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Dieser Einsatz sollte zum Politikum werden, unsere inzwischen fünfte
Mission nach Sri Lanka. Aufregend war diesmal nicht ein neues Land
oder eine neue Mentalität kennen zu lernen, aufregend waren
diesmal die Umstände. Der uns seit sieben Jahren betreuende
und ständig in Sri Lanka lebende Ulrich Hühne, der inzwischen
an die fünfzehn Interpiast-Missionen im Lande vorbereitet und
betreut hat, hatte sich diesmal für uns einen ganz besonderen
Einsatzort ausge dacht, nämlich die Stadt Vavunyia im Norden
Sri Lankas. Der Ort liegt nördlich der Demarkationslinie, also
in jenem Gebiet, welches von den seit vielen Jahren im Bürgerkrieg
mit der Regierung liegenden ,,Tamil Tigers" zumindest vorüber
gehend kontrolliert wird. Es gibt zwar seit einiger Zeit keine strengen
Fronten mehr in Sri Lanka, nachdem die Hauptstadt der ,,Tigers"
von Regierungstruppen eingenommen wurde, seitdem wird allerdings
ein Guerillakrieg geführt, welcher zu immer wieder neuen, spektakulären
Schlagzeilen in den Medien führte. Selbst wenn also unser Einsatzort
jenseits der Grenze lag, welche für den Nor malsterblichen,
insbesondere den Touristen, zugänglich ist, konnten wir uns
doch immerhin in einer relativen Sicherheit wiegen. Zum einen wussten
wir, dass die Tigers noch nie ausländische Hilfsgruppen affackiert
hatten, zum ande ren konnten wir uns auf die Aussagen unseres Ulrich
Hühne verlassen, welcher den Einsatzort als sicherheitstechnisch
unbedenklich beschrieben hatte.

Zum Politikum wurde der Einsatz trotzdem, weil es auch und gerade
für die Re gierung wichtig war, zu demonstrieren, dass sie
ihre ,,Brüder und Schwestern im Norden" nicht vergessen
hat und dass sie auch diesen humanitäre und hier medi zinische
Hilfe zukommen lassen will.
Nur so ist zu verstehen, dass wir direkt vom Flughafen in Colombo
abgeholt wurden, um zusammen mit dem amtierenden Gesundheitsminister
ein Interview
für die herbeigerufene Presse zu geben, wovon sich später
herausstellte, dass es eine reine Wahlkampfveranstaltung für
den Gesundheitsminister war.
Die Reise in den entlegenen Ort Vavunyia gestaltete sich dann ebenso
spannend:
An der Demarkationslinie, die man nur mit einer regierungsamtlichen
Genehmi gung überschreiten dürfte, wurden wir von einem
Fahrzeug des Internationalen Roten Kreuzes abgeholt, welches uns
dann durch 100 km weitgehend unbe wohntes (und daher scheinbar gefährliches)
Buschland eskortierte. Bis auf reichlich Straßensperren bekamen
wir allerdings von irgendwelchen gefährden- den Aktionen überhaupt
nichts mit, genauso wie es in der Stadt selber dann in den nächsten
vierzehn Tagen völlig ruhig war. Auch nicht im Entferntesten
konnte irgendein Hinweis für unfriedliche Aktionen wahrgenommen
werden.

Einzelgänger
aus den Bergen mit Neurofibromatose
Entsprechend dem Wohlstandgefälle, wenn in diesem völlig
bescheidenen Rah men dieser Begriff angewendet werden darf, war
denn auch die Unterbringung am Einsatzort höchst bescheiden
und einfach, wenngleich die uns betreuenden Lions des örtlichen
Clubs dieses mit hochherziger Freundlichkeit und pausenlo ser Einsatzbereitschaft
versuchten auszugleichen.
Die besonderen Umstände des Einsatzortes mitten im Feindgebiet
spiegelten sich dann auch im Klientel wieder, das zu einem erheblichen
Teil sich aus Be wohnern der umgebenden Flüchtlingslager rekrutierte.
Dieses bedeutete, dass eine eventuelle ambulante Behandlung oder
vorzeitige Entlassung wegen feh lender häuslicher Möglichkeiten
in den meisten Fällen gar nicht möglich war.
Als dann an einem Morgen sämtliche einbestellten Patienten
wegblieben, holte uns dann aber doch die Kriegswirklichkeit wieder
ein. Auch ohne in der Nach barschaft einen Schuss gehört zu
haben, konnten wir am nächsten Tag in der Zeitung lesen, dass
die Regierungstruppen eine benachbarte Stadt
,,freigekämpft" hatte, für die dort lebenden Menschen
offenbar ein alltägliches Ereignis.
Dramatische Szenen spielten sich ab, als uns am Tag vor unserer
Abreise eine Gruppe von Patienten erreichte, welche über einen
siebentägigen See- und Landweg aus Jaffna gekommen war, um
dann zu erfahren, dass eine Hilfe unse rerseits nicht mehr möglich
war. Die Erkenntnis, eine so gefahrvolle Reise durch Feindesland
völlig umsonst absolviert zu haben, ließ auch uns nicht
unberührt. Dafür wurden wir am letzten Tag ~vieder in
umgekehrter Weise wieder ange rührt vom Geschenk eines kleinen
tamilischen Jungen, der in seine Hosentasche griff und die seit
Tagen zusammengesparten, inzwischen reichlich verklebten Bonbons
als Liebesgabe zum Abschied an uns verteilte.
Trotz aller Beschwerlichkeiten gehen die Einsätze nach Sri
Lanka natürlich weiter, inzwischen haben eine ganze Reihe von
Interplastlern die Bekanntschaft und Freundschaft mit Ulrich Hühne
machen können und sich von seiner perfek ten Organisation überzeugen
lassen.
Als nächstes liegt ein Projekt in der Luft, an einem Krankenhaus
ein Verbren nungszentrum aufzubauen, an dem möglichst ständig
ein deutsches Team, mög lichst mit einem längere Zeit
dort bleibenden Seniorchef arbeitet. Dort könnte sich eine
echte Ausbildungsstätte für die einheimischen Chirurgen
entwickeln, welche bislang keine4elegenheit hatten, die spezielle
Behandlung und Nachbe handlung bei Schwerverbrannten zu erlernen.
Die bisher gemachten Ansätze für dieses Projekt sind sehr
erfolgversprechend, vielleicht können wir in Kürze über
weitere Erfolge berichten.
Dr. med. M. Schidelko |