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vom 30.11. - 16. 12. 2000
Der für mich nunmehr 3. Interplast-Einsatz in Folge nach Vietnam
verlief mit gewohnter Routine und wiederum perfekter Organisation
seitens der vietname-sischen Gastgeber. Neues Ziel in diesem Jahr
war das Zentralkrankenhaus in Hue, welches Dank
der persönlichen Evaluation vor Ort im Sommer 2000 durch den
Kollegen Dr. Phu aus Stuttgart ausgezeichnete Arbeitsbedingungen
für unser 4-köpfiges Team geschaffen hatte.
Das Team selbst bestand aus den beiden bewährten Kollegen
Dr. Jörg Zieron und Dr. Stefan Vogt aus der Klinik für
MKG der Med.
Univ. zu Lübeck, Dr. Du Nguyen Phu aus dem Karl Olga KH in
Stuttgart und mir selbst. Das Zentralkranken-haus in Hue ist ein
1200 -Betten Haus mit fast allen bei uns so auch eingerichteten
medizinischen Fachrichtungen. Wiederum, wie schon meinem Eindruck
in Saigon entsprechend, werden aus meiner Sicht Defizite bei der
materiellen Ausstattung wettgemacht durch ambitionierten Einsatz
des Pflegepersonals und der Ärzte.
Dr. Zieron und Dr. Vogt wurden von Beginn an der eigenständigen
Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie zugeteilt und
arbeiteten in eigenem OP mit den Kollegen der Klink eng zusammen,
vorwiegend wurden LKG's operiert.
Ein gesonerter Bericht hierüber wird von den Kollegen Zieron
und Vogt
erstellt.
Ich selbst hatte das Glück mit 2 außerordentlich aufgeschlossenen
und
zugleich versierten Chirurgen der Abteilung für Unfall- und
Rekonstruktive Chirurgie ein-schließlich der Verbrennungsbehandlung
zusammenarbeiten zu dürfen. Die für mich im Vorfeld rekrutierten
Patienten wurden mir jeden
morgen zur Konsultation vorge-stellt und am Morgen des Op -Tages
auf der kompetent geführten 60 Betten - Station untergebracht.
Eine gemeinsame Visite aller Patienten führte dann zur Indikationsstellung
für weitere Operationen. Es wurden in 10 OpTagen knapp 20 Operationen
durchgeführt, vorwiegend ausgedehnte Lappenplastiken zur Defektdeckung
nach dem Auflösen schwerster Verbrennungskontrakturen im Halsbereich
und an den Extremitäten.
Eine myocutane M. latissimus dorsi Insellappenplastik zum Ersatz
der
verlorengegangenen M. biceps - Funktion nach Läsion von N.
radialis et musculocutaneus nach 3. Gradig offener Humerusfraktur
scheint erfolgreich zu sein, der weiterführende enge Kontakt
mit den vietnamesischen Kollegen per e-mail gibt hierüber in
Wort und Bild eindrucksvoll Auskunft.
Mängel bei der Ausstattung mit Osteosynthesematerial zwingt
die
vietnamesischen Kollegen bei der Versorgung von Frakturen häufig
zu auch von ihnen selbst ungeliebten Kompromissen, eine Handgelenksarthrodese
als 1. Schritt zur Funk-tionsverbesserung des Armes bei Plexusläsion
mußte entsprechend mit einer überdimensionierten Hobbywerker-Bohrmaschine
und dreierlei verschiedenen Schraubentypen durchgeführt werden.
Als gravierende Komplikation hatten wir den Verlust einer ca. 15-jährigen
Patientin mit offensichtlicher chronischer Fasciitis nach Hundebißverletzung
vor 5 Monaten an der li Schulter zu beklagen. Das Mädel befand
sich seit etwa einem Monat in dortiger stationärer Behandlung,
war nach Aussage der vietnamesischen Kollegen bereits 5 Mal nekrektomiert
worde, ohne einen Stillstand des sich ständig vergrößernden
Defektes am li Arm und der li Schulter erzwingen zu können.
Bei der Erstvisite fanden wir einen ca 20 x 15
cm durchmessenden Haut-Unterhautdefekt im Bereich der linken Schulter
mit freiliegendem und teilnekrotischem Acromion sowie mit freiliegendem,
schmierig belegtem M. deltoideus. Unter der Vorstellung den fortschreitenden
Infekt nach nochmaligem Debridement nur durch Deckung desselben
mittels biologisch wertvollem Gewebe beherrschen zu können,
nahmen wir eine ausgedehnte Nekrektomie mit anschließender,
gestielter, myocutaner M. latissimus dorsi Insellappenplastik vor.
Der Eingriff verlief komplikationslos und dauerte 2 Stunden. Am
Ende des Eingriffs war die Patientin nach Gabe von insgesamt 2 Erykonz.
Kreislaufstabil. Der im Herzzentrum in Berlin ausgebildete vietnamesische
Anästhesist war mit dem
Zustand der Patientin zufrieden und verlegte diese zur Überwachung
auf die Aufwachstation.
In der Nacht entwickelte die Patientin das Vollbild einer
disseminierten intravasalen Koagolupathie, welches auch durch Gabe
von Frischblut und FFP nicht zu beherrschen war.
Am Nachmittag des Folgetages verstarb das Mädel trotz intensivster
Bemühungen aller Beteiligten.
Retrospektiv muß selbstkritisch zugegeben werden, daß
nicht genügend Augenmerk auf den erheblich eingeschränkten
präop. AZ der Kranken gerichtet wurde, verursacht durch den
chronischen, infektiösen Prozeß bei ausgedehntem Haut-Unterhautdefekt.
Die für uns gewohnte, im Zweifel eher bremsende Haltung durch
die Anästhesie bei delikater Ausgangslage, war in diesem Fall
so nicht vorhanden, dies mag das Gesamtgeschehen richtungsweisend
beeinflußt haben. Eine Vorwurfshaltung seitens der vietnamesischen
Kollegen hat sich zu keinem Augen-blick erkennen lassen, eher eine
selbstkritische Zerknirschung.
Dennoch blieb die Zusammenarbeit weiter stringent, gekennzeichnet
durch ein eher noch gesteigertes Bemühen, uns den Aufenthalt
so angenehm wie möglich zu gestalten.
Besonders in den großen Städten Vietnams findet sich
eine funktionierende medizinische Versorgung der Bevölkerung,
so daß weder Hue noch Saigon als klassische Ziele einer Interplast
-Mission angesehen werden müssen.
Interplast - Germany fühlt sich dem Motto "Hilfe für
die, die sich selbst
nicht helfen können" verpflichtet. Diesem heheren Grundsatz
haftet aber auch ein kolonialistischer Beigeschmack an, welcher
leicht vergessen macht, daß humanitäre Einsätze
jedweder Art den Protagonisten selbst immer auch einen schillernden
Erfahrungsschatz hinterläßt, dessen Wert kaum hoch genug
eingeschätzt weren kann. Gerade die verläßlichen
Strukturen vor Ort verbunden mit dem überaus angenehmen Temperament
der Gastgeber machen Interplast-Einsätze in Vietnam aus meiner
Sicht effektiv und lohnend. Für 2001 ist deswegen bereits eine
neuerliche Reise nach Hue verbunden mit einem
zusätzlichen Aufenthalt in einem Distriktkrankenhaus im Norden
des Landes nahe Hanoi geplant.
Dr. med. H. Aschoff, CA d. Klinik f. Plastische u. Handchirurgie
Städt. KH Lübeck, Kronsforder Allee 71-73, 23560 Lübeck
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