnisse im
Krankenhaus Bo sprechen für wiederholte Einsätze an diesem
Ort.
Peter Sieg, Lübeck
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