|
im Februar 1999
Teilnehmer: Prof. Dr. Dr. Werner und Gretel Widmaier (Sektion Stuttgart)
Als mein Mann und ich im Februar 1999 in Arusha ankamen, hatten
wir den Eindruck einen Zeitsprung in die Vergangenheit zu machen.
Wir sahen Menschen die bettelten vor Hunger, Kinder ohne Heimat,
Aidskranke um die sich niemand kümmerte, elend schmutzige Krankenhäuser
und viele Drogensüchtige. In Tansania (5.ärmstes Land
der Welt) erreichen 12 % der Kinder das fünfte Lebesjahr nicht,
10 % der Kinder sterben im ersten Lebensjahr. Die Lebenserwartung
beträgt 51 Jahre, sieben Jahre weniger als in Kenia. Auf dem
flachen Land haben etwa 78% der Menschen kein sauberes Trinkwasser.
In den Städten sind es 44 %. Der Kampf gegen die Krankheiten
kann also nicht gewonnen werden.
Vier Jahre belieben wir Arusha fern, weil der zuständige Bischof
Fortunatus Lukanima nicht mit korrekten Mitteln arbeitete. Wir merkten
dies schon 1993 / 94, als sich dann 1995 seine korrupte Vorgehensweise
zuspitzte, hielten wir es für unangebracht in seinem Diözesankrankenhaus
weiter zu operieren. 1998 wurde nun dieser Bischof von Rom abgesetzt,
die Mißstände in der großen Diözese Arusha
schrien zum Himmel. Der Nachfolger, Bischofo Josafath Lebulu bat
uns inständig wieder zu kommen und er lud uns ein, zu seiner
Einführung als Erzbischof von Arusha. Aus diesem Grunde flogen
nur mein Mann und ich ohne med. Team hin, um die Lage vor Ort zu
beurteilen. Das Bischofsfest im Fußballstadion von Arusha
hatte Volksfest-Charakter, es war heiß, laut, feierlich, und
dauerte 5 Stunden. Die Freude der Menschenmenge war groß,
der Staatspräsident von Tansania kam mit dem Kardinal aus Daressalam,
und zusammen mit dem Nuntius und 29 Bischöfen gaben sie dem
Fest die nötige Würde.
Einen Tag später bat uns der neue Bischof Josafath zu einem
langen Gespräch. Er ist 57 Jahre alt, hat ein gewinnendes Wesen,
offen, herzlich, klug und bescheiden. Er erzählte uns einige
Geschichten seines Vorgängers, damit wir verstehen konnten,
warum er mit dem Rücken zur Wand stand. Seine Diözese
sei mit Rauhreif überzogen. Er wolle nach vorne sehen, dazu
brauche er Hilfe umd Vertrauen um Gräben zu überwinden,
Löcher zu stopfen und einen neuen Aufbau zu wagen. Eines seiner
vielen Projekte ist das Elisabeth Krankenhaus in Arusha. Es steht
leer weil der Chefarzt und Schestern entlassen wurden (Stammesprobleme).
Unsere Geräte sind alle noch da. Der Bischof bat meinen Mann,
sogleich mit Operationen zu beginnen, einen Arzt für Narkose
könne er uns besorgen.
Nach kurzem Zögern (weil ohne Team) haben wir mit den Operationen
begonnen, weil auch sogleich viele Patienten auf uns warteten (Die
Buschtrommel wird immer ein Geheimnis bleiben). Mein Mann leistete
Bewundernswertes. Unter demkbar ungünstigen Bedingungen haben
wir 34 Menschen operiert, ohne Hilfe von Schwestern, die wenigen,
die wir vorfanden, samt einem jungen Arzt, Dr. Schibuga, hatten
so gut wie keine Ausbildung. Sie schauten uns neugierig zu, ohne
auch nur eine Hand zu rühren. Wir waren auf uns zwei angewiesen,
eine neue Erfahrung. Zum ersten Mal operierte mein Mann mit einem
Afrikaner als Narkosearzt. Ein liebenswerter Kollege mit besten
Kenntnissen seines Fachs. Er sang und lachte viel bei der Arbeit,
war begierig OPs von Mißbildungen zu sehen und vor lauter
Begeisterung vergaß er ab und an den Atembeutel zu betätigen.
Dafür sprang ich dann ein. Dieser Arzt verlangte jeden Abend
nach getaner Arbeit $ 60.- Er verdient im St. Meru Hospital monaltl.
$ 100.- Er hat eine Frau und drei Kinder. Er sagte uns ganz offen,
diese Tage mit meinem Mann zu arbeiten sei für ihn d i e Chance.
Er führte uns in sein Krankenhaus, dort lagen sechs Kinder
mit schwersten Verbrennungen, die monatelang schon auf eine Behandlung
warteten. Wir nahmen uns der Kinder an, und wunderten uns über
die schlimmen Zustände im staatlichen Krankenhaus.
Gleichzeitig erreichte uns ein verlockendes Angebot aus der Nachbardiözese
Moshi. In einem Krankenhaus direkt am Fuß des Kilimanjaro
in 3000m Höhe gab es einen schönen großen sauberen
OP-Saal bestens eingerichtet. Die Versuchung war groß, wir
sahen uns alles an und waren beeindruckt von der dortigen Chefärztin,
einer afrkanischen Chirurgin, der Ordensfrau Hendrika. Sie wollte
uns gleich dabehalten. Doch wir möchten dem St. Elisabeth Hospital
in Arusha und auch dem neuen Bischof die Treue halten und so gut
wir können beim Wiederaufbau mithelfen.
Unser Freund, Dr. Josef Mardai, der vom ehemaligen Bischof leider
entlassen wurde, weil er dem Stamme der Chagga angehört, hat
inwischen eine Privatpraxis mit Betten aufgebaut. Er versprach mit
uns zusammenzuarbeiten und würde den nächsten Einsatz
im Jahr 2000 vorbereiten.
Unsere Unterkunft war sehr einfach, oft kein Wasser und immer wieder
Stromausfall. Wir fühlten uns den Afrikanern nah mit einer
merkwürdigen Distanz. Die Hautfarbe spielt dabei keine Rolle
, doch wir werden das "Afrikalife" nie ganz verstehen.
Die Riten und Sitten zeigten uns, wie schwer es ist, die Vielschichtigkeit
von Ereignissen richtig einzuordnen, so daß sie auf dem Hinterfrund
einer eigenen Kultur gesehen und verstanden werden können.
Das Leben in Tansania heißt nicht Verbesserung, es dreht sich
ausschließlich um Instandhaltung. Das Wort für "Ersatzteil"
hat dort im Land fast denselben Klang wie anderswo "Kaviar".
Das bei uns diskutierte Thema Schuldenerlaß 2000 bekommt ganz
neue Aktualität. Hoffen wir, daß die richtigen Kriterien
greifen und genügend Instanzen prüfen, damit die erlassenen
Schulden den Projekten für Gesundheit und Bildung zugute kommen.
Wir haben vielen Patienten versprochen wieder zu kommen wenn wir
gesund bleiben. Im Juli 1999 arbeiten wir in Brasilien. Für
Februar 2000 ist ein Einsatz in Arusha gedacht.
Von Herzen sagen wir allen Spendern wieder ein Vergelts Gott, auch
im Namen der Schwestern vom Aidswaisen-Kinderheim in Moshi. Die
Freude dort über unseren Besuch war groß.
Einmal möchten wir die Leonberger Frauen erwähnen, die
sich jahrelang schon viel Mühe machen und mit großer
Phantasie für unsere Arbeit Geld sammeln durch Stricken, Brot
backen, Flohmärkte, Palmsträuße binden und verkaufen
etc...
Die Frauen Heyl, Heine, Sauer, Großmann und Grausam. Der Kolpingfamilie
unserer Gemeinde sei Dank und allen stillen Helfern und Spendern
allüberall.
Text: G. Widmaier
|