Ein fünfter Einsatz in Uttar Pradesh, vom 25.Februar bis 15.März 2014

Freitag, 12. Dezember 2014

Ein fünfter Einsatz in Uttar Pradesh, vom 25.Februar bis 15.März 2014, einem Land im Gangestal , das unaufhörlich wächst…

Das Team :

Alireza Ghassemi , (MKG, Teamleiter ) Aachen
Lloyd Nanhekhan,  (PC) Brüssel
Johanna Sprute, (MKG) Mönchengladbach
Seyed Mohammad Talebzadeh , (MKG) Aachen
Nelson Noroozi , (MKG) Zwickau
Fischer Edelgard , (AN) Aachen
Jochen Elfgen , (AN) Düsseldorf
Peter M. Thamm , (AN) Aachen
Katharina Henkel , (OPT) Zwickau
Mattis Hamuth , (OPT) Aachen
Richard Heling , (AN) Aachen
Cornelis Kleinfeld , (Medizinstudent) Aachen

 

Auf Einladung des Dental Institutes von Aligarh sind wir nun des fünfte Mal nach Uttar Pradesh gekommen, von Delhi auf holpriger Landstrasse mit chaotischen Verkehrsverhältnissen acht Autostunden entfernt, wo uns wie immer ein reichhaltiges und abwechslungsreiches OP-programm erwartete. das uns die Kollegen vor Ort sorgfältig vorbereitet hatten. Wie jedes Mal hat uns unser Schutzengel Mr. Khawer Klein mit all den unzähligen Gepäckkisten zum Flughafen gebracht und wieder heil nach Hause geholt.

Durch sorgfältiges Sortieren und Einordnen von Instrumenten und Sachspenden im Vorfeld hatten wir die Übergepäckkosten diesmal zu unser aller Zufriedenheit gering halten können. Eine große Hilfe waren uns die Inventarlisten vom letzten Einsatz, sodass wir nur noch die fehlenden Medikamente und Equipmentartikel ergänzen mussten. Das Material vor Ort wurde in selbstgefertigten, verschließbaren Alukisten haltbar und trocken aufbewahrt.

Bei vorhergehenden Einsätzen in Aligarh hatten wir besonders darauf geachtet, die indischen Kollegen miteinzubeziehen. Ganz im Sinne von „Teaching“ hatten wir sie im Operationsablauf einzelne Schritte selbständig ausführen lassen. Diesmal aber

bat uns gleich zu Anfang der leitende Chefarzt des Institutes, unsere Strategie nicht auf die Ausbildung der Ärzte auszurichten, sondern ganz auf das Wohl der Patienten. Der Grund dafür war der große Ansturm von Patienten und deren teilweise komplizierte Krankheitsbilder.

Zunehmend beobachteten wir eine gewisse Lethargie bei unseren indischen Freunden. Offenbar wollten sie nicht nur passive Zuschauer sein, die nur fotografieren oder

 

irgendwelche organisatorischen Probleme lösen sollten. Deshalb bekamen sie wieder medizinische Aufgaben zugeteilt: sie assistierten, führten postop. Visiten durch, stellten neu angekommene Patienten vor und legten deren Indikationen mit den Operateuren fest. So entstand erneut ein konstruktiver Workshop, bei dem alle Beteiligten engagiert und zufrieden mitarbeiteten. Das gesamte Team des Dentalinstitutes, vom Elektriker angefangen bis hin zu den Studenten der Zahnmedizin waren ständig bemüht, uns zur Seite zu springen , wo immer es uns an Materialien , Personal oder Logistik fehlte.

In den letzten fünf Jahren hatte sich das Patientenspektrum von grundauf verändert. Einheimische Ärzte operierten jetzt im „Smile Train“ (seit 4 Jahren kommt regelmäßig für 4

Wochen der „Smile Train“ auch nach Aligarh, der von einer Spendenaktion aus den USA und von Indiens Grossunternehmen TATA Airlines finanziell unterstützt wird.) vorwiegend Lippenspalten. Gleichzeitig warteten jedoch viele Kinder und junge Erwachsene mit Gaumenspalten noch sehnsüchtig auf operative Versorgung Daneben kamen immer wieder Kinder mit Gaumenrestlöchern und Fisteln auf uns zu, die sehr arbeitsaufwendiger Revisionen bedurften . Schließlich galt es zu entscheiden, wem man den Vorzug geben sollte. Manchmal wurde uns allerdings diese Entscheidung auch erleichtert. Als zum Beispiel ein Kind 3000 km weit mit seinen Eltern angereist war in der Hoffnung, durch die Operation eine neue Lebensperspektive geschenkt zu bekommen, gab es keinen Streit unter den Wartenden, ein jeder verstand die Extremsituation – das tolerante Verhalten, das sich bei allen ausbreitete, war beispielhaft.

Nachdem wir unser Operationslager sozusagen in einem Lehrkrankenhaus aufgestellt hatten, wurden uns nicht nur die notwendigen Gesichtsrekonstruktionen nach Unfalltraumen vorgestellt. Vielmehr sollten wir auch Tumoren im Mundboden-, Wangen- und Gesichtsbereich behandeln. Infolgedessen konnte unser Teamleiter, der ja das zeitliche Limit bis zur Schließung des Institutes berücksichtigen musste, bei der Aufstellung des OP– Programms der Erwartung der Patienten kaum gerecht werden.

Wissbegierig verfolgten unsere Gastgeber jeden der einzelnen Operationsschritte, hielten sie mit der Videokamera fest und verfielen in lange Diskussionen. Letztendlich hat sich das von allen gewünschte „Teaching“ ganz von selber ergeben. Unser Sorgenkind war der kleine „Michel“. Er hatte ein Unfalltrauma erlitten und war auswärts erfolglos mit einer Stirnlappenplastik voroperiert. Jetzt sollte die mit Unterarmlappen rekonstruierte Nase verfeinert werden.

Leider fehlte uns ein funktionstüchtiges Narkosegerät für den zweiten OP–Tisch. Unser Plastischer Chirurg operierte deshalb hauptsächlich in Lokal- bzw. Regionalanästhesie mit Analgosedierung, und zwar zum Teil Verbrennungsnarben, Kontrakturen im Halsbereich und an Extremitäten, ausgedehnte Tierfellnaevi im Gesicht und Gesichtstumoren z.B. bei Neurofibromatose. An einigen Tagen wurde er in den OP der Plastischen Chirurgie gerufen, um bei einigen Kindern mit größeren Weichteildefekten, die sonst nicht versorgt worden wären, die wiederherstellende Operation in Lappentechnik durchzuführen. Von Anfang an suchten wir bei vorhergehenden Einsätzen mit den Plastikern vor Ort Kontakt aufzunehmen. Dieses Mal ist es uns gelungen, sie von unserem ernsthaften Wunsch zu überzeugen, sich gegenseitig auszutauschen und voneinander zu lernen.

Es wurden insgesammt 5 Patienten durch Transplantation von vaskularisierten mikrochirurgisch reanastomisrten Fernlappen versorgt. Vor die Frage gestellt, ob diese aufwendigen Operationen im Rahmen der Interplasteinsätzte gerechtfertig wären, entschieden wir uns letztendlich dafür. Diese Patienten wären sicherlich durch konventionelle operative Maßnahmen nicht adäquat zu versorgen gewesen, hinzu kommt dass sie mehrfach solche Eingriffe bereits hinter sich hatten. Außerdem, sollte es ein Beitrag sein, den einheimischen Ärzten den Anschluss an den aktuellen Wissensstand in der Technik der Mikrochirurgie und der dazugehörigen Prozeduren zu ermöglichen. Das außerordentliche Interesse und die Dankbarkeit des gesammten Teams des Dentaldepartments von Aligarh haben uns in unserer Entscheidung bestärkt.

Unsere Gastgeber sind vermutlich froh, dass sie wieder ihrer regulären Klinikarbeit, die sich mittlerweise angehäuft hat, nachgehen können. Die Nachsorge unserer gemeinsamen Patienten wurde von ihnen engmaschig mit viel Fleiß und Sorgfalt durchgeführt. Mehrere Rückfragen haben ergeben, dass keine größeren Komplikationen vorkamen. Allen Patienten, die wir zurückließen, hatten wir versprochen, sie das nächste Mal nicht zu vergessen. Wir hoffen, dass wir das Versprechen einlösen werden. Ein großes „Danke“ gilt vor allem unserer lieben Frau Waldtraut Huck und ihren Mitarbeitern von Pro Interplast Seligenstadt, die unseren Einsatz finanziert hat, und uneigennützig, bescheiden im Hintergrund und unaufhörlich mit großer Leidenschaft daran arbeitet, dass diese Welt ein wenig gerechter wird.

 

Microsoft Word - Ein fünster Einsatz  2 2.docx

 

15j Patientin mit großem NZN. Rechts Z. n. Exzision und Defektdeckung mit Unterarmlappen