Operationseinsatz Kalkutta 1999.

INTERPLAST- Einsatz in Kalkutta vom 20.11.99 bis 12.12.99

Unser Indien-team bestand aus der bewährten Murnauer Nepal-mannschaft des Vorjahres, Dr. Albert Kovac und Cornelia Kovac als Anästhesist und Anästhesie schwester, Simone Visintin als OP- Schwester und mir selbst. Verstärkt wurden wir diesmal durch Dr. Stefaan Berge', Kieferchirurg aus der Uniklinik Bonn und Dr. Klaus Graf, Anästhesist aus dem Klinikum Saarbrücken.


Leider war es uns im Vorfeld nicht gelungen, KLM zum kostenlosen Transport unseres Übergepäcks von 145 kg zu bewegen. Daher mussten wir dieses Gepäck 2 Tage vor Abflug im Kargoterminal einchecken.
Bei Schnee und Eis begann die Reise in Murnau am Samstag, den 20.1199 um 4:00 morgens, der Flug München-Amsterdam war pünktlich.
Obwohl wir uns vorher nur telefonisch kannten, funktionierte das Treffen mit unseren beiden Teamkollegen, die aus Köln angereist waren ohne Probleme. Der KLM-Flug nach Calcutta über Delhi hatte dann 2 Stunden Verspätung wegen eines Streiks des Bodenpersonals in Scipol.
Gegen 4:30 Ortszeit trafen wir nicht gerade ausgeruht in Calcutta ein und wurden bereits von Frau Deb und dem Medical Director des Shree Jain Hospital erwartet.


Unser Cargogepäck konnten wir natürlich am Sonntagmorgen nicht bekommen. Daher hatten wir die notwendigsten Materialien und Medikamente in unserem Privatgepäck, um die ersten Tage auch ohne die Cargokisten operieren zu können.
In unserem recht komfortablen guesthouse durften wir uns etwa 3 Stunden ausruhen, dann wurden wir zur ,,opening ceremony" abgeholt. Die Fahrt von etwa 40 Min im Minibus des Krankenhauses war ein Abenteuer für sich und sollte es bleiben, zweimal täglich für unseren ganzen Aufenthalt. Unser Fahrer bekam den Spitznamen ,,hell driver".
Die Fahrt führte durch das Zentrum von Kalkutta über die neue Brücke über den Hoogly- river zum Stadtteil Howrah. Auf der Dachterrasse des Shree Jain Hospitals war die Eröffnungszermonie bereits in vollem Gange, und zwar viel aufwendiger als wir erwartet hatten, mit großer Pressepräsenz und vielen Ansprachen von Sponsoren, örtlichen Organisatoren, dem Vorstand des Krankenhauses, dem Bürgermeister, dem deutschen Botschafter und anderen. Wir wurden mit großem Beifall begrüßt und jeder mit einer bunten Kette geschmückt.
Danach ging es an die Arbeit: in den Fluren der Ambulanz warteten bereits dicht ge drängt etwa 150 Patienten auf uns. In den folgenden Stunden wurde alt diese Menschen untersucht und festgelegt, ob eine Operation in Frage kommen würde.


Es waren ein ganze Reihe von Patienten angereist, die vorwiegend kosmetische Probleme korrigiert haben wollten. Diese und eine große Zahl von Menschen mit nur geringen funktionellen Einschränkungen mussten wir enttäuschen, da so viele Patienten mit schweren Behinderungen vorrangig behandelt werden mussten und zwei Wochen einfach zu kurz sind um allen Wünschen gerecht zu werden.

 

Einige Patienten hatten so schwerwiegende angeborene Mißbildungen, daß sie ent weder nicht operabel waren oder zumindest unter den Bedingungen in Kalkutta nicht operiert werden konnten. Es war keine leichte Aufgabe, den Betroffenen dies zu erläutern.
Nach einer kurzen OP-Besichtigung war dieser erste Tag beendet, hell driver brachte uns zum guesthouse, wo wir ein take-away Abendessen vom Chinesen um die Ecke geliefert bekamen.
Die nächsten Tage wurden kompliziert durch das unglaubliche Dickicht indischer Bü rokratie, in diesem Falle der Cargo-Katakomben des Flughafens Kalkutta. Unsere mit gespendeten Materialien, Medikamenten und ausgeliehenen Instrumenten gefüllten Kisten zu bekommen, kostete mich drei Anläufe, viel Geduld und unsere indischen Sponsoren 285 $ lmportsteuer! - ich kann allen teams nur von jeglicher Cargosendung abraten !!
Dazwischen gab es noch einen Streik der Krankenschwestern des Shree Jain Hospital wegen schlechter und um mehrere Monate im Rückstand befindliche Bezahlung. Danach lief alles, abgesehen von den Indien-üblichen Verzögerungen nach Plan.
Das Shree Jain Hospital ist ein Krankenhaus mit 220 Betten und wird von einer wohltätigen Stiftung der Jain-Religion finanziell unterstützt. Ganze Stationen oder OP-Einheiten wurden durch Einzelspenden errichtet. Der Gründer dieser Glaubensrichtung wurde wie Buddha in der Grenzregion zwischen Nepal und Indien etwa 599 vor Chr. geboren. Anders als der Buddhismus hat sich die Jain-Religion außerhalb Indiens nicht verbreiten können, innerhalb Indiens zählt sie jedoch etwa 4 Millionen Anhänger. Grundprinzipien sind Gewaltlosigkeit, Respekt für alles Leben und dem entsprechend eine vegetarische Ernährung.
Das Krankenhaus hat vier recht gut ausgerüstete OP-Räume von denen uns zwei zur Verfügung gestellt wurden. Zwischen den Operationen mußte immer wieder der Aufwachraum kontrolliert werden und das Verschwinden von Instrumenten im Sten raum verhindert werden , so daß insbesondere Conny und Simone auch zwischen den OP's alle Hände voll zu tun hatten.
In den Wechselzeiten zwischen zwei OP's und fast jeden Abend warteten immer wieder Patienten, die z.T. weite Reisen auf sich genommen hatten um unseren Rat einzuholen und möglichst von uns operiert zu werden.
Den am schlimmsten betroffenen konnten wir Hilfe anbieten, andere mussten wir auf evtl. zukünftig stattfindende INTERPLAST-Einsätze vertrösten.
Insgesamt konnten wir an 13 OP-Tagen 87 Patienten operieren, wobei bei vielen Patienten mehrere Eingriffe in einer mehrstündigen Narkose durchgeführt wurden.
Besonders beeindruckend war auf kieferchirurgischer Seite ein junger Mann mit ein gesteiften Kiefergelenken, der sich seit Jahren nur durch eine Zahnlücke per Stroh halm ernähren konnte. Durch Lösen der Vernarbungen und Freimeisseln des Kiefer- gelenkes und Einbringen eines Silikonblocks konnte Dr. Berge' dem Patienten eine Mundöffnung ermöglichen, die durch ständiges Training bis zu unserer Abreise schon mehr als 2 cm Zahnkantenabstand betrug.
Bei den schweren Verbrennungsfolgen war der deutlichste Erfolg für eine Frau zu erkennen die wegen einer narbenbedingten Einsteifung ihrer Kniegelenke in Beuge stellung schon seit 1 1/2 Jahren nicht mehr laufen konnte. Sie machte 6 Tage nach ihrer Operation die ersten erfolgreichen Gehversuche.

Bei einer anderen Frau konnten in einer Narkose die narbenbedingten Bewegungs einschränkungen von Hals, beiden Schultern, eines Ellenbogens und eines Handgelenkes korrigiert werden.

 

 

Von Tag zu Tag kam naturgemäß nach dem ohnehin langen OP-Programm eine immer länger werdende Verbandsvisite hinzu. Daher waren unsere Arbeitstage häufig bis zu zwölf Stunden lang.

Am Sonntag nach der ersten OP-Woche machten unsere Gastgeber mit uns einen Ausflug zum internationalen Ramakrishna - Hauptquartier und zur Tempelanlage der Göttin Kali, beide am Ufer des Hoogly, einem Seitenarm des Ganges gelegen . Ein stimmungsvolles Erlebnis in der Abenddämmerung.
Herr Kankarya, einer der örtlichen Hauptsponsoren dieses Projektes, lud uns zu ei nem Abendessen in seinem Hause ein. Der Jain-Religion entsprechend gab es ein vegetarisches Essen ( vorzüglich ! ) und keinen Alkohol.

 

 


Zum Abschluß des Plastic Surgery Camps wurde wieder eine Feier auf der Dachter rasse des Krankenhauses veranstaltet, an der diesmal alle noch nicht entlassenen Patienten teilnahmen. Wir wurden mit Geschenken und Danksagungen überhäuft. Ein schöner Abschluß von zwei anstrengenden Wochen.
Zu unserer Beruhigung wurde uns versichert, daß unsere Patienten durch die Chir urgen und Plastischen Chirurgen des Shree Jain Hospital bis zu ihrer Heilung kostenlos weiter betreut würden.
Am folgenden Tag folgten wir noch einer Einladung von Schwester Andrea einer deutschen Ordensschwester , die Kinderkrankenstation und das Waisenhaus des Mutter Teresa - Ordens zu besuchen. Wir konnten ihr einige Kisten mit Verbands material, Medikamenten und Kleidungsstücken mitbringen.
Dieser Besuch hat uns alle sehr beeindruckt. In einem sehr sauberen Haus waren zu dieser Zeit 86 Waisenkinder untergebracht. Für alle diese Kinder seien bereits Adop tiveltern gefunden, obwohl manche von ihnen behindert waren. Die behördlichen Formalitäten würden allerdings mehrere Monate in Anspruch nehmen.
Kalkutta ist eine Stadt, die kräftige Eindrücke hinterläßt ihre Größe ist kaum vor stellbar mit offiziell 10,9, inoffiziell 13 Millionen Einwohnern, von denen manche im mens reich und die meisten bettelarm sind. Für uns als erstmalige Besucher dieser Stadt waren das Verkehrschaos, der 24-stündige Lärm, Smog und Gestank nicht ge rade eine entspannende Erfahrung. Die Begegnung mit vielen freundlichen Men schen und die Konfrontation mit dem bitteren Schicksal vieler Einwohner Kalkuttas machte alles zusammen aber zu einem wertvollen Erlebnis.
Wir danken allen, die bei der Vorbereitung dieses Einsatzes mitgewirkt haben und allen, die uns durch Sach- oder Geldspenden unterstützt haben.

 

 

Besonderer Dank gilt Frau Uta Deb, die uns eine erfahrene, ortskundige und fürsorgliche Unterstützung vor und während des Einsatzes war. Frau Waltraud Huck kümmerte sich mit bewährter Energie um die Finanzierung durch Prolnterplast - Spenden. Frau Huck erklärte mir, daß ohne die großzügigen Spende von Frau Elisabeth Wegner aus Kleinostheim dieser Einsatzes nicht möglich gewesen wäre. Ganz herz lichen Dank, liebe Frau Wegner! Sie haben das Schicksal von 87 Menschen verbessert.

Dr. med. Gaby Fromberg

 

 

Interplast
Einsatzberichte 2010

Einsatzberichte 2010



Wir sind stolz auf unsere Beurteilung !

www.charitywatch.de


Wir brauchen Ihre Hilfe !!!

Schon mit 100 Euro können Sie einem
Patienten unserer Einsatzorte vor lebensgefährlichen Verletzungs- und Krankheitsfolgen bzw. sozialen Ausschluß bewahren.

Das Spendenkonto von INTERPLAST-Germany e.V. lautet:

Deutsche Bank Köln
KTO: 2571990
BLZ: 37070024


IBAN :
DE 97 37 07 00 2402 57 19 90 00
BIC: DEUT DE DB KOE

Bitte vergessen sie nicht Ihren Namen und Ihre Adresse auf der Überweisung anzugeben damit wir Ihnen eine Spendenquittung zustellen können.



INTERPLAST-Stiftung

Zur Förderung längerfristiger Projekte Humanitärer Plastischer Chirurgie wurde die INTERPLAST-Stiftung gegründet. Ihre Zustiftungen helfen den Grundstock für eine dauerhafte Hilfe aufzubauen. Alle Informationen finden Sie unter:

www.interplast-germany.info



ESPRAS SHARE soll eine übergeordnete Organisationsstruktur für humanitäre Plastische Chirurgie in Entwicklungsländern bieten, ausgehend von

der Europäischen Vertretung der nationalen Plastischen-Chirurgischen Gesellschaften (ESPRAS). Weitere Informationen finden Sie unter:

www.esprasshare.org


Herausgeber und Copyright ©: Interplast Germany e.V. - Internationale Plastische Chirurgie für Entwicklungsländer

 

Diese Seite wurde realisiert durch: www.sinn7.de