Bericht
Interplast-Einsatz vom 9.1.1999 bis 27.1.1999,
Gruppe Dipolog,
Teilnehmer: Renate Bolender (OP-Schwester, Uniklinik Aachen), Maria
Eguia-Schürgers (Anästhesie-Schwester, Uniklinik Aachen),
Edelgard Fischer (Fachärztin f. Anästhesie, Uniklinik
Aachen), Priv.-Doz. Dr. Dr. Siegfried Jänicke (Facharzt f.
Mund-, Kiefer- Gesichtschirurgie/Plast. Operationen, Uniklinik Aachen),
Dr. Carsten Keller (Facharzt f. Mund-, Kiefer- Gesichtschirurgie,
Bochum), Dr. Kai Sauckel (Facharzt f. Mund-, Kiefer- Gesichtschirurgie,
Stuttgart) 26.6.99
Das Team: Vom 9.1.1999 bis 27.1.1999 waren insgesamt 3 Interplast-Teams
auf den Philippinen (Abbildung 1, Gesamtgruppe bei der Ankunft am
10.1.99 in Manila). Das Einsatzland Philippinen geht auf die Initiative
von Dr. Chr. Löhlein (Anästhesist) zurück. Ein Team
hatte als Einsatzort Pangasinan im Norden der Philippinen ausgewählt,
ein weiteres Team als Einsatzort Palawan, Puerto Princesa.
Unser Team Dipolog/Mindanao (Abbildung 2, am 26.1.99, vor dem Abflug
aus Dipolog) Team bestand aus Mitarbeitern oder ehemaligen Mitarbeitern
des Universitätsklinikums Aachen. Der gewählte Einsatzort
Dipolog geht auf die Initiative von Frau Maria Eguia-Schürgers
(Anästhesieschwester) zurück. Sowohl Dr. Löhlein
als auch Sr. Maria verfügen auf Grund verwandtschaftlicher
Kontakte zu den Philippinen über gute Kenntnisse der lokalen
Situation. Gerade die Schwägerinnen von Frau Maria Eguia-Schürgers
(Zahnärztin, Gynäkologin), die in Dipolog leben, vermochten
wegen Ihrer ausgezeichneten Kenntnis der lokalen Infrastruktur und
Verhältnisse viele kleinere Probleme zu lösen.
Der Einsatzort: Dipolog verfügt über den Vorteil eines
eigenen lokalen Flughafens, der mit kleineren Jets angeflogen werden
kann und von Manila in ca. 50 Minuten erreichbar ist. Die Stadt
selber ist ein lokales Provinzzentrum im Nordwesten der Insel und
verfügt über kleinere Industrien. Tourismus existiert
praktisch nicht, jedoch sind etwa 40-70 Autominuten entfernt enklavenartige
Strandhotels erreichbar. Patienteneinzugsgebiet ist das gesamte
Hinterland der großen, berg- und waldreichen Insel. Der Anreiseweg
der meist sehr armen Patienten ist beschwerlich und meist tagelang.
Die Information über unseren Einsatz wurde per Radio bekanntgegeben.
Die Organisation unseres Einsatzes durch die lokalen Verantwortlichen
kann als befriedigend bezeichnet werden. Gerade beim sehr wichtigen
Transport unseres Team von der Unterkunft zum Krankenhaus und zurück
geht rel. wenig Zeit verloren (ca. 30 Min.), was sich positiv auf
die Stimmung und Ausnutzung des Arbeitszeitraumes auswirkt.
Z. t. verunsichernd wirken Informationen, dass trotz angeblicher
Beendigung des Bürgerkrieges mit den moslemischen Moro-Rebellen
des Inselsüdens offenbar weiterhin Unruhen bestehen, die bspw.
dazu geführt haben, dass ein belgischer Arzt von seiner Hilfsorganisation
aus dem Südteil der Insel zurückberufen wurde.
Das Krankenhaus: ist ein öffentliches Haus und dementsprechend
einfach im Aufbau und der Ausstattung. Die hygienischen Verhältnisse
sind z.T. wenig befriedigend jedoch ist eine Instrumentensterilisation
vor Ort in einem Altgerät immerhin möglich. Das Haus verfügt
über 2 OP´s wovon uns freundlicherweise der größere
zur Verfügung gestellt wird. Die Ausstattung ist für die
übrigen Verhältnisse gut – es handelt sich bei OP-Tisch,
Lampe und Klimaanlage um japanische Spenden (Abb. 3). Unser Team
spendet, neben den übrigen Verbrauchsmaterialien wie Antibiotika,
Narkotika etc., ein sog. Pulsoximeter zur unblutigen Überwachung
des Sauerstoffgehaltes des Blutes während oder nach der Operation.
Im krassen Gegensatz zur teilweise sehr einfachen Ausstattung des
Krankenhauses (lokale Privatkliniken sind weitaus besser ausgestattet
führen aber keine Lippen-Kiefer-Gaumenspaltop´s durch)
steht der gute Ausbildungsstandard der Pflegekräfte, deren
Motivation und die rel. straffe Führung durch die leitende
Pflegekraft. Hierdurch wird es möglich praktisch 10 Tage lang
durchschnittlich 12-14 Stunden täglich fast ununterbrochen
zu operieren. Besonderes Lob sollte an dieser Stelle unserer OP-
und Anästhesieschwester gezollt werden, die, da Sie keine Ersatzkraft
haben, praktisch nonstop anwesend sind und sich hierüber während
der gesamten Zeit nicht ein einziges Mal beklagen, ja trotz aller
Anstrengungen (stets ca. 28-30°C, 100% Luftfeuchtigkeit) immer
gut gelaunt sind.
Unsere Patientenstation ist ein einfacher ca. 10x15 m großer,
zum Hof offener Raum, wo die Patienten auf einfachen, matratzenlosen
Holzpritschen z.T. mit ihren Angehörigen liegen, so dass ständig
ca. 20-30 Personen anwesend sind. Die Visiten finden hier nachmittags
statt, die Voruntersuchungen für den folgenden OP-Tag werden
im Büro des leitenden Verwaltungsbeamten der Klinik vorgenommen.
Aufklärung, Dokumentation und Einwilligungserklärung werden
durchaus korrekt durchgeführt.
Die Operationen: Da unser Team aus Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen
besteht, sind die von uns durchgeführten Eingriffe bis auf
wenige Ausnahmen ausschließlich Lippen-, Kiefer-, Gaumenspaltenoperationen.
Insgesamt werden im gesamten Zeitraum ca. 50 Eingriffe durchgeführt.
Zwar mag diese Zahl zunächst rel. niedrig erscheinen jedoch
ist zu berücksichtigen, dass viele Patienten das Säuglings-
bzw. Kindesalter längst überschritten haben, ja z.T. bereits
40 Jahre alt sind und immer noch komplette Lippen-Kiefer-Gaumenspalten
haben („Wolfsrachen„, „Hasenscharte„).
Daher führen wir etwa in der Hälfte der Fälle Komplettverschlüsse
von Lippe, Kiefer und Gaumen durch. Wir beschränken uns hierbei
aber auf die älteren Patienten, da ein derartiger Eingriff
im Kleinkindesalter zum Zurückbleiben des Oberkieferwachstum
führen würde.
Gerade der Gaumenspaltenverschluß wird von anderen ausländischen
Teams (bspw. USA, Australien), die vor uns anwesend waren, meist
nicht durchgeführt. Er ist aber aus funktioneller Sicht für
den Patienten (Sprach-, Nasenatmungs-, Schluckfunktion) überaus
wichtig, technisch allerdings bei den meist sehr breiten Spalten
wesentlich aufwendiger und zeitraubender als die Lippenspaltplastik.
Auf Knochentransplantationen wird wegen der schwierigen hygienischen
Bedingungen verzichtet, in Fehlstellung durchgebrochene Zähne
werden von uns meist extrahiert.
Besonders bedrückend ist für uns das Schicksal des 21/2
jährigen Rene Dalang. Das Kind leidet unter einer extremen
Mikrostomie (Mundenge). Es ist praktisch nur möglich die Kuppe
des kleinen Fingers in den Mund zu führen. Die Ursache der
Erkrankung ist unklar, eine OP aus Narkosegründen vor Ort nicht
möglich. Wir beschließen daher, eine OP (operative Erweiterung
der Mundspalte) in der Uniklinik Aachen zu organisieren. Zwischenzeitlich
konnten durch entsprechende Zeitungsartikel Spendengelder von über
DM 6000,- für den Transport des Kindes und der Angehörigen
eingeworben werden. Cathay Pacific Airlines will einen Transport
zu Sondertarifen ermöglichen. Eine Unterbringung in Aachen
der Angehörigen ist durch die „Ronald McDonald Haus Stiftung„
sichergestellt. Das Universitätsklinikum Aachen hat die Kostenübernahme
für einen stationären Aufenthalt von 3 Wochen zugesagt.
Schwierigkeiten bestehen gegenwärtig in der rel. langwierigen
Prozedur der Passbereitstellung durch die Philipp. Behörden.
Zusammenfassend haben wir den Eindruck gehabt, dass man in Dipolog
mit unserer Tätigkeit ganz außerordentlich zufrieden
war und sehr auf einen weiteren Einsatz hofft, der im Frühjahr
2000 stattfinden könnte. Der Ehemann von Sr. Maria ist gebürtiger
Philippino und klärt die Möglichkeiten gegenwärtig
vor Ort ab bzw. bereitet einen weiteren Einsatz organisatorisch
vor, was selbstverständlich unentgeltlich erfolgt und wozu
er seinen Urlaub aufwendet.
Danksagung: Mein besonderer Dank gilt dem Förderverein`pro
interplast Seligenstadt´ / Frau Huck durch dessen finanzielle
Unterstützung dieser Operationseinsatz erst ermöglicht
wurde.
Ich darf an dieser Stelle meiner Einschätzung Ausdruck geben,
dass man wohl kaum in der Lage sein wird Spendengelder direkter
und effektiver, vor allem unter Ausschaltung verwaltungsbedingter
Veluste, einzusetzen.
In diesem Sinne gilt auch der besondere Dank meinem Team, durch
dessen Motivation und Einsatzbereitschaft harte äußere
Bedingungen kompensiert wurden (Temperaturen stets um 29-30°C,
100% Luftfeuchtigkeit, Stromausfälle, 12 stündige Arbeitstage
incl. Samstag, sehr kurze Eingewöhnungsphase etc.).
Priv.-Doz.Dr.Dr. S. Jänicke
Arzt f. Mund-, Kiefer- u. Gesichtschirurgie
-Plastische Operationen-
Zahn-, Mund-, Kiefer- u. Plast. Gesichtaschirurgie
Universitätsklinkum RWTH Aachen
Bei Rückfragen:
Priv.-Doz.Dr.Dr. S. Jänicke
Nordhoffstrasse 1
52074 Aachen
Tel/Fax 0241-877426
eMail: sjaenicke@post.klinikum.rwth-aachen.de
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