Bericht des Einsatzes in Vavunyial Sri Lanka 1999

Dieser Einsatz sollte zum Politikum werden, unsere inzwischen fünfte Mission nach Sri Lanka. Aufregend war diesmal nicht ein neues Land oder eine neue Mentalität kennen zu lernen, aufregend waren diesmal die Umstände. Der uns seit sieben Jahren betreuende und ständig in Sri Lanka lebende Ulrich Hühne, der inzwischen an die fünfzehn Interpiast-Missionen im Lande vorbereitet und betreut hat, hatte sich diesmal für uns einen ganz besonderen Einsatzort ausge dacht, nämlich die Stadt Vavunyia im Norden Sri Lankas. Der Ort liegt nördlich der Demarkationslinie, also in jenem Gebiet, welches von den seit vielen Jahren im Bürgerkrieg mit der Regierung liegenden ,,Tamil Tigers" zumindest vorüber gehend kontrolliert wird. Es gibt zwar seit einiger Zeit keine strengen Fronten mehr in Sri Lanka, nachdem die Hauptstadt der ,,Tigers" von Regierungstruppen eingenommen wurde, seitdem wird allerdings ein Guerillakrieg geführt, welcher zu immer wieder neuen, spektakulären Schlagzeilen in den Medien führte. Selbst wenn also unser Einsatzort jenseits der Grenze lag, welche für den Nor malsterblichen, insbesondere den Touristen, zugänglich ist, konnten wir uns doch immerhin in einer relativen Sicherheit wiegen. Zum einen wussten wir, dass die Tigers noch nie ausländische Hilfsgruppen affackiert hatten, zum ande ren konnten wir uns auf die Aussagen unseres Ulrich Hühne verlassen, welcher den Einsatzort als sicherheitstechnisch unbedenklich beschrieben hatte.

 

 

Zum Politikum wurde der Einsatz trotzdem, weil es auch und gerade für die Re gierung wichtig war, zu demonstrieren, dass sie ihre ,,Brüder und Schwestern im Norden" nicht vergessen hat und dass sie auch diesen humanitäre und hier medi zinische Hilfe zukommen lassen will.

Nur so ist zu verstehen, dass wir direkt vom Flughafen in Colombo abgeholt wurden, um zusammen mit dem amtierenden Gesundheitsminister ein Interview

für die herbeigerufene Presse zu geben, wovon sich später herausstellte, dass es eine reine Wahlkampfveranstaltung für den Gesundheitsminister war.

Die Reise in den entlegenen Ort Vavunyia gestaltete sich dann ebenso spannend:

An der Demarkationslinie, die man nur mit einer regierungsamtlichen Genehmi gung überschreiten dürfte, wurden wir von einem Fahrzeug des Internationalen Roten Kreuzes abgeholt, welches uns dann durch 100 km weitgehend unbe wohntes (und daher scheinbar gefährliches) Buschland eskortierte. Bis auf reichlich Straßensperren bekamen wir allerdings von irgendwelchen gefährden- den Aktionen überhaupt nichts mit, genauso wie es in der Stadt selber dann in den nächsten vierzehn Tagen völlig ruhig war. Auch nicht im Entferntesten konnte irgendein Hinweis für unfriedliche Aktionen wahrgenommen werden.

 

Einzelgänger aus den Bergen mit Neurofibromatose

 

Entsprechend dem Wohlstandgefälle, wenn in diesem völlig bescheidenen Rah men dieser Begriff angewendet werden darf, war denn auch die Unterbringung am Einsatzort höchst bescheiden und einfach, wenngleich die uns betreuenden Lions des örtlichen Clubs dieses mit hochherziger Freundlichkeit und pausenlo ser Einsatzbereitschaft versuchten auszugleichen.

Die besonderen Umstände des Einsatzortes mitten im Feindgebiet spiegelten sich dann auch im Klientel wieder, das zu einem erheblichen Teil sich aus Be wohnern der umgebenden Flüchtlingslager rekrutierte. Dieses bedeutete, dass eine eventuelle ambulante Behandlung oder vorzeitige Entlassung wegen feh lender häuslicher Möglichkeiten in den meisten Fällen gar nicht möglich war.

Als dann an einem Morgen sämtliche einbestellten Patienten wegblieben, holte uns dann aber doch die Kriegswirklichkeit wieder ein. Auch ohne in der Nach barschaft einen Schuss gehört zu haben, konnten wir am nächsten Tag in der Zeitung lesen, dass die Regierungstruppen eine benachbarte Stadt

,,freigekämpft" hatte, für die dort lebenden Menschen offenbar ein alltägliches Ereignis.

Dramatische Szenen spielten sich ab, als uns am Tag vor unserer Abreise eine Gruppe von Patienten erreichte, welche über einen siebentägigen See- und Landweg aus Jaffna gekommen war, um dann zu erfahren, dass eine Hilfe unse rerseits nicht mehr möglich war. Die Erkenntnis, eine so gefahrvolle Reise durch Feindesland völlig umsonst absolviert zu haben, ließ auch uns nicht unberührt. Dafür wurden wir am letzten Tag ~vieder in umgekehrter Weise wieder ange rührt vom Geschenk eines kleinen tamilischen Jungen, der in seine Hosentasche griff und die seit Tagen zusammengesparten, inzwischen reichlich verklebten Bonbons als Liebesgabe zum Abschied an uns verteilte.

Trotz aller Beschwerlichkeiten gehen die Einsätze nach Sri Lanka natürlich weiter, inzwischen haben eine ganze Reihe von Interplastlern die Bekanntschaft und Freundschaft mit Ulrich Hühne machen können und sich von seiner perfek ten Organisation überzeugen lassen.

Als nächstes liegt ein Projekt in der Luft, an einem Krankenhaus ein Verbren nungszentrum aufzubauen, an dem möglichst ständig ein deutsches Team, mög lichst mit einem längere Zeit dort bleibenden Seniorchef arbeitet. Dort könnte sich eine echte Ausbildungsstätte für die einheimischen Chirurgen entwickeln, welche bislang keine4elegenheit hatten, die spezielle Behandlung und Nachbe handlung bei Schwerverbrannten zu erlernen. Die bisher gemachten Ansätze für dieses Projekt sind sehr erfolgversprechend, vielleicht können wir in Kürze über weitere Erfolge berichten.


Dr. med. M. Schidelko

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2009

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