Bad Kreuznacher INTERPLAST – Team hilft in Tansania

Donnerstag, 4. Februar 2016

Plastisch-chirurgische Operationen für die Ärmsten in Ndanda
Das auswärtige Amt hatte für die Zeit unseres Einsatzes in Tansania eine Reisewarnung ausgesprochen: Präsidentschaftswahlen standen bevor. Zwei christliche Kandidaten brachten das mehrheitlich muslimische Land in Wallung. Überall Fahnen, bunte Kleidung in Parteifarben und lautstarke Propagandaveranstaltungen mit unzähligen Besuchern bis nachts um drei zeigten eine lebensfrohe, bevölkerungsnahe Demokratie. Wir empfanden dies weniger als Bedrohung, sondern eher als ein Zeichen der Auseinandersetzung mit den vielen tansanischen Gegensätzen, seien sie stammespolitisch, religiös, sprachlich oder sozial bedingt. In so einem aufstrebenden Land ist Hilfe durch Interplast sinnvoll und nachhaltige Arbeit möglich.

Und so hatten die reichhaltigen Spenden, die seit unserem letzten Aufenthalt 2014 in das Benediktinerkrankenhaus in Ndanda, nahe der Grenze zu Mozambique, geflossen waren, das Gesicht der Klinik deutlich verändert: überall wurde gebaut, es gab einen neuen Labortrakt, das Balkengerüst für eine neue Krankenstation wurde gerade aufgestellt und mit den Mitteln aus einer Großspende von „Ein Herz für Kinder“ wurde in unserem Beisein der Operationssaal und eine Intensivstation eingerichtet. Das war eine wirklich „aufbauende“ Kulisse für unsere zweiwöchige Operationstätigkeit!

Für diesen Zweiteinsatz in Ndanda hatte Dr. André Borsche ein hochkarätiges Team aus allen Teilen Deutschlands zusammengestellt:

Für die Anästhesie waren Dr. Edelgard Fischer-Dinani aus Aachen, Prof. Dr. Sabine Jelen-Esselborn aus München und Anästhesiepflegerin Maria Holkenbrink aus Trier dabei. Im Vorfeld hatte Dr. Daniela Kietzmann aus Schweden alles perfekt vorbereitet.

Als Plastischer Chirurg kam Priv. Doz. Dr. Daniel Tillkorn aus Münster, als OP-Schwester Karin Ammenwerth aus Paderborn und als OP-Pfleger Kurt Baudisch aus Ludwigshafen.

Bad Kreuznach stellte drei Mal Borsche: Dr. André als Teamleiter, Marielle, Studentin, als OP-Helferin und Dr. Eva als Allgemeinärztin.

15 Interplast Team - erschöpft aber glücklich

Interplast Team – erschöpft aber glücklich

 

Zusammen führten wir 104 Operationen an 71 Patienten in 2 Wochen durch:

OP-Programm

OP-Programm

Die neue Intensivstation sollte gleich zum Einsatz kommen: Regina, eine 27 Mutter, hatte sich vor 5 Tagen die gesamte linke Körperseite verbrannt. Als sie uns vorgestellt wurde schüttelte ihr Körper schon in septischem Fieber. In einer fünfstündigen Operation musste deshalb leider die linke Hand abgenommen werden, aber Unterarm und Leben der jungen Frau wurde gerettet. Auf den neuen Monitoren und unter großem Einsatz unserer Anästhesistinnen konnten wir mit klopfendem Herzen verfolgen, wie ihr Organismus sich zögernd, doch unermüdlich erholte. Nach drei weiteren Operationen läuft sie jetzt lächelnd am Arm ihrer Freundin unter den Arkaden vor den Krankensälen auf und ab und trainiert tapfer für ihre neue Existenz.

Vier Tage später wurde uns ein fünfjähriger Junge vorgestellt, der nach einer Verbrühung mit großflächigen Wunden auf beiden Oberschenkeln notdürftig verbunden mit heftigen Schmerzen seit drei Wochen im 50 Bettensaal der Kinderstation lag. Unser „Goldherzchen“ erhielt nach zweimaligem operativen Säubern der Wundflächen eine Hauttransplantation, entnommen vom Hinterkopf und Gesäß. So konnten die großen Wunden bedeckt, weitere Schmerzen vermieden und Heilung ermöglicht werden.

Goldherzchen

Goldherzchen

Goldherzchen ist aufgewacht

Goldherzchen ist aufgewacht

Zwei winzige Kinderhändchen waren durch Greifen in heißes Wasser vor 8 Monaten zwar geheilt, doch durch den Narbenzug unerbittlich verkrüppelt, so dass ein Öffnen unmöglich war. Nach Versorgung mit Vollhauttransplantaten und einer Woche Gips können sie nun wieder ihrer kindlich unbändigen Entdeckungsfreude folgend die Welt „begreifen“.

Alonie mit heilender doppelte Lippenspalte heilt

Alonie mit heilender doppelte Lippenspalte heilt

Eine der beglückendsten Operation ist die der kindlichen Lippenspalte, ein unverstellt lachendes Gesicht und das

Die Lippenspalte ist nun verschlossen

Die Lippenspalte ist nun verschlossen

Bewusstsein, dass ab jetzt sich auch Muskeln und Zähne funktionell folgerichtig entwickeln können, ist der schönste Dank. Die Mütter des erst 7 Monaten alten Musharaf und der 4 jährigen Alonie waren überglücklich.

Mehr Sorgen bereiten chronisch Kranke in Afrika: Einem 10 jährigen Mädchen mussten wir wegen eines Tumors den linken Vorfuß entfernen. Glücklicherweise gibt es in Ndanda einen kompetenten Orthopädieschuhmacher. Das Geld aber für ein Paar einfache Schuhe nach Maß hätte die Mutter dieses vertrauensvoll in die Zukunft lächelnden Mädchens nie aufbringen können. Dank an alle Spender, die geholfen haben, dass die kleine Rahma bald wieder unbeschwert laufen kann!

Einem 7jährigen Mädchen, der ein knöcherner Tumor langsam das rechte Auge zerdrückt, bat vergebens um schnelle Hilfe, die unter den dortigen Bedingungen aber nicht durchführbar war. Wir haben ihre Bilder und Unterlagen mit im Reisegepäck nach Deutschland genommen. Vielleicht gibt es hier in eine Fachabteilung, die sich dieser Herausforderung stellen würde?

Salma konnten wir nicht helfen

Salma konnten wir nicht helfen

Juma Douma, 36 Jahre alt, Vater von zwei Kindern, war Minenarbeiter mit einer 60 Stunden- Woche. Er wollte mit seinem Gehalt seiner kleinen Familie eine eigene Lehmhütte ermöglichen. Jetzt liegt er in einer abgedunkelten Ecke im 60 Betten Männerkrankensaal. Vor 5 Monaten hatte bei den ungesicherten Verhältnissen unter Tage ein Felsbrocken seinen 12. Brustwirbel zertrümmert. Im Brustkorb hat er seither chronische Schmerzen und die untere Hälfte seines Körpers ist gelähmt. Sechs Wochen hatte er zuhause gekrümmt auf dem blanken Lehmboden auf einer Bastmatte gelegen, dann waren an dem abgemagertem Körper Hüftknochen, Kreuzbein und beide Fersen aufgelegen. Die Druckgeschwüre bohrten sich täglich tiefer ins Fleisch, der Knochen lag blank. Im Krankenhaus von Ndanda, in das er vor 3 Monaten gebracht wurde, konnte man ihm eine durchgelegene Matratze bieten und ein paar Fetzen Mullbinden, die Fliegen notdürftig abhielten.

Dank unserer Operationen bedecken jetzt zwei Haut-Muskellappen und größere Areale mit Hauttransplantaten die gesäuberten tiefen Geschwürshöhlen und Wundflächen. Anleitung zu Lagerung, Ernährung und Umgang mit Stuhl und Urin wurden gegeben und immer wieder geduldig erklärt. Bis zur vollständigen Heilung in zwei bis drei Wochen darf Juma noch im Krankenhaus bleiben. Doch was dann? Wie lange werden die Transplantate dem Druck seiner Bastmatte zuhause dann standhalten?

Glücklicherweise standen wir mit unseren Fragen und Projekten, die über das Ende unseres Einsatzes hinausgingen dieses Mal nicht so hilflos da, wie letztes Mal, als kein chirurgisch tätiger Arzt für das 300 Bettenkrankenhaus in Ndanda zu finden war. Inzwischen hat die Regierung die Gehälter für Angestellte öffentlicher Krankenhäuser drastisch erhöht, so dass die Zahl der Krankenhausärzte von 3 auf 17 gesteigert werden konnte. Besonders freute uns das Zusammentreffen mit 5 äußerst kompetenten, schwungvollen und engagierten deutschen Kollegen, Mitsiebziger, die für mehrere Monate im Benediktinerkrankenhaus ihre Dienste und ihre Erfahrung aus jahrzehntelanger beruflicher Tätigkeit zur Verfügung stellen. Ihnen konnten wir in tiefstem Vertrauen unsere verbliebenen Sorgenkinder ans Herz legen, in der Gewissheit, dass so auch in den nächsten Wochen das erdenklich Beste für diese Ärmsten der Armen getan wird.

Mit einem gemeinsamen Essen haben wir uns von Allen herzlich verabschiedet, die zum Gelingen unseres Einsatzes beigetragen haben:

vom weitsichtig-weisen, offen-warmherzigen Krankenhausdirektor Charles Laiser und der immer fröhlichen Pflegedienstleiterin Christina,

von dem unermüdlichen für uns tätigen Physiotherapeuten Edgar, der schon eine Patientenliste für einen Einsatz 2016 angelegt hat…,

von allen Schwestern und Pflegern, Wäscherinnen, Köchinnen und Gärtnern, die zwei Wochen lang, täglich, wie sie sagten „fünfmal soviel wie sonst“ gearbeitet haben

und zuletzt von den Benediktinnern in Ndanda, Mtwara und Dar es Salaam, die uns den Aufenthalt und die An- und Abreise im Land trotz 25 Gepäckstücken mit 500 kg Übergepäck, so angenehm wie möglich gestaltet haben.

Ihnen allen sei zugerufen:

„Asante sana!“

(Kisuaheli: großes Dankeschön!!!)
Eva und André Borsche

 

André mit Tochter Marielle

André mit Tochter Marielle

Anästhesie vom Feinsten

Anästhesie vom Feinsten

05 b Konzentriertes Arbeiten im OP

Konzentriertes Arbeiten im OP

Dankbare Eltern auf Station

Dankbare Eltern auf Station

Mahlzeit auf dem Boden

Mahlzeit auf dem Boden

11 Zwei große Hand Ops bei den ganz Kleinen

Zwei große Hand Ops bei den ganz Kleinen

Im Land der Narkoseträume

Im Land der Narkoseträume

Mustali hat alles gut überstanden

Mustali hat alles gut überstanden