Bericht Einsatz Murunda/Rwanda 06.-14.09.2014, Interplast-Germany Sektion Vreden

Freitag, 9. Oktober 2015

Teilnehmer:

Dr. Hans-Jürgen Rapp, Anästhesist

Ulrich Keller, Ingenieur, Medizin-Techniker

Thorsten Huhn, Installateur

Dr.Arnulf Lehmköster, Teamleiter

Fahren wir oder fahren wir nicht? Das war bis zuletzt die Frage. Denn die entscheidenden Photos, die uns die Anschlüsse an Decken und Wänden zeigen sollten, um die Installationen von OP-Deckenleuchten, Autoklav etc vornehmen zu können, lagen bis zuletzt nicht vor.

Wir entschlossen uns, dennoch zu fahren. Und es war wirklich gut so! Denn in Kigali angekommen erfuhren wir, dass die Freigabe unserer OP-Einrichtung, die wir von Deutschland aus auf den Weg gebracht hatten, noch nicht erfolgt war. So investierten wir unseren ersten Tag, um an gefühlt 100 Stellen in Kigali Stempel über Stempel – den einen und anderen erst nach intensiver “Ansprache” -einzusammeln. Jedenfalls war der angemietete LKW bei Einbruch der Dunkelheit beladen. Für die 160 km, die letzten 40 auf der gefürchteten “Buckelpiste”, brauchten Fahrer und Beifahrer bis um 03:00 nachts.

Am nächsten Morgen wurde ausgeladen und sicher gelagert – immerhin ein Wert von fast 200.000,- €. Verpackung in Deutschland, Spedition, Luftracht, Transport in Ruanda, Ausladen und Transport vor Ort von Hand – alles hat das Material unbeschadet überstanden.

Unser Team hat am nächsten Morgen mit Spannung das Chirurgie-Gebäude, insbesondere den Raum für den Steri und die OPs besichtigt. Anfängliche Enttäuschung, dass eben noch nicht alles soweit war, dass wir mit der Montage der Einrichtung beginnen konnten, wich rasch der Erkenntnis, dass unser Kommen jetzt absolut notwendig war: ob unsere ruandischen Partner die Sachen aus dem Zoll bekommen hätten? Was wäre gewesen, wenn nicht passende Leitungen und Anschlüsse verlegt worden wären? Denn wenn es in Ruanda eben keine 5-adrigen Stromkabel gibt, werden halt 4-adrige gelegt – nur dass der Steri dann nicht funktioniert hätte. Dass alle Kabel mit Erdung verlegt werden müssen, ist in Ruanda nicht geläufig, für die Sicherheit im OP aber unabdingbar. Dies alles irgendwie doch vorausahnend, trotz anderslautender E-Mails, hatten wir vorsorglich u.a.einige Hundert Meter Kabel mitgenommen, die nun in der Woche gezogen wurden. Überhaupt wurde in der Woche an vielen Gewerken intensiv gearbeitet, z.B. knapp 200 qm Fliesen an einem Tag verlegt. Unsere Techniker, insofern natürlich auch ich, waren heilfroh, zum jetzigen Zeitpunkt hingereist zu sein, hätten doch sonst Wände aufgebrochen werden müssen etc.

So geht nun unser Projekt: Ruander errichten im Lande ein Chirurgie-Gebäude (finanziert aus Deutschland) seiner Vollendung entgegen. Entstanden ist – neben unserem Gästehaus, welches seit 4 Jahren steht – ein Gebäude mit drei Etagen, 150 qm pro Etage, ein mit deutschen Geräten ausgestatteter moderner OP. Dazu kommen soll im Laufe der Zeit die Ausstattung für den zweiten OP und die Verbesserung der Zimmereinrichtung auf den chirurgischen Stationen im Erdgeschoss, während in das zweite Stockwerk die Geburtshilfe kommt.

Operiert haben wir in der Woche mit unseren Ärzten vor Ort drei Notfälle: zwei Patienten mit schwerwiegenden, weil vernachlässigten Infektionen an der Hand und eine Defektdeckung nach Ohrmuschelverlust durch herabstürzendes Blech. Dieser Patient wurde uns aus dem 100 km entfernten, viel größeren Krankenhaus in Ruhengeri zugewiesen, an dem sich z.Zt. ein Pfleger aus Murunda zur Weiterbildung befindet. So soll im Laufe der Jahre Murunda zur Anlaufstelle plastisch -rekonstruktiver Fälle für auch die weitere Umgebung werden.

Dr.Espoir, mit dem wir in Murunda seit drei Jahren zusammenarbeiteten, war wenige Wochen vor unserem Einsatz zum Medizinischen Direktor des deutlich größeren Krankenhauses in Kabgayi berufen worden. Auch dieses Krankenhaus gehört einer Diözese. Einerseits ist´s schade, dass der Chirurg, der nun die Basiseingriffe der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie beherrscht, Murunda verlassen hat. Andererseits kann er seine Kenntnisse sicher gut auch an anderem Ort einbringen. Am letzten Tag vor Rückkehr haben Thorsten und ich Dr. Espoir in Kabgayi besucht, mit ihm eine große Operation zusammen durchgeführt und seinen Bischof besucht, der uns herzlich zu weiterer Zusammenarbeit einlud. Zunächst jedoch wird Dr. Espoir im November mit uns zusammen als Mitglied unseres Interplast-Teams in Murunda operieren und schon einen Teil der Ausbildung seines Kollegen vor Ort, Dr.Jean de Dieu übernehmen. Das genau sind ja unsere Ziele, unsere Kollegen vor Ort immer ein kleineres Stück weiter in die Sebständigkeit zu bringen.

Auf dem Weg nach Kabgayi besuchten wir in Nyundo Bischof Alexis, der seinerseits nun froh ist, dass unser und auch sein – denn er war der ursprüngliche Ideengeber – Murunda-Projekt seiner Vollendung entgegengeht. Er versprach, bei unserem Novembereinsatz ebenfalls nach Murunda zu kommen, um mit allen Beteiligten vor Ort den weiteren Fortgang zu besprechen.

Ulrich und Hans-Jürgen starteten am Samstagmorgen von Ruhengeri aus zur geführten Führung zu den Berggorillas, während Thorsten und ich nach Kabgayi weiterfuhren.

So hat sich im Laufe der Jahre in Ruanda ein Projekt entwickelt, welches gerade in heutiger Zeit vielfach gefordert wird, nämlich im bedürftigen Land selbst Bedingungen zu verbessern: die Qualität der medizinischen Versorgung anzuheben, Ausbildung zu betreiben und damit jungen Menschen eine Perspektive zu geben, Initiative des Landes bzw. seiner Bürger zu unterstützen, indem wir ihnen selbst Planung und Bau eines Krankenhauses, finanziert mit Geld aus einem wohlhabenden Land, anvertrauen, auch die Wirtschaft dieses Landes zu unterstützen, indem wir vieles an Einrichtung auch im Lande selbst kaufen. Wir hatten in diesen Tagen auch ein Gespräch vor Ort mit einem Geschäftsmann aus Kigali, der uns die Edelstahlausrüstung, die aus hygienischen Gründen in einem OP unabdingbar ist, liefern wird.

Letzte Einkäufe in Kigali, der Hauptstadt, über Nacht problemloser Rückflug nach Amsterdam; die Medien voll von Berichten über die vielen nach Europa und insbesondere Deutschland strebenden Flüchtlinge….
Vreden, den 14.09.2015

Arnulf Lehmköster

 

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